Zambia
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Tafika Camp
Kapitel 15

Sunset in Tafika

Da es in Zambia, außer in den größeren Städten, keine Telefonleitungen gibt, ist der Funk die einzige Möglichkeit, sich mit anderen in Verbindung zu setzen. Heute früh versuche ich mit John Coppinger auf diesem Wege Kontakt aufzunehmen. John besitzt und betreibt hier seit 1995 das exklusive Tafika-Camp. Außer den üblichen Safaris und Buschwanderungen bietet er zusätzlich Rundflüge mit Motordrachen an. Bei ausreichendem Wasserstand im Februar und März organisiert er auch Bootsfahrten auf dem mächtigen Luangwa-River. 

Mit großem Rauschen steht nun die Funkverbindung. John ist sehr überrascht und wir haben Glück, daß er uns eine Stunde später mit einem Safarifahrzeug abholen läßt.

Wir fahren nun auf der Naturstraße, die immer wieder von Flußläufen unterbrochen wird, Richtung Nordosten. Mal durchqueren wir lichte Galeriewälder, mal ausgetrocknete Sümpfe und mal fahren wir durch ganz normalen Laubwald. Die Straßendecke wechselt von festgefahrener Lehmpiste über lockeren Sand bis hin zur Grasnarbenfahrspur. Wir sehen einige Tiere. Pukus und Impalas, Büffel und Elefanten, Warzenschweine und Hyänen, Zebras und Wasserböcke und viele Paviane. Nach etwa einer Stunde stehen wir plötzlich mitten in John`s Camp. Auch hier steht der für diese Landschaft typische Leberwurstbaum.

Umgestürzte Bäume und Büsche liegen im Flussbett Es ist Mittag und wir sind überwältigt von der friedlichen Stille, nur vom paradiesischen Gesang zahlreicher Vögel dezent unterbrochen. Dazu das monotone Glucksen des träge dahinströmenden großen Flusses, der hier auch wieder mehr als einhundert Meter breit ist. In den braunen Fluten stecken umgestürzte Bäume, die von der letzten Flut bis hier hin gedrückt wurden. Auch sehen wir die ausgehöhlten, abgebrochenen Steiluferkanten, an denen immer noch das Wasser der letzten Regenzeit zerrt und Stück für Stück Land fortspült.

Die Küche ist auch nicht zu verachten. Nach einem hervorragenden Fünf-Gänge-Menue und tollen Drinks, suchen alle mit vollen Bäuchen ein schattiges Plätzchen zum Ruhen auf. Wie die Löwen.

John ist nicht nur ein ausgezeichneter Wildexperte, sondern hat auch schon viele Wochen auf dem Fluß verbracht, mit dem Kanu befuhr er den Mwaleshi, einen Nebenfluß, und dann weiter den Luangwa hinunter bis zum Zambesi. Er erzählt uns von seinen Erfahrungen und Erlebnissen, die für die Planung und Organisation unserer Floßsafari von Bedeutung sein können. Leider kennt er den Oberlauf des Flusses auch nicht und kann uns nur über den von ihm befahrenen Flußabschnitt berichten. John erzählt von den Angriffen großer Krokodile und zeigt uns Fotos, auf denen ein fast ein Meter großes Loch im Kanu zu sehen ist. Die Flußpferde sind bei genügend Abstand recht friedlich, damit hatte er keine Probleme. Er ist aber der Meinung, daß es am Ober- und Mittellauf nicht viel anders sein wird.

Voraussetzung für eine Floß Safari ist seiner Meinung nach ein vernünftiger Wasserstand, das heißt, kurz nach der Regenzeit, Februar, März, und eventuell noch im April, wenn der Fluß breit genug ist und wir den großen Flußpferdgruppen, die oft über 50 Tiere zählen, mit dem nötigen Abstand ausweichen können, denn die Trockenperiode geht rasch vor sich und läßt den Wasserstand täglich zusehends niedriger werden.

Nach letzten Zählungen leben am Luangwa pro Kilometer achtundvierzig Flußpferde. Unter diesen Voraussetzungen ist es bei Niedrigwasser schwer möglich mit einem Boot oder Floß durchzukommen. Man müßte vor jeder Flußpferdgruppe aus dem Wasser und vorsichtig daran vorbei. Bei dieser großen Zahl von Hippos ein wohl sehr zeitaufwendiges Unternehmen.

Während der Trockenzeit sind noch einige Flutebenen mit Wasser gefüllt Es ist später Nachmittag und ich bereite mich jetzt auf einen halbstündigen Rundflug mit dem Microlight vor, 1/4 Stunde 60 US$. Das dreirädrige, motorisierte Fluggerät setzt sich knatternd auf der holperigen Graspiste in Bewegung und nimmt schnell Fahrt auf. Gemächlich gewinnen wir an Höhe, überqueren den Fluß und steigen weiter. Erst jetzt kann ich die endlose Weite dieser einmaligen Landschaft richtig erleben. Riesige, blaugraue Rauchwolken steigen in der Ferne auf, irgendwo am Horizont brennt die Savanne.
Niedrigwasser im Juni Doch nun zurück zum Luangwa. Die riesigen Mäander, die oft wieder ein paar hundert Meter zurücklaufen, erwecken den Eindruck, als will der Fluß dieses Gebiet gar nicht verlassen. Die ausgedehnten Überschwemmungszonen mit abgestorbenen Bäumen und frischem Grün, sowie die alten Flußläufe, den sogenannten Oxbows, sind ideale Lebensräume für allerlei Wassergetier.
Hochwasser während der Regenzeit Dieses Bild wurde im Februar von Mike Coppinger aufgenommen und zeigt den Fluß bei voller Flut. Der Wasserstand ist bis zu fünf Meter höher als zur Trockenzeit. Riesige Flächen entlang des Flusses werden ebenfalls überflutet und die Lagunen und Seitenarme sind ideale Lebensräume für Flußpferde, Krokodile, und viele Vogelarten.

Von hier oben sehe ich Elefanten, Büffel, Antilopen, sogar Löwen, aber das beeindruckendste sind für mich die Flußpferde. Noch nie habe ich so große Gruppen gesehen, bis zu einhundert Tiere, die sich dichtgedrängt über das noch knietiefe Restwasser des Flußlaufs verteilen.

Auf den Sandbänken dösen zahlreiche Krokodile, die durch das geräuschvolle Näherkommen gestört werden, blitzschnell aufs Wasser klatschen und abtauchen. All das ist wirklich ein unvergeßliches Erlebnis. Ich hätte noch stundenlang weiterfliegen können.

Das Dröhnen des Flugmotors bleibt nicht mehr lange in meinen Ohren, denn ich genieße nun die paradiesische Geräuschkulisse im Tafika-Camp mit einem Sonnenuntergang, wie man ihn nur in Afrika erleben kann. Nach einem ebenso tollen Dinner werden die Erlebnisse des Tages an einem zünftigen Lagerfeuer noch einmal lebendig und Pläne für den nächsten Tag geschmiedet. Noch ein paar leckere Drinks und ich habe die nötige Bettschwere. Gute Nacht.

Der neue Tag bringt wieder Traumwetter mit schon gewohntem paradiesischen Ambiente. Nach dem Frühstück wird noch ein vorletzter Blick auf den Luangwa geworfen.

Leider steht Abschied auf dem Plan, denn die Viktoria-Fälle rufen schon. Doch bevor wir Flatdogs ansteuern, pirschen wir noch einmal durch das Unterholz und beobachten Antilopen. Ein paar Kilometer weiter kreuzt eine riesige Büffelherde unseren Pfad. Eine kleine, halbnasse Elefantenfamilie, die wohl gerade den Fluß durchquert hat, beobachtet uns sehr aufmerksam. Der Bulle steht kaum sichtbar im Schatten unter einem großen Baum. Wir wollen ihn nicht stören und setzen unsere Pirsch mit genügend Abstand fort.

Der Weg führt uns durch trockene Flutebenen vorbei an einer großen Brutkolonie der Nimmersatt-Störche. Bald sind wir wieder am Fluß und beobachten noch Flußpferde und Krokodile. Ein großer Nilwaran sucht züngelnd die Uferzone nach Beute ab. Auf dem weiteren Weg begegnen uns noch Pukus, Impalas, Giraffen, Warzenschweine und jede Menge Paviane. Dann müssen wir wieder durch den schönen Laubwald. Ein Feuer breitet plötzlich eine Qualmwand vor uns aus. Die Flammen reichen bis zur Piste und Derek, unser Fahrer, erzählt uns, daß solche Buschfeuer zu dieser Jahreszeit normal sind. Er beschleunigt den offenen Geländewagen und fährt zügig durch den beißenden Qualm an den meterhohen Flammen vorbei.

Waldbrand am Luangwa In dem offenen Wagen wird es auf einmal ganz schön warm. In dreißig Sekunden haben wir das Buschfeuer hinter uns gelassen und atmen wieder klare, afrikanische Waldluft. Nun haben wir noch etwas Zeit, um ein wenig die trockenen Flutebenen zu durchstreifen bis Derek uns wie verabredet am Flatdogs wieder absetzt. Vielen Dank und auch noch viele Grüße an John.

Mein Reisebegleiter zieht es vor, wieder mit öffentlichen oder privaten Transportmitteln nach Lusaka zu reisen, so daß er sich schon von mir verabschieden muß, denn diese Fahrt kann zwei bis drei Tage dauern.

Da ich für nächsten Montag einen Flug nach Lusaka organisieren konnte, bleiben mir noch drei Tage am Fluß, die ich in aller Ruhe genieße. Während dieser Zeit erkunde ich die Uferzonen mit den angrenzenden Altarmen. Meine Wanderungen bringen mich ebenso wie am Oberlauf durch das hohe Elefantengras, das sich mit vereinzelten Büschen und Bäumen abwechselt.

Die schon sehr trockenen Blätter rascheln im sanften Wind. Oft kreuze ich Elefantenpfade, mit den kugeligen Kotballen, die nicht zu übersehen sind. Jetzt trete ich an die Uferzone eines Altarmes, der schon zu dreiviertel ausgetrocknet ist. In etwa zweihundert Meter Entfernung steht noch Restwasser, in dem sich einige Flußpferde vergnügen. Bald wird auch diese Wasserstelle ausgetrocknet sein und die Hippos müssen sich ein anderes Badezimmer suchen. Aufmerksam bewege ich mich auf die grauen Speckschwarten zu. Sie haben mich noch nicht bemerkt. Bis auf dreißig Meter kann ich mich nähern, dann geben sie mit ihren knarrenden Lauten ihren Unmut bekannt und tauchen ab.

Ein ausgewachsener Flußpferdbulle kann bis zu drei Tonnen auf die Waage bringen. Das einzige Junge wird nach acht Monaten Tragzeit unter Wasser geboren und auch dort gesäugt. Flußpferde sind sehr gesellig und leben daher in Gruppen, die hier am Luangwa oft über fünfzig Tiere umfassen. Da ihre Haut tagsüber durch die Sonne zu sehr austrocknen würde, müssen sich die Kolosse im Wasser aufhalten, in der Nacht gehen sie an Land, wandern zu ihren Freßplätzen und äsen.

Hippomütter mit Babies sind sehr angriffslustig und nicht zu unterschätzen. In den gewaltigen Kiefern stehen riesige Eckzähne, die sich gegenseitig anschärfen. Sogar große Krokodile haben davor Respekt.

Ich setze mich unter einen Baum und beobachte weiter die Umgebung. Der schrille Pfiff eines Schreiseeadlers durchdringt die Stille. Ein paar Kuhreiher und Marabus drehen ihre Runden. Am gegenüberliegenden Ufer wandert eine Pavianhorde entlang und sucht nach Nahrung. Keine fünfzig Meter rechts von mir zieht eine kleine Elefantenherde vorüber. Ich warte ab, bis ich nichts mehr von ihnen höre und sehe, dann mache ich mich auf den Rückweg zu meinem Zelt. Heute heißt es Abschied nehmen vom Luangwa. Das Zelt wird abgebaut und der große Rucksack reisefertig gemacht. Arthur, der Partner von Jake fährt vor und bringt mich für 25 US$ zum Flugplatz. Bald erreichen wir die neu asphaltierte, 25 Kilometer lange Straße, die extra für den Tourismus zwischen Mfuwe Airport und den Luangwa-Nationalparks errichtet wurde.

Wie bei den Busstationen kann auch hier niemand sagen, wann mein Flieger nach Lusaka startet, aber heute noch auf jeden Fall, irgendwann zwischen Mittag und fünf Uhr nachmittags. Zeit genug für einen kleinen Imbiß im typisch afrikanischen Biergarten, neben dem Flughafengebäude. Hier begegne ich einem Dänen mit seiner Gattin, die zwei sind Angehörige der dänischen Botschaft und sollen meine einzigen Mitflieger nach Lusaka sein, wie sich später herausstellt.

Gut gekühlte und frisch gepreßte Fruchtsäfte, die wir genüßlich hinunterschlürfen, sind hier eine Spezialität und erstaunlicher Weise gar nicht teuer. Dazu essen wir warme Samosas, sehr schmackhafte, in Fett gebratene Teigtaschen, mit pikanter Gehacktes-Zwiebel-oder Reis-Gemüse-Füllung. Ebenfalls für die Große-Welt-Atmosphäre recht preiswert.

Mfuwe Airport Gegen halb zwei werden wir doch abgeholt und zum Flieger gebracht. Jemand verstaut gerade das Gepäck, es ist der Pilot persönlich. Als wir in die zweimotorige King-Air steigen, begrüßt er uns mit Handschlag und wünscht uns einen angenehmen Flug. Da der Sitz rechts vorne im Cockpit frei ist, frage ich nach seinem Kopiloten. Er sagt, er habe keinen, darauf antworte ich ihm, wenn er mich dort sitzen lasse, habe er einen. Der Flugkapitän ist einverstanden und so klettere ich zügig auf den freien Platz. Ready  for take off.

Nach dem Abheben verfolge ich mit versunkenen Blicken noch lange den Luangwa , der sich mit seinen gewaltigen Flußschleifen, gesäumt von sanften Hügeln, durch das gleichnamige Tal schlängelt. Das grandiose Panorama aus der Vogelperspektive läßt mich einfach nicht mehr los.

Die achtzig Minuten vergehen im wahrsten Sinne des Wortes wie im Fluge, und so landen wir sicher gegen halb vier nachmittags in Lusaka. Der dänische Botschaftsangehörige bietet mir eine Mitfahrgelegenheit in die Stadt an, die ich nicht abschlage, und so bin ich eine halbe Stunde später wieder in der Hauptstadt von Zambia.

Am vereinbarten Treffpunkt begegne ich meinem Reisegefährten und wir erzählen uns von den Abenteuern der letzten drei Tagen, an denen ja jeder von uns etwas anderes erlebt hat.


 
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