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Am Ende der Zivilisation
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Kapitel 4
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Ein gemütlicher, afrikanischer Morgen begrüßt uns mit all seinem Zauber. Jetzt ohne Hektik und Krach, nur die Stimmen der Natur in der aufgehenden Sonne. Das Lagerfeuer glimmt noch und schnell ist die wärmende Flamme wieder entfacht. Töpfe klappern, Wasser holen und das zerbeulte Gefäß auf das Feuer setzen. Jetzt wird erst einmal Tee gekocht. Wir besitzen noch einen Rest Brot, aber nicht mehr lange, denn wir haben unsere Gastgeber zum Frühstück eingeladen. Es muß sich wohl schon herumgesprochen haben, daß sich zwei Weiße hier im Dorf aufhalten. Ein Begrüßungskomitee gibt sich bei uns die Ehre und wir erhalten jede Menge Einladungen, das wird bestimmt noch richtig interessant. |
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Wann sehen wir endlich den Luangwa? John meint, wir würden ihn ja gleich zu sehen bekommen, aber vorher müßten wir noch zum Chief, dann zum Schulmeister, noch zu seinem Onkel und, und, und. Na, ja, noch haben wir Zeit. So trotten wir mit John und einer Eskorte von kleinen und größeren Kindern über den ausgetretenen Pfad, unsere Pflichtbesuche zu absolvieren. Das Gelände ist flach und vereinzelt stehen Büsche und Bäume. Bis zu drei Meter hohes Elefantengras rahmt die mit Hirse und Mais kultivierten Ackerflächen ein. Zwischendurch stehen hin und wieder Orangen-Papaya- und Mangobäume. Leider ist die Erntezeit für Papayas und Mangos schon vorbei und die leckeren, saftigen Früchte nicht mehr so leicht zu bekommen. Der Chief stellt uns seine komplette Familie vor und besteht darauf, daß ich unbedingt ein Foto schieße. Nach einem langen Palaver wünscht er für unser Vorhaben viel Glück und Erfolg. Es ist üblich, ihm ein kleines Geschenk zu überreichen, in Form von Gegenständen oder Geld. Ein alter Marschkompaß hat in diesem Fall große Freude hervorgerufen. Unter dem Palaverdach, über uns, hängt eine riesige Trommel, die nicht nur in der Vergangenheit zum Einsatz kam. Wie ich in Erfahrung gebracht habe, wird dieser gewaltige Klangkörper auch noch heute für besondere Ereignisse eingesetzt. Zum Beispiel, wenn die erste Flutwelle das Dorf erreicht hat, wenn Feuer, Krankheiten, wilde Tiere oder andere Geschehnisse die Dörfer bedrohen, wenn eine Hochzeit stattfindet oder eine Beerdigung. In der Vergangenheit wurden so auch Überfälle durch feindliche Stämme an das nächste Dorf bekanntgegeben, von dem aus die Nachricht wiederum weitergetrommelt wurde. Bei günstigen Windverhältnissen kann man diese tiefen rhythmischen Klänge bis zu zehn Kilometer weit hören. Der Weg zum großen Fluß führt uns an das aus roten Ziegeln ordentlich gemauerte und mit Wellblech gedeckte, ebenerdige Schulgebäude. Die Fensterscheiben sind zerbrochen, Bänke und Tische gibt es nicht und die Wand des Klassenzimmers ist die Schultafel. Der Schulmeister ist sehr stolz auf seine Schule und bittet mich um einen Eintrag ins Klassenbuch. Dem Wunsch komme ich gerne nach. Jetzt noch schnell beim Onkel vorbei, nein, zuerst zum Fluß und dann zum Onkel. Einverstanden? Gut. Wir laufen noch etwa fünf Minuten durch dichtes, meterhohes Elefantengras, dann öffnet sich der Blick auf den gewaltigen River. Der Luangwa. Seine lehmigen Steilufer und die im sandigen Flußbett liegende Bäume lassen nur erahnen was sich hier während der Regenzeit abspielt. Das gegenüberliegende fünf Meter hohe Steilufer ist gut hundert Meter entfernt. Ein nur etwa zwanzig Meter breiter und mehr knöchel- als knietiefer Wasserlauf schiebt sich träge mit einem Meter pro Sekunde, beladen mit Sedimenten und Pflanzenmaterial, durch eine riesige Kurve. Wo sind die Tiere? Die Krokodile, die Flußpferde, die Fische, usw. In jedem Dorf haben die Anwohner mit dem schnell sinkenden Wasserstand quer über den Fluß Holzpflöcke gesetzt, daran hängen sie ihre Reusen, mit denen sie die restlichen Fische herausholen. Selbst die Lagunen und Altarme trocknen langsam aus. Kein Wasser, keine Fische, keine Krokodile. Die Panzerechsen sind den abfließenden Fluten nach Süden gefolgt, wo das Nahrungsangebot noch ausreicht, beziehungsweise die Umweltbedingungen zum Überleben während der Trockenzeit einigermaßen stimmen. |
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Afrikanische Krokodile können über vier Meter groß werden. Das Weibchen legt bis zu einhundert hartschalige Eier in selbstgegrabene Nester am Flußufer. Nach etwa neunzig Tagen schlüpfen die kleinen Panzerechsen mit Gequake aus. Falls erforderlich, leistet die Mutter sogar Geburtshilfe. |
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Viele Eier fallen Nesträubern zum Opfer, ebenso frisch geschlüpfte Krokodilbabies und Jungkrokodile bis zu einem Meter sind sehr gefährdet. In freier Wildbahn überleben nur etwa zehn Prozent eines Krokodilgeleges. Ein erwachsenes Krokodil hat keine natürlichen Feinde. |
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Wenn es Krokodilen zu heiß wird öffnen sie den Rachen oder lassen sich einfach ins Wasser gleiten um ihre Körpertemperatur runterzuregeln. |
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Der Besuch beim Onkel beschert uns geräucherten Wels mit Ishima, einer gekochten, festen Maismehlmasse. Zum Nachtisch gibt es Orangen. Kurz vor Sonnenuntergang gehen wir noch einmal zum Fluß und nehmen ein Erfrischungsbad, wenn man bei diesem Wasserstand von Baden sprechen kann. Am Äquator wird es schnell dunkel, und so müssen wir uns beeilen, noch bei Tageslicht das Abendessen zuzubereiten. Als wir unsere Instantnahrung anrühren kommen die Einheimischen aus dem Staunen nicht mehr heraus. So etwas haben sie noch nicht gesehen. Nach Fertigstellung der Erbsensuppe lassen wir unsere Gastgeber probieren. An den verzogenen, unglücklich aussehenden Gesichtern läßt sich ablesen, daß wir ihren Geschmack wohl nicht so ganz getroffen haben. Uns aber schmeckt es vorzüglich, dazu genießen wir noch einen traumhaften Sonnenuntergang. Nach der Diskussion am Lagerfeuer mit John und seiner Familie, seinen Freunden und Bekannten, wie es jetzt mit uns weitergehen soll, kommen wir endlich zu einem Ergebnis. Da für eine Floßfahrt der Wasserstand zu niedrig ist, können wir erst einmal unseren tollen Plan , den Luangwa mit einem Wasserfahrzeug zu befahren, vergessen. Es existiert zwar ein Fußweg für das erste Drittel der Strecke, über das man in Tagesetappen von Dorf zu Dorf gelangen kann. Und nur für diesen Streckenabschnitt wären die Schwarzen bereit gewesen, uns zu begleiten. Weiter nach Süden, bis hinunter nach Mfuwe herrscht Wildnis pur, dafür konnten wir keinen Einheimischen gewinnen. Das würde bedeuten, sich noch etwa dreihundert Kilometer ohne Träger durch unberührte Natur zu bewegen. Das kommt aus Zeitgründen nicht mehr in Frage. Was ist mit Autos? Die können wir auch vergessen. Erstens ist der Weg entlang des Flusses nicht befahrbar, und zweitens bekommt man hier gar kein Motorfahrzeug. Da wir nun schon am Luangwa sind, möchten wir auch mehr von ihm sehen. Wir überlegen hin und her. Eine neue Idee wird geboren. Man erzählt uns, daß es ab Kampumbu eine Möglichkeit gäbe mit privaten Autos nach Osten zu kommen und zwar über Myombe, dann mit einem Bus nach Süden durch Malawi und wieder Richtung Westen nach Zambia rein, um dann weiter zum Luangwa zu gelangen. Das hört sich ja nicht schlecht an. Aber wie kommen wir nach Kampumbu? Irgend einer spricht plötzlich von Fahrrädern. Ja, genau! Das ist die Idee, aber wo bekommen wir so schnell ein paar Drahtesel her? John meint, bis morgen drei Fahrräder auftreiben zu können. Wir lassen uns überraschen und legen uns in die Schlafsäcke, denn es wird jetzt kühl. Nachts liegen die Temperaturen zu dieser Jahreszeit oft um 12 Grad Celsius, was den Vorteil hat, daß die Moskitos sich in den tagsüber aufgeheizten Hütten aufhalten. Die habe ich nämlich letzte Nacht schon zu spüren bekommen, deshalb schlafe ich jetzt unter freiem Himmel. Nachdem undurchdringliche Dunkelheit sich um uns herum breit gemacht hat und die Hitze des Tages vorüber ist, beginnt wieder neues Leben in der Savanne. Unzählige Sterne funkeln am tiefschwarzen Himmelsgewölbe und die Nacht ist erfüllt mit rhythmischem Trommeln, fröhlichen Gesängen und fremdartigen Tierstimmen, die vom leichten Wind aus der Ferne zu mir herübergetragen werden. |