Bahnfreunde Rhein-Neckar-Pfalz e.V.

Wir über uns: Die Bahnfreunde in der Presse

Unser Mitglied Holger Blaul, aus der Tageszeitung "Die Rheinpfalz"
Leute im Landkreis: Die Rhein-Haardtbahn und ihr größter Liebhaber

FUSSGÖNHEIM:
Sie hat Holger Blaul seit Beginn seines Lebens begleitet. Er sah sie zum ersten mal von seinem Elternhaus in Fußgönheim aus. So war sie ihm gut vertraut, als er später in die Schule nach Bad Dürkheim fuhr. Seitdem verbindet die beiden eine Beziehung besonderer Art: Man darf ohne Übertreibung von Leidenschaft sprechen. Die Rede ist von der Rhein-Haardtbahn und einem ihrer größten Liebhaber.

Die Zeugnisse für Holger Blauls Passion sind über das ganze Haus verteilt. In Vitrinen werden originalgetreue Modelle aufbewahrt, an den Wänden hängen Fotos von Rhein-Haardtbahnzügen. Das Archiv ist im Dachgeschoss. In einem eigens dafür eingerichteten Raum lagern 20.000 Straßenbahn-Dias, vielleicht auch mehr, allein rund 5000 davon zeigen die Rhein-Haardtbahn. Dazu kommen ungezählte Papierbilder, in Hänge-Heftern nach Fahrzeugen sortiert. Einige Regalmeter Ordner enthalten Kopien von Akten und Plänen, in Briefmarkenalben werden historische Fahrscheine aufbewahrt. Und die umfangreiche Spezialbibliothek präsentiert sich dem Betrachter übersichtlich sortiert in mehreren Bücherregalen. Es bereitet Holger Blaul kein Problem, sich in der Fülle des Materials zurecht zu finden. Alles ist systematisch geordnet und exakt bezeichnet. So mancher Archivar würde blass vor Neid angesichts der genau beschrifteten Diakästen, Ordner und Mappen.

In einem Kellerraum hat Holger Blaul begonnen, den Führerstand eines Straßenbahnwagens von 1956 aufzubauen. Dort wo man im Original in den Fahrgastraum ging, betritt man jetzt ein Lager mit technischen Kleinteilen wie alten Schrauben und Muttern. "Ich bin ein leidenschaftlicher Schrauber", sagte der gelernte Fernmeldehandwerker. "Wenn ich alte Teile reparieren will, brauche ich Zoll-Schrauben." Was er damit meint, wird klar, wenn man ihm in die Halle im Hof folgt. Dort findet sich auf nur etwa 20 Quadratmetern ein Kleinod der Technik- und Verkehrsgeschichte. Ein alter Straßenbahnführerstand samt manuell zu bedienender Signalglocke und einem Streckentelefon aus der Anfangszeit der Rhein-Haardtbahn lassen Erinnerungen an vergangene Zeiten wach werden. An der Wand hängen Stromabnehmer und Gleisstücke, die den Wandel der Technik dokumentieren. Unter der Decke ist ein Stück Oberleitung montiert. In jedem der liebevoll gepflegten Stücke ist Holger Blauls Lust am Reparieren und Instandsetzen spürbar.

Seine besondere Leidenschaft gilt alten Fahrschaltern. Acht Stück hat er davon. Das sei nichts Besonderes, denkt man, weil einen das Wort an Lichtschalter erinnert. Es handelt sich jedoch um jene Bauteile, die den Strom von der Oberleitung auf den Motor der Straßenbahn brachten. Respekt vor der gering scheinenden Anzahl bekommt man, wenn man eins der Ungetüme vor sich sieht. Das Prachtstück wiegt immerhin 850 Kilogramm. Den zuletzt Erworbenen hat Holger Blaul 1997 selbst aus Cottbus geholt. Es handelt sich um einen Typ, der im gesamten Ostblock zum Einsatz kam. Die Frage, ob es noch eine größere private Fahrschalter-Sammlung gibt, verneint Holger Blaul lächelnd und fügt hinzu: "Wahrscheinlich auch in keinem Museum."

Wie kommt Holger Blaul an all die Sachen? Seit seiner Jugend ist er bei den Bahnunternehmen der Region kein Unbekannter. Er war immer zur Stelle, wenn etwas ausgemustert oder verschrottet werden sollte. Mit Unterstützung seiner Eltern holte er nach Hause, was ihm interessant erschien. Die beachtliche Sammlung verdankt der 34-jährige auch älteren Bahnfreunden, die dem engagierten Nachwuchssammler Material überließen.
Wie so viele Bahnfreunde zieht das Interesse an Bahnen Holger Blaul auch in ferne Länder. 1993 reiste er drei Wochen durch die USA und Mexico. "Wir haben fast jede Stadt gesehen, die eine Straßenbahn hat", erinnert er sich. Im englischen Blackpool haben ihn die bezaubernd illuminierten Bahnen fasziniert, die abends die Strandpromenade auf- und abfahren. Eine Reise besonderer Art trat Blaul 1996 nach Rumänien an. Dort traf er nämlich einen alten Bekannten. Ein Jahr zuvor hatte die Rhein-Haardtbahn einen älteren Zug nach Arad verkauft. Nun konnte der Besucher aus der Heimat den "1014" zwar im alten Kleid, aber in neuer Umgebung betrachten; denn die Stirnseite zierte nach wie vor das Rhein-Haardtbahn-Emblem und auf der Seite war die bekannte deutsche Spirituosenwerbung immer noch lesbar. Vor den mit Wein bewachsenen Hügeln konnte man glauben, man fahre durch die Pfalz, erzählt Blaul. Den neuen Eigentümern war der Bahnfreund aus der Pfalz ein gern gesehener Gast. Auf freier Strecke durfte er "seine" Rhein-Haardtbahn dann auch einmal fahren.
Bei der Frage, was seine Frau von der zeitaufwändigen Leidenschaft hält, schmunzelt Holger Blaul. "Sie hat es vorher gewusst" sagt er. Bei Reisen sei sie dabei und das Verständnis habe sie schon in die Beziehung mitgebracht. Holger Blauls Frau ist nämlich die Tochter des Leiters des inzwischen leider aufgelösten Rhein-Neckar-Eisenbahnmuseums in Viernheim. Auf einer Bahnfreundereise lernten sich die beiden kennen.

Von unserem Mitarbeiter: Josef Kaiser
Quelle: RON - RHEINPFALZ ONLINE, Mittwoch, 2. Feb 2000
 
 


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Seite erstellt von R. Dißinger
zuletzt geändert am 22.12.2007