Woher kommt der Name "Thüringen"?
Folgende Legende ist überliefert:
Vor etwa 2000 Jahren bereiste der römische Geschichtsschreiber
Tacitus germanisches Gebiet. Dabei kam er auch zu den Hermunduren und
Angeln, den Ahnen der Thüringer.
Diese Menschen verehrten damals den Donnergott Thor. Tacitus nannte
die Söhne Thors und das Land, in dem sie lebten, Thoringia.
Geschichte des Landes Thüringen
Gegen Ende des 4. Jahrhunderts nach Christi entstand aus elb- und westgermanischen
Stämmen (Hermunduren, Angeln und Warnen) der Stammesverband der Thüringer.
Er gründete das Königreich Toringi (um 400 erstmals erwähnt), dem
das heutige Bundesland seinen Namen verdankt. Seine größte Ausdehnung -von der
Altmark bis zu Main und Donau- erreichte dieses Königreich um 500 unter Bisinius.
Bereits 531 jedoch wurde in der Schlacht an der Unstrut von den Sachsen und den Franken
unter Führung des Merowingers Theoderich erobert und aufgeteilt. Der nördliche
Teil kam unter sächsische, der größere südliche unter fränkische
Herrschaft. Weit über ein Jahrtausendlang (genau bis zum 1. Mai 1920) gab es daraufhin
kein Thüringen mehr - nur der Name hat sich über die Jahrhunderte erhalten. Fast
1.400 Jahre hindurch blieb das einstige Reich zersplittert. Und die Zersplitterung erreichte
hier ein solches Ausmaß, daß diese Region später zum Inbegriff deutscher
Kleinstaaterei wurde und bis zum heutigen Tage davon geprägt ist.
Die Chritianisierung wurde vor allem von dem Benediktinermönch Bonifatius vorangetrieben,
der 742 in Erfurt ein Bistum errichtete. Zu Beginn des 10.Jahrhunderts ging die Vormachtstellung
in Thüringen an die sächsischen Ludolfinger über, deren Herzog Heinrich 919 zum
deutschen König gewählt wurde. Um die häufigen Überfälle der Ungarn
abzuwehren, ließ Heinrich I. an der Saale ein Reihe von Burgen sowie in Erfurt, Tilleda, Wallhausen und Allstedt Pfalzen errichten. 933 wurden die Ungarn endgültig vertrieben.
Nach dem Tod von Heinrichs Urenkel Otto III. löste sich der Verbund Sachsen und
Thüringen auf. Einflußreiche Adelsgeschlechter übernahmen das Regiment -zunächst die Grafen von Weimar, dann die aus Franken stammenden Ludowinger, 1130 von
Kaiser Lothar zu Landgrafen erhoben. Die Staufer vergrößerten im 12. und 13. Jahrhundert die Reichsterritorien in Nordthüringen, im Vogtland und im Saaletal. Den später sagenumwobenen Kyffhäuser befestigten sie mit einer gewaltigen Burganlage.
1247 starb Heinrich Raspe, der letzte Ludowinger. Sein hessischer Besitz fiel nach einem Kriege
gegen die sächsischen Wettiner an Sophie von Brabant, die Tochter der heiligen Elisabeth, und deren Sohn Heinrich das Kind. Herren von Thüringen wurden die Wettiner, die sich
100 Jahre später im sogenanntem Grafenkrieg gegen den aufbegehrenden heimischen Adel
behaupten konnten.
Einer der mächtigsten Staaten des Heiligen Römischen Reiches, das Kurfürstentum Sachsen, das u.a. das einstige Reich Toringi umfaßte und sich
zwischen Bayern, Brandenburg und Böhmen erstreckte, zerfiel bei der Wettinischen Teilung
von 1485 und wurde zwischen den beiden Söhnen des verstorbenen Kurfürsten aufgeteilt.
Albert, der Jüngere, erhielt den Kern des heutigen Landes Sachsen mit Teilen des nördlichen Thüringen und begründete die Linie der Albertiner. Sein Bruder Ernst
erhielt das mittlere und südliche Gebiet des heutigen Thüringen sowie Teile des
heutigen Sachsen-Anhalt und wurde zum Stammvater der Ernestiner. Im Schmalkaldischen Krieg stellte sich der Ernestiner Johann Friedrich an der Spitze der protestantischen Fürsten gegen Karl V. und nach seiner Niederlage im Jahre 1547 mußte er daher die Kurwürde
und große Landesteile an den kaisertreuen Albertiner Moritz von Sachsen abtreten.
Im letzten Drittel des 16.Jh. setzte sich die Zerplitterung weiter fort durch die Erbteilung
der Ernestiner 1572 in die Herzogtümer Sachsen-Coburg, Sachsen-Eisenach und Sachsen-Weimar.
Zusätzlich komplizierte sich die politische Geographie Thüringens durch eine Reihe
von kleinen Fürstentümern, die neben den sächsischen Herzogtümern bestanden: z.B. das der Schwarzburger, das sich 1599 in Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen teilte, das der Henneberger, deren Besitz an verschiedene sächsische Fürsten und an Hessen aufgeteilt wurde, und das Fürstentum Reuß, das sich ebenfalls aufspaltete. Und schließßlich gab es noch eine Reihe von katholischen
Besitztümern im Stammland der Reformation,wie beispielsweise Stadt und Land Erfurt, das dem
Erzbischhof von Mainz gehörte und nach dem Wiener Kongreß sogar zur preußichen
Exklave wurde. So war die Landkarte des heutigen Thüringen bis ins 20.Jahrhundert ein
buntscheckiger Flickenteppich, der sich aus einem runden Hundert verschiedener Farbflecke
zusammensetzte.
Doch hatte diese Zerplitterung auch ihre guten Seiten. Denn da die thüringischen
Zwergstaaten zu klein waren, um sich Ansehen und Feldzüge leisten zu können, suchten sie ihre Erfolge auf dem Gebiet der Kultur. Während andere Staaten ihre Steuereinkünfte für den Krieg aufwendeten, fördeten die thüringischen Kleinfürsten, die zum Teil recht aufgeklärte und liberale Leute waren , die Künste, holten Dichter und Musiker an ihre Höfe, gründeten Theater und sammelten Bilder. Ihre Höfe wurden wurden zu Kristallisationspunkten deutscher Kultur. Weimar wurde durch Goethe, Schiller und Herder und andere zum Zentrum der Literatur; in Meinungen entstand das berühmteste Theater der damaligen Zeit, und Musiker wie Richard Wagner, Franz Liszt, Max Reger und Richard Stauß haben hier gewirkt; die Universität Jena, die als Ersatz für die nach der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg verlorene Wittenberger Universität gegründet worden war, entwickelte sich zur intellektuellen Hochburg fortschrittlichen Denkens in Deutschland, und die Herzöge von Sachsen-Gotha trugen eine bedeutensten Gemäldesammlungen und eine Bibliothek mit 500.000 Bänden und Tausenden von Handschriften zusammen.
Mit dem Reichsdeputationshauptschluß von 1813 änderten sich die politischen Verhältnisse in Thüringen. Die Preußen gewannen die Oberhand, mußten ihr Einfluußgebiet allerdings schon wenig später - nach ihrer Niederlage gegen die
Franzosen bei Jena und Auerstedt - vorübergehend an das westfälische Königreich unter Napolions Bruder Jerome abtreten. Die Befreiunggskriege von 1813/14 beendeten die
Franzosenzeit.
Preußen erlangte seine Besitzungen in Thüringen zurück und zusätzlich
bis dahin zu Sachsen gehörende Gebiete, die der sächsische König auf dem
Wiener Kongreß abtreten mußte.
Das 19. Jahrhundert stand im Zeichen einer raschen Industrialisierung. Die optischen Geräte der Jenaer Zeisswerke errangen Weltgeltung. Auch Tuche aus Gera, wo 1892 11.000 Menschen in der
Textilindustrie arbeiteten, Uhren aus Ruhla, Waffen aus Suhl und Spielzeug aus Sonneberg
gingen in den Export. In Mittelthüringen wurden Maschinenfabriken gebaut, im Osten des Landes entstand eine beachtliche Papierindustrie. Im Westen baute man Kali ab, während
der unrentabel gewordene Erzbergbau im Thüringerwald eingestellt wurde.
Die thüringischen Fürstentümer wurden im November 1918 Freistaaten und vereinigten sich am 1. Mai 1920, ein Jahr nach Gründung der Weimarer Republik, zum Freistaat Thüringen mit der Hauptstadt Weimar. Nur Erfurt gehörte noch nicht dazu, da die Preußen ihre Exklave nicht aufgeben wollten, und Coburg stimmte für den Anschluß an Bayern.
Quelle: Gerhard Köbler, Historisches Lexikon der deutschen Länder:
die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München, 1992
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