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Sokrates hat kein literarisches Werk hinterlassen. Hätten seine Schüler Platon und
Xenophon nicht über seine Lehre und sein Leben berichtet, so besäßen wir vielleicht nur
ein paar Zitate von ihm.
Sokrates hatte die Gewohnheit, auf die Straße zu gehen oder in die Werkstätten und Paläste
und dort irgendjemanden in ein philosophisches Gespräch zu verwickeln, indem er sich selbst
unwissend stellte. In geschickten, mit Ironie gewürzten Dialogen arbeitete er dann den
Wahrheitsgehalt eines Begriffes wie des "Guten", des "Rechten" heraus. Seine Mutter
Phänarete war Hebamme gewesen; nach ihr nannte er seine Kunst, die Wahrheit aus den
Menschen herauszuholen, "Hebammenkunst". Er kämpfte in der Polis, dem athenischen
Stadtstaat, gegen die trügerischen Sophisten und erzog seine Umwelt zur Selbstbesinnung
und Selbstprüfung: "Tugend ist Wissen", ein objektives Wissen, fern von
Subjektivismus und Relativismus; "Tugend ist lehrbar und erkennbar; ein sittliches Leben gibt Hoffnung auf Unsterblichkeit; es ist besser Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun." Er glaubte auch an die innere warnende Stimme des Gewissens, die er
"Daimonion" nannte.
Seine Kritik an den Mißständen der Demokratie und seine von der konventionellen Religion
abweichenden Überzeugungen schufen ihm viele Feinde. Schließlich klagte man ihn an, er
leugne die Götter und verführe die Jugend. Es kam zum Prozeß, in dem er sich mangelhaft
verteidigte und keine Spur von seiner Lehre abwich. Sokrates wurde zum Tode durch Gift
verurteilt. Die Gelegenheit zur Flucht schlug er aus. Er wurde zum Symbol des Weisen und
zum Begriff humaner Philosophie.
Originalkupferstich (34 x 24 cm) von Peter Paul Rubens.
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