Ein isländisches Tagebuch
(Island-Fahrradtour vom 03.07.- 25.08.1998)
 

2. Teil: Auf den Färöern

Tórshavn - Eiði
Eiði – Runavík
Runavík – Tórshavn


Montag, der 06.07.98
(Ankunft auf den Färöern --- von Tórshavn  nach Eiði [63 km])

Färöer-Karte  Planmäßige Ankunftszeit in Tórshavn auf den Färöer-Inseln ist 6 Uhr morgens Ortszeit (= 1h später als MEZ). Daher bin ich schon um halb fünf auf, tauche aber nicht großartig vor 5 Uhr an Deck zum Frühstücken auf. Das Schiff ist schon fast da, wir passieren gerade die Insel Sandoy, südlich der Hauptinsel Streymoy gelegen. Das Wetter ist nicht sehr berühmt, tiefe Wolken ziehen über den Himmel, hier und da gehen Regenschauer nieder. Diese Inselgruppe habe ich eindeutig grüner in Erinnerung!
An Deck tummelt sich alles mögliche Volk, unter ihnen auch Wieland und Kalle, auf die ich sofort zuhalte. Nun habe ich ganze 21 Diafilme im Gepäck, die so berechnet sind, daß ich im Schnitt jeden Tag einen halben Film verknipsen kann. Darüber hinaus rechne ich damit, auf den mir schon bekannten Strecken in Island wesentlich weniger zu fotografieren als noch vor zwei Jahren. So sieht es zumindest in der Theorie aus. Andererseits muß ich schon an diesem Morgen feststellen, daß dieser Theorie jeglicher Praxisbezug fehlt. Obwohl ich schon sehr schöne Annäherungsbilder an Tórshavn besitze, kann ich mal wieder nicht an mich halten, denn damals war damals und heute ist jetzt! Nun muß man dazu auch noch wissen, daß das Fotografieren für mich eine Art visuelles Tagebuch darstellt, ich also sehr regelmäßig zur Kamera greife, auch wenn ich schon X mal ähnliche Berge mit tief hängenden Wolken aufgenommen haben sollte.
Morgenstimmung auf dem MeerHoppla, was ist denn das? Hust! Keuch! Prust!Das brechen doch tatsächlich vorwitzige Sonnenstrahlen durch die Wolken, um neugierig das einlaufende Schiff mit seinen exotischen Touris zu begaffen. So ist´s recht. In goldenes Morgenlicht gehüllt liegt die Hauptstadt des Inselarchipels genau vor uns. In der ausgedehnten Bucht, die wir gerade durchqueren, liegen zwei rostige Pötte dicht nebeneinander vor Anker, und aus einem qualmt es verdächtig stark. Was ist denn da kaputt, die Maschine oder der Katalysator?
Gaaaanz leise sein...Wir kommen pünktlich an, unser Gepäck wird wieder durch die bevölkerten Gänge gewuchtet, die Räder beladen, und bald öffnet sich auch schon die Frontluke. Shit (!), da mußt ich doch einen häßlichen Lackkratzer an meinem Lenkkopf entdecken. Da hat doch dieser Seegang an dem Anhänger geschubbert, an dem mein Gaul befestigt gewesen ist. Sei´s drum.Verschlafenes Tórshavn
Zunächst fahren wir unter Kalles Führung in den Ort ein. Für Wieland ist dies der erste Aufenthalt auf den Färöer-Inseln, da er noch nie zuvor mit der Fähre nach Island gefahren ist. In meiner Erinnerung lebt die Vorstellung von einer brauchbaren Bäckerei auf, nicht weit vom Einkaufscenter in der Fußgängerzone entfernt, wenn ich das Kaufhaus man so nennen darf. Doch bevor wir dort ankommen, bittet Wieland um eine Pause, da er das Gefühl hat, sein Hinterrad wäre lose. Ich gebe ihm also meinen Imbus, und er versucht das Problem in einer Seitenstraße zu korrigieren. Kurze Zeit später halten wir in der Fußgängerzone an einem Brunnen, ich krame meine Karte hervor und will anschließend mit neuem Gewebeklebeband alte Abschürfungen an meiner Lenkertasche neu überkleben, um dann feststellen zu müssen, daß das neue Zeug nicht mal auf sich selbst klebst! Mistzeug !!! Tesa soll von mir noch etwas zu hören kriegen!
Kalle schwärmt unterdessen kurz aus und konnt mit der Botschaft zurück, daß er die Bäckerei entdeckt habe. Wir folgen ihm also und stürmen zu dritt den Laden. Nun bin ich beim gemeinsamen Einkaufen bisher immer darauf bedacht gewesen, möglichst günstig und viel einzukaufen, und mache daher meinen Begleitern auch gleich mehrere Vorschläge, was wir zusammen kaufen und herrlich gemeinsam aufbrauchen könnten (z.B. war 1 Liter Joghurt wesentlich günstiger als viele kleine Pötte). Ich stoße nur auf wenig Begeisterung für diesen Plan, eigentlich auf gar keine.
Lektion 1: Alleinreisende, auch wenn sie vorübergehend in der Gruppe reisen, wollen immer zu jeder Zeit UNABHÄNGIG von den anderen sein, besonders beim Proviant. Ich lernte schnell.
So kaufen wir alle unsere getrennten Backwaren (ich nur lecker Brötchen und kein Brot, da ich noch mein tolles deutsches aus Hamburg habe, das sich noch ganz gut hielt). Einen Teil der leckeren Beute verschlingen wir schon vor dem Laden wieder.
 Als wir uns endlich in Bewegung setzen und eine Straße im Dorf empor schleichen, frage ich mich nicht zum ersten Mal, wie ich diese verfluchte Steigung nordöstlich von Tórshavn jemals schaffen solle. Wir haben uns nämlich darauf geeinigt, nicht entlang der Küste des Kaldbaksfjørður und durch den Tunnel nach Norden zu fahren, sondern die Hochebene westlich davon zu nehmen, die ich noch lebendig in Erinnerung behalten habe ("Nie wieder werde ich über dieses verdammte Ding fahren!"). Sag niemals nie, aber so weit sind wir ja jetzt noch nicht. Ich keuche mich also hinter Kalle her, dem das Treten keine ersichtliche Mühe zu machen scheint. Kurz hinter der Kirche halten wir in Sichtweite eines Gebäudes an, daß am ehesten an einen riesigen verspiegelten Fußball erinnert. Wir sind etwas ratlos, ob wir die Abzweigung zur Straße Nr. 10 verpaßt haben, müssen aber sowieso länger halten, da Wieland Probleme mit seiner Schaltung zu beklagen hat. Nachdem er sich die Hände so richtig erfolgreich eingesaut hat, korrigieren wir unseren Kurs und halten durch eine Stichstraße direkt auf die Nr. 10 zu, die wir dank eines Ortsplans ausgemacht haben. Es ist steil, Dirk hat keinen Bock mehr, Dirk bekommt keine Luft mehr, er steigt ab und setzt sich auf den Bürgersteig. Danke, Kreislauf!
Immer zu Beginn von Fahrradtouren habe ich mehrfach Probleme mit der Kondition bekommen. Den obligatorischen Kreislaufkollaps erleide ich für gewöhnlich schon in Dänemark, wenn ich mit jemand anderem nach Esbjerg zur Fähre fahre. Torshaven von obenDas ist immer berechenbar. Auch dieser Zusammenbruch war vorhersehbar und von mir vorhergesehen, nur nicht in dieser Heftigkeit und nicht so früh. Aber es nützt ja nichts. Weiter oben warten die zwei Kumpels auf mich, also schiebe ich tapfer schnaufend zu ihnen hoch. Bald sind wir dann auf der Straße zur Hochebene und steigen mit den Rädern langsam an. An einer Stelle, an der man einen herrlichen Blick über die Bucht von Tórshavn hat, machen wir Halt, Wieland protzt mit Multifunktionsunterwäsche, die er sich auch sogleich anzieht, wir schießen die obligatorischen Fotos, nur liege ich darauf für sagen wir 20 Minuten im Gras denke, ich müsse jeden Moment erbrechen! Mein Plan ist in diesem Moment glasklar. Zurückrollen in den Ort, den Campingplatz ausfindig machen, und vielleicht noch etwas mit leichtem Gepäck am Fjord entlang fahren. Ich äußere diesen verlockenden Gedanken, bleibe aber zunächst liegen, während Kalle und Wieland gleichmütig warten.
Und warten.
Geht´s endlich weiter?Ihrem geduldigen Abwarten und ruhigem Zureden ist es allein zu verdanken, daß ich mich ihnen letztendlich doch wieder anschließe, nachdem die elf Tschechen längst an uns vorbeigezogen und außer Sichtweite gefahren sind. Die beiden beweisen echte Geduld mit mir, und ich bin ihnen auch zutiefst dankbar dafür.
Natürlich kommen wir irgendwann oben an, nachdem sich mein Zustand auch etwas gebessert hat. Es ist ziemlich kalt in 400 m Höhe, aber es regnet wenigstens nicht. Auf der HochebeneAber auch ohne Sonnenschein sieht der Fjord zur Rechten beeindruckend aus. Kein Baum, kein Strauch versperrt die Sicht. Alles um uns herum ist grau und grün, immer wieder fliegen Wolkenfetzen vorbei.Ausschau in den FjordBlick nach untenDas Hotel am Rande der TarnungHinter einem grasbedeckten Hotel (auf dem jemand doch tatsächlich den Rasenmäher schwingt), machen wir kurz halt, bestaunen von hoch oben die Küstenlinie des Fjordes mit der winzigen Straße dicht am Wasser, dann geht es wieder bergab. Zum ersten Mal schaltet sich bei mir die interne Music Box ein! Ich singe eigentlich immer, wenn ich mit 40 oder 50 km/h Pässe hinunter fahre, und es sind meist immer die gleichen Lieder oder Liedfragmente (so viele Texte habe ich nämlich nicht auswendig im Kopf).
Unten angekommen ziehen wir uns in eine Tankstelle zurück, die - wie auch fast alle Tanken in Island - einen Laden mit angegliederter Sitzecke nebst Videothek enthält. Wieland und ich kaufen uns Hot Dogs und auch Kalle trinkt einen Tee, während wir einem äußerst abwechslungsreichen Programm eines Färoer Radiosenders lauschen. Es ist einer jener Sender, der noch mehrere Generationen in einer Sendung zu bedienen weiß. Dementsprechend erscheint uns die Moderation etwas altbacken und die Programmgestaltung dagegen recht bunt gemischt.
 Wieder unterwegs fahren wir auf der Straße 40 am Kollafjørður entlang und durch den gleichnamigen Ort. Leider beginnt es recht bald zu regnen, obwohl wir kurz zuvor noch ein paar Sonnenstrahlen abbekommen haben, und es sieht so aus, als würde sich das garstige Wetter bis auf weiteres halten. Kalle gelingt es ohne weiteres, seine Kapuze über den Fahrradhelm zu ziehen, ich versuche es auch mit Müh und Not (biestiges Ding!), Wieland trägt gar keinen Helm. So ziehen wir denn weiter in unseren Regenklamotten. Kalle meistens vorne, ganz in Schwarz, dunkelgrünen Ortliebtaschen und schwarzem Packsack. Was neugierig, der Wieland!Wieland trägt eine nagelneue rote Gore-Tex-Jacke, schwarze Regenhose, hat vorne und hinten ältere rote Ortliebs und die schon beschriebene durchsichtige Packtüte. Mich kleidet wie immer an Regentagen meine grüne Jack-Wolfskin-Jacke (die leider etwas älter und daher nicht mehr richtig dicht ist), eine lilafarbene Sympatex-Regenhose (ist auch schon mal wasserdichter gewesen), vorne Ortlieb schwarz, hinten Ortlieb rot und zwei Ortlieb Packsäcke, ebenfalls rot leuchtend. An den Füßen trage ich meine Wanderstiefel, mit denen ich schon immer ziemlich gut Radfahren konnte.
Die MusicboxIm Örtchen við Áir queschten wir uns in eine durchsichtige Bushaltestelle, um Kekse zu futtern und uns allgemein zu bemitleiden. Hier stellt sich langsam aber sicher heraus, daß Wieland und ich jede Menge gemeinsame Schlager zur jeder passenden und unpassenden Situation parat haben, um mit unserer Improvisationskunst Kalle auf die Nerven gehen zu können. Nach vielleicht einer halben Stunde (keiner von und wagte bisher in den grausamen Nieselregen im Wind hinauszutreten) fahren die beiden Bikerbubis, mit denen wir zusammen in Hanstholm am Fähranleger gewartet haben, an uns vorbei. Wieland traut sich hinaus in die Naßkälte und unterhält sich doch glatt fast 10 Minuten mit ihnen, bevor er betont langsam zu uns ins Trockne zurück schlendert. Die beiden müssen wohl doch ganz gut dabei sein, da sie heute schon in Vestmanna waren (die Straße dorthin ist eine Sackgasse), und daher schon weit mehr als 65 km gefahren sein müssen, ganz im Gegensatz zu unseren gut 35 Kilometerchen. Ihr Ziel ist auch unseres: Saksun, noch etwa 14 km entfernt. Aber wir haben es nicht eilig, sondern betrachten wehende Fahnen im Wind und unterhalten uns über "Hools"! Oder besser gesagt, Wieland und ich unterhalten uns über alle möglichen Sorten von Hools, in Autos, auf Fahrrädern oder sonstwo in Fußballstadien dieser Welt. "Hools" (jaja, die Weltmeisterschaft) entwickelt sich zu einem der beliebtesten geflügelten Worte unserer gemeinsamen Zeit. Doch unser trockenes Glück in der Bushaltestelle soll nicht für immer fortdauern. Neben der Bushaltestelle stoppt ein Baufahrzeug, ein Preßlufthammer wird hinuntergehievt und in unser unmittelbaren Umgebung angeschmissen, während zusätzlich irgendwelche Leitungen an Laternen zu überprüfen sind. Na dann Prost Mahlzeit und wieder raus in den Regen. Im nahen Hvalvík (eine Bushalte weiter) sind unsere beiden Freunde gerade am Kochen, so daß wir uns draußen nur im Windschatten abstellen können, um unser weiteres Schicksal zu schmieden. Kalle plädiert für Saksun, ich für die Möglichkeit, an der Straße dorthin einen Lagerplatz zum Zelten zu finden, während Wieland sich das noch 14 km entfernte Eiði mit Campingplatz am Hotel in den Kopf gesetzt hat. Noch völlig uneins fahren wir als erstes den nahen Ort ab, um vielleicht eine Stelle zum wilden Campieren zu entdecken (was für ein idiotischer Gedanke) und machen uns schließlich doch auf Wielands drängen weiter Richtung Eiði auf. In einer Tanke (leider ohne Cafeteria) erwerbe ich neues Gewebeklebeband, daß noch von der alten Machart ist (leider in rot und nicht in schwarz), freute mich trotzdem und fahren weiter über eine Brücke hinüber nach Eysturoy, der zweitgrößten Insel der Färöer. Wir haben die langgestreckte Sundini-Meerenge jetzt zu unserer Linken, durchqueren ein niedliches Dorf (Svínáir) und erfreuen uns am längerfristigen Aussetzen des Regens. Es droht sogar noch einmal richtig schön zu werden, und durch meine nässenden Klamotten so verärgert, vergesse ich ganz über meine schwache Kondition nachzusinnen. Die Maschinerie läuft!
 Um nach Eiði einzufahren, muß man (natürlich) noch einmal eine Anhöhe überwinden, Eiği aus der Fernedann in den hübschen Ort hinabschießen, um sich letztendlich wieder zum Hotel hinaufzuquälen, wo meine beiden Begleiter lange vor mir eintreffen, weil ich mich noch unten im Ort verfranzt habe. Der Zeltplatz kostet uns jeder 40 dänische Kronen, also umgerechnet etwa 10 Mark. Ich habe mit Schlimmeren gerechnet, aber wohl wissend den Vorschlag verdrängt und nicht ausgesprochen, bei einer separaten Abrechnung nach Zelten eines von den dreien nicht aufzubauen...
Zum Glück lerne ich Lektion 2 von alleine, ohne sie mir zeigen lassen zu müssen.
Das Wetter wird doch tatsächlich noch schön, und die Abendsonne scheint. Welch ein Fest!
Bevor ich meinen Kocher aufstelle, Hotel Eiğium mir eine Tütensuppe nach Art des Hauses zu köcheln, blase ich zum ersten Mal auf dieser Tour "Pingo" auf, meinen aufblasbaren Schwimmring-Pinguin, der sofort draußen am Zelt akkurat postiert wird!
Hierzu muß ich wohl ein paar Erklärungen fallen lassen. Vor zwei Jahren blies mein Kumpan Peter jeden Abend einen kleinen Plastikpinguin (Pingu) auf, den seine Freundin ihm statt Kuscheltier für die Reise mitgegeben hatte, und der jede Nacht an seinen Füßen Wache hielt. Nun sagte ich dieses Jahr im Scherz zu meinen Kollegen im AStA, wenn sie mir schon etwas zum Abschied schenken wollten, dann vielleicht einen aufblasbaren Pinguin, der hätte für mich Kultcharakter. Tja, auf einmal stand er vor mir, 20 cm hoch, oval, plattnasig, so daß er aussah, als wäre eine Dampfwalze über Duffy Duck gefahren, dem man anschließend noch ein Loch durch den Bauch geschossen hätte. Ich schloß ihn sofort in mein Herz!
Nach diesem Zeremoniell und dem fürstlichen Abendmahl beglücke ich mich mit einer Dusche im Hotel, während Kalle und Wieland in unterschiedliche Richtungen aufbrechen, um die nähere Umgebung im Abendlicht zu erkunden. Aber nein, mich könnte heute niemand mehr in Bewegung setzen! Statt dessen wachse ich meine Schuhe frisch ein und imprägniere sogar noch meine Regenklamotten mit einem speziellen Wachsspray, da sie inzwischen wieder getrocknet sind. Mit mir selbst zufrieden setze ich mich auf einen nahen Stein, blicke auf den Ort hinab und stecke mit die erste Abendpfeife am Zelt im Urlaub an! Welch ein friedlicher Genuß!
Wieland kommt wenig später zu mir hinauf, der den ganzen Ort samt Fußballplatz und Kirche abgeklappert hat, und auch sehr entspannt wirkt. Kalle scheint ebenfalls zufrieden, als er wenig später eintrifft, obwohl er die Felsenkobolde oder was auch immer an der Küste nicht hat entdecken können.
Es naht die erste Nacht im Zelt. Draußen ist es noch lange sommerlich nordisch hell, was einige deutsche Motoradfahrer und Autokollegen dazu veranlaßt, noch bis spät in die Nacht lautstark zu kommunizieren (zumeist über motorisierte Fachsimpelei). Letztendlich trüben sie aber das Erlebnis der ersten Nacht im Freien nicht nachhaltig.
 

Dienstag, der 07.07.98
(von Eiði nach Runavík [49 km])

 Welch ein Glück, das Wetter vom vergangenen Abend hat sich gehalten! EiğiKalle und Wieland sind für den Augenblick nirgendwo zu sehen, so begebe ich mich wieder alleine zu meinem Vorabendstein und beginne mir mein Müsli anzurühren. Nach einer Weile gesellt sich Wieland zu mir und sinnt über eine Tagesplanung nach, die es uns ermöglicht, trotz Rückweg nach Tórshavn möglichst wenig Strecke doppelt zu fahren. Kalle ist da für sich schon etwas weiter. Er möchte sich unbedingt den 11 km entfernten Ort Gjógv ganz im Norden dieser Insel anschauen, der eine ansehnliche Steilküste zu bieten haben soll. Danach möchte er nach Süden fahren, den Tunnel in der Mitte von Eysturoy benutzten, um dann vielleicht doch noch nach Saksum zu fahren, wenn die Zeit reichen sollte. Kurze Zeit später unterbreitet mir Wieland folgende Tourenplanung:
Statt fast den ganzen Weg wieder auf bekannter Strecke zurückzufahren (immerhin müssen wir morgen Abend wieder auf der Fähre sein), sollten wir die Insel Eysturoy bis ganz in den Süden durchfahren, in einem Ort namens Toftir auf einem Zeltplatz nächtigen, der auf meiner Karte eingezeichnet ist, um dann morgen im Laufe des Tages mit einer kleinen Fähre zurück in das gegenüberliegende Tórshavn zu fahren. Wenn dann noch genug Zeit bliebe, könnten wir dann noch den Ort Kirkjubøur 12 km südlich aufsuchen, der uns auch von unserem alten Färöer zur Besichtigung empfohlen worden ist.
Ich finde den Vorschlag von Anfang an gut, zumal Wieland ein echtes Interesse daran zu haben scheint, daß wir uns nicht aufsplitten. Ich erkundige mich sobald beim Hotel nach einem Fährfahrplan, der mir kurze Zeit später auch gereicht wird. Wir haben Glück. Wochentags fahren morgens zwei Fähren, eine 7.30 Uhr und eine weitere 8.45 Uhr. Die zweite scheint mir ganz angebracht. Eine weitere Fähre würde zwar noch am späten Nachmittag fahren, aber zu spät für uns, um noch rechtzeitig unser Schiff zu erreichen.
Mit diesen konkreten Planungen konfrontieren wir dann Kalle, der sich die ganze Sache betont langsam durch den Kopf gehen läßt. Für mich steht allerdings fest, obwohl der Anzweig nach Gjógv auf unser aller Weg liegt, werde ich diese Stichstraße nicht fahren. Auch Wieland, mit dem ich eine Viertelstunde lang versuchte, die Aussprache dieses Ortes zu enträtseln (wir einigen uns auf eine Mischung aus "Dschögf" [Wieland] und "Jag" [engl. Aussprache nach "Lonly-Planet-Reiseführer"]), scheint über diesen Umweg in eine Stichstraße wenig begeistert. Während wir noch diskutieren, gesellt sich der Hotelbesitzer zu uns und beginnt mir lang und breit zu erklären, daß wochentags morgens zwei Fähren von Toftir nach Tórshavn fahren würden. Er geht so in seiner Hilfsbereichtschaft auf, daß ich ihn gewähren lasse, wir noch kurz höflich kommunizieren, ich im herzlich für seine Mühen danke und mich nach seinen Verschwinden frage, was da an Abstimmung zwischen ihm und seiner Frau wohl schiefgegangen ist. Ich komme zu keinem Ergebnis, denn bevor ich das überflüssige Problem überhaupt richtig habe fassen können, teilt uns Kalle mit, daß er nun doch mit uns nach Toftir fahren würde.
Wir bauen also unsere Zelte ab (Pingo zu entluften entpuppt sich aufgrund des Sicherheitsventils als etwas kompliziert) und rollen in den Ort hinab, um dort einzukaufen. Eiği-CityStraßenspiegel in EiğiVorher suchen Kalle und Wieland aber noch eine Bank auf, um sich etwas mehr landesübliche Währung zu verschaffen. Im Laden kann ich mich dann vorerst nicht zwischen normalen Duschgel und solchem mit Bananengeruch entscheiden. Manchmal habe ich ja eine Schwäche für solch offensichtlichen Blödsinn, zum Beispiel bin ich auch der absoluten Überzeugung (um mal kurz das Thema zu wechseln), daß Zahnbürstenkauf Vertrauenssache ist! Meiner Meinung nach gibt es kaum so viele unnütze Extraausstattungen an Gebrauchsgegenständen wie an Zahnbürsten: mehrdimensionale Schwingköpfe, Anti-Rutsch-Griffe, abgerundete Borsten (es gibt sie wirklich) aus härterem und weicherem Material, Wechselköpfe zur ultimativen Müllvermeidung (ich kann wirklich nur empfehlen, sich die Abfallvermeidungsberechnungen auf der Aronal Öko-Dent - meinem derzeitigen Favoriten - einmal gewissenhaft durchzulesen!).
Aber zurück zum Duschgel. Nun stehe ich schon mit der gelben Bananenversion für Kinder an der Kasse an, da bekomme ich es doch mit der Angst zu tun, tausche das Produkt schnell aus und bezahle die übliche coole blaue Frische in blau. Dazu gesellt sich als Leckerli eine Rolle Brownie-Bear-Kekse (oben Keks, unten Schokolade).
 Um Eiði zu verlassen, müssen wir wieder ein kurzes Stück bergauf fahren, Zu Stein gewordene Trolleum dann festzustellen, daß es noch wesentlich weiter nach oben geht. Aber die Sonne lacht, und meine körperliche Verfassung ist um ein vielfaches besser als am Vortag zu dieser Zeit! Zumindest habe ich nun nicht mehr das ständige Gefühl, die beiden aufzuhalten. Dirk mal vorne wegIch erlaube mir sogar, mal ein Stück vorne zu fahren - eher symbolisch, da sich Kalle nach einem kurzen Stop wieder an die Spitze setzt. Fast 45 Minuten kriechen wir den Paß hinauf, um an seiner Spitze einen grandiosen Blick auf den Finningsfjørður zu haben. Da es noch recht warm ist, machen wir eine längere Rast und beobachten einen in der Nähe haltenden Reisebus, obendessen Insassen sich nach und nach anschicken, die Füße zum Teil in Turnschuhe gebettet den nahen 882er Gipfel zu erklimmen. Es wird Zeit, und wir ziehen uns wärmere Sachen für die verdiente Abfahrt an. Kurz vor dem Abzweig nach Gjógv hatten Wieland und ich an einem Straßenschild, um zwei wirklich überniedliche junge Schafe abzulichten. Wie süüüüß !!! Das Prickeln vor der AbfahrtMääääh !!!Kalle wartet währenddessen gleichmütig am Abzweig. Anstatt aber weiter runter zu fahren, beobachten wir drei fasziniert die kleinen Grüppchen an gepäcklosen Tschechen, die sich an uns vorbei den geteerten Hang hochquälen. Der Abstand vom Führenden bis zu letzten beträgt bestimmt 11/2 km! Das alles wirkt auf mich allzu sehr wie ein Island-Trainigslager, wie die so angespannt ihre Kilometer abreißen. Bestimmt sind die schon mit dem Morgengrauen aufgestanden (und das kommt früh vor in diesen Breiten). Als sie vorbei sind, flitzen wir zum malerischen Ort Funningur hinab.
Da wir mit Gjógv ein zweites Etappenziel links liegengelassen haben, war für Wielend und mich neben "Hools" und "Saksun" ein drittes Unwort geboren: "Gjógv"! Bei jeder erdenklichen Unpäßlichkeit werden diese sofort angestimmt. Fährt ein Wagen zu dicht an uns vorbei, wettern wir ihm hinterher, er solle hier nicht so herumhoolen. Zu guter Letzt brach auch wieder das Intonieren von Werbe-Jingles und das altbewährte Schlagerfieber aus. Armer Kalle!
Die Straße verläuft westlich des Funningsfjørður direkt an der Küste entlang in Richtung Süden.Lachsfarmen im FjordZu unserer rechten Seite geht es gleich steil bergan, so daß wir sehr nah einige ansehnliche Wasserfälle passieren und fotografieren. Die Wasserfläche des Fjord zur anderen Seite ziehren Lachsgehege.
Während dieser Stops teilen Wieland und ich uns Bassetts-Weingummis, die ich für uns auf der Fähre eingekauft habe. Ich stecke mir immer gleich drei Stück in den Mund, aber ich schleppe sie ja auch immer mit mir herum!
Das kleine Fischerdorf am Ende des Fjordes, das auch dessen Namen trägt, finde ich derart reizvoll, daß ich mir versuche vorzustellen, wie es sein muß, hier ein ganze Jahr (insbesondere den Winter) zu verbringen, wenn man ein gemütliches Heim, genug Geld und wenig anstrengende Arbeit zu verrichten hat. Als ich diesen Gedanken laut äußere, werde ich von zwei Augenpaaren nur verständnislos angestarrt. Nun ja.
Nach ein paar weiteren Kilometern verlassen wir unsere Nebenstrecke, nachdem Wieland mit Kalles Öl noch seine Kette geschmiert hat. Das war auch bitter nötig, denn so laut konnte man gar nicht singen, wie das olle Ding Lärm machte. Unterdessen klärte mich Kalle über sein Sweat-Shirt mit der Aufschrift "Boule-Verein KäskasähDelbrück-Paderborn" auf, denn bevor der Verein offiziell existierte, wurden sie häufiger gefragt: "Boule, was ist das?" - ´Käskasäh´ soll wohl diese Frage auf französisch (Lautschrift!) lauten. Warum muß ich nur ständig an einen Hool-Verein denken, wenn ich beim Fahren auf seinen Rücken blicke?
 In der einladenden Tankstelle von Skálabotnur genehmigen Wieland und ich uns einen 40 Kronen schweren Jumbo-Burger und wir alle essen noch eine große Portion Pommes. Wir fühlen uns hier so wohl (ich halte zusätzlich eine Buddel Coke im Arm), daß wir hier noch fast eine ganze Stunde dem wie immer interessanten Radio-Programm lauschen. Um mich weiterzubilden, blättere ich tapfer in einer einheimischen Werbezeitung. Wieland stellt mit einem Blick auf selbige und in Bezug auf die Radiomoderation nicht zum ersten Mal fest, wie ähnlich doch das Schriftbild der Sprache der Färoer dem Isländischen ist, die Aussprache ihm - der ein Jahr lang isländische Sprachkurse besucht hat - völlig verschieden scheint. Is´ ja schon ´n Dingen.
Um uns aber bloß nicht zu langweilen, wird noch ein wenig über die junge Pommes-Braterin gelästert (wir sind halt echte Kerle), dann besteigen wir doch wieder unsere stählernen Schlachtrösser und reiten die Straße Nr. 10 nach Süden entlang, die recht stark befahren ist. Näher zur Mündung hin wird der Skálafjørður immer besiedelter, so daß wir zweimal die 10 verlassen, und direkt durch die nahe am Wasser liegenden langgestreckten Orte fahren. Der Hauptverkehr rauscht dann oberhalb an uns vorbei. In Søldarfjørður kauft Kalle kurz nach Ladenschluß noch mal was zum Beißen ein, so daß wir dann die letzten 8 km bis Toftir auf nahezu Meeresniveau durchfahren. Im 3 km davor gelegenen Runavík kann ich dann mit einer "Abkürzung" durch den Hafen noch einmal richtig beweisen, wie wertvoll ich bei der Umgehung von stärker befahrenen Straßen bin. Nun ja...
In Toftir entdeckt Wieland sogleich ein Schild, daß auf die örtliche Sportanlage hinweist (neben der - laut zwei Jahre altem Ortsplan - der Zeltplatz sein soll). Bevor wir noch an der nahen Tankstelle nachgefragt haben, keuchen wir schon die steilen Straßen des Ortes nach oben und fragen mehrere Passanten, ob wir denn den richtigen Weg zum Campinplatz eingeschlagen hätten. Da ist da zum Beispiel ein alter Mann, der sein Rad den Hang hinauf schiebt. Wir fragen ihn höflich und er lächelt höflich zurück, der englischen Sprache nicht mächtig. Wir verlegen uns auf die Zeichensprache, er scheint sich an Zelte zu erinnern und deutet weiter nach oben, immer noch lächelnd. Weiter voran fragen wir ein paar Mädchen, die des Weges kommen. Auch sie verweisen hilfsbereit nach oben (ich ahne es jetzt schon, es handelt sich hierbei wohl um einen uralten Dorfulk: Wink´ die Touris nur nach oben...). Nach einem weiteren entsetzlich steilen Weg kommen wir endlich bei der recht imposanten Sportanlage an (immerhin zwei große Fußballplätze mit Leichtathletikbahnen und Tribüne. Einige Jungs sind noch am Kicken, es ist nach 18 Uhr. Eine Mutter rollt in ihrem Kombi heran, um ihren Sohn zu abzuholen. Wir fragen auch sie, und offensichtlich nicht in die kollektive Touristenverarsche ihrer Mitbürger eingeweiht, denkt sie sichtlich angestrengt nach, muß aber leider passen und rät und deshalb, doch mal im Vereinshaus nachzufragen. Dort ist aufgrund der fortgeschrittenen Zeit natürlich niemand mehr! Letztendlich schwärmen Wieland und ich aus, nehmen den hinteren Platz genauer unter die Lupe, während Kalle bei unseren Rädern zurückbleibt. Wir fragen einen einsamen Bogenschützen, der - wie sich bald herausstellt - aus dem nördlichen Nachbarort Runavík kommt, daher vermutlich den einheimischen Gag mit den Urlaubern nicht kennt und gestehen muß, daß es hier schon länger keinen offiziellen Platz mehr zum Zelten gibt. Meine Karte ist nun mal auch schon zwei Jahre alt. Allerdings sei er sich ziemlich sicher, daß es in seinem eigenen Ort einen Platz gäbe, zumindest für Wohnmobile (hoffentlich ist das jetzt auch kein Gag). Er fügt auch noch stolz hinzu, daß er auf der Schule ein paar Jahre Deutsch gelernt hätte, ihm allerdings nur die gängigen Kraftausdrücke (und was einen Jugendlichen sonst noch so an Wörtern interessiert) behalten hätte. Wir danken ihn und gehen schnell weiter, bevor er die Gelegenheit zu einer Kostprobe seiner speziellen Kenntnisse der deutschen Sprache bekommt.
 Inzwischen hat es zu nieseln begonnen, und Kalle war so nett, unsere Fahrradsättel mit Plastiktüten zu bedecken. Wir teilen ihm die neu gewonnenen und wenig erfreulichen Informationen mit und beschließen recht bald, die drei Kilometer nach Runavík wieder zurückzufahren. Doch zunächst kommen wir nicht weit, da Wieland erst umständlich sein Regenzeug aus irgendwelchen Tiefen seiner hinteren Taschen herauswühlen muß, und wir bis dahin unter dem Portal des Clubhauses Unterschlupf finden. Die Frau mit dem Kombi fährt noch einmal vorbei, schaut uns aber nicht an. Dann sind wir alleine, die Kinder längst fort, jetzt übernehmen die Mantelmöwen den grünen Rasen und lassen es sich dort gut gehen. Wieland ist zwar bald fertig angekleidet, aber wird warten trotzdem noch länger, um eventuell den Regen abzuwarten. Erstes Liedergut, daß in irgendeiner Weise etwas mit Feuchtigkeit zu tun hat, wird angestimmt. Kalle bleibt äußerlich gelassen.
Der leichte Regen hat nach etwa 20 Minuten doch tatsächlich ein Einsehen mit uns und stellt sich ein. Wir also wieder auf die Räder, hinunter zum Fjord geflitzt und 3 km zurück nach Runavík gestrampelt. Dort finden wir auch schnell den Zeltplatz. Nur ein weiteres Zelt steht dort, leicht erhöht dazu der Parkplatz mit einem Geländewagen mit Ratzeburger Kennzeichen. Nun wohnt meine Mutter im 11 km entfernten Mölln, und ich wittere sofort meine Chance! Das Paar zunächst in ein lockeres Gespräch verwickelt stoße ich verbal mit einer Überraschungsfrage vor: "Könntet ihr eventuell ein paar Sachen von mir mitnehmen, die ich später zu Hause wieder von Euch abhole?"
Klar, der Überrumpelungseffekt und die ungewöhnliche Situation waren auf meiner Seite, so daß beide etwas perplex ob dieser Dreistigkeit zusagen. Bald nach dem Zeltaufbau habe ich also ein kleines Bündel gepackt, das neben einer überflüssigen Jeans (meiner einzigen) noch den Lonly-Panet-Reiseführer und ein dickes Buch enthält - alles unnötiger Ballast! Als Dankeschön lege ich noch eine Tafel Schokolade hinzu. Es ist wirklich zu freundlich von den beiden. Adressen und gute Wünsche für die weitere Fahrt werden ausgetauscht.
Es sehr schwer zu sagen, was Kalle und Wieland in diesen Momenten so empfingen. Einerseits nehme ich eine deutliche Überraschung gepaart mit verstohlener Belustigung wahr, andererseits wirken sie auch leicht irritiert in Bezug auf meiner doch eher auf der generellen Ausweglosigkeit meines stattlichen Gepäcks resultierenden Kurzschlußhandlung. Immerhin habe ich jetzt wieder etwas Luft in den Taschen, basta!
Wie uns das Paar schon angekündigt hat, kommt niemand zum Kronen einsacken vorbei, vermutlich handelt es sich hier um einen der wenigen öffentlichen und kostenlosen Gemeindeplätze, oder die Besitzer sind einfach im Urlaub oder haben zur Zeit keine Lust auf Geld. Wie dem auch sei, unsere drei Zelte bilden eine hübsche Reihe, in der Mitte mein Staika-Hilleberg (von mir auch liebevoll "Sturmauge" genannt), das den großen Vorteil hat, durch seine dreibögige Kuppel zwei Apsiden und zwei gegenüberliegende Ausgänge zu besitzen. Somit ist für mich in der Mitte von drei Zelten der Weg geebnet, auch in selbigem nach beiden Seiten hin kommunizieren zu können. Und dies ist nur ein Vorteil, ich werde es mir nicht nehmenlassen, in Zukunft ein paar weitere zu nennen. Leider setzt ein Nieselregen ein, so daß es aus ist mit der lustigen Kommuniziererei. Aber mein Wecker steht sowieso auf kurz nach sechs, damit wir morgen auch rechtzeitig die Fähre über den Fjord erwischen.
 

Mittwoch, der 08.07.98
(von Runavík nach Tórshavn [7 km] - M/F Norröna)

 Tatsächlich gelingt es uns rechtzeitig, vor den Hühnern aufzustehen. Viertel nach sechs bin ich also aus den Daunen und versuche mich am trüben Morgen zu erfreuen. Nun ja, immerhin regnet es nicht! Auch Wieland ist in seinem Salewa-Zelt schon am ´rumwuseln, nur aus Kalles Zelt bleibt zunächst alles still. Erst gegen sieben Uhr kommt Leben in seine Bude, und er ist ganz schön fix, denn eine Stunde später wollen wir immerhin auf dem Rückweg nach Toftir sein. Es gilt ja die Fähre nach Tórshavn rechtzeitig zu erwischen!
Als ich nach dem Frühstück meine Sachen wieder reisefertig einpacke, kommt mir natürlich auch mein sinnlosester Ausrüstungsgegenstand in die Hände und erinnert mich spontan an eine Begebenheit aus der vergangenen Nacht...
Da lag ich nun im Zelt, von einem dringenden Bedürfnis geweckt und lauschte mißmutig dem Nieselregen, der monoton und gleichmäßig an mein Zelt schlug. In solchen Situationen geht es wohl ziemlich vielen Menschen gleich. Einerseits ist an ein baldiges Einschlafen bei unveränderter Situation kaum zu denken, andererseits sträubt sich das gesamte Bewußtsein dagegen, den warmen Schlafsack zu verlassen und sich der feuchten Kühle der Nacht auszusetzen. So lag ich bestimmt eine Viertelstunde wach, bis ich mich endlich dazu durchgerungen hatte, das Unvermeidbare zu erledigen. Da ich aber wenig Lust verspürte, meine Regenjacke feucht werden zu lassen, griff ich in meinen Packsack und holte ihn hervor - meinen Knirps! Ja richtig, ich führe einen kleinen Regenschirm im Gepäck mit mir herum, und so lächerlich es auch klingen mag - letztes Jahr hat solch ein niedliches Ding Julia und mir beim Wandern in Schottland echt gute Dienste geleistet. So langsam begann es mir allerdings zu dämmern, daß ich dieses Prachtstück besser bei Woolworth an der Wand hätte hängenlassen sollen. Aber diese Nacht wollte ich den Gegenbeweis antreten: Ich verließ also kühn das schützende Zelt und spannte zum ersten Mal dieses Ding auf - ach Gott, war der niedlich (und leider auch viel zu klein). Zu allem Unglück hatte ich auch keinen blassen Schimmer, wo die Toilette zu finden war. Die einzige Information dazu hatte ich von Wieland erhalten, der nämlich die Mitnahme einer Taschenlampe anregte, die ich aber in einem allgemeinen Anflug von Leichtsinnigkeit im Zelt zurückließ. Es kommte ja alles nicht so schwer sein, zumal es der fortgeschrittenen Uhrzeit zum Trotz lediglich dämmrig war. So kämpfte ich mich also in Regen und Wind um ein längliches Gebäude herum, das ich für ein Sporthaus hielt, fand aber keine Tür, die unverschlossen den Weg in das Innere freigegeben hätte. Inständig begann ich zu hoffen, daß mir niemand bei meiner nächtlichen Expedition zuschauen würde. Ich sah auch zu lächerlich aus, wie ich mit meinen bunten Schirmchen in der Hand daherlief, ansonsten nur mit einer Shorts, einem langärmligen und schneeweißen Schiesser-Feinripp-Oberhemd und den obligatorischen Wanderschuhen. Letztendlich führte mich meine Expedition zu einer kleinen Hütte auf dem Parkplatz direkt oberhalt unserer Zelte, deren Türgriff ich vorsichtig betätigte und siehe da, sie öffnete sich und ließ im Dunkeln dahinter ein WC erahnen. Doch trotz dieses doch eher als positiv zu bewertenden Fundes mußte ich zwei Dinge zu meinem Leidwesen feststellen:
1. Es gab tatsächlich keinen Lichtschalter (und natürlich auch keine Fenster)!
2. Obwohl der Knirps zu klein war, um einen langen Körper vernünfig vor dem Regen abzuschirmen, besaß er doch
    in der Enge des Toilettenhäuschens unerwartete und nahezu beängstigende Ausmaße.
Ich glaube, ich erspare mir hier die weiteren Details, zumal es eh zu dunkel war, um irgend etwas genauer zu erkennen. Ich möchte nur zum Schluß hinzufügen, daß ich es natürlich glücklich in mein Zelt zurückschaffte (sonst könnte ich jetzt ja auch nicht packen) und mir einigermaßen dämlich vorkam.
 Als ich nun also im Tageslicht den Unglücksschirm in der Hand wiege, liebäugele ich doch tatsächlich damit, dieses nutzlose Aas einfach in die nächste Mülltonne zu werfen, aber zu guter Letzt überkommt mich doch Mitleid mit diesem kleinen Ding und stecke es wieder nach ganz unten in den Packsack.
Als wir fahren, hat sich in dem Nachbarzelt der Schwarzenbeker noch nichts wesentliches getan, was von außen mit Augen oder Ohren erkennbar gewesen wäre. Und so fahren wir also auf der gleichen Straße wie gestern nach Toftir zurück, um dann eine halbe Stunde auf das Fährschiff am Hafen warten zu dürfenFähre nach TórshavnFischersfreudenImmerhin erhalten wir ausreichend Gelegenheit, um zwei Besatzungen von Fischkuttern beim Anlanden des nächtlichen Fanges zuschauen zu dürfen und um so richtig tourimäßige Bilder davon schießen zu können!
Pünktlich um viertel vor neun legt die kleine Fähre dann an und nimmt die wartenden Fahrgäste auf. An Bord setzen wir drei uns gleich in den Salon und schauen aus dem Fenster, während aus einem Lautsprecher wieder das unverwechselbare Radioprogramm dieser netten Inselgruppe erklingt.
Für eine kleine Weile gehe ich an Deck, nachdem wir jeder 10 Kronen für die Überfahrt beim vorbeikommenden Zahlmeister berappt haben. Draußen sitzt eine Gruppe von drei jugendlichen Burschen an der überdachten Reling und zischt sich Dosenbier am jungen Morgen die Kehle hinunter. Zweifelsohne sind sie auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule. Mit gekonntem Blick erkennen sie in mir den Ausländer und erkundigen sich nach meiner Nationalität. Bierseeliger RegenbogenEs folgt ein belangloser Wortwechsel, währenddessen ich mich eigentlich eher darauf konzentriere, einen wunderschönen Regenbogen zu fotografieren. Aber diese gezwungende Plauscherei mit offensichtlich alkoholosierter Inseldorfjugend hat auch etwas Gutes, denn sie bieten mir ein Bier an! Nun sage ich zu echtem Tuborg mit vollem Alkoholgehalt selten nein und erst recht nicht um 9.15 Uhr am Morgen! Ich bedanke mich also höflich und stolziere stolz mit meiner Beute zu meinen Kameraden zurück, die mich bedauernd anblicken, als ich den Inhalt der Halbliterdose innerhalb von 15 Minuten die Kehle hinunterschütte. Tja, so ein Pils am Morgen ist halt nicht Jedermanns Sache. Genüßlich stoße ich auf, um den Eindruck von gelöstem Wohlbehagen zu erwecken.
Eine knappe Stunde später in Tórshavn begeben wir uns zunächst in die am Hafen gelegene Touristeninformation,Fischerboote im Hafen von Tórshavn um in Erfahrung zu bringen, wo wir eventuell unser Gepäck für den Rest des Tages ablegen können. Ursprünglich wollten wir noch in das etwa 8 km entfernte Kirkjubøur im Süden von Tórshavn fahren, aber dazu hat niemand mehr von uns so recht Lust, zumal eine Steigung auf der Karte erkennbar ist und das Wetter unberechenbar erscheint. Wir bekommen die Information, daß wir unsere Gepäcktaschen vermutlich im kombinierten ZOB-Fährgebäude lagern könnten. Wenn wir dort allerdings abgewiesen werden würden, könnten wir zurückkommen, heißt es, und dann ließe sich vielleicht in der TI selbst noch eine Möglichkeit zur Unterbringung finden. Dieses freundliche Angebot müssen wir zum Glück nicht in Anspruch nehmen, da wir tatsächlich unseren ganzen Kram in einem abgeschlossenen Glasraum im Fährgebäude in eine Ecke auf einen großen Haufen werfen dürfen.
Im Warteraum sitzt einer meiner isländischen Kabinenkameraden, dem ich kurz bedeute, daß wir noch etwas ohne Gepäck die Stadt erkunden möchten. Das tun wir dann auch. Für mich sind dabei zwei Dinge von Bedeutung. Zum einen will ich wie vor zwei Jahren einen schönen Aufkleber für mein Fahrrad erstehen und mir zweitens eine gehörige Portion Fish-and-Chips ´reinpfeifen (auch wie damals!). Das mit dem Aufklebern entpuppt sich jedoch schwieriger als gedacht. In einem kleinen (mir bekannten) Souvenierladen gibt es nur noch einen riesigen viereckigen Sticker, der augenscheinlich größer als mein Schutzblech ist. Ich frage die ältere Dame, ob sie noch andere auf Lager habe (ich deute z.B. eine Fahne mit Mast an), aber sie muß leider passen. Danach drehe ich das unförmige Klebeteil noch mehrfach zwischen den Fingern hin und her und lege es schließlich in die Auslage zurück.
Draußen beginnt Wieland mir sogleich schwere Vorwürfe zu machen. Ob ich nicht bemerkt hätte, daß dieses arme, alte Weib fast geweint hätte, weil ich so offensichtlich ihren Aufkleber verschmäht hätte! Und dabei hätten ihre Augen schon ganz hoffnungsfroh in der Aussicht auf ein kleines und bescheidenes Geschäft mit netten Fremden geleuchtet. Bestimmt bekäme sie nur eine unzureichende Rente und jede eingenommene Krone in ihrem kleinen Laden bedeute ein Stück mehr Sicherheit im langen und harten Winter. Ich arrogantes Touri-Schwein!
Aber das sind Vorwürfe, mit denen ich leben muß und kann. Zu hart ist mein Panzer gegen solche abgeschmackten Sprüche! In die folgenden Schaufenster werfe ich jetzt immer wieder neugierige Blicke, ob dort nicht zufällig attraktive Aufkleber nach meinem Geschmack herumliegen, doch ich sehe - falls überhaubt - immer nur den einen. Wieland versäumt es selbstverständlich nicht, mich darauf hinzuweisen, wie herzlos es von mir wäre, besagten Aufkleber nicht bei der netten und bedürftigen alten Dame zu kaufen, sondern bei irgendeinem jungen Proll, der das Geld sowieso gleich wieder versaufen würde. Aber für ein schlechtes Gewissen ist es für mich noch zu früh! Zunächst stellt sich nämlich heraus, daß mein Lieblings-Fish-and-Chips-Brater genau an diesem Tag geschlossen habt! Auf dem handgeschriebenen Schild stehen zwar noch mehr Informationen, aber auch Wieland mit seinen nordischen Kenntnissen muß hier leider passen. Wofür lernt der Kerl diese Sachen denn überhaupt, wenn man sie im praktischen Leben nicht anwenden kann? Als wenn es so schwer wäre, die Sprache der Färöer zu entziffern, wenn man behauptet, des Isländischen mächtig zu sein. Alter Aufschneider!
Somit bin ich erst einmal niedergeschlagen, und wir stürmen zu dritt das dreistöckige Kaufhaus der Stadt, welches von außen wesentlich imposanter wirkt als in den kleinen Räumen im inneren. Dennoch gibt es eine überraschend große Produktpalette. Insbesondere halte ich nach spottbilligen Korthosen Ausschau, die es vor zwei Jahren hier im Angebot gegeben hat - doch nichts dergleichen ist heute noch zu sehen. Ich hätte mir eh keine gekauft.
Wir lassen die Fahrräder vor dem Laden an einem Laternenpfahl angekettet stehen und gehen zu Fuß weiter. Nicht weit entfernt fällt uns ein Erdgeschoßraum an einer Straßenecke auf, der bis auf ein paar Juso-Fahnen kahl ist. Auch hier gibt es also diese jungen Streiter. Wir überqueren die Straße, beäugen kurz einen Imbiß, stellen aber fest, daß es hier keine fritierten Fische gibt. Also geht´s weiter, wieder in eine Seitenstraße, diesmal in Richtung Bäcker. Und hier haben wir Glück: Direkt daneben gibt es einen Fast-Food-Laden mit Fischen und Fritten! Welch ein Fest! Über eine Stunde sitzen wir in diesem gastlichen Etablissement, essen knuspriges Grätentier (selbst Kalle) für weniger als 40 Kronen, schlürfen Cola und beobachten den stärker werdenden Betrieb, denn es ist schon um die Mittagszeit. Viele Leute haben telefonisch bestellt und holen sich ihren Fraß nur kurz ab. Nach hektischen 30 Minuten wird es auf einmal wieder ruhiger im Geschäft. Bevor wir gehen, nutze ich noch die günstige Gelegenheit, um auf der interessant verwinkelten Toilette Ballast abzuwerfen. Nachdem wir den Laden verlassen haben, ist er fast leer.
 Um wieder in Schwung zu kommen, wandern wir zur Kirche hinauf. Den Weg kennen wir nun schon, da wir ihn fälschlicherweise vor drei Tagen gefahren sind, um Tórshavn zu verlassen. Zu Fuß erscheint mir der Weg doch wesentlich angenehmer als auf dem schwer bepackten Rad! FußballDas Gotteshaus ist leider verschlossen, aber ich kann zumindest den gläsernen Wohnfußball schräg gegenüber auf Diafilm bannen, was ich vor drei Tagen versäumt habe. Danach legen Kalle und ich uns für 20 Minuten vor die Kirche ins Gras. Endlich ist die Sonne herausgekommen, aber es will nicht richtig warm werden, da ein kräftiger Wind von See her weht. Eigentlich weht hier jeder Wind von See her. Als ich wieder aufstehe, entdeckt Wieland viele kleine weiße Pünktchen auf meiner Regenjacke. Der Boden ist offensichtlich mit Granularkörnern frisch gedüngt worden. Wer will denn da auf einmal Schadenfreude zeigen?!
Wir gehen wieder zurück in die Fußgängerzone, wo unsere Räder hoffentlich immer noch auf uns warten, während uns Wieland unterwegs etwas über die hohe Kriminalitätsrate auf den Inseln erzählt. Vielen Dank auch. Aber unsere Stahlrösser stehen, wie wir sie verlassen haben, und so gehen wir gemütlich weiter, wieder etwas durch den Ort bergan. Wir haben ja sonst nichts zu tun, da die Abfahrt der Fähre um 18 Uhr noch Stunden vor uns liegt. Wie wir so dahinschlendern, gelangen wir an einen Obelisken! Und hier nun meine Frage: Wozu sind diese Dinger eigentlich gut? Ich finde diese Phallussymbole irgendwie nichtssagend, zumal sie in aller Welt immer gleich aussehen. Aber wer´s schön findet...
Zumindest ist dieser schwarze Obelisk an einem schönen Aussichtspunkt über der Stadt und dem Hafen aufgestellt, und wir verbringen etliche Minuten in seiner Obhut. Wir verfolgen das geringe Treiben auf den Nebenstraßen mit mäßigem Interesse. Hier im reinen Wohnviertel erinnert mich so manches an Helgoland auf dem Oberland (wo ich in früher Kindheit vier Jahre wohnen durfte. Auch dort wurden kleine mehrstöckige Häuser eng gebaut und bunt angemalt. Im übrigen pfeift dort im Winter wohl ein vergleichbar naßkalter Wind um die Ecken. Aber auch hier wird es uns bald langweilig, da Wieland und mir irgendwann die Ideen ausgehen, wie hier wohl so das nachbarschaftliche Leben für gewöhnlich vor sich geht. Wir schlendern durch enge Gassen wieder zurück nach unten und begrüßen freudig unsere treuen Fahrräder, die so lange auf uns haben warten müssen.
Nun ist ja die Sache mit dem Aufkleber für mich noch nicht geklärt, und letztendlich bin ich ja auch nur ein Mensch, der seine Gefühle nicht ignorieren kann. Also kaufe ich aus sozialer Verantwortung den übergroßen Sticker bei der alten Lady im hübschen Andenkenladen, bestaune noch etwas die vielen ausgestopften Seevögel und glaube heute Nacht guten Gewissens einschlafen zu können, weil ich 10 Kronen für einen guten Zweck ausgegeben habe. Um schließlich zum Fährhafen zurückzukehren, fahren wir aus irrationalen Gründen unter meiner Führung in einen völlig falschen Teil des Hafens, der zwar recht schön ist, aber was sollen wir hier? Also fahren Wieland und ich dem Kalle hinterher, und kurz darauf sind wir wieder an unserer Fährmole. Nun ist es aber immer noch mitten am Tage, von der Norröna weit und breit nichts zu sehen, so daß wir noch das nahe Hafenleuchtfeuer auf einer alten Befestigunganlage ansteuern. Der Wind bläst immer noch ganz tüchtig, aber im Windschatten der alten Wallanlagen oberhalb des Hafens ist es im Sonnenschein ganz kuschelig warm. Wir machen es uns bequem, ich lausche dem Zischen der langen Grashalme im Seewind und schaute den dahinziehenden weißen Wolken am blauen Himmel nach. Da es aber doch etwas zieht, verlagere ich etwas die Position, so daß ich auch näher an meinem neben dem Leuchtfeuer abgestellten Fahrrad zu liegen komme. Leuchtturm in alter HafenanlageDer rot-weiße Leuchtturm fasziniert mich als Fotomotiv, und die nächsten 20 Minuten bin ich voll und ganz damit beschäftigt, diesen so abzulichten, daß man hoffentlich die Bewegung des Grases davor auf dem Bild erkennen kann. Eigens dazu stelle ich mein Mini-Stativ auf und muß die Erfahrung machen, daß die 30 Mark für das Ding völlig vergebens ausgegeben worden sind! Es klappt immer wieder um oder fällt in sich zusammen. Als ich schließlich doch einigermaßen zufrieden bin, lege ich mich wieder hin.
Ich döse so eine ganze Weile, bis mir eine angefuselte ältere Gestalt ein Gespräch aufzwingen will. Dankend lehne ich die dargebotene Flasche mit zweifelhaftem Inhalt ab (ich hatte ja heute Morgen schon) und versuche ihm auf Englisch mein Reiseziel zu verdeutlichen. Ich bin mir ziemlich sicher, daß er sich durch mein mehrmaliges Wiederholen der Worte "Ferry", "Norröna" und "Iceland/Island" ein verschwommenes Bild von meinen Plänen machen kann. Als ich auf mein Fahrrad deute, patscht er mir anerkennend auf die Schulter. Ich schaue mich verstohlen nach Kalle um, der nur wenige Meter von mir entfernt liegt, aber von alledem offensichtlich nichts mitbekommen möchte und sich dementsprechend nicht rührt. Die Norröna kommtNach einigen weiteren Minuten gequälten Gesprächs, das sich weiterhin fast ausschließlich um die Worte "Ship" und "Island" dreht, springt er auf einmal auf und ruft laut "NORRÖNA!" aus und deutet auf die offene See hinaus. Und richtig, so betrunken kann er noch nicht sein, denn am Horizont ist in beachtlicher Ferne unser Fährschiff zu erkennen. Mein neuer Kumpel freut sich, schlägt mir wieder auf die Schulter, ich freue mich mit ihm und dann erst richtig, als er endlich geht, um weiter durch die Wallanlagen zu taumeln. Norröna im HafenIch lege mich auf den Bauch und beobachte das langsame Näherkommen des Schiffes durch die rauhe See, die durch das Sonnenlicht aber dennoch irgendwie freundlich wirkt. Dann taucht auch Wieland wieder auf (weiß der Eissturmvogel, wo der sich die ganze Zeit herumgetrieben hat) und schaut sich mit Kalle und mir das Wende- und Anlegemanöver der stattlichen Fähre im Hafen von Tórshavn an. Nachdem die Norröna festgemacht hat, besteigen wir schließlich wieder unsere Räder und rollen nach unten zum Terminal.
 Unten in der Halle ist die Hölle los! Ich bin ehrlich erstaunt, wie viele Menschen in Bergen (Norwegen) auf das Schiff gestiegen sind, um es hier wieder zu verlassen, statt bis nach Island durchzufahren. Zu allem Überfluß versuchen genügend andere Leute, in das Fährgebäude einzudringen, um einen guten Start an der Gangway zu erwischen. Als ich nach einer ganzen Weile eine Lücke erahne, stürze ich mich mit meinem Fahrrad an der Seite in die wogende Menge und klingele und stoße mich tapfer zu unserem Gepäck vor, das wohl Junge bekommen hat, denn es ist bei weitem nicht mehr allein. Da wir die ersten waren, die ihre Sachen hier abgestellt haben, sind diese jetzt natürlich ganz hinten zu finden. So bilden wir zu dritt eine Kette, um unseren Kram aus dem Nebenraum in die Wartehalle zu hieven. Im Stillen hoffe ich inständig, daß Kalle und Wieland nicht auffällt, um wievieles schwerer meine Taschen gegenüber den ihren sind! Aber vielleicht bin ich auch inzwischen nur paranoid, und der Unterschied ist nur halb so schlimm. Immerhin lassen die beiden in dieser Hinsicht keine schlauen Bemerkungen fallen, aber es ist eh nicht die Zeit für Sprüche in diesem wirren Menschenauflauf der Ankommenden und Weiterreisenden.
Schließlich gelingt es uns, das überfüllte Gebäude zu verlassen und draußen - etwas abseits der wartenden Autos - Position zu beziehen. Unsere beiden jungen Biker sind auch schon da und geben kluge Hinweise, wo man die frischen Boarding-Cards erhalten kann. Und nun beginnt das alte Spiel - warten. Kein Fahrzeug verläßt mehr das Schiff, kein Wagen wird hinaufgelassen. Auch die wartenden Fußgänger im Terminal dürfen das Schiff über die überdachte Gangway noch nicht betreten. Auf der Treppe zwischen dem ersten und dem zweiten Stock entdecke ich Birgit, die auf den Stufen sitzt und sich wie viele andere neben ihr auch langweilt. Auch wir finden die Situation nicht gerade spannend, in welcher das Schiff vermutlich gerade hektisch saubergemacht wird. Zum Glück haben wir wenigstens heute gutes Wetter.
Erst kurz nach fünf Uhr kommt Leben in die Bude. Die Fußgänger dürfen das Schiff betreten und die ersten Autos werden an Bord gewunken. Für uns Radfahrer hat das allerdings noch recht wenig zu bedeuten, so lassen wir die Räder an der Zaunabsperrung stehen und gehen zu Fuß nach vorne, um uns den schleppend vorangehenden Beladevorgang anzuschauen. Natürlich sind wir gegen 18.30 Uhr wieder einmal die allerletzten, und wieder einmal stehen wir beschissen weit hinten im Schiff. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Räder an die Stoßstange eines höhergelegten Gelände-Pickups zu schnallen, da sonst nur glatte Schiffswände zur Verfügung stehen. Der Besitzer des Wagens sieht unsere Lage glücklicherweise ein und erlaubt uns das Andocken. Zu dieser Zeit sind wir aber sowieso schon fest mit seinem Fahrzeug verbunden.
Jetzt folgt Teil Zwei - und Ääääktschen! Gepäck Trepp´ auf, Gepäck den Gang durch die Informationshalle entlang, Gepäck Trepp´ ab, Zimmer suchen. Im Gegensatz zu Wieland und Kalle habe ich nämlich eine neue Kabine zugewiesen bekommen, da mein altes Bett ab den Färöer-Inseln wohl schon vor meiner eigenen Buchung für diese Strecke von jemand anderem reserviert worden ist. Wie sich herausstellt, teile ich mir die Vierbett-Kabine lediglich mit einem Isländer so um die 50, der nicht schlecht über mein ganzes Gepäck staunt, aber leider Gottes kaum ein Wort Englisch versteht. Trotzdem versuchen wir freundlich einige Minuten zu kommunizieren, ich lehne erneut dankend eine dargebotene Flasche zollfreien Fusels ab und beschränke mich auf das Vertilgen einiger angebotenen Häppchen ´After Eight´. Kurz darauf werfe ich mir fast schon routinemäßig etwas gegen das Schaukeln aus meiner Reiseapotheke ein, und da ich jetzt endlich über ein eigenes Duschgel verfüge, wird dieses sogleich in Anspruch genommen. Den Waschraum habe ich kurz nach dem Ablegen des Schiffes für mich allein.
Wohlriechend und in frische Klamotten gehüllt steige ich wenig später die Treppen zur Informationshalle empor, wo ich wieder Birgit antreffe, die an der Backbord-Fensterfront auf dem Boden sitzt und die vorbeiziehenden Berge beobachtet. Ich geselle mich zu ihr, und wir unterhalten uns über unseren kurzen Aufenthalt auf den Färöern. Sie ist leider die ganze Zeit in Tórshavn geblieben, da sie ja ohne Zelt auf die Juhe angewiesen gewesen ist. Anhand einer groben Prospekskizze (die Färöer-Broschüren sind alle vergriffen) erläutere ich ihr unsere Wegstrecke, während wir allmählich die offene See wieder erreichen. Links von uns steigt die Küste steil an und sieht ziemlich wild aus. Einige Felsen und Schären sind gischtumtobt. Wie im Jahre des Herrn 1996 ärgere ich mich darüber, daß ich meinen Fotoapparat in der Kabine gelassen habe, den die Inselgruppe, durch die das Schiff zuvor gefahren ist, bietet von der Seeseite einen graniosen Anblick.
Sobald sich die Norröna aus dem Schutz der Färöer herausgearbeitet hat, wird sie wieder zu einem Teil des Nordatlantiks und stampft sich tapfer ihren Weg durch die Wassermassen ´gen Norwesten frei. Draußen an Deck blicke ich gemeinsam mit Kalle und Wieland auf die zusehens kleiner werdenden grünen Berge im Meer zurück.
Doch statt so richtig sentimental zu Beginn einer Urlaubsreise zu werden, steht mir der Sinn nach wichtigeren Dingen. So kommt es, daß ich um Punkt 20 Uhr im Viking-Club sitze, nur um festzustellen, daß hier kein Fußball geboten wird. So ein Dreck! Immerhin steht jetzt das Halbfinalspiel Frankreich gegen Kroaten auf dem Programm. Wahrscheinlich sind wir zu weit weg vom Land, um einen vernünftigen Empfang zu bekommen. Da kein mir bekanntes Gesicht in der Nähe ist, gehe ich nach unten in meine Kabine, wo mein Isländer mich verbal und über Gestik fragt, ob ich mit ihm zusammen Fußball gucken wolle. Er möchte gerade hoch gehen. Vermutlich ist es mir nicht gelungen, ihm zu erklären, daß wir keinen Fernsehempfang hätten, denn er geht trotzdem hinauf, nachdem wir wieder etwas von seinen Pfefferminz-Tafeln genascht haben.
Warum ich nun doch noch einmal nach oben gehe, weiß ich nicht so recht. Auf jeden Fall ist der Viking-Club voll besetzt, denn es läuft doch tatsächlich König Fußball! Das Bild ist zwar unter aller S.., aber dafür handelt es sich um eine Übertragung der guten, alten ARD, und Gerd Rubenbauer gibt seinen durch schlechten Satellitenempfang abgehakten Senf dazu. Aber das ist den Leuten hier egal, denn sie sehen, wie Frankreich die Kroaten vom Platz fegt und sich somit für das Finale am 12.07. gegen den Sieger der Partie Brasilien - Holland qualifiziert. Am meisten freue ich mit über die blöden Kommentare von Herrn Rubenbauer, die außer mir vermutlich kaum jemand im Raum versteht, aber für mich ist es ein Stück alte Münsteraner Welt, da ich mit meinem Mitbewohner André die meisten bisherigen Spiele mit gehörig viel Joey´s Pizza im Fernsehen verfolgt habe. Ich bin halt Sesselfußballer und stehe dazu.
Direkt nachdem der Videobeamer ausgeschaltet worden ist, verschwinde ich unter Deck, putze mir flink die Zähne und schließe in meiner Koje bald die Augen. In weniger als zehn Stunden werden wir auf Island sein...

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