Ein isländisches Tagebuch
(Island-Fahrradtour vom 03.07.- 25.08.1998)

3. Teil: (Ankunft auf Island)
Von Seyðisfjörður bis zum Mývatn

Seyðisfjörður – Egilsstaðir
Egilsstaðir – Jökuldalsheiði
Jökuldalsheiði – Grimsstaðir
Grimsstaðir – Mývatn

 

Donnerstag, der 09.07.98
(Ankunft auf Island --- von Seyðisfjörður bis Egilsstaðir [29 km])

 Um 9 Uhr soll die Fähre ankommen, da ist es natürlich Ehrensache, mindestens 11/2 Stunden vorher an Deck zu stehen. Zu sehen gibt es allerdings wenig. Island voraus!Die Sicht ist nur mittelprächtig, und die Wolken ziehen tief über den Himmel. Aber in der Ferne ist Land zu erkennen: Island!
Ich erinnere mich zurück. Am 18.07.96 haben Peter und ich fasziniert an Deck desselben Schiffes gestanden und sahen bei phantastischem Sonnenschein Island mit seinen schneebedeckten Bergen aus dem Meer aufsteigen. Es wehte zwar ein ziemlich kühler Wind, der uns fast alles an warmen Klamotten abverlangte, die wir aufzubieten hatten (und wir hatten natürlich ein bißchen Bammel), doch die Szenerie war herrlich. Im übrigen muß ich hinzufügen, daß wir sofort nach dem Landgang nur noch T-Shirt und kurze Hose trugen, so warm wurde es noch an jenem Morgen. An diesen Morgen nicht.
Auch heute weht es ganz schön kühl daher, allerdings ist es eine feuchte Kühle. Ich bin sehr froh über meine dunkelblaue Wollmütze, und auch Wieland hat sein Bommelteil aufgesetzt. Seit wir in Sichtweise des Landes sind, hat das Stampfen des Schiffes deutlich nachgelassen, und langsam dahin gleitend sehen wir die isländische Ostküste mit seinen von Altschnee bedeckten Fjordbergen näherkommen. Trübes ErwachenDas obere Drittel der Berge ist von Wolken verhangen und unseren Blicken entzogen. Aber nicht nur dieser von Ferne schon allzu deutlich Anblick jagt uns Angst ein. Es ist der gerade fallende Neuschnee, der sich leicht erkennbar gegen den dunkler gefärbten Schnee des letzten Winters abhebt. Neuschnee in Juli! Als wir etwas nach halb neun in den Seyðisfjord einfahren, sehen wir ihn nahe zu beiden Seiten auf beiden Seiten aus den Wolken fallen und nur wenige hundert Meter über uns liegen bleiben. Schneefall bei 2 °CAuf Meereshöhe nieselt es lediglich. Mein kleines Thermometer kann die Stimmung auch kaum heben, immerhin zeigt es nur 4°C an! Kalle teilt uns mit, daß ein Schwede aus seiner Kabine etwas von Schneefall und 2 Grad auf der Paßhöhe nach Egilssaðir aus dem Radio aufgeschnappt hätte. Wahrlich keine freundlichen Aussichten! Aber nicht nur wir drei sind nervös. Um uns lauter Gesichter, die die gesamte Bandbreite an Gefühlen von gebannter Faszination bis zu blankem Entsetzen widerspiegeln. Ich nehme an, daß jene mit den etwas entspannteren Gesichtszügen über einen Wagen mit funktionstüchtiger Heizung verfügen....in Seyðisfjörður !!!Willkommen...
  Obwohl Wieland und ich unsere Gepäckstücke diesmal rechtzeitig in den hinteren Teil des Schiffes an einen Niedergang zum Autodeck gestapelt haben, gestaltet sich der Transport selbiger zu den Fahrrädern noch schwieriger als vor einigen Tagen bei unserer Ankunft auf den Färöern. Es wird gedrängelt und geschoben, und ich komme nur schlecht mit den Taschen zu meinem Rad durch. Zu allem Unglück muß ich auch noch mehrfach laufen. Immerhin überbrücke ich nahezu den gesamten Anlegevorgang mit herrumrennen und aufsatteln, so daß ich nicht sehr lange warten muß, bis sich weit vor uns im Bug der Schiffsrumpf öffnet, und die ersten Fahrzeuge die Norröna verlassen. Glücklicherweise muß man als Fahrradfahrer nicht auch noch darauf warten, bis man hinausgebeten wird, sondern folgt einfach der ersten Autoschlange ins Freie. Dort nieselt es natürlich immer noch! Norddeutsches Schmuddelwetter würde ich dazu sagen - im Herbst! Nach dem Verlassen der Fähre halten wir in der Durchfahrt des Zollgebäudes und lassen uns und unser Gepäck von Schäferhunden abschnuppern. Vor der Ausfahrt fieseln die Regenbindfäden auf den schwarzen Asphalt. Welch ein Willkommen!
Ein Zollbeamter will uns offensichtlich aufmuntern und weiß zu berichten, daß es vor zwei Wochen weit über 20°C in Seyðisfjörður waren. Der Nordosten des Landes sei aber jetzt total zugezogen und ungemütlich. Daran würde sich demnächst wohl auch nichts ändern, meint er. Heute wäre es übrigens mit Sicherheit sehr ungemütlich auf dem Paß (besonders für uns spinnerten Radfahrer, fügen seine Blicke stumm hinzu). Mist, draußen schüttet´s!Wir schmeißen uns also in die Regenklamotten und üben uns in Optimismus. Wir sind alle versammelt. Die elf Tschechen, die Biker-Kids, wir drei und einige uns unbekannte Neuankömmlinge aus Bergen. Wieland, Kalle und ich brechen als erste in den Ort auf.
Ich kann es nicht lassen und muß es erwähnen. Am 18.07.96 frühstückten Jörn, Andreas, Peter und ich in aller Seelenruhe an einer prähistorischen Kanone am Hafen nicht weit von einem gut sortierten Kaufmannsladen entfernt. Wir waren damals die letzten Radfahrer, die den Fährort verließen, um uns dem 660 m hohen Paß nach Egilsstaðir an der Ringstraße zuzuwenden. Diese Tortur ist unvermeidbar, da Seyðisfjörður in einer Sackgasse steckt. Vom Herbst bis ins späte Frühjahr hinein soll der etwa 800 Einwohner zählende Ort nur mit dem Schiff oder dem Hubschrauber erreichbar sein, da die Paßstraße unpassierbar sein soll.
Dies ist natürlich nicht im Sommer der Fall, doch da Kalle und ich das am besten gleich ganz genau wissen wollen, lassen wir Wieland kurzerhand an der Tankstelle zurück, da dieser sich erst mal Geld wechseln möchte, um danach einen warmen Tee zu sich zu nehmen. Wie schon erwähnt möchte er ja auf dem schnellsten Weg nach Reykjavík gelangen, und sein Bus von Egilsstaðir nach Höfn fährt erst um vier Uhr nachmittags in Egilsstaðir ab. Da lange Abschiede bei kaltem Wind und feuchtem Wetter selten Spaß bringen, lassen Kalle und ich ihn bald zurück. ´Aragata 1´, das ist die Adresse seiner Dozentin, bei der er die ersten Wochen hoffentlich wird wohnen können, nachdem er von einem Praktikum aus dem Hochland zurückkommt.
Doch um richtig zu bedauern, daß wir uns von Wieland getrennt haben, dazu bleibt keine Zeit, denn wenige Minuten später peitscht uns ein heftiger und durch die nahen Berge böiger Wind ins Gesicht. Nur langsam geht es voran, doch immerhin kann ich mich, wenn auch nur mit Mühe, auf dem Fahrrad halten – noch! Je höher wir fahren, desto schärfer weht der Wind. Ich bin froh, daß meine frisch imprägnierten Klamotten der von ihm mitgebrachten Nässe bis jetzt standhalten, auch wenn ich zu recht skeptisch bleibe. Marsch nach obenBei einem unserer häufigen Stops sehen wir unter uns eine lange Radlerkolonne langsam den Hang hinaufkriechen. Unterdessen fahren schon seit geraumer Zeit immer wieder Autos in kleinen Trupps von der Fähre kommend an uns vorbei. Unsere Haltepunkte werden immer häufiger, so daß sich ein Teil des zweirädrigen Verfolgerfeldes langsam immer näher zu uns vorarbeitet, bis wir von den ersten Helden-Tschechen, einen heimlichen Idolen, beim Schieben überholt werden. Zwar gelingt es uns, das eine oder andere Mal wieder Plätze gut zu machen, doch nach vielleicht vierhundert Höhenmetern befinden wir uns nur noch im dahinkriechednen Mittelfeld. Nachdem Kalle zum wiederholten Maße auf mich gewartet hat, gebe ich ihm zu bedeuten, daß er nicht mehr auf mich zu warten braucht, wenn er heute noch was Vernünfiges an Strecke schaffen möchte. Bald darauf sitzen wir wieder auf unseren Sätteln, und Kalle ist etwas zügiger als zuvor.
Es ist schon irre, da kämpft man sich fast in Schrittgeschwindigkeit gegen Wind und Steigung die weit geschwungene Asphaltstraße hinauf, vor sich einen anderen Radfahrer in zehn Metern Entfernung, von dem man weiß, daß man ihn aus eigener Kraft nicht mehr einholen kann. Wenn jemand eine Serpentinenschlinge weiter oberhalb vor einem ist, beträgt die Entfernung Luftlinie ungefähr 50 m. Letztendlich stecken hinter dieser Strecke aber minutenlange schweißtreibende Arbeit gegen Steigung, Nässe und Wind.
   Die meisten Tschechen sind an mir vorbei, als ich endlich der letzten rechten Steigungskurve folge, hinter der ich etwa 15 km lange Hochebene vermute. Fast obenIch freue mich darauf, endlich ebene Fahrbahn unter den Reifen zu spüren, doch kaum ist der letzte schützende Felsen vor mir verschwunden, springt mich der Weststurm in voller Stärke an! Mein Rad kommt ins Schlingern, ich kann es nur mit Mühe halten und vorwärts zwingen. Etwa 100 m vor mir sehe ich Kalles dick vermummte Gestalt an einer der schlanken, gelben Fahrbahnbegrenzungspfählen stehen und auf mich warten. Guter Kalle. Mit letzter Kraft erreiche ich ihn, das Gesicht verzerrt, das durch den scharfen Wind und eisigen Regen wie erstarrt wird. Unerbittlich braust der Sturm über die trüben Wasserflächen und das Geröll, in welches schmutzigen Altschneefelder eingesprenkelt sind. Die gelben Pfeiler heulen einsam im Wind.
Kalle bedeutet mir weiterzufahren, was uns aber nur beschwerlich gelingt. Weit vor uns sehen wir in einer Regenbö mehrere Gestalten ihre bepackten Räder schieben. Auch für uns hat es keinen Sinn mehr. Weiter schiebenWir müssen absteigen, um nicht ständig der Gefahr ausgesetzt zu sein, mit samt unseren Fahrrädern von der Straße die Geröllkante hintergedrückt zu werden. Es ist einfach ätzend. Immerhin ist die Straße jetzt vollständig geteert, was ich noch anders in Erinnerung hatte, aber das ist nur ein fader Trost.
Nach weiteren mühseeligen 15 Minuten setzte ich mich neben Kalle an die Böschung der Straße ins Geröll, unsere Fahrräder haben wir abgelegt, damit sie nicht umgestürmt werden. Wir essen eine Kleinigkeit und verhalten uns äußerst wortkarg. Es gibt in dieser Situation auch nicht viel zu sagen, wenn man trüben Gedanken nachhängend auf eine gekräuselte Wasserfläche vor seinen Füßen starrt. Nach fünf Minuten fahren die beiden Biker-Jungs an uns vorbei. Für mich eines der letzten großen Rätsel unserer Zeit, wie es den beiden möglich ist, bei einer Geschwindigkeit von vielleicht 3-4 km/h gegen die tobenden Elemente anzukämpfen, ohne sofort stehend vom Fahrrad zu fallen. Auch Kalle ist beeindruckt.
Kurze Zeit später stehen auch wir wieder neben unseren Rädern und geben unser bestes beim Schieben. Kalle ist mir wieder bald voraus, da ich ihm erneut versichert habe, daß er sich von mir nicht aufhalten lassen soll. Natürlich zehrt es zusätzlich an meinen geistigen Reserven, ihn langsam aber uneinholbar vor mir ausschreiten zu sehen. In der nun folgenden Stunde habe ich viel Gelegenheit, mir erneute Gedanken über mein Gepäck zu machen. Hin und her zu überlegen, was nicht notwendig gewesen wäre und wie sich ein Fehlen solcher Stücke wohl auf das Gesamtgewicht auswirken würde. Ich komme zu dem ernüchternden Schluß, daß ein geringfügiger Abwurf von Ausrüstungsgegenständen, die mir lieb sind aber nicht lebenswichtig wären, kaum zu einer Verbesserung meiner momentanen Situation beitragen würde. Doch diese Erkenntnis vermiest mir nur noch mehr die Stimmung.
Inzwischen bin ich ganz alleine hier oben. Weder vor noch hinter mir kann ich einen Radfahrer fahrend oder schiebend erkennen. Ich selbst habe es nach mehreren Versuchen aufgegeben, auf das Fahrrad zu steigen, um die anderen weit vor mir einzuholen. Nur gelegentlich fährt in dieser von Wind und Wetter heimgesuchten Einöde ein Wagen an mir vorbei, deren Insassen mich im Vorbeirauschen mit einer Mischung aus Verblüffung und Entsetzen anstarren. Es wird nicht das letzte Mal sein, daß ich mir darüber klar werde, wie unterschiedlich die Wahrnehmung des isländischen Wetters aus der Sicht eines Autofahrers gegenüber meiner sein muß. Im Innern ist es warm, das Autoradio oder der Cassettenrekorder läuft, man unterhält sich vielleicht angeregt mit einem Mitfahrenden oder lauscht gemeinsam der Musik. Sie können nur ahnen, was es heißt, ständig diesen Tücken des Wetters ausgesetzt zu sein, das sie lediglich zum Einschalten des Scheibenwischers zwingt und dann und wann die Karosserie durch einen plötzlichen Windstoß erzittern läßt. "Hoppla!" werden sie dann vielleicht ausrufen. Jeder sich gegen den Sturm ankämpfende Radfahrer muß diesen Leuten wie ein seltsames und unbegreifliches Wesen vorkommen.
Natürlich hält niemand an und fragt mich, ob er mich nach Hause fähren könnte. Leider!
Ich lasse mich in einen aufgeschütteten Steinhaufen an der Straße fallen und kauere mich in seinem spärlichen Windschatten zusammen. Die ausgepackte Aldi-Schokolande - sonst immer ein Genuß - will mir beim besten Willen nicht schmecken und das Wasser in meiner Flasche ist viel zu kalt zum Trinken. Ein kurzer Blick auf das Thermometer hat meine Befürchtungen bestätigt. Obwohl es inzwischen um die Mittagszeit ist, klammert sich die Quecksilbersäule beharrlich an der 4°C-Marke fest. Meine Hände sind eiskalt und erschreckend taub. Wenn ich jetzt schalten müßte, hätte ich dabei gewiß Probleme, die Schalthebel meiner Gangschaltung richtig durchzudrücken. Aber beim Schieben braucht man zum Glück keine Gangschaltung!
   Mit letzter Kraft erreiche ich die Schutzhütte, die sich etwa in der Mitte des Plateaus 50 m abseits der Straße befindet, und nach der ich schon seit über einer Stunde mit immer weniger Willen zum Weitermachen vergeblich Ausschau gehalten habe. Ich schiebe mein Fahrrad die kurze Seitenstraße bis zur orangefarbenen Blechhütte heran, die fest mit Stahltrossen mit dem Boden verankert ist. Hier entdecke ich ein weiteres Fahrrad.
Im Innern der Hütte ist es auf einmal ungewohnt still, der Wind hört abrupt auf, mir an den von innen und außen durchnäßten Regenklamotten zu ziehen. Dafür hört man das Pfeifen des erbosten Windes an Fenstern und Ecken des mit Spitzdach versehenen Schutzcontainers. Natürlich bin ich nicht allein. Auf einer Pritsche sitzt ein mir unbekannter Radler, der in einen Reiseführer vertieft ist. Wir nicken uns lediglich zu, und ich lasse mich auf eine Sturupormatraze in der sonst kahlen Hütte fallen. Ich schließe die Augen, versuche meine Atmung zu beruhigen und lausche auf die Geräusche des Sturms und das Prasseln der Regentropfen auf dem Wellblech. Ich friere, da ich völlig verschwitzt bin, doch trotz alledem bleibe ich bestimmt eine halbe Stunde nahezu unbeweglich hier liegen. Ich komme nicht einmal richtig dazu, mich zu bemitleiden, mein Kopf ist nahezu leer.
Eine halbe Stunde später ist es mir immer noch nicht gelungen, den orangenen Farbfleck in der grauen Geröllandschaft außer Sichtweite hinter mir zu lassen. Noch immer hält sich in ihr mein stiller Mitschutzsuchender auf, der mein Verschwinden kaum wahrgenommen hat. Draußen vor der Tür wurde ich wieder von dem eisigen Westwind erfaßt!
Vor mir muß ich noch einmal einen leichten Anstieg feststellen, der dadurch um so furchteinflößender wirkt, da ich das Fahrrad schon auf ebener Fläche kaum schiebend vorwärts bekomme. Inzwischen bereue ich es bitterlich, daß ich die Handschuhe so tief im Gepäck vergraben habe und wünsche mir nichts sehnlicher als eine Gesichtsmaske. Ich weiß, das Wieland solch ein Ding besitzt. Als ich sie auf den Färöern einmal kurz zu Gesicht bekam, habe ich gelacht. Heute ist mir nicht nach Heiterkeit zumute. Langsam wird es mir immer mehr zur Gewißheit, daß ich auf dem rechten Auge nicht mehr scharf sehen kann und es etwas schmerzt. Der naßkalte Wind muß es gereizt haben und tut es immer noch, denn der Schleier vor meinem Sichtfeld wird noch immer trüber! Trotz der üblen Sicht und meiner steifen Gesichtszüge bleibe ich erneut stehen und setzte ich mir meine Sonnenbrille auf. Dadurch kann ich natürlich nicht besser sehen, eher das Gegenteil ist der Fall, aber sie schützt zumindest etwas gegen den schädlichen Wind.
Nach einer letzten langwierigen Quälerei ist es endlich geschafft, ich habe das Ende der Hochfläche erreicht. Weit unter mir kann ich See Lagarfljót erkennen und an seinem nördlichen Ende direkt unter mir den Ort Egilsstaðir, der auf etwa 20 m über NN liegt. Blick auf EgilsstaðirUm diesen herum erstrecken sich für isländische Verhältnisse ausgedehnte Birkenwälder, das größte zusammenhängende bewaldete Gebiet, das die Insel heute noch zu bieten hat. Im Wolkenschleier und durch die Sonnenbrille beobachtet hält sich das Gefühl der Faszination bei mir aber in Grenzen. Behutsam beginne ich mit der Abfahrt. Eigentlich sollte man sich ja über diese Strecken freien Fahrens, die man sich mehr oder weniger schwer erarbeitet hat, freuen, aber heute ist mir nicht nach Genießen zumute, denn der Wind macht ein schnelles Abfahren fast unmöglich und verlangt ständige, angespannte Konzentration. Hinzu kommt noch, daß mein Auge anfängt zu tränen. Aber so ganz kann ich meine Freude doch nicht unterdrücken, oder sollte ich das Gefühl, welches mich beschleicht, lieber Erleichterung nennen? Ich habe die schlimmste Strecke hinter mir, die ich bisher je auf einem Fahrrad erlitten habe. Zwar bin ich mir bewußt, daß man in der augenblicklichen Situation häufig dazu neigt, einen scharfen Gegenwind, eine unmögliche Steigung oder dauerhaften Platzregen als "das Schlimmste" zu bezeichnen, "das man je zuvor erlebt hat", doch ich bin fest überzeugt davon, daß diese Aussage für das kürzlich Erlebte zutrifft. So in etwa habe ich mir zu Hause meinen schrecklichsten Tag auf Island vorgestellt, und nun ist es gleich der erste! Wie viele weitere werden noch folgen?
  Erschöpft aber glücklich fahre ich schließlich in Egilsstaðir ein, der Reichtum der Natur an Moorbirken ist augenfällig. Zunächst steuere ich die "Reifeisenbank" an, wie Peter und ich sie nach dem Firmensymbol genannt haben, einem Korn aussähenden Mann. Draußen steht ein Fahrrad mit Gepäck, daß ich spontan einem Tschechen zuordne, den ich im Geldinstitut vermute. Dort sehe ich ihn aber nirgends, auch keinen anderen verschwitzten Recken. Ich löse hier in Ermangelung eines EC-tauglichen Geldautomaten einen Eurocheque ein, der mir 13.000 isländische Kronen (ISK) einbringt, die Höchstsumme, die man mit einem Scheck erhalten kann. Für 1 Mark erhält man zur Zeit runde 40 ISK, ich bin also finanziell zunächst gut ausgestattet. Das fremde Rad steht immer noch treu wartend herum, während ich mich in Richtung Supermarkt/Campingplatz davon mache. Vor dem Laden stehen weitere bepackte Stahlrösser, unter anderem auch das von Kalle. Als ich den Shop betreten will, bekomme ich zunächst Probleme mit den elektischen Schiebetüren, die sich in einem Halbkreis öffnen. Ich schaue mich um und entdecke zunächst eine ganze Horde bekannter zerzauster Gestalten, die sich über den freien Kaffee, der häufig in öffentlichen Gebäuden und Läden in Island angeboten wird, ausgiebig hermachen. Ich schwanke aber zunächst wie im Traum in die einladende Verkaufsarena. Dieses Geschäft gehört meiner Erfahrung nach zu einem der größten Supermärkten außerhalb des Großraumes Reykjavík auf der anderen Seite der Insel. Meine Wahl fällt spontan auf eine exklusive Islandauswahl, die liebe Erinnerungen an einen früheren Urlaub hervorrufen. So lege ich nach einem zügigen Rundgang eine 2-Liter-Flasche Pepsi-Cola, ein Plastikglas mit ´Peter Pan Peanut Butter´ (Extra Crunchy), eine Keksrolle Hob Nobs sowie einen Becher Blaubeer-Skyr auf das Band an der Kasse. Bei letzterem handelt es sich um eine Art Quarkspeise, in diesem Fall mit Sahne verfeinert, die dadurch etwas cremiger wird und von der Konsistenz her auch etwa unserem Sahnequark nahe kommt. Es gibt Skyr in Reinform (man muß dann selbstständig Zucker und Milch unterrühren, sonst ist er ungenießbar) und in allen möglichen (teureren) Geschmacksvarianten, die es mit jedem anständigen Fruchtjoghurt daheim aufnehmen können. Und vor allem sättigen sie mehr!
Mit meiner nostalgieverdächtigen Beute im Arm begebe ich mich nun in die lebhafte Kaffeerunde und lasse mich neben Kalle erschöpft in einen Plastikstuhl fallen. In wenigen aber dramatisch gewählten Worten beschreibe ich das Stück meiner Fahrt, das ich alleine gegen die Elemente bezwungen habe. Meine Steckenzeit beeindruckt ebenfalls. Für schlappe 29 km habe ich holde fünf Stunden gekämpft, das ist rekordverdächtig an diesem Tag, der mittlerweile knapp 16 Stunden alt ist. Nachdem ich etwas wohlverdiente Sieger-Cola zu mir genommen habe, bleiben meine Augen an den stark frequentieren Kaffee-Thermoskannen hängen. Ich erwähne hier gleich, daß ich Kaffe widerlich finde und mich lediglich für den Geruch von frisch aufgebrühtem Bohnensaft erwärmen kann, aber dieses Getränk dort ist heiß! Ich werfe also sämtliche Ekelgefühle über Bord und gönne mir einen kleinen Plastikbecher voll. Abscheulich! Ich verabscheue es! Aber es wärmt von innen!!! In der zweiten Runde mache ich es allerdings der Biker U21 nach, die sich lediglich eine freie Milch nach der nächsten kippen, die zu unserer Erbauung in reichlichen Mengen (eigentlich zum Aufhellen des Kaffees) neben den beiden Kannen steht. Die beiden ermutigen mich auch, tatkräftig an der nahen Maggi-Suppen-Werbe-Theke zuzuschlagen, an der eine mittelalte Verkäuferin mit gönnerhafter Miene superkleine Plastik-Terrinen mit einer Kostprobe einer beliebten Maggi-Suppe füllt. Einfach Klasse! Einmal Blut geleckt ziehe ich mir vier dieser überdimensionierten Fingerhüte voll heißer Suppe rein, doch danach sehe ich von einem fünften Mal ab, da der Gesichtsausdruck der Dame beim letzten Mal schon leicht versteinert wirkte. Was soll´s, immerhin werde ich in den nächsten Wochen Großkunde von Tütensuppen sein, und Maggi wird unter Garantie auch kräftig vertreten sein.
Die Sitzplätze um die vier Tische leeren sich, da die Tschechen allmählich aufbrechen, denn sie offenbar noch nicht genug an diesem Tag erlebt. Dabei brechen sie jedoch nicht alle gemeinsam auf - nein, sie starten alleine oder in Zweier- bis Dreiertrupps - in Zehn-Minuten-Abständen! Das ganze erinnert irgendwie an einen Wettkampf, in dem die exakte Zeit jedes einzelnen Teilnehmers von Sieg oder Niederlage der Gruppe abhängen kann. Sehr befremdlich. Mein Entschluß steht fest, ich habe genug durchgemacht für heute. Kalle möchte auf jeden Fall noch weiter, und jetzt - es ist etwa halb fünf - rutscht er schon nervös auf seinem Stuhl herum. Eigentlich sind die Fahrbedingungen draußen vor der Tür auch gar nicht mehr so übel. Es regt sich kaum noch ein erkennbarer Luftzug, und der Himmel reißt zusehens auf. Erneut verabschiede ich mich also von ihm, diesmal aber richtig. Schade, daß wir nicht noch einen Abend zusammenbleiben können, aber ich verstehe seinen Wunsch, noch ein paar Kilometer durch sein geliebtes Island zu treten, für das er leider nur drei Wochen Zeit haben wird. Vor dem Gehen tauschen wir noch Adressen aus (immerhin wohnt er in Paderborn, nicht weit von Münster entfernt), und er fragt mich noch nach Wielands Adresse, die er leider nicht abgefangen hat. Leider bin ich auch ratlos und muß ihn daher in dieser Unwissenheit ziehen lassen.
Aber ich soll nicht dumm sterben. Kaum ist Kalle verschwunden, saust Wieland in seiner roten Regenjacke draußen an der Fensterfront vorbei, aber auf sein Erscheinen kann ich zunächst noch lange warten. Nach über einer Viertelstunde betritt er dann endlich den Laden und ist sichtlich erstaunt, mich hier im stockenden Gespräch mit den Biker-Kids über Routenplanung anzutreffen. Er hat offenbar angenommen, ich sei mit "dem Kalle" schon längst weitergefahren. Dann kennt der Kerl meine Definition von ´Urlaub´ aber schlecht. Entspannung heißt das Zauberwort. Im übrigen steht groß und vollbepackt mein Drahtesel vor der Kaufhalle, hat der Knabe denn keine Augen im Kopf? Wohl kaum, zu seiner Entschuldigung muß ich allerdings anführen, daß er sich zunächst voll auf die Abfahrtszeit des nächsten Busses nach Höfn konzentriert hat. In der Information am nahen Zeltplatz hat er sich erklären lassen müssen, daß der zweite und letzte Bus des Tages schon 16 Uhr gefahren sei. Ich habe also für diese Nacht einen Zeltnachbarn wiedergefunden!
Während die beiden Jungs ihren Kram zusammenpacken und sich noch eine letzte Milch hinter den Schädel kippen (die Tetra Packs sind jetzt fast alle), schildert mir Wieland seine Eindrücke von der windigen Hochebenenfahrt. Seinen Ausführungen zufolge unterscheiden sich seine Erlebnisse kaum von den meinigen, außer daß er unwesentlich zügiger dort oben vorangekommen ist. Bestimmt hatte der Wind schon beträchtlich nachgelassen...
Nachdem auch Wieland zu seiner wohlverdienten Free-Milk gekommen ist (sie ist jetzt leer), verlassen wir gemeinsam den Laden wieder, ohne daß er etwas von der Suppe kosten konnte (denn der Stand ist inzwischen unbesetzt) oder zum Einkaufen gekommen wäre. Das will er später nachholen, wenn er sein Zelt stehen haben würde.
  Der Campingplatz von Egilsstaðir gehört zu denen der gehobeneren Klasse auf Island. Für 450 ISK (ca. 13 DM) werden immerhin ein windgeschützter Zeltplatz, warmes Wasser, eine kostenlose Dusche und ein Aufenthaltsraum in der Informationshütte geboten. Eine Angebotspalette, die in dieser Vielfältigkeit auf Island selten von anderen Plätzen erreicht wird. Allzu selten gibt es für 500 ISK lediglich ein WC und fließendes, kaltes Wasser. Aber viel mehr braucht man irgendwann auch nicht mehr. Doch heute steht eine warme Dusche ganz oben auf meinem Abendprogramm, zumindest vor dem Einschlafen.
Bald habe ich mein Zelt neben dem seinen aufgeschlagen, leider stehen beide etwas dicht an der Ringstraße, lediglich eine Birkengebüchreihe trennt uns vom etwa 70 m entfernten Lärm der großen und kleinen Kraftfahrzeuge. einer der wenigen Nachteile dieses Platzes. Wieland verschwindet wieder zum Einkaufen, und ich komme mit meinem rechten Nachbarn ins Gespräch, einem niederländischen Radfahrer namens Wim, der erstaunlich gut deutsch spricht. Wie die meisten Urlauber auf der Insel ist er mit dem Flieger gekommen, hat also jetzt so ungefähr Halbzeit. Als nächstes Etappenziel nennt er mit den 168 km nördwestlich gelegenen Mývatn, den er morgen Abend erreichen will! Übermorgen möchte er dann schon in Akureyri sein, also noch mal 99 km weiter. Der Kerl hört sich ganz schön zäh an, aber er hat auch einen Grund für seine Eile. In ein paar Tagen ist er auf der Hochzeit einer Freundin, die einen Isländer ehelicht, in Blönduós eingeladen, über 400 km nach Westen von hier entfernt. Der angehende Wirtschaftsmathematiker mit hervorragenden Berufsaussichten (!) bedauert selbst, daß im bei der Raserei wohl einige Sehenswürdigkeiten dieses oftmals skurrilen Landes abhanden kommen werden.
Mit der Zeit haben wir unsere Kocher aufgebaut, köcheln unsere Suppen vor uns hin. Der heimgekehrte Wieland verzichtet heute auf etwas Warmes, statt dessen schaufelt er sich Unmengen an Weißbrotscheiben in seinen gierigen Schlund. Wieland ist es auch, der einige Zeit später einen ausgedehnten Abendspaziergang anregt, da es noch richtig schön geworden ist. AbendspaziergangDer Wind ist nahezu komplett eingeschlafen und die Wolkendecke schon seit Stunden aufgelockert, so daß immer wieder für längere Zeit die Sonne durch die Wolkenlöcher bricht, die zusehens größer werden. Auf der anderen Seite der Ringstraße ist ein kleiner Hügel, der problemlos von uns dreien erklommen wird, und von dem wir einen fabelhaften Blick über den See und sein von Norden nach Süden verlaufendes Tal haben. Blick in die FerneWolkenprachtIn der Ferne nach Westen und Süden leuchten schneebedeckte Bergriesen und rufen lautlos nach uns. Auf der anderen Seite ist der Ort in ein warmes Abendlicht getaucht. Von unseren Schritten aufgeschreckte Goldregenpfeifer fliegen aufgeregt flötend vor uns davon. Ansonsten ist es still.
Bild mit Seltenheitswert: SonnenuntergangEine Weile genießen wir diesen friedlichen Moment, besonders nach diesem kräftezehrenden Tag. Still denke ich bei mir, daß ich noch mehr solcher wüsten Erlebnisse in Wind, Kälte und Regen wie oben auf dem Paß mit mir machen ließe, sofern ich bloß genug solcher Abende erleben dürfe. Bitte, bitte!
Wenig später folgen Wim und ich Wieland noch ein kleines Stück in den Ort hinein, um kurz darauf wieder auf einem kleinen Felsen am Rande von Egilsstaðir zu stehen. Perspektivwechsel gefällig? Im Vorbeigehen beömmeln wir uns über eine kleine Sandkiste voll schwarzem Lavasand, von dem wir annehmen, daß er sich als isländischer Exportschlager ganz gut machen würde, da es nicht so auffalle, wenn er mal dreckig ist. Im Gegenzug importieren sich die Reichen auf der Insel bestimmt schneeweißen Sand aus Europa oder Amiland, um ihren verwöhnten Gören das Gefühl zu geben, etwas besonderes zu sein.
Nach der ausgiebigen Diskussion dieser gesellschaftlich gewiß interessanten Sachverhalte wenden Wim und ich uns wieder dem Zeltplatz zu, während es Wieland noch weiter in den Ort Richtung Kirche hineinzieht. Zurück an meinem Zelt begrüße ich erfreut meinen treu wartenden Pinguin. Vor dem Schlafengehen trinke ich mit Wim noch einen Tee, dann legen wir drei uns in unseren Kunststoff-Tipis zur wohlverdienten Ruhe.
 

Freitag, der 10.07.98
(von Egilsstaðir in die Jökuldalsheiði [65 km])

 Wie Wim schon am Abend zuvor angekünigt hatte, ist er heute Morgen um halb neun (ich riskiere gerade den ersten Blick des Tages) schon recht weit mit dem Packen fortgeschritten. Seine Taschen liegen schon geschlossen vorm Zelt, lediglich seine Frühstücksutensilien müssen noch verstaut werden. Umständlich verlasse ich mein Zeit und richte meinen kritischen Blick gen Himmel. Ich muß zugeben, bis jetzt gefällt mir, was ich sehe. Auch heute regt sich am frühen Vormittag nur ein verstohlender Lufthauch aus westlicher Richtung, als sei ihm das Getöse vom Vortag auf einmal unangenehm. Darüber hinaus hat auch die Bewölkung über Nacht nicht wirklich zugenommen.
Nach Beendigung meiner Morgentoilette ist Wim fast abfahrbereit. Wir schütteln noch einmal kurz die Hände, wünschen uns viel Glück und mit selbigem vielleicht ein Wiedersehen, dann muß er los. Es ist inzwischen 10 Uhr vorbei. Auch Wieland ist jetzt munter geworden, so daß wir etwa zur gleichen Zeit zum Frühstücken kommen. Er hat sich am Vorabend ein riesiges Paket mit irgendeinem Kelloggs-Zeugs genehmigt, das er jetzt genüßlich in sich hineinschaufelt. Er kann sich solche sperrigen Dinge ja leisten - als Busfahrender in spe.
Ich gestehe, daß mich rein gar nichts dazu drängt, an diesem Tag alleine aufzubrechen. Umständlich schiebe ich meine Klamotten im Zelt hin und her und drücke mich vor dem eigentlichen Zusammenpacken. Der Fall liegt klar auf der Hand, mich beunruhigt, bald ganz auf mich allein gestellt zu sein, ohne Freunde oder Gesprächspartner. Nur mit meinem Fahrrad, dem ich in Ermangelung eine besseren Namens erst einmal den Arbeitsnamen "Gasson" gegeben habe (nach dem Hund von Herrn Rossi, der das Glück sucht). Ansonsten sind da nur noch mein Zelt "Sturmauge" und jede Menge sonstige Ausrüstung in der Einsamkeit der isländischen Wildnis. Kurz gesagt: Ich will nicht weg!
Aber wie sieht denn die Alternative aus?
Noch kürzer gesagt: Es gibt keine, und die Dinge kommen somit langsam ins Rollen, als Wieland sich anschickt, wieder shoppen zu gehen, um danach die Postbank heinzusuchen. Ich baue also mißmutig mein Zelt ab und schinde dabei noch etwas Zeit. Nachdem ich damit fertig bin, statte auch ich dem Supermarkt einen flüchtigen Besuch ab, während mein startklarer Drahtesel draußen wartet. An und in der Post kann ich Wieland nirgends entdecken. Daß er nicht da ist, verletzt mich schon fast, aber vermutlich wäre es mir nur noch schwerer gefallen aufzubrechen, wenn ich wieder begonnen hätte, mich mit ihm zu unterhalten. So gibt es nur noch eines für mich zu tun, nämlich das "ich lebe noch"-Telefongespräch mit meiner Mutter durchzuziehen, welches ich auch kurz und knapp über die Bühne geschaukelt bekomme.
  Jetzt ist es endlich soweit, die Räder rollen, ein letzter Blick in Richtung Supermarkt/Campingplatz, und ich biege um 11.50 Uhr Richtung Norden (also nach rechts) auf die Ringstraße Nr. 1 ein, Islands unverzichtbarer Hauptverkehrsader, welche die Insel in küstennähe etwa 1.400 km lang umspannt. Abgesehen von einem leichten Gegenwind gestaltet sich das Vorwärtskommen ganz angenehm. Zunächst habe ich den Flughafen von Egilsstaðir zur Rechten liegen, danach fahre ich auf die Brücke über das nördliche Ende des Sees Lagarfljót. Endlich auf dem WegUm dahinter in den Ort Fellabær einfahren zu können, muß zunächst eine kurze Steigung in Kauf genommen werden. Sie ist zwar nur knappe 200 m lang, setzt mir aber gleich wieder etwas zu. Aber mein Fahrfluß bleibt erhalten, nicht zuletzt, weil die Straße zu meiner Überraschung komplett geteert ist, und zwar für die nächsten 20 km. Die Karte erzählt mir da etwas anderes. Während der kommenden 15 km steigt die Straße immer langsam aber kontinuierlich an, was mir aber wenig auffällt. Wesentlich mehr stört mich der nicht sehr starke aber stetige Gegenwind und das flaue Gefühl im Magen, auf einmal ganz auf mich allein gestellt zu sein. Bald ist keine menschliche Behausung mehr zu sehen, statt dessen geben sich Schafe ein Stell-Dich-ein.Schafe immer mit dabei Zur linken Seite nähere ich mich den Hügeln der Bótarheiði, auf der gegenüberliegenden Seite erkenne ich höhere, eisbedeckte Berge, deren Schneefelder in der Sonne hell leuchten. Doch noch stellt sich ein Gefühl von "Abgeschiedenheit" nicht ein. Die Heideflächen sind zu beiden Seiten der Straße eingezäunt und der neue schwarze Asphalt wird in regelmäßigen Abständen von Kraftfahrzeugen genutzt. Nach vielleicht 12 km komme ich an eine Baustelle, an der reger Betrieb herrscht. Nun bin ich es im Moment noch überhaupt nicht gewöhnt, meine zwei Räder auf grobem Schotter in einer fahrtüchtigen Geschwindigkeit zu halten und gleichzeitig auf das Gleichgewicht zu achten. Die etwa 500 m lange Fahrbahnerneuerung wird zum Balanceakt. Hinzu kommt, daß es hier einfach laut ist, Laster kriechen hin und her, es riecht nach heißem Teer. StraßenarbeitenMehr als ein zweifelnder Blick wird mir von einigen Bauarbeitern zugeworfen. Aber bald liegt diese erste Prüfung des Tages hinter mir, und ich kann mich wieder mit dem Wesentlichen beschäftigen, mit meiner moralischen Verfassung und mit den vor mir schon erkennbaren kräftigeren Steigungen (die aber harmlos sind im Vergleich zu dem, was ich am Vortag erleben mußte - die Straße führt einfach nur über einen Hügel). Oben angekommen (so schwer war es wirklich nicht) erblicke ich sofort die moderne Brücke über den Gletscherfluß Jökulsá á Dal. Seit meinem Start in Egilsstaðir sind etwa zwei Stunden vergangen.
So langsam versucht sich bei mir ein leichtes Hungergefühl Geltung zu verschaffen, und ich unterbreche meine Fahrt zu einem ersten islandtypischen Pausenbrunch an einer schön gelegenen Raststätte direkt oberhalb des Flusses, bestehend aus komprimierfähigem Weißbrot, Smjörvi (einer Mischung aus Butter und Margarine, die bessere Schmiereigenschaften besitzt als reine Butter), Waldfruchtmarmelade, Honig, Peter Pan Erdnußbutter und Billig-Gouda. Hinzu kommen zwei richtige Schätzchen, nämlich meine heimatliche Tip-Edelsalami und ein langsam härter werdendes Vollkornbrot aus Hamburg, das aber bisher nichts von seinem bissigen Charme eingebüßt hat - ganz im Gegenteil! Als zünftiges Getränkt steht die Zwei-Liter-Flasche Pepsi auf dem Tisch. Ich gestehe, in diesem Moment nicht überwältigt zu sein, aber das Essen erfüllt seinen Zweck. Hinzu kommt, daß die Temperaturen für eine längere Pause recht angenehm sind, vermutlich nahe an 15°C. Aber auch die schönste Pause der Welt nimmt mal ein Ende und ich fahre weiter, da ich übermorgen am Myvatn sein möchte, der immerhin noch 178 km von meiner derzeitigen Position entfernt ist. Ein hartes Stück Arbeit also für einen Saisonanfänger wie mich. Wenige hundert Meter nach der Brücke erspähe ich zum ersten Mal das gelbe Dreiecksschild mit der roten Umrandung, welches den Untertitel "Marbik Endar" trägt (= Ende der geteerten Fahrbahn). Ich zähle von "zehn" an laut rückwärts und habe ihn endlich unter mir, den glatten Ringstraßenlehm mit ungesichertem und schotterigem Fahrbahnrand, welcher den Radfahrer ebenso wie die zahlreichen Schlaglöcher um erhöhte Aufmerksamkeit beim Fahren bitten. Doch obwohl dieser Fahrbahnbelag eine gesteigerte Konzentration erfordert, freue ich mich sehr über dieses Fahrverhalten, das einfach typisch ist für jeden Island-Fahrradurlaub. Darüber hinaus wirkt die Landschaft gleich ganz anders, da sich die Straße viel mehr ihrer Umgebung anzupassen vermag.
  Die Wegführung wird zunehmend "welliger", was bedeutet, daß die Straße ständig auf wenigen hundert Metern eine Höhendifferenz von vielleicht 50 m zustande bringt. In Seitenansicht betrachtet beschreibt die Straße auf etlichen Kilometern Länge den Verlauf einer abgeflachten Sinuskurve. An jedem Höhepunkt teilt sich die Fahrbahn für ca. 10 m und weist mit dem Schild "Blindhæd" auf möglichen Gegenverkehr hin, der erst sehr spät gesehen werden kann. Ich bin froh, als ich den Sinusverlauf hinter mir gelassen habe, da es auf die Dauer ziemlich stumpf wird, immer vom höchsten Punkt einer Kuppe sofort in eine neue Welle einzufahren, so daß man sich nach einer halben Minute wieder eine bis zwei Minuten hinausmühen darf.
Es wird Zeit für eine Pause. Etwa auf der Höhe des Hofes Hjarðarhagi halte ich am Straßenrand, stelle das Rad einigermaßen sicher aus seinen Ständer, schnappe mir die letzten Brownie-Bear-Kekse und setze mich in eine Heidefläche leicht oberhalb eines Baches, er kurz zuvor wie viele Kollegen westlich und östlich von ihm als possierlicher Wasserfall von der Hjarðarhagaheiði im Norden der Straße hinunterfallen, um sich wenig später im Jökulsá á Dal zu vereinigen. WasserfallDirekt neben den Ufern des Baches erstecken sich ein paar nahezu ebene Grasflächen, die ideal zum Campieren einladen, aber ich muß schweren Herzens ablehnen, da es noch nicht einmal vier Uhr am Nachmittag ist. Statt dessen lehne ich mich in Heide und Moos auf meinem Takelhemd zurück, krümele mich mit Brownie-Bear-Resten ein und lausche auf das muntere Rauschen des kleinen Flusses.
Wenige Kilometer wieder unterwegs gelange ich an einem weiteren Bach, an dem Peter, Andreas, Jörn und ich vor zwei Jahren unser erstes isländisches Nachtlager aufgeschlagen haben. Da es erst kurz nach vier ist, bietet er sich wenig als nächtliche Ruhestätte für mich an, darüber hinaus ist er inzwischen eingezäunt worden. Ohne anzuhalten fahre ich vorbei, schaue etwas wehmütig über die linke Schulter zurück, schlucke einmal kräftig, um danach entschlossen wieder in die Pedale zu treten. In Kürze erwarte ich einen kleinen Laden, wo ich etwas Milch kaufen möchte (wie vor zwei Jahren...). Der Weg bis dorthin kommt mir länger vor, als ich ihn in Erinnerung habe, aber vermutlich verkürzen sich in der Erinnerung die Entfernungen, weil man einfach viel Wegstrecke vergißt. Aber endlich komme ich an, setze mich auf einen der Holzbänke und esse einen Apfel, denn ich mit einem Rest Pepsi hinuterspüle. Unterdessen beschäftigt sich mein Gehirn mit der Abwägung, ob ich hier auf dem unattraktiven Sport-/Campingplatz an der Straße nächtigen soll, um nach dem Zeltaufbau gediegen in mein erstes diesjähriges isländisches Schwimmbad zu gehen (es gibt hier nämlich ein ´Sundlaug´). Nachdem ich diesen Gedanken als übertriebene Bequemlichkeit und dem irrationalen Wunsch nach einem Heim beiseite geschoben habe, betrete ich den Laden.
Hier sieht es aus wie immer. Unverändert hängen Islandpullover verschiedenster Coleur an den Wänden, dazwischen sind andere Wollwaren und sonstige Souvenirs plaziert. Ich läute, und es kommt eine junge Frau zur Bedienung. Im kleinen Laden erstehe ich einen Liter Milch und neuen Pepsi-Nachschub. In fehlerfreiem Englisch erkundige ich mich nach den sanitären Einrichtungen und bekomme bereitwillig Auskunft. Rechts den Gang entlang und dann wieder rechts. Neben herkömmlichen Toiletten gibt es hier auch große Duschräume, die vielleicht Teil des Hotels, des Schwimmbades oder von beiden sind. Ich betrachte mich im Spiegel und stelle fest, daß ich ziemlich zerzaust aussehe, bin aber mit dem Anblick als solches zufrieden. Etwas frisches Wasser im Gesicht tut gut. Nach dem eigentlichen Gang zum Abort erinnere ich mich an eine alte Radfahrertugend und rolle mir eine ganze Menge Toilettenpapier (die es hier zumeist nur als Meterware auf großen Rollen gibt) als Taschentuchersatz auf.
Wieder draußen vor dem Laden gönne ich mir einen Apfel und steche die Pepsi an. Welch ein Fest! Da die Bewölkung immer noch weiter abnimmt, lassen die Strahlen der Sonne trotz des fortgeschrittenen Nachmittags mehr Wärme zu. Nach herzhaftem Aufstoßen kehre ich zu meinem Rad zurück und fahre weiter. Nach gut 5 km beginnt ein zunächst mäßiger Anstieg. AbendhochIch halte, ziehe mein Takelhemd aus und setze mir meine Sonnenbrille auf die Nase, da der Himmel inzwischen nahezu wolkenfrei ist, und die Sonne mir aus Westen direkt ins Gesicht scheint. Es ist inzwischen 17 Uhr. Kaum erschöpft erreiche ich die Abzweigung zur Straße 923, die in südlicher Richtung dem Tal Jökuldalur weiter folgt, aus dem ich gerade komme. Ich strample weiter tapfer die Ringstraße hinauf. Der Radreiseführer von Ulf Hoffmann hat mir zuvor versichert, daß es sich hierbei um 2,5 km mit einer 10%igen Steigung handelt und es danach auch noch weiter bergan geht. Mit Erschrecken muß ist feststellen, daß unter Belastung mein Hinterrad auf der rechten Seite in unregelmäßigen Abständen zu quietschen beginnt, als wenn es irgendwo entlang scheuern würde. Dieses Geräusch verstärkt sich noch, wenn es mir nicht gelingt, das Fahrrad beim bergauf Fahren gerade zu halten und daher gegenlenken muß. Ich kann jedoch nicht feststellen, daß meine Achse locker wäre und fahre manchmal leise schleifend weiter.
Bald fällt mir auf, daß die Vegetation sehr schnell nachläßt. Letzter Blick über´s TalIch schaue zurück ins Tal und sehe zum letzten Mal die grüne Heide- und Mooslandschaft entlang des Jökulsá á Dal. Hier oben hat man es mit einer nahezu vegetationslosen Steinwüste zu tun, in der sich höhere Pflanzen nur in direkter Nähe von dauerhaften Tümpeln, Bächen oder Seen halten. Der Nordosten von Island ist mit bis unter 300 mm/Jahr Niederschlag ausgesprochen regenarm, was daran liegt, daß er im Wind- und Wetterschatten des Gletschers Vatnajökull liegt, an dessen Südwestseite die höchsten Niederschläge auf der Insel zu verzeichnen sind. Das Wasser, das dennoch vom Himmel fällt, gelangt fast sofort in den sandigen und steinigen Boden und versickert rasch. Keine idealen Bedingungen zur Bodenbildung...
  Meine Hochstimmung, die sich beim Befahren des Aufstiegs eingestellt hat, macht sich bald wieder aus dem Staub, denn hier auf der Hochebene bläst mir ein kühler Westwind entgegen. Der Autoverkehr ist jetzt am Abend fast völlig zum Erliegen gekommen, so daß ich mich als der einzige Mensch weit und breit in dieser Einöde fühle. Diese Vorstellung hat etwas Bedrückendes an sich und nimmt mir die Lust am Weiterfahren. Eigentlich will ich es noch bis in die Nähe des Hofes Möðrudalur schaffen, aber bis dahin sind es noch weit über 30 km. Daher beginne ich ab halb sieben, einen einigermaßen geeigneten Zeltplatz für mich ausfindig zu machen. Ich ärgere mich etwas, da ich vor erst einer Viertelstunde einen Bach überquert hatte, dessen Ufer sehr einladend zum Campieren ausgesehen haben. Hier gibt es aber nur Geröll und trübe Wasserlöcher in der schütteren Heide, an denen es keinen Windschutz gibt. Ich arbeite mich weiter gegen den Wind voran.
Um 19 Uhr finde ich dann meinen zukünftigen Schlafplatz an einem weiteren Bach. Zelten am "Rostwasser"Der Wasserlauf als solcher sieht wenig vielversprechend aus. Er fließt von Norden kommend durch ein großes Wasserrohr unter der Straße hindurch und versiegt alsbald auf der anderen Seite nach wenigen hundert Metern. 50 m von der Straße entfernt nach Norden verläuft sein Bett in einer größeren Schlinge mit einem ausgeprägten, in südöstlicher Richtung gerichteten Prallhang. Hier geht es etwas über einen Meter runter, und zwischen Abhang und Wasserlauf ist gerade genug Platz, um ein Zelt mit Abspannung aufzustellen. Von der Straße aus ist dieser Ort nicht einzusehen. Was mich abschreckt, ist das Wasser an sich. Das Gewässer kann man trotz seines linienhaften Verlaufes kaum als "fließend" bezeichnen, und der flache Grund ist überall mit feinem roten Schlamm bedeckt. Hält man die Hände hinein und bewegt das Wasser vorsichtig, verfärben es die aufgewirbelten Eisenoxide sofort in eine trübe rostbraune Suppe. Also kein Trinkwasser für Dirki. Wie gut, daß ich mir meine Wasserflasche im Waschraum des Hotels aufgefüllt habe und noch einen Rest Cola dabei habe.
Mühselig und wenig gut gelaunt beginne ich mit dem Umsiedeln des Gepäcks von der Straße an meinen Zeltplatz. Das mit Heidekraut bewachsene Gelände ist viel zu uneben, um ein voll bepacktes Fahrrad bis dorthin zu schieben. Da mich niemand hetzt, brauche ich für meine Transportgänge dementsprechend lange und gebe dabei für die letzten Kraftfahrer des Tages wohl ein interessantes Bild ab. Als letztes zuckelt mein Radl über die Heiði und wird an den Prallhang gelehnt.
Mein Zelt paßt exakt auf die mit Seggen und Wollgras bewachsene Grünfläche. Eigentlich müßte ich sehr zufrieden sein, denn einen vorteilhafteren Platz zum Nächtigen (sehen wir von der dürftigen Wasserversorgung ab) hätte ich kaum finden können. Ich verfüge inzwischen eigentlich über genügend Freilanderfahrung, um einen günstigen Zeltplatz zu erkennen, wenn ich ihn sehe. Dennoch fühle ich mich unwohl. Mir ist richtig beklommen zumute, um genauer zu sein. Meine Stimmung wird nicht unbedingt besser, als ich feststellen muß, daß mein kleines Radio außer einem Kultursender keinen Empfang vermelden kann. Aber statt durch etwas unterhaltsame Musik aufgeheitert zu werden, lausche ich deprimiert den für mich unverständlichen Worten eines trägen isländischen Dialoges. Abschalten mag ich aber auch nicht, da mir andere menschliche Stimmen immer noch lieber sind als diese einsame Stille um mich herum.
Die Aussicht aus meinem Zelt ist auch nicht sehr berühmt. Zur einen Seite habe ich den Abhang direkt eine Armlänge von mir entfernt, zur anderen blicke ich auf den trüben Bach. Da ich mich unterhalb der Geländekante befinde, kann ich auch hier nur etwa 10 m weit gucken.
Ich bereite das allererste Outdoor-Mahl zu, das ich ganz alleine esse. Nudeln mit Tomatensoße, mehr ist mir dieser besondere Anlaß nicht wert. Werde ich wirklich sechs Wochen alleine durchhalten? Nach dem Essen schalte ich das Radio aus (das lustlose Zwiegespräch ist immer noch nicht beendet), putze mir die Zähne am Wasser und bemühe mich, die Zahnpasta möglichst weit auf den Wasserlauf zu spucken, um mir noch die Hände am stehenden Gewässerrand waschen zu können. Das schmutzige Kochgeschirr wird von mir beflissentlich ignoriert.
Ich lese noch etwas, doch Nadolny vermag mich heute Abend nicht mehr so recht zu fesseln. Schicksalsergeben wühle ich noch etwas herum und führe Plan B aus. Eine Folge "Der Herr der Ringe" muß her, um die Moral der Truppe zu stärken! Bilbo Beutlin ist verschwunden, und sein Neffe Frodo macht sich Jahre später auf Gandalfs Geheiß mit dem Ring auf den Weg und verläßt Beutels-End und Hobbingen mit seinen Freunden vielleicht für immer...
Die Cassettenseite ist zu ende und ich lege die Kopfhörer beiseite.
Um mich herum ist kaum ein Laut zu vernehmen. Der Wind vermag in der flachen Heide kaum Geräusche zu verursachen und mein Zelt ist gut gegen ihn abgeschirmt. Nur ganz leise höre ich das Rascheln der Sauergräser an der Zeltplane. Vereinzelt pfeift ein Goldregenpfeifer aus der Ferne wehmutig zu mir herüber. Was will ich eigentlich hier?
Bevor ich diese Frage befriedigend beantworten kann, schlafe ich ein.
 

Samstag, der 11.07.98
(von der Jökuldalsheiði in das Framland 10 km vor Grimsstaðir [65 km])

  Etwa um 9 Uhr morgens erwache ich, bleibe aber noch eine halbe Stunde liegen. Ich habe gut geschlafen, was bedeutet, das ich mich eigentlich frisch und entspannt fühlen sollte. Es dauert wohl eine halbe Stunde, bis ich mich endlich aus dem Schlafsack schäle. Ich verlasse das Zelt, um unter anderem die Aussicht zu genießen und stelle nach dem Erklimmen der Geländekante fest, daß der Wind etwas nachgelassen hat, aber immer noch spürbar von Westen her weht. Der Himmel ist zwar bedeckt, sieht aber nicht richtig bedrohlich aus.
Ach übrigens: Es ist gar nicht so einfach, in einer flachen Hochebene einen Platz zum Köteln zu finden, von wo aus einem die gelegentlich vorbeibrausenden Autofahrer nicht schon aus einigen hundert Metern Entfernung zuschauen können. Schließlich entdecke ich eine Mulde und bin glücklich.
Später am Fluß praktiziere ich wieder Schaum-im-Mund-Weitspucken und bemühe mich mit dem Wasser zu waschen, ohne mit dem Waschlappen die verdächtigen Bodensedimente aufzuschrecken. Da diese aber ziemlich störanfällig sind, bleibt mir kaum etwas übrig, als ständig die Position am Wasser zu wechseln.
Zum Frühstück gibt es Müsli mit Milch und ein paar Scheiben Weißbrot mit was ´drauf zum Nachstopfen. Mein favorisierter und einziger Radiosender bringt wieder lustlos vorgetragene Wortbeiträge, aber irgendwann beginne ich aufzuhorchen. Es fallen immer wieder die gleichen Begriffe und es werden in regelmäßigen Abständen Namen von isländischen Orten oder Regionen genannt, von denen ich zum großen Teil weiß, wo sie sich befinden. Ohne Zweifel, der Wetterbericht! Mir ist es natürlich nicht gelungen, eine englische Ansage mitzubekommen, für die sie doch in ihrem Heftchen "Rund um Island" so viel Werbung machen. Aber immerhin weiß ich jetzt, wie der Isländer "Kirkjubæjarklaustur" (ein Ort an der Südküste der Insel) ausspricht - das Horrorwort für Touristen, also wieder ´was dazugelernt!
Bisher ist es mir gelungen, dem strafenden Blick des dreckigen Trangia-Topfes von gestern Abend zu ignorieren, doch irgendwann muß man der Wahrheit ins Auge sehen. Es wird langsam Zeit zu packen, und da macht sich ein verschmierter Topf nun mal nicht so gut, auch wenn die Tomatensoße festgetrocknet ist. Das Verstauen des Gepäcks an sich geht nur schleppend voran, denn ich habe weder Routine darin, noch habe ich große Lust dazu. Beim Zeltabbau stelle ich fest, daß die Unterseite meiner Schutzunterlage richtig eklig rostfarben durch das Eisen im Boden ist. Bah!
Dann geht das Geschleppe zur Straße wieder los. Inzwischen ist es schon weit nach 11 Uhr, und ich beginne mich zu fragen, ob meine veranschlagten 80 km pro Tag bei diesem Eiltempo am Morgen einzuhalten sind. Es ist schließlich zehn vor zwölf (wie gestern), als ich mich auf den Sattel meiner Leeze (wie der Westfale sagt) schwinge und in die Pedalen trete.
Jetzt zur Mittagszeit herrscht auf diesem Abschnitt der Ringstraße fast Rush-Hour. In der Praxis bedeutet das, daß alle paar Minuten ein Wagen an einem vorbei braust und einen in eine kleine Staubwolke einhüllt. Da der Wind aber immer noch von vorne kommt, wird sie recht schnell fortgetragen, und mir bleibt zumindest der ständige Staub in den Augen erspart. Trotz des Straßenverkehrs ist es einsam hier, denn Autofahrer haben ja bekanntlich ihre eigene Welt.
  Eine knappe Stunde nach meinem Aufbruch erreiche ich die erste von zwei Schutzhütten in der Jökulsdalsheiði. Wie viele ihrer Art besteht sie eigentlich nur aus einem knallig orange angemalten Metallcontainer mit Stahlseilabspannungen gegen die Stürme in den langen Wintermonaten. Rings herum gibt es nur helle Geröllfelder und spärliche Vegetation.
Ich steige vom Fahrrad und gehe auf die Hütte zu. Shelter by the waySchon vor zwei Jahren haben Peter und ich nahezu jede Schutzhütte ausgekundschaftet, und nun ist es an mir, diese liebgewonnene Tradition fortzusetzen. Ich öffne die gut verriegelte Eingangstür des Schutzbungalows und stelle fest, daß die Hütte von innen noch kleiner wirkt als von außen. Sie ist gerade mal 2 1/2 m lang. An ihrer rechten Wand steht an der Längsseite des Raumes ein Doppelbett und an dessen Kopfende links davon befindet sich ein kleiner Tisch. An der linken Wand hängt das obligatorische Funktelefon für Notfälle. Nicht mal ein Fenster gibt es hier, dafür stehen aber Kerzen herum und auf dem Tischchen befindet sich zu meinem Erstaunen ein großer Kocher, der an eine auf dem Boden stehende Gasflasche angeschlossen ist. Ich drehe probehalber am Regulierrad, und Gas tritt leise zischend aus. Ich bin wirklich beeindruckt. Für gewöhnlich sind diese Notunterkünfte zwar größer, aber ich habe niemals zuvor einen Gasherd in ihnen vorgefunden. Standard ist vielmehr ein alter Holzofen, aber das dazugehörige Brennmaterial ist meistens nicht vorhanden, geschweige denn taugliche Streichhölzer.
Ich setze mich auf die Türschwelle und schiebe mir ein paar neue Kekse (Hob-Nobs) in den Mund. Jetzt am frühen Nachmittag hat es etwas aufgefrischt, und ich bin froh, hier in der Einöde ein geschütztes Fleckchen zum Knabbern gefunden zu haben.
Fünfzehn Minuten später sitze ich wieder auf dem Drahtesel und strampele weiter gegen den Wind an. Die Wolkendecke hat sich weiter verdichtet, und es sieht nach Regen aus. Dieser läßt auch nicht lange auf sich warten. Ich bin kaum zwanzig Minuten wieder unterwegs, da fallen schon die ersten Tropfen vom Himmel. Anhalten, Regenjacke überziehen und mal wieder die Bemühungen, die Kapuze über den Fahrradhelm zu ziehen. Er ist immer noch als Fremdkörper an mir einzustufen. Zumindest in diesem Moment, denn für lange Zeit nehme ich in inzwischen gar nicht mehr wahr. Bevor ich weiterfahre, entdecke ich hinter mir einen dunklen Fleck auf der Straße. Ein schneller Blick durch mein kleines Fernglas aus der Lenkertasche läßt aus Vermutung Gewißheit werden - ein Fahrradfahrer befindet sich etwa einen halben Kilometer hinter mir und fährt in die gleiche Richtung wie ich. Erst jetzt fällt mir auf, daß ich seit Egilsstaðir keinen Kollegen mehr gesehen habe, und das ist eher ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit. Allerdings meiden einige Radler aus Zeitgründen den Nordosten, da es hier im Landesvergleich nur wenige spektakuläre Sehenswürdigkeiten entlang der Ringstraße gibt. Häufig wird vom Myvatn aus der Bus nach Egilsstaðir oder gleich bis nach Höfn genommen, um sich auch die langwierige Strampelei um die Ostfjorde zu ersparen.
Nun ist aber einer hinter mir. Ich bin ja noch nicht so lange unterwegs und halte recht wenig von meiner Ausdauer beim zügigen Strecken fahren. Obwohl ich mich wieder auf die Piste begeben habe, verringert sich sein Abstand zu mir von Augenblick zu Augenblick. Und um nicht einfach so ein- und überholt zu werden, steige ich an einem Bach vom Fahrrad, nehme mir meine fast leeren Wasserflaschen und fülle sie ganz in Ruhe auf. Nur beiläufig fällt mir auf, daß es das erste Mal in diesem Jahr ist, daß ich meine Trinkflaschen mit frischem Flußwasser volltanke. Ich nehme meine Kapuze wieder ab, da der Nieselregen wieder aufgehört hat. Als ich wieder oben an der kleinen Brücke bin, trifft gerade mein Verfolger ein - perfektes Timing also.
Mein erster Blick: Er trägt keinen Helm auf seinem blonden, kurzem Haarwuchs! Mein zweiter gilt seinem Gepäck, bzw. dem großzügigen Fehlen desselben. Eigentlich hat er hinten nur zwei Ortliebs und einen kleinen (!) Packsack für das Zelt längs (!) zum Gepäckträger festgeschnallt. Die Satteltaschen machen im übrigen keinen übermäßig gefüllten Eindruck. Vorne am Lenker baumelt eine kleine Lenkertasche ohne Karte. Mein neuer Freund ist also ein eher spartanischer welcher. Ich habe den Eindruck, daß er mein gepäckbewährtes Schlachtroß ähnlich fasziniert anstarrt.
Zögerlich kommen wir ins Gespräch. Er ist Holländer, und somit kann ich mir bei dieser Begegnung meine ersten Sporen für englische Reisekonversation verdienen. Da ich noch nicht so lange unterwegs bin, gibt es von meiner Seite aus allerdings nicht so viel zu erzählen, außer vielleicht, daß ich noch sechs Wochen hierzubleiben gedenke. Wie die Fährfahrt so abläuft, möchte er wissen. Er selbst sei mit dem Flieger nach Keflavík geflogen, und seitdem gegen den Uhrzeigersinn (genau wie ich) auf der Insel am abstrampeln. Für also gerade die Hälfte der Strecke um. Stolz teilt er mir mit, heute schon 72 km gefahren zu sein, also bald sein Tagespensum von 100 bis 120 km geschafft zu haben. Wieviel ich schon heute gefahren sei, begehrt er zu wissen?
Leppische 20 km Tagesstrecke teilt mir meine LCD-Anzeige am Tacho mit und mache meinem Gegenüber Ausflüchte suchend klar, daß ich erst seit gut zwei Stunden unterwegs sei und schon eine Kekspause hinter mir hätte. Auch sei ich noch nicht so gut in Form und hätte vielleicht etwas zu viel Gepäck dabei. Ich deute auf meine komprimierte halbe Schrankwand.
Das mit dem Gepäck sei ihm schon aufgefallen, gibt er zu bedenken. Um aber dieses eher peinliche Thema nicht noch weiter zu vertiefen, fragt er mich nach unserem genauen Standpunkt und deutet auf meine Karte. Ob er denn keine dabei habe, frage ich verblüfft? Nein, nur eine Übersichtskarte aus einer Touristeninformation, die reiche für die Ringstraße meistens aus, nur hier eben nicht, da es keine Orte in der Einöde gäbe.
Ich deute auf der Karte auf die beiden Schutzhütten an der Ringstraße und teile ihm mit, daß wir uns ziemlich genau in der Mitte zwischen beiden befinden müßten. Er bedankt sich, und das Gespräch gerät ins Stocken. Als ich umständlich beginne, meine blaue 1,5 l Wasserflasche an der linken Hintertasche zu befestigen, schiebt er wieder sein Fahrrad auf die Fahrbahn, sagt etwas vergleichbares wie "Ich werd´ dann mal...", schwingt sich auf den Sattel und fährt weiter, nachdem wir uns "Gute Fahrt" gewünscht haben. Vielleicht sieht man sich mal wieder?
Ich bezweifle das allerdings, denn er ist wirklich fix dabei. Obwohl ich auch bald weiterfahre, habe ich ihn bereits nach zehn Minuten in dem stark welligen Gelände aus den Augen verloren.
  Die zweite Schutzhütte steht auf der Kuppe eines Hügels, der es mir recht schwer macht. Hier gilt es für einen Kilometer eine 12%ige Steigung zu bezwingen. Die Hütte zu meiner Rechten interessiert mich nicht, sie ist nicht einmal mit Leuchtfarbe angemalt. Das einzig Sehenswerte ist ein kleines Windrad, vermutlich befindet sich eine Wetterstation in dem kleinen Anbau an der Hütte. Ulf Hoffmanns ´Island per Rad´ weiß zu berichten, daß man sich hier auf einer Höhe von 660 m befindet. Bald geht es wieder bergab, direkt links und rechts von der Straße steigen Geröllfelder steil an, der Himmel hat sich weiter verdunkelt. Durch das JammertalAls ich in den ca. 4 km langen Talkessel Möðrudalsfjallgarðar einfahre, erwischt es mich kalt. Böiger Wind von vorne und richtiger Regen, der mir in das Gesicht klatscht. Alles um mich herum ist nur eine Ansammlung wenig unterschiedlicher Grautöne. Wo ist das Tal, das mich bei meiner ersten Islandreise so tief beeindruckt hat? Schwach erinnere ich mich an Dias einer bizarren Geröllandschaft mit braunen Hügeln in der tiefstehenden Nachmittagssonne. Ich bin echt enttäuscht!
Ich folge der Straße, die schnurgeradeaus verläuft, um dann wieder eine mäandrierende Steigung bezwingen zu müssen. Dunkler Blick über MöðrudalurSteinmännchenOben gibt es ein kurzes ebenes Stück mit einem Rastplatz, an dem man mehrere kleine und ein großes Steinmännchen errichtet hat. Ich lehne mein Rad gegen eine Holzbank und blicke nach Westen auf die Ebene von Möðrudalur hinab, die reich mit Seen und kleinen kraterförmigen Hügeln ausgestattet ist. Eine grüne Oase in der Steinwüste.
Da das Wetter allerdings nicht so mitspielt, kommen die Grüntöne nicht sehr zur Geltung, man hat sich also bald satt gesehen. Wieder auf der Piste geht es in engen Kurven 3 km bergab und gibt den Blick auf die Heiðubreið frei. Oder eher halbfrei, da die tief fliegende Wolkendecke den oberen Teil des wohl schönsten und bekanntesten Schildvulkans (1682 m) auf Island verdeckt. AbfahrtDie ´Königin der Berge´ hat heute ihren Schleier vorgezogen.
Unten angekommen befinde ich mich bald an der Abzweigung F98, der östlichen der beiden Hochlandpisten, auf denen man von Norden kommend zur Caldera der Askja fahren kann. Ein wenig weiter die Ringstraße entlang kann man gut den Miniort Möðrudalur erkennen, der eigentlich nur aus einem Gehöft mit Nebengebäuden, einer (schönen) Kirche und einer Raststätte besteht. Ich blicke wieder ´gen Süden. Etwa 85 km Steinwüste und Sand trennen mich von meinem ersten großen Etappenziel meiner Tour. Zwei Möglichkeiten gibt es für mich: Auf der Ringstraße weiterfahren und eine Touri-Bustour für teuer Geld vom Mývatn aus zur Askja machen, oder das Abenteuer wagen und mit seitlichem Rückenwind (!) die Piste entlang buckeln und sonst was erleben.
Auf einmal fühle ich mich wie ein Held! Es ist halb vier, also noch mitten am Tag, biege nach links auf die Piste ab und zuckele los. Mann, was ist der Untergrund steinig!!! Richtung Askja...?Wenn man den weiteren Straßenverlauf betrachtet, fällt einem kaum auf, wie wellig das Gelände ist. Gaaanz vorsichtig rolle ich die üppigen Bodenwellen hinunter und quäle mich auf der anderen Seite wieder hinauf, immer auf der Hut vor grobem Geröll, das nach Speichenbruch giert! Nach gut zwei Kilometern halte ich an und schaue mich um. Der Himmel macht einen wesentlich freundlicheren Eindruck als noch vor einer Stunde, man kann direkt erahnen, von wo das Licht der Sonne kommt. Die Ringstraße ist schon nicht mehr zu erkennen, und auch die strahlend weißen Gebäude von Möðrudalur wirken schon unerhört weit entfernt. Ernste Zweifel machen sich in mir breit und schreien nach Beachtung. Was will ich hier eigentlich, und worauf lasse ich mich da ein?
Um für mein plötzliches Unbehagen eine rationale Bestätigung zu finden, wühle ich den Radreiseführer hervor und schlage unter den Hochlandetappen H13 und H14 nach. Ich erfahre von zwei befahr- oder schiebbaren Furten in einer ausgedehnten Lavawüste und recht langen Abschnitten Sandwüste und Sandpiste, die nur schiebend zu meistern sind. Ulf verspricht eine durchschnittliche Reisegeschwindigkeit von üppigen 2-4 km pro Stunde auf eindeutig zu langer Strecke. Für mich ein guter Grund zur Angst und ein willkommener Vorwand, meine zukünftigen Reisepläne nochmals zu überdenken. Ich hasse schieben!
Nun, der Fall liegt wohl klar. Schnell ist der Fotoapparat zur Hand, um ein paar wichtige Erinnerungsbilder an das Nichts zu schießen, dann wende ich meinen fahrbaren Untersatz und halte wieder auf die Ringstraße zu. Ich bin auf einmal doch sehr erleichtert über diesen Richtungswechsel.
Nach einigen Minuten vernehme ich Motorengeräusch hinter mir und halte an. Ein Geländewagen und ein VW-Bus kommen aus südlicher Richtung und fahren langsam an mir vorbei. Beide Wagen sind dermaßen eingestaubt, daß man ihre eigentliche Farbe darunter nur erahnen kann. Was sie wohl von mir halten mögen, der ich immerhin in gleicher Fahrtrichtung unterwegs bin, ´raus aus der Wüste?
  Oh Mann, da ist ja wieder der gute, alte No.1-Lehm, mit fast ganz ohne Schlaglöchers! Ich bin entzückt und heilfroh, daß mein Bike und ich in einem Stück aus dieser garstigen Welt der Hochlandpisten wieder zurückgekommen sind. Der weitere Weg führt mich an einem alten Bekannten vorbei, einem schönen grünen Platz an einem munteren, klaren Bach. Hier haben Andreas, Jörn, Peter und ich unsere zweite und letzte gemeinsame Nacht auf Island verbracht, damals im Traumsommer ´96. Ich habe mich auf einen Tetra-Pak Milch in meinem Packsack gesetzt (irgendwie clever) und war den ganzen weiteren Abend damit beschäftigt, den entstandenen Ekel in den Klamotten einzudämmem. Die beiden Cousins sind am Tag danach die Piste zur Askja gefolgt, während Peter und ich zum Dettifoss weitergefahren sind.
Ich schieße ein Foto und fahre weiter. "Ort" MöðrudalurIn Möðrudalur - mit 450 m der höchste Hof Islands - halte ich nicht an, obwohl ich noch weiß, daß Cafeteria und Toiletten akzeptabel sind. Aber ich will ja immerhin noch ein bißchen was schaffen heute. Vom Fahrrad aus schweift mein Blick über einsame Graslandschaft, die in Hofnähe sogar noch eingezäunt ist, mit zunehmender Entfernung werden die Umzäunungen aber spärlicher und verschwinden schließlich ganz. 8 km von Möðrudalur entfernt zweigt die Straße 85 nach Nordosten ab, direkt nach der Kreuzung überquert die Ringstraße zunächst einen kleinen Fluß, um danach einen Hügel hinaufzuführen. Ich halte und uriniere fröhlich in die Landschaft hinein, während ein Reisebus an mir vorüberfährt. So erleichtert ist die kurze aber heftige Steigung im Nu genommen. Inzwischen ist auch die Sonne wieder da, und mit ihrem späten Erscheinen erstirbt der Wind. So lob´ ich mir das.
Auf die kommenden 12 km habe ich mich schon gefreut. Mehr AbendstraßeAbendstraßeDie Straße führt rechterhand eines Flußes geradewegs nach Norden, und obwohl ich dem Wasserlauf zur Quelle hin folge, habe ich das Gefühl, leicht abwärts zu fahren. Dieser Eindruck wird durch den weit geschwungenen Straßenverlauf noch verstärkt. Die Welt um mich herum wird durch die Abendsonne in ein weiches und friedliches Licht getaucht, es macht Spaß, hier entlang zu fahren.
  Allmählich halte ich nach einem gediegenen Schlafplatz Ausschau. Zwar erinnere ich mich an einen unkomfortablen Zeltplatz in Grimsstaðir gegenüber einer Servicestation, doch der soll wenig empfehlenswert sein. Über 6 km steigt die Straße unregelmäßig steil an und ist zu meinem großen Erstaunen frisch geteert, wieder mal ganz im Gegensatz zu den Eintragungen in der Karte und meinen Erinnerungen von dieser Strecke. Tja, in zwei Jahren kann hier viel passieren. Auf halber Strecke wieder hinunter verläuft etwas unterhalb der Straße ein kleiner Wasserlauf, auf dessen anderer Seite ein flaches grünes Ufer fröhlich auf sich aufmerksam macht. Laut Karte sind es noch etwa 10 km bis Grimsstaðir. Nach 50 m fahre ich in einen Schotterzufahrtsweg ein und erkunde zu Fuß das Gelände. Obwohl sich dieser Platz in unmittelbarer Nähe der Straße befindet, fällt der doch kaum auf, da diese etwa 5 m weiter oberhalb von hier verläuft und eine kleine Aufschüttung direkt neben der Fahrbahn ein wenig die Sicht darauf verdeckt. Im übrigen habe ich ein grasgrünes Zelt, das sich gut zu tarnen versteht.
Ich schiebe also mein Fahrrad samt Gepäck an die Stelle meines Vertrauens und baue das Zelt auf. Heute Abend habe ich mit dem Radioempfang mehr Glück, vermutlich ist mein Zelt einfach exponierter für Radiowellen aufgestellt. Guter, alter Pop verwöhnt beim Kochen einer Tütensuppe mit extra Reis meine Ohren. Beim Essen habe ich dann das besondere Vergnügen, einen Strandläufer im Bächlein gegen die Strömung aufwärts watend beobachten zu dürfen, während er nach Nahrung sucht. Die Limikole ist gerade mal 10 m von mir entfernt und nimmt mich in meinem ´Tarnzelt´ nicht wahr, zumindest nicht als Bedrohung. Ich bin entzückt! Erst nach 15 Minuten verschwindet der Piepmatz, und ich schalte das Radio wieder ein. Was habe ich heute Abend doch für einen Dusel, eine Rocksendung! Motiviert durch die gute Musik nähe ich vergnügt an meinem Fischerhemd herum, dessen Seitennähte sich langsam immer mehr zu verdünnisieren versuchen. Nach getaner Arbeit muß leider auch mein Schlafsack daran glauben, denn der Reißverschluß hat sich am Fußende vom eigentlichen Sack gelöst. Doch keine Chance für ihn!
Ees folgen Nachrichten im Radio. Ich horche auf, als ich die Worte ´John Major´, ´Ireland´ und ´IRA´ verstehe. Der britische Premier hält eine Rede, die aber dermaßen ins isländische simultan übersetzt wird, daß kaum ein Wort zu verstehen ist. Alles, was bei mir hängen bleibt, ist ein ungutes Gefühl, das sich aber im farbenprächtigen Licht des Abendhimmels nicht lange halten kann. Zum ersten Mal fühle ich mich richtig wohl alleine. Morgen um diese Zeit werde ich am Mývatn sein!
 

Sonntag, der 12.07.98
(von Grimsstaðir zum Mývatn [60 km])

  9 Uhr morgens. Wow!
Ich öffne das Zelt und bin baff! Eigentlich war ich ja vorgewarnt, denn man erkennt ja für gewöhnlich auch im geschlossenen Zelt, daß die Sonne scheint, aber umwerfend war der Originaleindruck allemal. Kein Wölkchen trübte den Himmel innerhalb der gesamten Sichweite, zum Teufel mit schlechtem Wetter im Norden!
Für den obligagorischen Morgen-S... muß ich mal wieder weite Wege gehen, aber glücklicherweise ist das Gelände abseits der Straße ordentlich reliefiert und mancherorts sogar mit kleinen Sträuchern bewachsen. Zum Waschen und Zähneputzen lud der kleine Bach ein, an dem ich am Tag zuvor den Strandläufer bestaunen durfte, höre flotte Morgenmusik im Radio und bin dementsprechend gut drauf.
Die Sonne steht schon wieder verdächtig hoch am Himmel, als ich meine gepackte Leeze (wie der Westfale sein Fahrrad nennt) wieder über die Heide schiebe und ernsthaft Probleme bekomme, das Vehikel samt Ladung über die steile Schotterböschung auf die Fahrbahn zu wuchten. Nachdem diese Hürde aber gemeistert ist, hält mich nichts mehr auf meinem Weg abwärts - fast nichts, denn es gilt noch ein leichtes Klappern zu beseitigen, bevor ich die restlichen 10 km bis zur Brücke über den Jökulsá á Fjöllum hinab fahre. Einige Kilometer vor Grimsstaðir wechselt die Landschaft von karger Heide in eine reich mit Strandhafer bewachsene Dünenlandschaft, dessen Sand natürlich dunkelgrau bis schwarz in der Sonne glänzt.
Grimsstaðir habe ich als kleine Abzocker-Touristation in Erinnerung. Auf der rechten Straßenseite kurz vor der berüchtigten Waschbrett-Abbiegung zum Dettifoss gen Norden befand sich der wenig einladende Campingplatz, auf der gegenüberliegenden Seite eine kleine, typisch isländische Sozialstation mit Laden (megateuer, weil in der Pampa), Tanke und Frittenbude. Hinter dem Gebäudekomplex erstreckte sich eine atemberaubende Feuchtwiese, übersät mit glänzendem Wollgras.
Das alles ist nun weg. Der Platz, an dem sich früher das Geschäft befand, ist komplett überplaniert worden, die Baggerspuren sind noch zu sehen und die Erdügel noch nicht wieder geglättet. Ein Baucontainer döst heute in der Sonne, wo früher jene Wiese war. Ich fühle mich etwas verarscht, habe ich mich doch auf diesen Ort gefreut. Zumindest wollte ich hier meine Frischwaservorräte aufpäppeln. Daraus wird wohl nichts.
Auch der Zeltplatz ist verschwunden. Oder sollte ich lieber sagen: umgesiedelt? Wenige Meter weiter fahre ich an einem großen Hinweisschild vorbei, daß auf die Station Grimsstaðir mit Zeltgelegenheit in 4 km Entfernung Richtung Viðavatn im Nordosten hinweist. Kurz darauf gehen zwei Straßen nach Norden ab, eine zum See und die andere (Nr. 864) zum Dettifoss und weiter nach Ásbyrgi am Ostufer des Gletscherflusses entlang.
Vom Abzweig zum Dettifoss bin ich mächtig enttäuscht, zeigte die Piste doch vor zwei Jahren Peter und mir noch ihr wahres Gesicht, nämlich Sand und übel Waschbrett, worauf ein Verkehrsschild auch deutlichst hinwies. Die 30 km zum Wasserfall waren knüppelhart, und auf dem Rückweg brach Peter zum ersten Mal der LowRider, ich glaube, es war an der linken Seite. Heute glänzt schwarzer Asphalt dem reiselustigen Straßenbenutzer entgegen, hoffentlich nur auf kurzer Strecke!
So ergeht es auf jeden Fall mir. Direkt hinter der Stahlhängebrücke wechselt der Straßenbelag wieder über in guten alten No.1-Lehm. WasserspiegelNach 3 km erreichte ich die 2. Abzweigung zur Askia im Süden (F88), und wieder blicke ich wehmütig in diese Richtung, denn das Wetter ist weiterhin schön. Endlich einmal ein Tag, um in kurzen Hosen und Sandalen unterwegs zu sein! Zwar läßt sich ein gewisser Schäfchenwolkenanteil am Himmel nicht mehr wegdiskutieren, aber es ist immer noch sonnig und daher warm. Leider hat sich auch der Wind wieder angemeldet und bläst munter aus Südwesten, damit ich es ja nicht zu einfach habe.
Ein Stück vor mir ist immer größer werdend der Hrossaborg zu erkennen, Hrossaborgein erloschener Vulkanberg, dessen Krater von einer mächtigen Explosion aufgerissen worden ist. Die Ringstraße macht einen kleinen Bogen nördlich um ihn herum, und der Blick öffnet sich in das Innere des Explosionskegels, da die Kraterwand fast bis auf den Boden aufgerissen ist.
Ab jetzt ändert sich die Landschaft ständig. Über dem Landesinneren im Süden bemerke ich  umfangreichere Wolkenpakete, doch sie scheinen dort müßig zu verharren. Es reicht dem Wetter anscheinend, daß ich mich lediglich gegen den lauen Gegenwind anzumühen habe. Das Gelände um mich herum erscheint bei einem Rundumblick nahezu als große Ebene, umgeben von ausgedehnten Höhenzügen im Westen und besonders im Süden. Ihre Gipfel dort sind Schneebedeckt. Von nahem betrachtet ist das scheinbar flache Gelände allerdings gar nicht mehr so flach. Weiß, blau, grün, schwarzAusgestreckte Dünen- und Heidelandschaften ziehen sich nach Norden entlang hin, an deren südlichen Ausläufern ich mich befinde. Durch sie ist das ganze Gebiet kleinflächig sehr bewegt, die Lehmstraße wellt sich sozusagen durch die Ebene. Links von der Straße hört es recht bald auf, grün zu sein. Es beginnt das Búrfelshraun, ein Lavafeld, das Teil des größten erstarrten Lavagebietes auf ganz Island ist. Etwa 10 Meter neben der Straße stehen in regelmäßigen Abständen sauer aufgeschichtete Steinhaufen, sogenannte Steinmännchen, die früher den Menschen den Weg durch das Hochland oder andere menschenleere Gegenden der Insel gewiesen haben. Heute erfüllen sie diesen Zweck nicht mehr, denn es gibt ja die Straße, an deren Begrenzungen regelmäßig lange rote und flexible Stangen senkrecht im Boden stecken, damit sie auch im Winter unter hoher Schneebedeckung gefunden werden kann. Die stummen Steinmännchen lassen die alte Zeit allerdings weiterhin lebendig erscheinen.
   Am frühen Nachmittag mache ich einen Halt, um einen Goldregenpfeifer zu fotografieren. GoldregenpfeiferIrgendwo in der Nähe muß der Vogel auf einem Nest gesessen haben, denn obwohl er einen aufgeregten Eindruck macht, fliegt er nicht davon, sondern flötet mich aus sicherer Entfernung strafend an. Ich gebe meine Motivjagd bald auf und nehme statt dessen eine kleine Stärkung zu mir. Rad vor HeiðubreiðIm Gegensatz zu den beiden Vortagen ist es jetzt richtig warm, aber das täuscht etwas, da ich recht windgeschützt hinter einer größeren Binnendüne in der Heide sitze. Nach einer Stunde steten Radelns entdecke ich vor mich zwei schwarze Punkte auf der Straße, die sich langsam voran bewegen, etwa so schnell wie ich. Ein Blick durchs Fernglas klärt mich schnell darüber auf, daß ich Radfahrer vor mir habe. Ich bin nicht wenig erstaunt, daß ich offensichtlich schneller vorankomme als sie, denn der Abstand zwischen uns verringert sich ständig, nicht gerade schnell, aber doch merklich. Sollte es doch langsamere Kumpels geben als mich? Ehrgeiz flackert in mir auf und macht den Gegenwind fast vergessen.
Allmählich nähere ich mich immer mehr der kleinen Bergkette, hinter der der Mývatn liegt. Bald befinde ich mich in einem richtigen Lavafeld, daß im Gegensatz zu den vorherigen sehr schroff und noch ganz schwarz ist. Die Lava ist also noch sehr jung, wahrscheinlich nur wenige tausend Jahre alt. Das Ganze Lavafeld wirkt unbegehbar, immer wieder klaffen schwarze erstarrte Risse auseinander, in deren Inneren sich Birkengebüsch oder Heide angesiedelt haben.
Passend zur Umgebung wurde ab jetzt auch die Straße geteert und zieht sich als schwarzglänzender Streifen durch die Lava.
Ein Wunder ist geschehen, ich überhole jemanden! Meine vorausfahrenden Freunde entpuppen sich als Pärchen, das heftig diskutierend an einer Art Feldweg steht und kurz innehalten als ich grüßend an ihnen vorbeiziehe. Wenig später entdecke ich einen weiteren Drahteseltreiber, der faul in der Nachmittagssonne im Gras liegt. Er winkt mir zu, nachdem ich ihn munter klingelnd auf mich aufmerksam gemacht habe.
Jetzt stehe ich am rechten Wegesrand vor einem großen Hinweis- und Informationsschild, daß die Reisenden über das vor ihnen liegende Mývatn-Schutzgebiet, seine Sehenswürdigkeiten und Unterkunftsmöglichkeiten informiert. Sehr deutlich wird darauf hingewiesen, daß hinter dieser Information im Schutzgebiet nicht wild gezeltet werden darf. Der nächste Campingplatz in Reykjahlið am Mývatn ist aber keine 10 km mehr entfernt. Nach ein paar hundert Metern biege ich von der Ringstraße nach recht ab und habe den Nordwestwind jetzt fast direkt von vorne. Dafür mache ich hier auf Island aber mal etwas ganz Neues! Mein Weg führt mich zum Krafla-Kraftwerk, sieben Kilometer sollen es von der Abzweigung an der Ringstraße nach Norden sein. Unglücklicherweise kommt genau von dort der Wind her, aber ich verzage nicht. Die Piste ist gut zu befahren, immerhin müssen hier viele Menschen täglich ihren Arbeitsplatz erreichen. Auf etwa halber Strecke fahre einem Pärchen entgegen, die vermutlich einen Großbummel vom Mývatn aus gestartet haben. Sie schauen mich gelangweilt an, als ich sie tapfer strampelnd passiere.
   Die Krafla rieche ich eher, als das ich sie sehe. Der typische Schwefelgeruch hängt schon seit geraumer Zeit in der Luft. Als erstes erblicke ich dann einen in einen roten PVC-Anzug gekleideten Arbeiter, der an einer Austrittsstelle von Schwefelexhalationen herumwurschtelt. Oder ist es nur ein neugieriger Tourist? Egal, er gibt ein schönes Bild in der von Lava schwarzen und Schwefel gelb gefärbten Landschaft ab.
Am Ende des Weges werde ich dann endlich der Kraftwerkes gewahr, nachdem es um eine Linkskurve noch einmal merklich bergan ging. Krafla-KraftwerkVon drei Höhenzügen eingerahmt liegen die silbergrauen Turbinen auf einer Art einer Hochebene links der Straße. 1975 wurde der Bau begonnen, und es sollten ursprünglich bis zu 55 MW Strom erzeugt werden, was allerdings nie erreicht wurde, da sich im gleichen Jahr durch einen unvorhergesehenen Ausbruch eine neue Spalte öffnete, die die  tektonischen Verhältnisse in der Umgebung stark veränderte. Der Dampf, der für die Turbinen bestimmt war, tritt nun an ganz anderer Stelle zutage.
Ein Reisebus fährt an mir vorbei – klar, solch ein geothermales Kraftwerk zieht auch Urlauber an. Ich bin verwundert, daß sich der Busfahrer die Mühe macht, am Kraftwerk vorbei weiter ein verflucht steiles Stück weiter auf den hinteren Kamm zu fahren, der etwa 150 m höher als die Ebene liegt, auf der ich mich befinde. Das große Fahrzeug hat sichtlich Mühe, sich die Piste hinaufzukämpfen.
„Nicht Dein Ding“, sage ich zu mir. Nun um von oben ´runterzustarren, muß ich mich nicht dort hinauf quälen! Hätte ich doch meine Reiseführer etwas früher konsultiert! Immerhin verpasse ich gerade den Blick auf das Lavagebiet Leirhnjúkur, wo es aus einem Lavafeld von 1984 noch tüchtig dampfen soll. Das es darüber hinaus auch noch den milchigen Kratersee Viti zu bestaunen gibt, darüber bin ich Schussel leider auch nicht informiert.
Egal, all das weiß ich in diesem Moment alles nicht, mich interessierten vielmehr die langsam bedrohlich aussehenden Kumuluswolken, die sich von Süden her merklich an des Mývatngebiet herangepirscht haben. Ich wende also meinen Drahtesel und radle wieder in Richtung Süden, Dampf aus der Ferneden gleichen Weg zurück, diesmal aber mit dem schönen Gefühl, den Wind im Rücken zu haben. Kurz vor der Ringstraße passiere ich wieder die beiden Fußgänger von vorhin.
Da die Sonne noch scheint, mache ich bald wieder Halt, Dampf von nahemSchlammtopfdiesmal gilt mein Interesse dem Solfatarenfeld von Námaskarð, welches stark touristisch besucht wird. Überall entlang der ausgewiesenen Wege flanieren staunende Menschen umher, oder starren verzückt durch die Sucher ihrer Kameras auf die Schwefel- oder Schlammlöcher. Dampf auch hierDurch dichte Dampfschwaden auf diese Landschaft in rot, gelb und grau blickend komme ich mir wie ein Besucher auf einem fremden Planeten vor. Bevor ich dieses Naturschauspiel verlasse, mache ich es einem Tourivater nach und lichte ich noch ein paar Informationstafeln ab.
Die Steigung des kurzen Passes des Nánafjall ist müheloser genommen, als ich es erwartet habe. Ich halte nur einmal zwischendurch an, um einen Reisebus vorbeizulassen, und blicke auf meine von der Abendsonne beschienene Tagesetappe zurück. Kurz darauf halte ich abermals neben einem überdimensionierten Caravanmobil, und blicke auf das Mývatn-Gebiet hinab. Dicht unterhalb befindet sich eine Fabrikanlage neben einem viereckigen türkisfarbenen Wasserbecken eine Kieselgurfabrik. Hier wird aus dem kieselsäurehaltigem Schlamm abgestorbener Mückensee-Algen ein vielfältiger Grundstoff für die chemische Industrie hergestellt. Leider müffelt es hier auch ziemlich industriell. Erbaulicher ist da eher der erste Überblick auf den Mývatn und den mit ca. 250 Einwohnern recht imposanten Ort Reykjahlið.
Über den Mývatn selbst, seine üppige Vogel- und Pflanzenwelt, die abwechslungsreichen geologischen Besonderheiten in der Umgebung und und und wird in Reiseführern und spezialliteratur ausführlich berichtet, so daß ich mir hier meine Kommentare vorerst spare. Nur soviel: Der See wird von unterirdischen thermalen Quellen gespeist, dadurch ist das Wasser wesentlich wärmer als gewöhnlich, was in dem gerade mal 2 m tiefen See zu einem überaus starkem Kieselalgenwachstum führt, der der Wasservogelwelt (besonders den 10.000 brütenden Enten) als üppige Nahrungsgrundlage dient. Darüber hinaus ist die ganze Region klimatisch begünstigt, es fällt im Landesvergleich nur wenig Regen und als Ausgleich dafür scheint ein wenig häufiger die Sonne, so daß sich von jeher immer Menschen in diesem Gebiet aufgehalten haben. Weshalb der Mývatn aber nicht Entensee sondern Mückensee heißt, kann mal im Sommer zum Schlüpftermin der Zuckmücken (die übrigens nicht stechen) eindrucksvoll erleben. Angeblich soll man bisweilen keine 30 Meter weit gucken können, weshalb Autofahrer auch über Tag das Licht an ihren Fahrzeugen nicht ausschalten...
   Ich fahre also in Reykjahlið ein, meinen ersten Zwischenziel! Meine rege Erinnerung berichtet mir von zwei Tagen absoluter Entspannung, die Peter und ich unendlich genossen. Genauso soll es mir hier auch in diesem Jahr ergehen, beschließe ich. Hurra! Da ist ja die überdimensionierte Hähnchenbude, die wir kurz nach unserer Ankunft völlig ausgehungert und zivilisationslüstern stürmten! Und gleich nebenan der kleine Kaufmannsladen mit der zauberhaften Wandbemalung. Dem unbekannten Künstler gelang es vortrefflich, regionale geologische Formationen und Ereignisse in die Welt der Milch- und Käseprodukte zu transponieren. Hier will ich sobald wie möglich wieder einkaufen, am besten noch heute Abend (es gelüstet mich nach Pellkartoffeln mit Quark).
Schade, der Platz ist teurer geworden, aber das hätte ich mir auch gleich denken können. Jetzt kostet er 450 ISK, satte 100 Kronen mehr als vor zwei Jahren, und er war damals schon nicht der billigste am Mývatn. Dafür liegt er aber direkt am See, was sonst kein anderer Zeltplatz hier von sich behaupten kann. Neben dem Mixt-Waschraum ist in Richtung See ganz frisch ein großes weißes Küchenzelt errichtet worden, daß wohl die aufgestockte Übernachtungsgebühr rechtfertigen soll. Ich zahle zunächst nur für eine Nacht und mache mich auf die Suche nach einem guten Zeltplatz. Ähnlich wie früher schlage ich mein Domizil ganz nahe am See auf. Die gemähte Rasenfläche endet direkt an dem Begrenzungsseil neben mir, 20 m weiter hinter lockerem Buschwerk plätschern die Wellen sanft ans Ufer. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft befindet sich nur ein Zelt, aus dem sich zwei Frauen gedämpft auf englisch unterhalten. Nachdem ich mich häuslich eingerichtet habe, tue ich das, wovon ich schon seit langer Zeit in der Heimat geträumt habe. Ich setzte mich bei eitel Sonnenschein an das Ufer des Mývatn und rauche eine Pfeife! Ich fühle mich ruhig und entspannt, in diesem Moment könnte man wohl mit mir hervorragend einen Werbespot für „Black Danish Vannilla Pfeifentabak“ drehen, und ich könnte mich damit identifizieren. Ähnliches Glücksgefühl beim Konsumieren eines Suchtmittels habe ich anno ´93 auf dem Hochplateau des „Connor Pass“ auf der Dinglehalbinsel zu  Irland empfunden, als ich nach schweißtreibender Auffahrt völlig durchnäßt von körpereigener Feuchtigkeit und Schauerattacken am Hang auf dem Aussichtsparkplatz stand, die zur Miniaturausgabe ihrer selbst verwandelte Welt unter mir bestaunte, meine Schulfeundin Hanna nur als dunklen Fleck auf dunklen Asphalt unter mir wahrnahm und äußerst befriedigt in ein ladenfrisches Snickers biß! Ich lebte den O-Ton Werbeslogan Really satisfies! schier aus. Zugegeben, dieser kurze aber ungeheuer wertvolle Moment in meinem Leben ist zwar unübertroffen, aber dieser Moment am See kommt ihm recht nahe. Er ist etwa gleichzusetzen mit der denkwürdigen "Schlacht am Halben Hahn" vor zwei Jahren im Schnellrestaurant auf der anderen Straßenseite.
Mein nächster Programmpunkt nennt sich Körperpflege. Ich bin zwar erst drei Tage auf der Straße, aber man macht ja doch was mit, und auf so einem großen Campingplatz möchte man ja auch etwas gepflegt auftreten. Eine Rasur erscheint mir da als das rechte Mittel genau angebracht. Der Waschraum ist immer noch unverändert, und ich reiße mir als erstes eine der drei Duschkabinen unter den Nagel. Danach soll der Flaum ab! Nun gehöre ich zu den Männern, die es nicht unbedingt gewöhnt sind, sich in Gegenwart von Frauen zu rasieren, was ja keine Schande ist, aber es ist eben ungewohnt. Noch komplizierter wird es allerdings, wenn sich nach dem Einstöpseln des guten, alten Braun-Shavers herausstellt, daß er nicht will. Das wirkt irgendwie dämlich! Zwar kenne ich dieses Problem schon von zu Hause (es helfen oft ein paar kräftige Schläge auf die Hartplastikummantelung), aber hier ließ sich nichts ausrichten! Ist mein Rasierer im A., oder streikt die Steckdose. Da, mein Schutzengel im Gewand einer Reinemachefrau betritt den Gang und wird sofort mit meinem Problem konfrontiert. Wie schade, daß sie kein Englisch versteht, aber nach lebhafter Problemdemonstration und ein paar unverbindlich auffordernden Worten meinerseits gehen wir gemeinsam in einen Hinterraum, wo die nette (und leicht verwirrte) Dame auf eine weitere Steckdose zeigt. Auch hier das gleiche ernüchternde Ergebnis – es rührt sich nichts! Ich lächle der Putzfrau entschuldigend zu und verziehe mich wieder nach vorne, in einen ernsten an meinen Rasierer gerichteten Monolog vertieft (ich muß hierzu erwähnen, daß ich mich noch nie zuvor naß rasiert habe, und auch nicht vorhatte, auf dieser Reise damit anzufangen). Wieder nutze ich die erste Steckdose, betätige den Schalter und – oh Wunder – er summt tapfer vor sich hin. Braver Apparat!
Ausgesöhnt kehre ich zu meinem Zelt zurück und muß dort eine weitere Entdeckung machen, die ernsthaft auf die Stimmung drücken kann. Genau neben meinem Hilleberg ragt jetzt, wo eben noch grüne Wiese war, ein Hauszelt in die Höhe, mit Tisch und Klappstühlen davor, um die Koteletts und Würstchen vom Campinggrill auch ja nicht im Stehen essen zu müssen. So viel Kulturschock darf es dann doch wirklich nicht sein! Doch es bleibt nicht bei der optischen und geruchlichen Sinnesbelästigung, denn die frisch eingetroffene isländische Kleinfamilie verständigt sich leider nicht durch Gebärdensprache. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Fluch oder ein Segen ist, daß man die lebhafte Unterhaltung zwischen Mutter, Vater, Sohnemann und pubertierender Tochter nicht versteht, ihnen aber aufgrund der direkten Nachbarschaft von weniger als fünf Metern nicht entgehen kann.
Um ein sich erneut anbahnendes Stimmungstief schon im Vorfeld entschieden entgegenzutreten, mache ich mich gradewegs auf in Richtung Supermarkt, um mir alles für meine ersehnten Pellkartoffeln mit Tzatziki zu kaufen. Und was soll ich sagen – es ist kurz nach halb sieben und der Laden hat dicht! Seit wenigen Minuten geschlossen. Fällt einem dazu noch etwas ein? Mir nicht.
Es läuft also wie gehabt auf Reise-Nahrung hinaus, aber zum Glück habe ich mich an Nudeln mit Tomatensauce noch nicht überfressen. Ein Zelt nebenan wird weiterhin geräuschvoll gespeist. Aus meinem anderen Nachbarzelt ist lange Zeit kein Mucks mehr zu vernehmen gewesen, das war auch gar nicht möglich, denn die Bewohnerin kommt jetzt gerade um die Ecke, wirft einen alles sagenden Blick auf unsere neuen akustischen Mitbewohner und nickt mir dann mitleidig zu. Nach ein paar englischen Wortfetzen stellt sich heraus, daß sie Meike heißt und auch aus Deutschland kommt. Sie hat ein vorbildliches (aber freundliches) Mondgesicht, die hellen Haare sind bis auf eine lange Strähne kurz geschoren. Sie spricht ruhig und nicht gerade mit schneller aber für eine Frau relativ tiefen Stimme. Ich frage sie, ob sie etwas über die Askja-Bustouren weiß und stelle erfreut fest, daß sie erst gestern an einer teilgenommen hat, die sie bei schönem Wetter als äußerst lohnend und sehenswert beschreibt, trotz der nicht unerheblichen Kosten von 5500 ISK (= 140,12 DM). Auf diesen Betrag bin ich aber einigermaßen vorbereitet, denn bei meinem ersten Inselbesuch war er ähnlich hoch. Ich habe glück, denn gleich morgen soll es wieder eine Tagestour zur Askja-Caldera geben, die um 8.30 Uhr am Hotel Reykjahlið beginnen soll. Dort, so sagt mir Meike, solle ich auch möglichst gleich noch reservieren und bezahlen.
Und so mache ich es auch. Auf dem Hinweg die Dorfstraße entlang kaufe ich mit in einer Tankstelle eins von diesen genialen isländischen Vanille-Softeishörnchen, die aber leider häufig auch so unbequem kostspielig sind. Ich habe Glück, mein Eis kostet heute nur 150 Kronen und ist zu diesem Schnäppchenpreis auch noch größer als erhofft! Zum Hotel ist es nicht mehr weit, und da ich dort mit tropfendem Eis eigentlich nicht die Empfangshalle unsicher machen möchte, mache ich einen kleinen Spaziergang und schaue mir den zweiten Zeltplatz von Reykjahlið oberhalb des gleichnamigen Hotels an. Ich habe keine Ahnung, ob dieser günstiger ist, auf jeden Fall gefällt er mir nicht so gut wir der meinige bei Bjark. Die einzelnen Stellplätze sind durch Buschreihen grob vorgegeben, und auf einem kleinen Plateau lagert lautstark eine ansehnliche Jugendgruppe.
Im Hotel ist es durch eine Klimaanlage fast empfindlich kühl. Ich schaue mir zunächst ein paar Werbeposter zu diversen Ausflugszielen in der Umgebung an und reserviere dann an der Rezeption meine Askja-Exkursion. Die Bezahlung wird für mich zum richtigen Ereignis, da ich zum ersten Mal meine DB VisaBahnCard in Aktion versetze. Der Zahlungsverkehr scheint reibungslos zu klappen, der Kreditkartenautomat spuckt keine Warnmeldungen aus und erhalte neben dem Zahlungsbeleg, einer Reservierungskarte, einen Fahrtprospekt auch den freundlichen Hinweis, mich mindestens 15 Minuten vor Fahrtantritt auf dem Parkplatz vor dem Hotel einzufinden, also bis spätestens 8.15 Uhr. Die ganze Tour wird voraussichtlich 13 Stunden dauern.
Wenig später muß ich am Lebensmittelladen feststellen, daß der Laden erst um 8 Uhr öffnet, also für mich etwas spät, um mich mit allen möglichen Leckereien für den kommenden Abend zu versorgen. Bei meiner Rückkehr wird er längst wieder geschlossen haben.
Grumpfff!
Um das Schlimmste von vornherein anzuwenden, kaufe ich an besagter Tankstelle noch ein überteuertes Weißbrot, damit ich bis übermorgen früh nicht verhungere.
Wieder auf meinem Campingplatz zurück berichte ich Meike kurz von meiner erfolgreichen Reservierung. Sie wünscht mir viel Spaß und ist sich nicht ganz sicher, ob sie morgen wieder aufbrechen möchte. Da nicht sicher ist, ob wir uns am Morgen noch über den Weg laufen werden, verabschieden wir uns vorsichtshalber schon mal voneinander. Dann verschwindet sie in ihr Zelt.
Auch ich tue es ihr bald nach, fühle mich aber noch nicht müde. Es ist noch früh am Abend, und es wird noch etliche Stunden dauern, bis die Dämmerung anbricht. Zur Erbauung nehme ich mir meinen Walkman vor und spule mir „Moskau“ von Dschingis Khan zurecht. Aber statt mich zu entspannen, erinnert mich dieser Schlager eindringlich an wilde Studentenparties und läßt nach mehrfachem Hören ein abgestanden wehmütiges Gefühl zurück. Verdammt, ich bin doch im Urlaub! Um mir diesen Umstand deutlicher bewußt zu machen, lege ich schnell die nächsten zwei Folgen der Hörspielversion von „Der Herr der Ringe“ ein und werde Zeuge der ersten wirklich ernsten Unannehmlichkeiten von Frodo und seine Gefährten auf ihrem langen und gefährlichen Weg in Richtung Mordor.
Es ist etwa 22 Uhr durch, als ich mich zum Schlafen anschicke. Nebenan ist die Familie zum Glück ausgeflogen, so daß ich ungestört ins Reich der Träume abgleiten kann.

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