Ein isländisches Tagebuch
(Island-Fahrradtour vom 03.07.- 25.08.1998)

4. Teil: Askja-Busexkursion und Mývatn

Busexkursion: Mývatn-Askja-Mývatn
Ein Tag am Mývatn
Noch so ein Tag am Mývatn...
 

--- Achtung: Ab hier Versuch der neuen Rechtschreibung! ---


Montag, der 13.07.98
(ganztägige Mývatn - Askja - Mývatn Bus-Exkursion)

 Kurz vor 7 Uhr klingelt der Wecker, und sofort bin ich hellwach. Die Sonne scheint! Schnell erledige ich die Morgentoilette, um danach zu einem deftigen Frühstück mit dem guten Schwarzbrotresten aus Deutschland überzugehen. Ich mache mir eine Trinkflasche für den Tag zurecht, schmiere mir noch ein paar Stullen und da ist es doch auch schon fast 8 Uhr. Meine erste Expedition zum Laden soll beginnen.
Schön, auch innen hat sich nichts verändert. Da ich nicht viel Zeit habe, entschließe ich mich kurzfristig zum Kauf eines Karamel-irgendwas-Trinkjoghurts. Ich weiß zwar nicht, welcher Teufel mich bei dieser Auswahl geritten hat, aber als ich ihn draußen auf dem Weg zum Bus öffne und probiere, fällt mir leider viel zu spät auf, daß ich Karamel und besonders Nougat überhaupt nicht ab kann. Somit nötige ich mir den halben Liter mehr schlecht als recht ein, aber zum Wegschmeißen ist er dann ja doch zu schade, und bisher habe ich an diesem Morgen auch kaum was getrunken.
Pünktlich um 8.15 Uhr bin ich am Hotel angekommen, von dem die Bustour in einer Viertelstunde starten soll. Hier parken mehrere Hochlandbusse unterschiedlicher Größe, der zur Askja hat die meisten Sitzplätze und ist schon etwa halb voll. Ich schlendere noch etwas auf und ab, da ich das Schlimmste befürchte (nämlich viel fahren und wenig laufen). Der Bus hinter dem meinen fährt eine Erkundungstour zum Dettifoss und nach Ásbyrgi. Einer der Fahrgäste winkt mir zu, es ist der „Fliegende Holländer“ von vor zwei Tagen, dessen wenige Ausrüstung und hohe Tageskilometerleistungen mich so beeindruckt haben. Schön, aber ein Held ist er auch nicht, denn Helden machen keine Weichei-Busstouren!
Einer alten Schulbus-Sentimentalität folgend nehme ich in der vorletzten Reihe des Askia-Busses Platz (auf der rechten Seite). Ganz hinten auf der Rückbank haben es sich schon zwei Pärchen bequem gemacht. Als wir starten ist nahezu jeder Doppelsitzplatz besetzt.
Gleich zu Beginn der Fahrt, die uns zunächst von Reykjahlið nach Osten führt, stellt sich die isländische Reiseführerin Maria der versammelten Busbesatzung vor. Sie spricht ein sehr angenehmes Englisch, dem man gut folgen kann, ohne dem Redner ständig anschauen zu müssen. Maria klärt uns zunächst kurz über die anstehenden Tagesleistungen auf (langes Fahren mit zahlreichen Zwischenstops) und fängt dann gleich an, uns mit Wissenswertem über Land und Leute zu informieren (Kieselgur-Fabrik am Mývatn, geothermale Quellen im Umland, Krafla-Kraftwerk nördlich der Ringstraße). Die Inhalte sind mir zwar vertraut, ich lasse sie mir aber gerne noch mal erzählen.
Derweil saust der Bus auf der glatten, sonnenbeschienenen Lehmstrecke dahin, die ich noch am Tag zuvor auf meinem Weg nach Reykjahlið befahren habe. Zu unserer Linken zumeist Grasland und Heide, der Blick aus dem rechten Fenster zeigt erstarrte Lavaströme des Búrfellshraun. Über diese erfahren wir, dass wir der gleichen Lava als Teil der größten zusammenhängenden Lavadecke Islands viele Stunden später an anderer Stelle noch einmal begegnen werden. Etwa nach einer halben Stunde Fahrzeit passieren wir den zum Teil eingestürzten Vulkankrater Hrossaborg, und wenig später biegen wir auf die Piste F88 Richtung Süden hin ab. Der Bus hält, um weitere Fahrgäste aufzunehmen, die mit ihrem Privatwagen gekommen sind, und sich vermutlich telefonisch angemeldet haben. In den vergangenen 30 Minuten hatte ich genügend Zeit, mir von meinem Sitzplatz aus meine Mitreisenden genauer anzuschauen. Die meisten von ihnen scheinen Ehepaare mittleren oder gehobenen Alters zu sein, es sind aber auch einige jüngere Paare darunter. Alleinreisende wie ich gibt es nur wenige. Direkt vor mir sitzt ein junges Pärchen (Tschechen, wie ich etwas später erfahre), die sich so ähnlich sehen, dass sie glatt Geschwister sein könnten.
 Es sind von der Ringstraße aus laut Karte 88 km bis zum Campingplatz am Rande der Askja-Caldera und weitere 8 km bis zum Parkplatz direkt am Caldera-Eingang. Nach mitteleuropäischer Erfahrung sind das keine großen Entfernungen, die man mit dem Wagen bequem in einer Stunde oder weniger zurücklegen kann. Im isländischen Hochland sieht das aber ganz anders aus! Zunächst führt uns unsere zunehmend sandiger werdende aber immer noch gut zu befahrene Piste ohne Umwege nach Süden. Beiderseits der Straße liegt kilometerweit schwarzer Sand, in dem hauptsächlich eine schüttere Standhafervegetation ihr Dasein fristet. Wir durchqueren die Wüste Odáðahraun. Nach vielleicht zehn Kilometern wird dieser sandige Bereich links und rechts der Piste schmaler, und bald darauf erreichen wir das erste Lavafeld.
Eine Durchquerung mit dem Bus muss man sich am ehesten so vorstellen: Alles in allem erinnert die „Überfahrt“ an eine Seereise in einem kleinen Boot bei hohem Seegang – das ganze allerdings in Zeitlupe plus extra Rütteleffekten. Die Begleitsymptome sind ähnlich. Nach einer Weile wird es im Kopf schummrig und der Magen möchte, dass von ihm bitteschön mal wieder Notiz genommen wird. Solche Egotrips einzelner Körperorgane bekämpft man am Besten mit Brotstullen oder Schokoriegeln! Schaut man sich die Umgebung an, so fällt der maritime Vergleich nicht schwer, denn die erstarrten Lavamassen ähneln tatsächlich einem zu Stein gewordenen Meer.
Leider ist heftiges hin- und hergeschleudert werden nicht der einzige Wehrmutstropfen, den ich in Kauf nehmen muss, um schier grenzenlose und gewiss lebensfeindliche Hochlandatmosphäre genießen zu dürfen. Was ich seit fast einer Stunde ahne, wird jetzt zur Gewissheit. Mein Sitz knarzt! Es scheint der einzige im ganzen Bus zu sein, zumindest ist keiner so geräuschvoll wie meiner. Jede noch so unbedeutende Bodenwelle oder jedes noch so vorsichtig durchgeführte Wendemanöver des Busfahrers entlang der verwinkelten und steinigen Piste wird von meiner Sitzgelegenheit gnadenlos und lautstark kommentiert.
Ätzend!
Das finden auch andere, denn inmitten dieses Ozeans aus schwarzer Strick- und Fladenlava fängt die Frau hinter mir an, sich geräuschvoll zu übergeben! Einmal begonnen scheint sie Gefallen an dieser Unternehmung zu finden, denn sie hört gar nicht mehr damit auf. Immer wenn ich glaube, es sei überstanden, und die tröstenden Worte des neben ihr sitzenden Freundes akustisch die Überhand gewinnen, geht es wieder von vorne los. Nun, immerhin funktioniert die Lüftung in diesem Bus, und so beiße ich beherzt in eine meiner Stullen, in der Hoffnung, meinen eigenen Magen von der Geräuschkulisse hinter mir abzulenken.
Schließlich nähern wir uns dem ersten Haltpunkt. Seit wenigen Kilometern haben wir die Grenze zum Heiðubreið-Natschutzgebiet durchquert, welches sich Richtung Süden bis zur Askja erstreckt. Ein paar Mal haben wir schon einen Blick auf den mächtigen Gletscherfluss Jökulsá á Fjöllum werfen können, der wenige Kilometer östlich der Hochlandstraße vom Gletscher Vatnajökull kommend Richtung Norden fließt. Maria weiß viel Wissenswertes über Gletscherflüsse und ihre Gefahren zu berichten, pünktlich zu unterer ersten Furtdurchquerung mit dem Bus!
Was für ein tolles Abenteuer, als der hochachsige stählerne Riese langsam in die Fluten des Baches Grafarlandsaá eintaucht. Tschechen kurz vorm ''Nasse Füße holen''Das Wasser ist kristallklar (also kein Gletscherwasser), und an seinen Ufern hat sich eine üppige, mehrere Meter breite Vegetation  gebildet, die von den großen Doldenblüten und den mächtigen Blättern des Engelwurz beherrscht wird. Aber schon wenige Meter fern der Ufer hört der wasserspendende Segen auf, der sandige Boden ist trocken und lässt kein Wachstum höherer Pflanzen mehr zu. Direkt hinter der Furt hält der Bus, und wir dürfen uns für zehn Minuten die Beine vertreten. Bildhübscher WasserfallDie Zeit ist recht kurz bemessen, denn keine hundert Meter flussaufwärts fällt der Wasserlauf über einen bildschönen, im Sonnenlicht weiß schäumenden kleinen Wasserfall hinab, in dessen Hintergrund – sicherlich schon tausendfach fotografiert, die Herðubreið gut zu erkennen ist.
Aber es gibt noch ein anderes, spannendes Ereignis zu berichten! Direkt nach unserem Eintreffen saust ein Trupp Radfahrer aus dem Hochland kommend auf uns zu und macht sich alsbald ans Furten. Da mir dieses Erlebnis bisher erspart geblieben ist, muss ich mir diese Show doch gleich mal näher ansehen. Und was soll ich sagen? Es handelt sich um meine persönlichen Helden, die Tschechen von der Fähre! Und als ob ich es geahnt hätte, kommen schon wieder zwei die Piste hinunter, und wieder zwei, und noch einer! Es wird auch nicht lang gezögert, wer am Fluss ist wartet nicht, sondern watet beherzt mit Rad und Sack und Pack hindurch! Wieso sich unterhalten, wo Einzelkämpfertum doch so viel mehr geben kann? Nicht zum ersten Mal bin ich verwundert und vermisse irgendwie etwas Gepäck an den Rädern. Aber die Gruppe ist ja groß, und vielleicht schlafen sie ja alle zusammen auf dem blanken Boden unter einer einzigen großen Zeltplane...
Nachdem das Schauspiel der furtenden Radfahrer - welches von vielen meiner Mitreisenden mit unverhohlener Neugierde und großem Unglaube begleitet wird - sich langsam abnutzt (noch immer kommen vereinzelte High-Tech-Tschechen die Piste entlang), mache ich es mir für ein paar Minuten am Wasserfall gemütlich, bis der Busfahrer das Signal zur Weiterfahrt gibt.
Die kommenden zwanzig Kilometer erweisen sich als recht ereignislos. Das Vorwärtskommen im Lavafeld Lindahraun gestaltet sich weiterhin schwierig, da die Straße auf engstem Raum ihren Verlauf ändert, wodurch es nur quälend langsam voran geht. Spektakuläre Abwechslung wird allenfalls durch Gegenverkehr geboten, wobei die Fahrbahn oft für mehrere Minuten blockiert ist. Dass wir uns dennoch bewegen kann man daran erkennen, dass die Heiðubreið langsam – sehr langsam – näher rückt.
Es folgt die Querung einer zweiten (breiteren) Furt durch die Lindaá, und wenig später kommen wir in der Oase Herðubreiðarlindir an. Und hier ist richtig was los - nicht erst seit heute! Mehrere Hütten des isländischen Campingplatzverbandes, Sanitäre Anlagen, hektarweise Golfrasen-Rasen zum Zelten und auch sonst einfach viel grün! Und Geländewagen und Busse gibt es hier, ganz zu schweigen von den vielen Menschen, die in ihnen gereist sind, und sich jetzt alle auf einmal unbedingt die Beine vertreten müssen. Da können wir nicht außen vor bleiben und stürzen uns auch in die Oase der überquellenden Freiheit! Leider quellen die WC´s auch fast über, so dass man ein Weilchen mit anderen Menschen zusammen davor verweilen muss. Ich hebe mir diese Erfahrung für einen späteren Zeitpunkt auf.
 Nach einer Viertelstunde lädt Maria zu einem angekündigten Rundgang ein. Wir lernen bei der Besichtigung des Geländes, dass bisher 111 unterschiedliche Pflanzenarten in diesem Gebiet festgestellt worden sind. Es ist hier so wasserreich, weil die Lindaá eine kleine Insel umspült, daher sollte man vielleicht eher sagen: es ist grundwasser- und uferreich.
Das ganze Terrain und vielen Lavaquadratkilometer drumherum bilden die Missetäterwüste, in der früher für vogelfrei erklärte Geächtete einen Zufluchtsort gesucht haben. Oase in der Wüste: HerðubreiðarlindirStaunend besichtigen wir ein restauriertes Erdloch, in dem der Viehdieb Eyvindur Jónsson den Winter 1774-75 verbracht haben soll. Zur Information, der Winter in diesem Teil des Hochlandes dauert so etwa 8 bis 9 Monate. Zu Essen gab es trotzdem etwas: Engelwurz-Wurzeln – täglich!
Nach diesem erquickenden Rundgang haben wir noch weitere 20 Minuten zum freien Verweilen. Die Toiletten sind gerade nicht so frequentiert, so nutze ich also meine Chance. Danach werfe ich einen kurzen Blick in die improvisierte Ausstellung der Campingplatzrezeption und lege mich dann doch lieber noch für ein paar Minuten auf den glattrasierten Rasen.
Wieder im Bus geht es abwechslungsreich weiter durch Sand- und Lavafelder, wobei wir der mächtig aufragenden Heiðubreið immer näher kommen (oder sollte ich lieber „Asgard, die Götterburg“ sagen?). Nach zehn weiteren schaukligen Kilometern halten wir an einer Stelle, an der sich der Gletscherfluss Jökulsá á Fjöllum eine imposante Schlucht gegraben hat. Thors Göttersitz: Argard''The Canyon, that is digging a Hole.''Wir steigen aus und dürfen sogar die nächsten paarhundert Meter zu Fuß am Rande der Schlucht entlang laufen, was für nicht wenige meiner Mitreisen eine unerwartete Herausforderung darzustellen scheint. Der Bus ist derweil etwas vorausgefahren und wartet geduldig auf einem nahen Parkplatz. Unterdessen macht uns die wirklich um uns bemühte Maria auf eine Farbbereicherung im schwarzen Lava- und Sandboden aufmerksam. Fast unmerklich haben sich cremefarbene Farbtupfer hinzugesellt: kleine Bröckchen von Bimsstein. Während uns Maria erzählt, dass dieser Tuff von einen gewaltigen Askja-Ausbruch anno 1875 stammt, und das leichte vulkanische Gestein in die höhere Atmosphäre durch die dort vorherrschenden Westwinde bis nach Skandinavien geschleudert worden ist, hat sie ihre Augen wirklich überall – immer bemüht, kein Mitglied ihrer Gruppe in einer sich plötzlich auftuenden Lavaspalte oder etwas ähnlich Schrecklichem zu verlieren.
Die Weiterfahrt geht jetzt zügiger Vonstatten, da wir es hier südöstlich der Heiðubreið mit einer gut zu befahrenden Bimssteinwüste zu tun haben, in dessen Ockertönen die schwarze Lava immer stärker überdeckt wird. Leider verschlechtert sich mit unserem Vorwärtskommen auch immer mehr das Wetter. Wie abgeschnitten liegt eine Wolkenwand über dem zentralen und südlichen Teil von Island, und unter diesen Wolkenteppich begeben wir uns jetzt.
Die Landschaft ist trotzdem atemberaubend. Einerseits die endlos scheinende Bimssteinebene zur linken, an unserer rechten Seite zieht der Höhenzug Heiðubreiðartögl vorbei. Etwas später dann nur Bimswüste (Vikursandur) um uns herum und schließlich der langsam größer werdende Gebirgsring Dyngjufjöll, dem wir uns inzwischen Richtung Westen fahrend langsam nähern.
Wir passieren die Hütte Drekki und das einfache Campingplatzgelände ohne Zwischenstopp und fahren die letzten acht Kilometer direkt weiter bis zum Askja-Parkplatz. Der Askja-Parkplatz - Wir sind nicht allein!Die stark gewundene Piste steigt schnell an. Es wird noch mal holperig, da der improvisierte Straßenverlauf bisweilen über ein frisches Lavafeld von 1961 führt. Zu dem frischen Schwarz der erstarrten Magma gesellen sich immer mehr schmutzigweiße Altschneefelder. Oben am Parkplatz angekommen ist der Blick über die weite Landschaft überwältigend! Es ist fast so, als befände man sich inmitten einer alten Schwarzweiß-Fotografie, wenn da nicht die störenden Farbtupfer der sechs oder acht Reisebusse wären.
Das letzte Stück zur Askja-Caldera (das Wort ist eigentlich doppelt gemoppelt, da „Askja“ auf isländisch „Caldera“ bedeutet) müssen wir zu Fuß in Angriff nehmen. Blick über die Caldera-EbeneVorwärts Marsch!Zunächst geht es einen altschneereichen Kilometer recht steil einen Pass bergauf, dann befindet man sich am Rande einer etwa 8 km im Durchmesser betragenen grandiosen Hochebene. Wenn ich Maria richtig verstanden habe, ist diese 50 km² große Ebene, die von den Höhenzügen Dyngiufjöll eingerahmt wird, schon eine ganz alte Caldera, also eine eingestürzte Magmenkammer. Die eigentliche „Askja“ (also eine Caldera in einer Caldera) befindet sich noch einen halbstündigen Fußmarsch über feuchte Schneefelder entfernt von uns.
Im März 1875 gab es hier eine gewaltige Explosion, wodurch der 11 km² große Kratersee Öskjuvatn entstand (1050 m ü. NN). Der Kratersee ÖskjuvatnEr ist 220 m tief und somit der tiefste See Islands. In ihm sollen bei einer Expedition 1907 nach Aussage des einzigen Überlebenden zwei deutsche Geologen ertrunken sein, denen am Rande des Sees auch eine Gedenktafel gewidmet ist.
Ebenfalls im Jahre 1875 explodierte ein weiterer Krater und formte in ihm den kleineren See Víti (isl: „Hölle“). Öskjuvatns kleiner Bruder VítiIm Gegensatz zu seinem großen Kollegen ist das Wasser hier milchig eingetrübt und warm. Einige Mutige wagen den steilen Abstieg in den Schlund und nehmen ein schweflig-uriges Bad. Buahhh! Ich begnüge mich derweil mit einem Rundgang und lasse die imposante Szenerie auf mich wirken.
Nach einer guten halben Stunde beginnen Maria und der Busfahrer laut rufend und wild umherwinkend auf sich aufmerksam zu machen. Es hat inzwischen zu nieseln begonnen, und sie wollen zurück. Allmählich findet sich unsere Gruppe wieder zusammen, und der Treck über die inzwischen durch den Niederschlag verharschenden Schneefelder beginnt erneut. Etwas abseits der ausgetrampelten Route hinter dürftigem Sichtschutz genehmige ich mir eine Kunstpause, um dann langsam wieder aufzuschließen. Macht gar nichts, mal etwas abseits der Gruppe zu wandern.
Zurück am Parkplatz dauert es dann aber schon eine ganze Weile, bis sich Marias Schützlinge wieder alle unter ihre Fittiche begeben haben. Es ist inzwischen nach zwei Uhr nachmittags, und es dauert noch ein bisschen länger, bis wir endlich los kommen. Diesmal halten wir an der Drekki-Hütte an. DrekkiWer will, darf das Plumpsklo benutzen, der Rest macht sich auf, um die Schlucht Drekagil zu besichtigen. Es regnet leider immer noch ein wenig, als wir die enge „Drachenschlucht“ betreten. Den Namen bekam diese Klamm durch eine skurrile Felsformation oberhalb des Eingangs, welche eben an einen Dachen erinnert. Kurz vor der Weiterfahrt gehe ich noch ein paar Schritte in die Bimssteinwüste hinein, um wenigstens ansatzweise etwas von der Atmosphäre aufsaugen zu können, derer man als Radfahrer in dieser unbeschreiblichen Landschaft zuteil werden dürfte.
Der Rest der Rückfahrt verläuft ereignislos und ist schnell erzählt. Abgesehen von einem ausführlichen Bericht über die 1907 mit einer Tragödie endende Askja-Expedition und den nachfolgenden Ereignissen und Vermutungen hat Maria nicht mehr so viel zu erzählen. Quälend langsam zuckelt der Hochlandbus wieder gen Norden dahin („quitsch-knartz“), vorbei an der Herðubreið, der Lindaá-Oase und zurück durch die Furten. Dann und wann meldet sich Maria noch einmal zu Wort, berichtet Dinge aus dem Alltag isländischer Schafzüchter oder erzählt eine Geschichte, wie der ganze Bims in die Landschaft gekommen ist. Ich bekomme sie nicht mehr ganz zusammen, aber es hat irgendwas mit einer Wette, einem Liebespaar und mehreren Prüfungen zu tun. Letzten Endes kletterte jemand gen Himmel hinaus, stürzte ab, und sein Gehirn (= Bims) spritzte über die ganze Landschaft!
Herzerfrischend.
 Etwa auf der Höhe der südlichen Furt endet wieder die wie abgeschnittene Wolkenwand, und wir fahren in gleißendes spätnachmittägliches Sonnenlicht hinein. An der Kreuzung zur Ringstraße werden die dort Zugestiegenen wieder entlassen, und – ach wie schnell – gleitet, nein, schwebt unser Bus wieder zurück nach Reykjahlíð. Es ist kurz nach acht, als wir endlich wieder zurück sind. Mit tosendem Applaus werden Maria und der Busfahrer von uns verabschiedet, dann mache ich mich zurück auf den Weg zum Campingplatz. Und der Laden davor hat natürlich wieder zu!
Hier auf dem Zeltplatz hat sich wenig verändert. Ich buche schnell für die nächste Übernachtung und schlendere zu „Sturmauge“ zurück. Meikes Zelt steht immer noch neben meinem, sie ist also noch nicht abgereist. Am Abend treffe ich sie noch einmal kurz an und berichte ihr von meinem Tag. Ich bin genau wie sie der festen Überzeugung, dass es die Zeit und das Geld wert gewesen ist, sich 13 Stunden lang „verschaukeln“ zu lassen! Bei schönem Wetter ist eine Tour zur Askja wirklich nur zu empfehlen!
Abendblick auf den MývatnAbends im Zelt bei der obligatorischen Tütensuppe sehe ich hinaus auf den See und zu dem dahinter liegenden Berg hinüber. Die Abendsonne scheint, aber langsam rollt eine tiefliegende Wolkenwand heran, die allmählich beginnt, den eben erwähnten Berg am Westufer des Mývatn zu verschlingen.
Der Nebel kommt...Kennt wer von Euch Stephen Kings Erzählung „Der Nebel“? Es ist lange her, seit ich sie gelesen habe, doch auf einmal sind die schaurigen Bilder wieder da! Langsam, ganz langsam kriecht die Nebelwand weiter auf mich zu, und streckt zunächst zaghaft, dann aber immer schneller und zielstrebiger seine unzähligen Finger nach mir aus!
Es wird Zeit, sich die Zähne zu putzen, um dann ganz schnell im Zelt zu verschwinden, denn was man nicht sieht, das kann einem auch nicht weh tun!
Oder?
 

Dienstag, der 14.07.98
(ein Tag am Mývatn)

 Heute soll mein Mývatn-Tag sein, allerdings lädt der junge Morgen nicht unbedingt dazu ein. Gestern am späten Abend - und immer mal wieder in der Nacht - gingen Regenschauer vom Himmel hernieder, und auch heute Morgen ziehen tieffliegende Wolken über den See dahin, die das Licht fahl erscheinen lassen und den Farben ihre Kraft nehmen. NebelfrachtImmerhin scheint es jetzt trocken zu sein, und vielleicht wird ja auch noch etwas aus dem Tag. Die ausgehängte Wettervorhersage im Waschraum lässt diese Hoffnung allerdings schon im Keim ersticken, zumindest, wenn man Prognosen wie diesen Glauben schenken mag. Immer wiederkehrende Regenfälle und Temperaturen deutlich unter 10°C werden für heute und die nächsten Tage im Nordosten der Insel prophezeit. Das gleiche gilt auch für den Rest Islands, auch wenn es im Süden etwas milder sein soll.
Egal, man soll sich den Tag nicht vor dem Abend vermiesen, heute kann ich endlich einkaufen gehen! Eine halbe Stunde lang durchstöbere ich die Einkaufsregale nach Inspirationen für den heimischen Kocher. Es soll Kartoffeln mit Skýr-Tzatziki geben und davon reichlich! Darüber hinaus fällt mir Hunangsbolla in die Hände, ein unheimlich leckeres isländisches Gebäck, nach dem meine Geschmacksrezeptoren sofort zu schmachten beginnen, nachdem es mir vor die Augen gekommen ist. Und da ist ja auch Peter Pan Peanut Butter – extra crunchy! Ich bin ja eigentlich kein Fan von Erdnussbutter, aber „Peter Pan“ war bei Peter und mir 1996 Kult, zumal Peter meinte, man bräuchte etwas auf dem wabbeligen Weißbrot, auf dem man - verdammt noch mal - herumkauen könne. Leider fehlt heutzutage die Aufschrift der herrlich vergleichenden Werbung „...tastes better than Jiff ® and Scippy®“ (wir haben damals einen Scippy-Konsumenten kennengelernt, dem wir sofort unsere Erdnussbutter unter die Nase halten mussten...).
Zurück auf dem Campingplatz treffe ich Meike an, die von einer ausgedehnten Wanderung, zu der sie schon früh aufgebrochen war, zurückgekehrt ist. Wir plauschen kurz miteinander, ich stelle meine frisch erworbenen Vorräte vor und verschwinde dann zunächst für eine Weile im Zelt um zu lesen. Eigentlich wollte ich ja heute den 529 m hohen Vindbelgjarfjall besteigen (jenen Berg, der gestern Abend so spektakulär verhüllt wurde), aber seine Spitze ist immer noch wolkenverhangen. Um wenigstens etwas zu tun, schwinge ich mich am Nachmittag auf mein Fahrrad, um etwas im Lavafeld Dimmuborgir herumzuwandern.
Dieses skurrile Lavafeld liegt 5 km südlich von Reykahlið am Ostufer des Mývatn. Direkt nördlich davon erhebt sich der 400 m hohe ringförmige Krater des Hverfjall (162 m über See-Niveau). Der Ringkrater des HverfjallEr entstand vor etwa 2500 Jahren im Zuge einer einzigen gewaltigen Eruption und weist einen Kraterdurchmesser von 1040 m auf. Da das Wetter aber nach wie vor bescheiden ist, sehe ich heute von einer Besteigung ab, zumal ich weiß, was mich oben erwarten würde. Der Krater ist etwa 50 oder 70 m tief (und darf eigentlich nicht betreten werden), was viele „Spaßvögel“ allerdings nicht davon abgehalten hat, wichtigtuerische Initialen oder sinnlose Botschaften metergroß aus vielen, vielen Steinen zusammenzutragen. So lässt sich von oben zum Beispiel das zu Stein gewordene Wort „Klosterklan“ bestaunen – wirklich sehr originell.
Ich fahre direkt zum Gebiet der schwarzen Burgen (Dimmuborgir). Das gesamte Areal besteht aus Türmen, Burgen, Säulen und Bögen schwarzer Lava, welche vor etwa 2000 Jahren die ältere Hverfjall-Laven durch Ausbrüche weiterer Kraterreihen überdeckt hat. Die ''Schwarzen Burgen''Um dieses Lavafeld zu erkunden, folgt man den vorgegebenen Routen, auf denen man stundenlang umherirren kann, ohne zweimal an der gleichen Stelle vorbeizukommen. Begünstigt durch die allgemeine gute klimatische Situation rund um den Mückensee und insbesondere durch die windschützende Wirkung der Lavatürme haben sich hier großflächig Birkenbestände angesiedelt, welche zusammen mit zahlreichen Blütenpflanzen einen herrlich frischen Kontrast zum angewitterten schwarzen Gestein abgeben.
LochEine gute Stunde etwa folge ich den ausgeschilderten und markierten Pfaden (abseits darf nichts betreten werden, was bei bis zu 1000 Tagesbesuchern nicht verwundern sollte), bis ich wieder am westlichen Ausgang angelangt bin und mich auf den Rückweg zum Campingplatz mache. Dort angekommen haben mich meine Komplexe schon wieder eingeholt.
Die Tschechen!
Als ich am frühen Abend endlich meine Kartoffeln kochen möchte, kommen immer noch welche an, während andere von ihnen schon im Küchenzelt bei der Nahrungszubereitung sind.
 Beim Kochen unterläuft mir ein peinlicher Fehler. Da ich unbedingt Pellkartoffeln zubereiten möchte (und die Kartoffeln sind etwa so groß wie Tennisbälle, wenn auch nicht ganz so rund), gehen etwa 45 Minuten ins Land, bis ich eine der beiden E-Herdplatten wieder für weitere Benutzung freigeben kann. Ich kann nicht behaupten, dass die Menge der Kochplattenanwärter bis aus der Zelttür hinaus angestanden hätten, aber etwas peinlich wird es zum Schluss schon. Immerhin kann ich mich zwischendurch mit einem Pärchen unverfänglich über zu besuchende Sehenswürdigkeiten in der Umgebung und die Vorzüge von Kochgelegenheiten auf isländischen Zeltplätzen unterhalten. Als ich mich endlich ans Essen machen kann, wird dann auch richtig reingehauen, denn das (der?) Skýr-Tzatziki schmeckt großartig! Da die Kartoffeln leider immer noch nicht ganz durch sind, hätte ich mir das mit dem Pellen auch sparen können. Vorher Schälen und Kleinschneiden wäre gewiss angebrachter gewesen.
Neben weiteren Leseattacken meinerseits gibt es nur noch wenig weitere Dinge für diesen Tag zu berichten. Zunächst mußte ich feststellen, dass meine kleine Spüli-Flasche sich ungefragt in einem meiner beiden Low-Rider-Taschen geöffnet hat, um dort möglichst viele Bücher einzusauen. Statt also nur mein Geschirr abzuspülen, bringe ich über eine halbe Stunde an den Außenspülbecken damit zu, zu retten was zu retten ist. Schön, feuchtes Papier trocknet ja auch wieder, aber ein frischer Duft und ein leicht schleimiges Gefühl werden dennoch auf den einzelnen Seiten von Peters ausgeliehenem Radreiseführer zurückbleiben...
Dann muss ich da auch noch mal das Zelt für die nächste Nacht bezahlen, also wieder 450 ISK losgeworden. Langsam erkennen die mich an der Rezeption wieder und freuen sich jedes Mal bei meinem Erscheinen, da ich mich ja täglich zum weiteren Verweilen zu entscheiden scheine.
Und dann ist da noch der „Fluch des Abends“!. Ehe man auch nur „Verdammt“ sagen kann, ist fast der gesamte Zeltplatz mit auffällig roten Leinenspitzdachzelten übersäht, aus denen kleine laute Franzosenbälger hinausgrinsen und um diese kleine und laute Franzosenbälger herumrennen. Und dabei habe ich mich noch gar nicht so richtig darüber freuen können, dass im Laufe des Nachmittags die schrecklich nette isländische Familie (direkt neben mir) kurzentschlossen ihre Reise fortgesetzt hat.
Nun, das sind halt die Nachteile auf einem belebten Campingplatz. Da hilft nur noch Walkman auf und Augen zu, damit ich fit für das morgige Weiterfahren bin!
 

Mittwoch, der 15.07.98
(...noch so ein Tag am Mývatn)

 Weiterfahren? Hat hier jemand weiterfahren gesagt?! Der über Nacht eingesetzte Regen hat so einen Gefallen am eigenen Wetter gefunden, dass er gar nicht daran denkt, in absehbarer Zeit wieder zu verschwinden. Auf meine stetig sinkende Motivationskurve wird da kein bisschen Rücksicht genommen!
Ein vorsichtiger Blick auf das Minithermometer im Außenzelt lässt mich pfeilschnell wieder in meinen Schlafsack zurückzucken. 6°C – so eine Schande!
Warum nur dem Belanglosen Ausdruck verleihen? Eigentlich gibt es über diesen Tag nicht viel zu berichten. Keine Fotos, wenig Action.
Um mich in das Unvermeidbare zu fügen, mache ich Nägeln mit Köpfen und zahle gleich am Morgen (ganz gegen meine sonstige Gewohnheit) den Zeltplatz für die vierte Nacht. Auf meine Beteuerung vom Vorabend, heute ganz gewiss abreisen zu wollen, wird an der Rezeption taktvoll hinweggesehen.
Dank des Schmuddelwetters verbringe ich den Vormittag Pfeife rauchend und lesend im Zelt. Das Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“ drückt ein Lebensgefühl aus, welches ich derzeit gut nachempfinden kann. Ärgerlich ist allerdings, dass durch gepflegtes Nichtstun mein Schokoladenkonsum überproportional anzusteigen droht. An eine strenge Rationierung der eingeführten 2 kg Aldi-Hausmarke ist nicht mehr zu denken. Ähnlich verzwicktes vermute ich für meinen Vanilla-Pfeifentabak. Noch ist zwar alles im grünen Bereich, aber falls das mit dem schlechten Wetter so weitergehen sollte, wird es eines Tages nichts mehr mit dem aufsteigenden Rauch aus meinem Tipi.
 Am frühen Nachmittag bin ich meiner eigenen Lethargie überdrüssig und begebe mich auf eine Exkursion in den Ort. Erste Station: Shoppen gehen und Schokoladenvorräte auffüllen! Danach schlendere ich weiter in den Ortskern. Mich zieht es zum örtlichen Sundlaug mit Hot Pot, um die Seele baumeln zu lassen. Nichts eignet sich an einem verregneten isländischen Sommertag besser als Softeis zu essen oder (noch günstiger) ins Freibad zu gehen.
Direkt neben dem Schwimmtempel befindet sich das Info-Center der Mývatn-Region. Da ich keinen Termin mit dem Bademeister ausgemacht habe, stapfe ich kurzentschlossen hinein, um es wenig später sofort wieder zu bereuen. Drinnen herrscht nämlich „Schuhe-aus-Zwang“! So als Alleinreisender im luftigen Zelt fallen einem so gewisse Dinge nicht unbedingt auf, lassen sich in geschlossenen Räumen – und seien diese auch noch so groß – leider nicht ignorieren. Ich vermeide es also so gut wie möglich, länger als 60 Sekunden vor ein und derselben Infotafel zu stehen und rotiere so einmal gegen den Uhrzeigersinn durch die gut gelungene Ausstellung.
Kurz vor dem Gehen bekomme ich zufällig mit, dass in einem Nebenraum eine Film-Dokumentation über den Vulkanausbruch unter dem Gletscher Vatnajökull vom Oktober 1996 gezeigt werden soll. Dieses Schmankerl möchte ich mir dann doch nicht entgehen lassen und verbringe einsame 45 Minuten in den letzten Reihen im ansonsten gut gefüllten Vorführraum.
Nach dem Verlassen der übrigens interessanten Filmvorführung, die mit einigen spektakulären Bildern aufwarten konnte, atme nicht nur ich befreit auf.
Hinaus aus dem Info-Center und hinein ins Badevergnügen! Leider stellt aber das Schwimmbad von Reykjahlið für mich zunächst eine herbe Enttäuschung dar. Statt wohlig wärmender Hot Pots neben dem eigentlichen Schwimmbecken ist dort nur Baustelle angesagt. Darüber hinaus ist im Wasser auch noch relativ viel Betrieb mit Leuten, die einfach nur doof dastehen und sich lautstark und weit ausschweifend gestikulierend unterhalten. Es braucht seine Zeit bis ich mitbekomme, dass die normalerweise kostenpflichtige Sauna während der Umbaumaßnahmen im Bad umsonst ist. Erst durch Nachfragen erlange ich Gewissheit und suche die verdiente Wärme.
Die Sauna an sich ist klein und schlicht. Entgegen sonstiger skandinavischer Gepflogenheiten hält man sich hier auch eher bedeckt, was aber wohl auch damit zusammenhängt, dass man gerade aus dem öffentlichen Schwimmbecken kommt und demnächst auch wieder dorthin zurückzukehren gedenkt.
Während meiner zweiten Sitzung füllt sich der Laden allmählich stärker, denn das freie Angebot hat oben inzwischen die Runde gemacht. „Zwangskuscheln“ in einer fast ausschließlich von Männern beherrschten Runde ist angesagt. Der Typ links neben mir (ein Osteuropäer?) erzählt mir auf deutsch von seinen Autofahrer-Abenteuern zusammen mit seinem Freund. Während wir so dasitzen und uns möglichst unverfänglich miteinander unterhalten, öffnet sich die Eingangstür, und ein nacktes Paar betritt das Holzparkett. Die nun folgende Szene ist wirklich etwas für die Galerie! Nahezu zeitgleich fassen sich alle anwesenden Männer an die Badehose, nesteln daran herum und machen sich mehr oder weniger hektisch ebenfalls frei, um der anwesenden unbekleideten Dame nicht das Gefühl zu geben, mit ihrer Blöße irgendwie ganz allein dazustehen. Wirklich zum Brüllen – leider hat niemand gelacht.
Bedingt durch die neue Kleiderordnung im Raum gerät die Unterhaltung mit meinem bisherigen Gesprächspartner ein wenig ins Stocken, wenig später ziehe ich es vor zu gehen. Ich kenne den Mann ja kaum!
Bevor ich bis auf die Poren erfrischt das Schwimmbad wieder verlasse, stecke ich mir noch die aktuelle Broschüre „Sundlaug Summar 1998“ ein. Es handelt sich hierbei um ein Verzeichnis sämtlicher offiziellen isländischen Schwimmbäder samt aufgelisteter Annehmlichkeiten, Preisen und Öffnungszeiten. Das nenne ich Service!
Auf dem nieseligen Weg zurück zum Zeltplatz verspeise ich voller Wonne zwei Mars-Riegel und feiere den Nachmittag. Eine ältere Frau kommt mir entgegen und spricht mich zunächst auf isländisch, wenig später auf englisch an und erkundigt sich bei mir nach dem Weg zur ortsansässigen Kieselgur-Fabrik. Ich muss sie umständlich verbal aus dem Ort hinauslotsen, dann noch ein paar Kilometer nach Osten den Berg hinauf, dort wird sie fündig werden.
 Auch der frühe Abend hält noch eine nette Abwechslung für mich bereit. Entgeben ihren Absichten hat auch Meike um eine weitere Nacht verlängert und bleibt mir daher als Zeltnachbarin erhalten. Nach einem längeren Gespräch von Tür zu Tür spreche ich eine Einladung auf eine Partie Kniffel aus, welcher sie nach ihrem Abendessen auch bereitwillig nachkommt. So verbringen wir die nächsten zwei Stunden bei mir im Zelt und lassen die Würfel fliegen. Habe ich schon erwähnt, dass sie genau wie ich in Münster studiert? Jaja, wie klein die Welt heutzutage wieder geworden ist – und es wird immer schlimmer!
Bei der gegenseitigen Vorstellung unserer Routenplanungen sprechen wir die gemeinsame Hoffnung aus, uns eventuell in zwei Wochen auf dem Zeltplatz von Landmannalaugar nördlich des Mýrdals-Gletschers wiedertreffen zu können.
Bevor wir uns verabschieden, verspricht sie noch, mir morgen in aller Frühe bevor sie aufbricht ein fast leeres Wachsspray für Trekking-Schuhe vor meinen Zelteingang zu legen. Ich habe Probleme mit einer sich ablösenden Geröllkante am rechten Wanderstiefel und möchte die größer werdende Öffnung zwischen Oberleder und Gummischale kräftig einsprühen. Mit dem normalen Lederwachs komme ich nicht so tief in die Ritze, zumindest nicht, ohne sie dabei weiter zu dehnen.
Den Rest des Abends verbringe ich in einer eher melancholischen Stimmung. Immerhin soll es morgen definitiv weitergehen - egal, wie das Wetter wird. Der gesellige Abend bietet mir einen wunden Kontrastpunkt zu einer ungewissen Zukunft, die vielleicht wenig menschliches Beisammensein für mich bereithalten mag. Mich wohlig schaudernd in Selbstmitleid suhlend greife ich vor dem Einschlafen zum Walkman, spiele mir bestimmt vier- oder fünfmal „Moskau“ von „Dschingis Khan“ vor und träume von rauschenden Studentenparties in beschwingter Runde bei leckerem Pinkus-Bier...

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