Ein isländisches Tagebuch
(Island-Fahrradtour vom 03.07.- 25.08.1998)

 
 

5. Teil: Vom Mývatn über Akureyri nach Varmahlið

 Vom Mývatn zum Ljósavatn  

Vom Lyósavatn nach Akureyri  
Ein Tag in Akureyri  

Ein weiterer Tag in Akureyri

 Von Akureyri nach Varmahlið

 

 

Donnerstag, der 16.07.98

(vom Mývatn zum Ljósavatn [64 km])

 

 Wie gern würde ich an dieser Stelle folgendes Wetterwunder vom Mückensee verkünden: "Acht Uhr! Die Sonne brennt! Die Frisur hält! ..." Und so weiter, der Rest ist bekannt. Die Realität sieht leider ein wenig anders aus. Also wieder ein "Bad-Hair-Day?"

Es ist kalt (also deutlich unter 10 °C), der Himmel ist bedeckt und es hat über Nacht wieder mehrfach ausgiebig geregnet. Wenigstens scheint es für den Moment trocken zu bleiben.

Vor einem meiner beiden Zelteingänge liegt tatsächlich wie angekündigt Meikes Wachsspray zur freien Verfügung. Viel ist wirklich nicht mehr drin, aber was will man auch erwarten für umsonst. Sie hat ihr Zelt noch nicht abgebaut, und da es schon gegen neun Uhr vormittags ist schließe ich daraus, dass ihr Vorhaben, die Mývatn-Region in aller Frühe zu verlassen, fehlgeschlagen ist.

Nach der Morgentoilette treffe ich sie dann im Essenszelt beim Frühstück an. Ihr Sachen hat sie schon gepackt, gegessen hat sie auch, jetzt muss nur noch das Zelt abgetakelt werden. Wenig später hat sie auch das erledigt. Wir sitzen also noch ein paar Minuten im Küchenzelt zusammen, reden über belanglose Dinge, bis sie schließlich aufbricht, um noch den Vormittagsbus in Richtung Osten zu erwischen.

Ich trotte zurück zu meinem Zelt und bin eigentlich schon froh, dass es jetzt nicht auch noch regnet. Das Packen mit anschließendem Zeltabbau gestaltet sich schleppender als geplant. Habe ich überhaupt einen Plan? Um 11 Uhr mache ich mich auf den Weg, zunächst Richtung Süden, um den See im Uhrzeigersinn halb zu umrunden. Zunächst fällt mir der mäßige Nordostwind nicht auf, da ich ihn praktisch im Rücken habe.

Trotzdem zeichnet sich mein anfängliches Vorwärtskommen nur durch wenig Elan aus. Nach 11 km Fahrt Richtung SSW knickt die Ringstraße nach NW ab, so dass ich jetzt auch noch mit einem deutlich spürbaren Seitenwind zu kämpfen habe. Lustlos fahre ich an den Pseudokratern von Skútustaðir vorbei, die nicht durch eine Eruption einer unter ihnen gelegenen Magmenkammer entstanden sind, sondern durch schock-/explosionsartig abkühlende Laven hervorgingen, welche vor einigen tausend Jahren in den damals existierenden See flossen.

Nach weiteren 10 km beginnt die Straße leicht anzusteigen. Rechts der Fahrbahn schiebt sich die Laxá heran, ein beliebter Fluss zum Lachsangeln, der vom Wasser des Mývatn gespeist wird. Eine Angellizenz für einen Tag soll angeblich bis zu 1.000 DM/Tag kosten - ein stolzer Preis für die Aussicht auf ein Stück leckeren Fisch!

Während ich weiter die Anhöhe hinauffahre, biegt der Fluss wieder von der Lehmstraße ab und folgt seinem Bett hangparallel des kleinen Höhenrückens in Richtung Norden.

Oben gibt es an der Kreuzung zu einer Schotterpiste einen kleinen Parkplatz, dort halte ich an. Von Süden nähert sich ein größerer Trupp Islandpferde mit ihren Reitern der Ringstraße.

 Genüsslich an etwas Süßem nagend lasse ich die muntere Reiterei an mir vorbeiparadieren und auf die Ringstraße Richtung Mývatn abbiegen. Beim Hinterherschauen sehe ich doch tatsächlich einen Kollegen sein Pferdetreck Stahlross den flachen aber ausdehnten Hang erklimmen. Jetzt fährt er an der Pferdeprozession vorbei und hält wenig später laut schnaufend neben mir.

Belgier ist er, und genauso, wie sich zwei einander unbekannte Hunde beim Gassi gehen ausgiebig beschnuppern, um die Kragenweite des Neuankömmlings zu erkunden, ruhen unsere Blicke zunächst eher auf Rädern und mitgeschleppter Ausrüstung statt auf unserem eigentlichen Gegenüber.

Sein Mountain-Bike sieht aber auch aus! Auch wenn ich es hier an dieser Stelle vorweg nehme: Noch heute werde ich mich mit einem anderen Radfahrer über diesen Belgier unterhalten, wobei jener andere - durch meine Beschreibung angeregt - ausrufen wird: "Ach ja, Du meinst den Belgier mit dem silbernen Dreckhobel!

Nun, auch wenn mir dieser Ausdruck in diesem Moment noch nicht in den Sinn gekommen ist - genau so sieht das vor mir stehende Gefährt aus: wie ein silberner Dreckhobel! (Im übrigen machen die Gepäckstücke auch keinen wesentlich reinlicheren Eindruck...)

Doch ungeachtet des ungepflegten Äußeren machen Mensch und Maschine einen robusten Eindruck. Der Ausdruck "kampferprobt" kommt mir hier spontan in den Sinn. Darüber hinaus wird hier mal wieder mit sichtlich weniger Gepäck ausgekommen wie bei mir.

Mist.

Die Geschichte seines Schlammkampfes a la "Paris-Dakkar" ist kurz erzählt. Statt wie ich faul und selbstmitleidig im Zelt zu liegen, hat er sich in den vergangenen Tagen verwegen um die nordöstlich gelegene Halbinsel Melrakaslétta gekämpft, den Elementen getrotzt und somit den nördlichsten Punkt isländischen "Festlands" passiert (liegt genau 4 km südlich des Polarkreises). Nun, ich rede mich und meine Startschwierigkeiten dahingehend auf grobschlächtigem Englisch heraus, dass ich meine Tour im Gegensatz zu ihm, der er in Reykjavík gestartet ist, ja gerade erst begonnen habe und noch soooooo viel Zeit für zukünftiges Wagemutigsein zur Verfügung hätte.

Ob er es wohl abgekauft hat?

Meine angebotenen Kekse lehnt er zwar dankend ab, bietet mir aber eine gemeinsame Weiterfahrt für den verbleibenden Tag an. Ein leichtfertiges Angebot seinerseits, hatte er sich doch schon nach meinen bisherigen Tagesleistungen erkundigt und ehrliche Auskunft erhalten.

Wir satteln also gemeinsam die Hühner, wie man so schön sagt, und fahren los. Zunächst bereitet es mir wenig Schwierigkeiten, bei seinem zügigen Tempo mitzuhalten, immerhin geht es zunächst bergab. Zwischendurch setzt ein leichter Nieselregen ein, welcher sich aber bald in nur noch besonders starke Luftfeuchtigkeit abschwächt.

Anfänglich gelingt es mir, auch auf ebener Strecke die begonnene Unterhaltung fortzusetzen, doch wenig später kommen unsere Gesprächsfetzen ins Stocken und dann zum allgemeinen Erliegen. Schweigend trampeln wir mit glorreichen 21 km/h dahin, das ist fast doppelt so schnell, wie ich bei mieser Laune vorwärts zu kommen pflege. Ich habe das Gefühl, dass sein Fahrrad bergab aufgrund der geringeren Gepäckfracht schneller ins Rollen kommt, während ich immer erst noch die erhöhte Trägheit meines Gefährts überwinden muss.

Eine knappe Stunde später halten wir an einer Cafeteria mit Tankgelegenheit in Laugar an. Obwohl mein Begleiter den Halt vorgeschlagen hat, stellt diese Pause vornehmlich für mich einen absoluten Not-Stop dar, da ich genau weis, dass ich in meiner jetzigen Verfassung nicht mit diesem Menschen die vor uns liegende Fljótsheiði erklimmen mag. Vermutlich ist ihm ähnliches auf belgisch durch den Kopf gegangen.

Im Laden kaufen wir erst einmal gemütlich ein. Ich brauche etwas länger, da ich mich unter den ausgestellten Leckereien gar nicht zu entscheiden vermag. Alle möglichen viel zu kohlehydrathaltigen und klebrig-krümeligen Sachen drängen sich in mein Gesichtsfeld und verlangen, den Besitzer gewechselt zu werden.

Wieder draußen mit viel zu viel Zeugs in den Armen, sitzt der Belgier schon längst wieder auf seinem Hobel, verschlingt die letzten Reste eines Apfelkerngehäuses und murmelt etwas davon, dass er jetzt weiter müsse. Ich lasse mir nichts anmerken, wünsche ihm noch von Herzen eine gute Weiterreise und bin im Grunde genommen froh darüber, wieder in den Laden zurückzugehen, mich an einen der Tische im Cafeteria-Bereich niederzulassen und mir gemächlich einen großen Zimt-Apfel-Tee kommen zu lassen.

Während meines weiteren Aufenthalts in der Cafeteria blättere ich gedankenverloren in einer Whale-Watch-Broschüre herum. Ein weiterer Flohtanz im Ohr kann beginnen...

 Nahezu eine dreiviertel Stunde ist vergangen, bis ich wieder auf meinem Rad sitze. Ich bin erleichtert, den vor mir liegenden Anstieg über die Fljótsheiði alleine fortsetzen zu können. Nach kurzer Zeit wandelt sich die Teerstraße wieder in feste Lehmpiste um, und der folgende Anstieg gelingt recht problemlos. Zwei Jahre zuvor hatte ich mich hier mit Peter im prallen Sonnenschein hinaufgequält, Schweißströme auf dem Schotter hinterlassend. Plötzlich hielt neben uns ein isländischer PKW, das Beifahrerfenster wurde hinuntergekurbelt und ein Mann streckte und eine ½-Liter Flasche "Pure Icelandic Spring Water" mit den Worten entgegen: "Seven Kilometres to Goðafoss!" Das Wasser war natürlich autowarm und schmeckte erschreckend nach Plastik! Trotzdem wirkte die Geste äußerst motivierend auf uns, und auch jetzt, da ich langsam einer tiefhängenden Wolkenwand zustrebe, zaubert diese längst vergangene Begebenheit ein Lächeln auf mein Gesicht.

Kurz vor dem Erreichen der kleinen Hochebene wird es so richtig waschküchig um mich herum. Überraschend schnell verschwinden die Rücklichter vorbeiziehende Fahrzeuge im Negelgrau.. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mein eigenes Fahrradlicht anzuschalten. Zum Glück habe ich nicht auf dieses wichtige Extra am Rad vor Antritt der Reise verzichtet.

Der Spuk dauert aber nur wenige Minuten, dann geht es wieder bergab. Im Gegensatz zum gleichmäßigen Anstieg auf der östlichen Seite verläuft die Abfahrt zum Goðafoss hin in mehreren langgestreckten Wellen. Innerhalb der einzelnen größeren Teilabschnitte kommt es teilweise zu beachtlichen Abfahrten (bis zu 10 %), die man sehr gut ausfahren kann, da sie nicht sehr lange anhalten.

An der zitronengelb gestrichenen Service-Station Fósshóll unweit des Götterfalls rolle ich "Trinkjoghurt"-Station Fósshóll aus. Die Station befindet sich ein paar Meter in südlicher Richtung abseits der Straße. Eigentlich gibt es keinen Grund, mich näher mit ihr auseinander zu setzen (meine letzte Stärkung ist noch keine Stunde her), aber die vielen Fahrräder entlang der rechten Glasfensterfront erregen meine Neugier. Ganze vier Mountain-Bikes und Tourenräder lehnen stolz hintereinander aufgereiht an einem niedrigen Zaun, das belgische Modell ist (natürlich) nicht darunter. Neugierde steigt in mir auf, und da ich heute eh nicht mehr vorhabe Akureyri zu erreichen, habe ich alle Zeit der Welt! 

  Gegen 14.30 Uhr überlasse ich meinen getreuen Drahtesel bei einem Stelldichein mit seinen Artgenossen und stapfe in den Laden. Hier ist man offensichtlich auf größere Touristenmengen eingestellt, denn das Warenangebot übersteigt das gewöhnlicher Tankstellen in der unbewohnten Landschaft doch erheblich. Neben einem reichhaltigen Sortiment an Lebensmitteln und Non-Food-Waren aller Art gibt es auch einen separaten Softeisstand und auch hier eine vom Verkaufsraum abgetrennte Räumlichkeit mit Tischen und Stühlen, an denen auf Wunsch bedient wird. Ich kaufe mir ein Stück Gebäck und einen Pfirsich-Bananen-Joghurt und trete in den eben erwähnten Cafeteria-Bereich ein. Der relativ schmale aber langgestreckte helle Raum mit seinen sieben oder acht Tischen ist gut zur Hälfte besetzt. Nicht zu verdrängen ist der markante Körpergeruch jener vier Radfahrer, welche sich auf zwei nebeneinander stehenden Tische verteilen. Durch eine unsichtbare Wolke menschlicher Ausdünstungen schreitend setze ich mich an einen freien Tisch entlang der Fensterfront. Die abgestellten Fahrräder sind von hier aus gut zu betrachten. Schnell stellte ich fest, dass die anwesenden Radler deutschsprachiger Natur sind. Es dauert nicht lange, da habe ich mich zu ihnen gesellt und steige in ihr lebhaftes Gespräch über Touren, Wetterlagen, Ausrüstung und Fahrziele ein. Sie alle sind genau wie ich als Alleinreisende unterwegs, allerdings reisen zwei von ihnen - André und Hannes - genannt Öschi, da er aus Österreich kommt - im Moment zusammen. Da ich der einzige von uns bin, der zur Zeit gegen den Uhrzeigersinn auf Island unterwegs ist, gelten ihre Fragen besonders dem Mývatn und der nachfolgenden Strecke Richtung Egilsstaðir und den Ostfjorden. Besonders der Südosten der Insel wird von manchen in Zeitnot geratenden Radfahrern gerne abgekürzt, da das Verhältnis von Sehenswürdigkeiten zu Streckenlänge eher als gering eingestuft wird. Mir selbst sind die Ostfjorde in sehr schöner Erinnerung, da ich dort sehr ruhige Tage bei fast ausnahmslos schönem Wetter (von einem heftigen Sturmtag abgesehen) verbracht habe. Ich rühre also ein wenig die Werbetrommel für diesen Teil Islands, bin mir aber nicht sicher, ob ich damit durchschlagenden Erfolg erzielen werde.

Nach einer halben Stunde etwa wollen André und Öschi aufbrechen. Beide reden davon, heute noch in einem bestimmten Hot-Pot liegen zu wollen, darum werde es Zeit. Doch obwohl beide das selbe Tagesziel angeben, brechen sie doch nicht gemeinsam auf! Zunächst räumt André das Feld, und erst zehn Minuten später folgt ihm der in schwarzgelbe Outdoor-Montur gekleidete Öschi. Dies sei notwendig, erklärt dieser uns zurückgebliebenen, da sie beide schon einige Zeit zusammen unterwegs wären, aber einen grundlegend anderen Fahrstil hätten. Dann und wann träfen sie sich am Tag, spätestens aber am vereinbarten Zielort!

Drei Radfahrer bleiben staunend zurück.

Meine beiden verbliebenen Kollegen heißen Andreas und Knut (der Bärtige). Auch diese beiden sind alleine unterwegs, überlegen aber eine gemeinsame Weiterreise für den Tag. Dazu kommt es aber zunächst nicht, da die nächsten Stunden ganz der Geselligkeit hingegeben werden! Knut ist ein Lehrer Mitte 30 aus Ratzeburg, also ganz aus der Nähe von Mölln, wo meine Mutter inzwischen lebt, und schaukelt auf seinem Villiger-Tourenrad mindestens die gleiche Menge Gepäck mit sich herum wie ich. Den Begriff "halbe Schrankwand" hält bei unseren Gepäckbergen weit oberhalb der 35-kg-Marke für angemessen.

Es stellt sich bald für mich heraus, dass Knut und ich eine sehr ähnliche Auffassung von stressarmen Radtouren teilen. Schlendrian am Morgen, zwischendurch die Beine hochlegen bei Tee oder Kaffee und nur nicht verkrampft über den Kilometerstand wachen! Genau wie bei mir ist dies schon sein zweiter Wohlfühlstop heute, nachdem er bei einem zweiten Frühstück im Edda-Hotel am Westende des Ljósavatn geschlemmt hatte. Vor wenigen Stunden traf er dann meinen Belgier, dessen gemeinsame Identifizierung über den beachtlichen Verschmutzungsgrad seines Bikes einherging. Der Begriff "silberner Dreckhobel" wird aus der Taufe gehoben.

Einzelheiten der folgenden Stunden hier wiederzugeben, wäre vermutlich ziemlich reizlos. Uns wird es auf jeden Fall nicht langweilig beim Quatschen und Fachsimpeln. - Erwähnenswert ist vielleicht, dass es nicht bei einem einzigen Trinkjoghurt geblieben ist (Knut rühmt den isländischen Trinkjoghurt und seine Vielfalt an Geschmacksfacetten ein ums andere Mal, ich halte leidenschaftliche Plädoyers für den sahnequarkigen Skýr mit braunem Rohrzucker).

Knut und Andreas möchten morgen beide nach Húsavík, sind sich aber über den einzuschlagenden Weg im unklaren, da sie die Hauptstraße (Nr. 85) dorthin schon vor 4 km passiert haben. Zurück fahren kommt gar nicht in Frage, statt dessen peilt Andreas den Weg über eine östliche Nebenstrecke, die Nr. 845, an. Es ist schließlich fast 18 Uhr (!), als wir die Service-Station verlassen, die Knut und mir als "Trinkjoghurt-Treff" in gemeinsam guter Erinnerung bleiben wird. Gleich etwas oberhalb des zitrusfarbenen Hauptgebäudes befindet sich ein eingezäumter Camping-Bereich. Echte Motivation zum Weiterfahren ist keinem von uns dreien anzumerken, daher weiß Andreas zu berichten, dass er hier bei einem früheren Island-Aufenthalt vielleicht eine heiße Dusche vorgefunden hatte. Unschlüssig starren wir auf die leere Wiese und der kleinen Wasch-Hütte dahinter. Mir wäre alles recht, besonders aber ein geselliges Beisammensein mit zwei benachbarten Zelten und Plaudern, obwohl der Arzt nicht kommt.

Andreas sieht das leider anders. Der Tag sei noch jung und der Zeltplatz wäre nun wirklich keine Pracht (womit er recht hat). Knut schwimmt leider im Kielwasser von Andis Meinung mit, auch wenn er gegen eine heutige Bezwingung der Fljótsheiði ist - daher ist klar, dass sich unsere Wege bald trennen werden.

Es hat sich empfindlich abgekühlt, und selbst Regen scheint nicht unmöglich. Ich frage Andreas beim Einkleiden nach der Tauglichkeit seiner Plastik-Überziehern für die Radlerschuhe, doch er winkt ab. "Schwitzwasser - kannst du vergessen!"

Knut und ich beschnuppern noch einmal intensiv unsere Gepäckberge und versichern und beidseitig, dass es eben Dinge gibt, welche für den empfindlichen Seelenhaushalt bei Extremreisen von entscheidender Bedeutung sind! So eine Bestätigung von Gleichgesinnten bekommt man auf Island nicht alle Tage.

  Dann ziehen sie los. Wie Stunden vor ihnen André und Öschi verlässt erst Andreas die Szene am "Trinkjoghurt", fünf Minuten später folgt ihm Knut. Ich bleibe noch einige Zeit an den Zapfsäulen stehen und schaue ihnen dabei zu, wie zwei rote Punkte langsam aber stetig am gewellten Hang Richtung Osten an Höhe gewinnen.

Wie schon in Egilsstaðir überkommt mich eine gewisse Wehmut ob dieses Abschieds. Etwas tröstlich ist es schon, dass ich mir wenigstens keine Gedanken um einen Schlafplatz machen muss (9 km entfernt kenne ich ein hervorragendes Plätzchen am Ljósavatn), aber ich wäre noch gern in Gesellschaft geblieben.

Am benachbarten Goðafoss Goðafossmache ich noch eine Viertelstunde halt. Schade, dass der Himmel so bedeckt ist und die tosenden Wassermassen des Skjalfandafljót nicht prächtiger im Sonnenschein zur Geltung kommen. Trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit ist hier an touristischer Aktivität noch einiges los. Für viele Autofahrer stellt dieser Wasserfall vermutlich der einzige landschaftsbedingte Stop zwischen Akureyri und dem Mývatn-Gebiet dar.

Abseits des vom südlichen Hochland heranbrausenden Flusses wird es schnell wieder still. Der Verkehr auf der Ringstraße hat spürbar nachgelassen und der Wind ist nahezu zum Erliegen gekommen. Die vereinzelten Rufe der Watvögel, die auf ihren Nestern hocken oder ihre Jungtiere behüten, sind kilometerweit zu hören. Rings um mich herum stellt sich niedrige grünbraune Moorvegetation ein. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie Peter und ich alle paar hundert Meter frustriert vom Rad gesprungen sind, um auf dem feuchten Untergrund einen geeigneten Platz zum Campieren zu finden. Es ließ sich einfach keine ebene und halbwegs trockene Stelle finden, so dass wir angenervt dem beginnenden See folgend weitergefahren sind.

Drei Kilometer liegt der Ljósavatn zu meiner Linken. Rechter Hand wachsen kleine Birkengebüsche, die sich einen sanft geneigten Hang hochziehen. Dieser Bereich ist natürlich eingezäumt. Etwa auf halber Strecke befindet sich direkt am Wasser ein kleiner Rastplatz mit einem Tisch und zwei Bänken. Auf dem schmalen Rasenstück daneben stand vor zwei Jahren schon ein Zelt, so dass wir auch diese Einladung zum Übernachten ausgeschlagen hatten. Dies geschah zu unserem damaligen und meinem heutigen Glück, denn kurz vor dem westlichen Ende des Sees biegt ein unscheinbarer Wirtschaftsweg nach links von der Ringstraße in Richtung Wasser ab. Wie damals folge ich diesem Weg schiebend. Nach vielleicht 50 m macht der breite Pfad eine erneute Linksbiegung und verschwindet für Autofahrer auf der Straße nicht einsehbar hinter einer kleinen Senke.Am Ljósavatn

Hier, einige Meter oberhalb des Wasserspiegels, baue ich mein Zelt auf. Allerdings muss ich dabei acht geben, dass ich mich nicht unversehens mitten in Gänsekot einniste.

Um mich herum breitet sich eine wohltuende Stille aus. Nur manchmal ist der klagende Ruf eines Sterntauchers zu vernehmen. Zwar bedaure ich weiterhin, dass mein Zusammensein mit anderen Radfahrern nur von so kurzer Dauer war, doch beim Kochen meiner Mahlzeit, während ich einige weitere Seiten in der "Entdeckung der Langsamkeit" verinnerliche, fühle ich mich hier einfach Wohl und Zufrieden.

 

 

Freitag, der 17.07.98

(vom Ljósavatn nach Akureyri [50 km])

 

   Das war eine sehr geruhsame Nacht, solch eine, wie sie Ulli Wickert am Ende der Tagesthemen immer zu wünschen pflegt.  Leider muss ich aber feststellen, dass sich das Wetter klammheimlich verschlechtert hat. Ein beachtlicher Nordwind treibt tief hängende Wolken an den Berghängen entlang, deren Spitzen vollends im Dunst verschwunden sind. Immerhin ist es noch trocken.

Während meines Morgenmüslis horche ich verwundert auf, denn ein Wagen fährt langsam von der Ringstraße kommend den Schotterabzweig entlang. Bald hat das Gefährt mein Zelt erreicht, den Fahrer scheint aber meine Anwesenheit wenig zu stören, oder sie geht ihn überhaupt nichts an, denn er fährt langsam vorbei und ist im welligen Gelände oberhalb des Sees bald außer Sicht.

Es dauert nicht lange, da habe ich mein Zelt zum Glück recht trocken verpackt. Nichts kann mich morgens beharrlicher motivieren loszukommen als drohender Regen. Der lässt dann auch nicht mehr lange auf sich warten. Ich befinde mich gerade mal einige Minuten zurück auf der Hauptstraße, da bläst mir der kräftige Wind die ersten Wassertropfen ins Gesicht. Obwohl noch nicht ganz 11 Uhr begreife ich bald, dass es die heutige Etappe trotz relativ geringer Strecke in sich haben wird. Sehnlich blicke ich am Ende des Ljósavatns zum Edda-Hotel hinüber, in dem Knut gestern seine erste Teepause eingelegt hat. Aber ich bin ja gerade erst ein paar Minuten unterwegs. Als ein kleiner Bach die Straße quert, lehne ich mein Rad an die Brückenbegrenzung und fülle meine Aluflaschen auf.

  Erfahrene Radwanderer werden die Situation kennen. Während man bei günstigen Witterungsverhältnissen vergnüglich mit offenen Sinnen durch die Landschaft rollt, scheint der Geist sich bei widrigem Wetter vor der Außenwelt verschließen zu wollen. Will sagen: Die Erinnerung an die nächsten knapp 10 km fallen recht schwer. Den Kopf tief ins Gesicht und in den Jackenkragen gebeugt strample ich gegen den Wind an. Die Gegend ist größtenteils unbewohnt und der Berghang zu meiner rechten, der zunächst noch schütter bewaldet ist, wird zusehends lichter und ist bald ganz verschwunden. Leider ergeben sich durch Windrichtung und Streckenführung auch noch Windkanaleffekte, da die Straße südlich des Fornastaðafjall, einer sich von Nordwesten nach Südosten verlaufenden Hochebene, entlang führt.

Recht uninteressiert fahre ich an der Linksabbiegung, die nach Süden zum Vagláskógur führt, vorbei. Isländische Wälder haben zwar häufig ihren Reiz, nicht aber, wenn es regnet und mir kalt von Wind und Nässe ist. Die Straße macht einen Knick nach rechts und führt für die nächsten Kilometer ziemlich genau nach Norden. An der momentanen Windsituation ändert sich dadurch allerdings recht wenig. Es vergehen ein paar Minuten, und es kommt mir durch den Niesel ein einsamer, vermummter Radfahrer entgegen. Erst auf gleicher Höhe erkenne ich, dass es sich nicht um einen Fahrer sondern eine Fahrerin handelt - die erste, die ich in diesem Jahr alleine antreffe. Zu einem Erfahrungsaustausch kommt es allerdings nicht, denn die meditative Wirkung schlechten Wetters ringt uns beiden nur ein flüchtiges Kopfnicken beim Passieren ab.

Führte die Teerstraße seit der beschriebenen Biegung linker Hand am Fluss Fnjoská entlang, so bleibt die traute Zweisamkeit allerdings nicht von langer Dauer. Nach kurzen drei Kilometern knickt die Ringstraße leicht nach Rauchende BergeNordwesten ab, während die bucklige 834-Piste den Fluss weiter nach Norden begleitet. Für mich beginnt ein äußerst beschwerlicher 4 km langer Aufstieg. Die ganze Situation erinnert mich allzu sehr an meinen Debüt-Aufstieg hinter Seyðisfjörður am ersten Island-Tag. Einfach ätzend! Da es hier oben keinen Schutz vor Wind und Wetter gibt, bringen auch die immer nötiger werdenden Ruhepausen keine Entspannung. Heftig atmend drehe ich dem Nordwind den Rücken zu. Der Schweiß rinnt nahezu genauso ungebremst  an meinem Körper herunter wie die dicken Wassertropfen außen an meiner Regenjacke. Zu allem Überfluss sind jetzt auch noch die Schuhe durchgeweicht!

Meine Hoffnung, das Ende der Steigung wäre mit dem Abschwenken der Fahrbahn nach Westen bald erreicht, bewahrheitet sich leider nicht. Immer wieder zwingen weitere Serpentinen zum Durchtreten. Für die einheimischen vorbeifahrenden KFZler gebe ich wohl den lebenden Beweis ab, dass Radfahren auf ihrer Heimatinsel bestimmt keinen Spaß macht und allenfalls dafür geeignet ist, kontinentalen Masochisten als Spielwiese zu dienen. Meine Gesichtszüge entspannen sich erst wieder, als ich endlich Gewissheit habe, aus dem Gröbsten raus zu sein. Mit dem Erreichen der Passhöhe verändert sich dann auch die gesamte Situation . Der Wind - den man nur aufgrund fehlender Resonanzkörper in der übersichtlichen Landschaft nicht als "heulend" bezeichnen kann - wirkt auf einmal gar nicht mehr so schneidend, und selbst der Niederschlag scheint nachzulassen. Tatsächlich sind die kommenden Kilometer vor der Abfahrt in den Eyjarfjörður recht beschaulich, da die Straße von beiden Seiten von mehr oder weniger steilen Höhenrücken flankiert wird. Richtiges Wohlbefinden stellt sich will sich jedoch nicht Am Eyjarfjörðureinstellen, denn ich bin inzwischen völlig durchnässt. Die sich anschließende 5 km lange Abfahrt wirkt im scharfen Kontrast zum beschwerlichen Aufstieg zwar wie Sekt statt Selters, ist aber leider Gottes viel zu kalt zum wahren Genießen! Der Anblick des bleigrauen Fjordes ist aber dennoch herzerfrischend, und die durch Schmelzflüsse in Jahrtausenden zerschnittenen Höhenzüge am anderen Ufer sind in dichte weiße Wolkenschleier gehüllt.

Obwohl die eigentliche Plackerei jetzt vorbei ist und der Regen endlich für längere Zeit aussetzt, komme ich dem Fjord nach Süden folgend trotz Rückenwind nur schleppend voran. Ich möchte einfach nur noch ankommen.

  Vor zwei Jahren habe ich mich mit Akureyri und seinem versteckten Charme reichlich schwer getan. Ehrlich gesagt haben Peter und ich ihn nicht gefunden. Als ich mich jetzt der "Hauptstadt des Nordens" am Ende des AkureyriWestufers quälend langsam nähere, ist mir das allerdings völlig egal. So schlimm sieht der 15.000-Seelen-Ort doch gar nicht aus. Immerhin hat man sich bemüht, etwas städtisches Grün zwischen die tristen Fassaden zu pflanzen.

Kurz vor Ende des Fjordes führt die Straße durch eine recht gelungene Kiefern-Anpflanzung, dann fällt sie zum Wasser hin ab und führt über einen breiten Steindamm, welcher den Fjord von der dahinter liegenden Flussmündung der Eyjafjarðará trenntSchiffe auf Reede, in Richtung Stadt. Gut zu erkennen sind nun vor allem die großen Ausflugsschiffe, die außerhalb des Hafens vor Anker liegen. Wo die wohl hergekommen sind? Sie geben der ganzen Szenerie eine eigentümliche Mischung aus karibischem Kreuzfahrtflair und Butterfahrt nach Helgoland.

Direkt am Ende des Dammes befindet sich auf der linken Fahrbahnseite eine üppige Tankstelle, in der ich mich zur Belohnung umgehend mit mehreren Schokoriegeln eindecke. Danach fahre ich  - weiterhin in Blickweite des Fjordes - auf einer mehrspurigen Hauptstraße am alten Stadtkern von Akureyri vorbei. Schöne bunte Wellblechvillen blicken eingerahmt von Birken auf das graue Wasser hinaus.

Meine Beine befördern mich schließlich zur örtlichen Touristen-Information, um mir einen Plan von der Stadt zu besorgen und die sanitären Einrichtungen lobzupreisen. Wieder draußen begegne ich einem anderen jungen Rad-Sportiven, den es ebenso wie mich nach Akureyri getrieben hat. Er ist gut einen Kopf kleiner als ich (was nicht unbedingt eine Kunst ist), hat mehr kurze schwarze Haare im Gesicht als auf dem Kopf und ist unüberhörbar Schweizer. Genau wie ich ist er froh darüber, nicht der einzige Spinner in dieser Gegend zu sein, der seinen Drahtesel dem trockenen Zelt dieser Tage vorgezogen hat. Anders als ich sehnt er sich für heute Nacht nach der Luxusvariante der Backpacker-Übernachtung - einer Jugendherberge. Richtig übel nehmen kann ich ihm diesen Wunsch nicht.

Meiner Erinnerung folgend fahre die die Straße weiter Richtung Innenstadt und halte an einem Schuhgeschäft gegenüber des naturhistorischen Museums. Leider reparieren sie keine losgelösten Geröllkanten an Trekkingschuhen, also gilt es weiterhin durchzuhalten mit den Tretern. Vermutlich der der Verkäufer geglaubt, ich wollte ihm meine durchnässten und schmutzigen Schlappen sofort auf dem Ladentisch dalassen.

Um zum Campingplatz zu gelangen, muss man vor der Fußgängerzone nach links abbiegen und sich innerstädtisch nochmals der Tortur einer kurzen aber heftigen Steigung hingeben. Diese gewinnt vor allem dadurch an Qualität, dass Passanten vor Ort den Kampf am Hang zwischen Mensch und Tretmühle fast hautnah miterleben können und bisweilen auch regen Anteil daran nehmen. Aber heute bin ich mir selbst zum Schieben nicht zu schade. Jetzt ist es fast geschafft. Nur noch den Kreisverkehr entlang, am Schwimmbad vorbei und endlich habe ich den Campingplatz erreicht! Dachte ich mir, denn intelligenterweise bin ich erst mal dran vorbeigefahren. Künstlerpech.

Als ich ihn schließlich gefunden habe (wie konnte man den überhaupt verfehlen???!) buche ich gleich für zwei Nächte und schiebe mein Stahlross auf eine kleine Lichtung im Camperwald. Ich baue Sturmauge auf und will wie immer Pingo, den Schwimmreifen-Pinguin, als Leibgarde vor einem der Eingänge postieren. Aber verflucht, sein rechtes Bein ist eingerissen und beginnt sich vom eigentlichen Ringkörper zu lösen! Die Luft entweicht ebenso schnell wieder, wie meine erschöpften Lungen sie in das Ventil hineindrücken. Schöner Käse!

Mein Trübsal ist aber nur von kurzer Dauer, denn nichts kann mich davon abhalten, sofort ins benachbarte Schwimmbad zu gehen! Nass wie ich bin wühle ich mir einen Satz trockener Wäsche in einen Leinenbeutel und ziehe los.

  Im Freibad von Akureyri gelingt es mir schließlich, mich mit diesem Tag wieder zu versöhnen! Als "Sundlaug der unzähligen Wunder" wird es mein Leben lang einen gebührenden Platz in meiner Erinnerung einnehmen. Was soll ich sagen: das Grinsen geht mir einfach nicht mehr aus dem Gesicht! Es ist das erste Mal, dass ich ein Dampfbad betrete, und es macht echt Laune! Dass Wasser auf der Haut so viel Freude bereiten kann! Draußen ist es weiterhin ungemütlich. Zwar regnet es nicht mehr, aber es zieht und ist kühl. In einem der Hot Pots oder im Sprudelbecken erscheint dieses Wetter aber irgendwie angemessen. Zu allem Überfluss entdecke ich alte Bekannte wieder. Das junge Pärchen von der Askja-Bustour genießt genau wie ich die Wonnen 40 Grad warmen Wassers. Der Junge (ist er überhaupt schon 18?) und ich kommen ins Gespräch. Ich erfahre, dass sie beide Geschwister sind und aus Tschechien kommen. Beide scheinen sehr beeindruckt von meiner Tagesleistung bei diesem Sauwetter, welches die beiden eher instant-mäßig vom Busfenster aus und immerhin beim Gang von der TI zur Jugendherberge wahrgenommen haben. Ich wiegle ab ab und verweise auf meine persönlichen Helden, das tschechische Radlerrudel. Aber was muss ich erfahren! Die beiden kennen meine Halbgötter und schmeißen diese Götzenbilder gleich noch so richtig an die Tempelwand meines Glaubens! Eine Reisegruppe mit Gepäckbeförderung ist das! DIESE SCHUMMLER! Hab ich's nicht gleich gesagt?! Wie so häufig wenn Idole fallen, wächst das eigene Selbstwertgefühl im direkten Vergleich. Haha!!! Lachend gebe ich mich der wohligen Wärme des Hot-Pots hin.

Eine angemessene Weile später wieder zurück auf dem Zeltplatz stelle ich erfreut fest, dass der Tag weitere Annehmlichkeiten für mich bereithält. Der meine Leiden teilende Eidgenosse - Thomas - hat sich wider Erwarten doch auf die Wiese begeben und seinen roten Nallo-Tunnel neben mein Staika errichtet. Die Jugendherberge hatte für Männer leider keinen Platz mehr frei, und er trägt's mit Fassung.

So, jetzt noch schnell die nassen Wanderschuhe unter die Heizung im Waschraum gestellt und dann nichts wie los zum Einkaufen. Der nächste Supermarkt befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Campingplatz. Neben dem Auffüllen einiger Basisnahrungsmittel (Müsli!) bringe ich mit Aprikosen und Orangen etwas Vitamine ins Spiel - die beide für isländische Verhältnisse erstaunlich günstig sind. Wenig später finde ich mich zusammen mit Thomas unter der überdachten Koch- und Essterrasse wieder. Hier herrscht am frühen Abend Nachmittag gerade Hochbetrieb, so dass es gar nicht so einfach ist, noch freie Plätze zu finden. Wir bauen unsere beiden Kocher uns gegenüber auf und bereiten die Mahlzeiten zu. Ich habe mich zur Feier des Tages für Spagetti Bolognese entschieden, um etwas Farbe in den bis dahin schnöden Zweiklang Nudeln mit Sauce und Reis mit Tütensuppe zu bringen.

Von unseren Plätzen beobachten wir die Ankunft einer beachtlichen italienischen Reisegruppe. Wie schön, endlich wieder "Bertoni-Silberlinge". Hierbei handelt es sich um eine beliebte Kaufhauszeltmarke, welche meiner Ansicht nach den oftmals ungemütlichen Witterungsbedingungen auf Island nur wenig entgegenzusetzen hat. Aber der Reiseveranstalter wird das wohl hoffentlich im Blick haben. Immerhin bestätigt sich auch hier wieder meine bisherige Erfahrung, dass besonders Italiener (neben Franzosen) zu Gruppenpauschalreisen neigen, zumindest auf Island.

  Während wir also so dasitzen und unser Abendessen zubereiten, lernen wir unsere Tischnachbarn etwas besser kennen. Da sind z.B. zwei deutsche Paare, die zu viert mit dem Mietwagen unterwegs sind sowie Markus, bekennender Bus-Radfahrer aus der Schweiz. Der Abend verspricht heiter zu werden, und genau so wird er auch. Als wahre Naturburschen stehen Thomas und ich natürlich im Mittelpunkt. Besonders Thomas wird nicht müde, von seiner Umrundung der Halbinsel abseits der Ringstraße westlich von Akureyri zu berichten. Höhepunkt seiner Erzählung ist jedes Mal die Stelle an der er den Versuch beschreibt, mit Fahrrad und voller Bepackung eine Furt zu bezwingen und daran so ziemlich völlig scheiterte. Man muss kein Menschenkenner sein um zu bemerken, dass er den Island-Virus zwar verbissen sucht, ihn aber bisher noch nicht gefunden hat ("Ziemlich viel Gegend zwischen den Etappenzielen, und die sind dann voller Touristen. Und dann das Wetter! Das nächste Mal komme ich im Sommer wieder."). Mit wesentlich mehr Wärme in der Stimme schwärmt er von längst vergangenen Tagen in Neuseeland.

Nun, durch einen kurzen Blick in die Zukunft weiß ich zu berichten, dass er ihn doch noch finden wird, den Virus. Oder hat das Virus ihn gefunden? Wer kann das schon mit Sicherheit sagen. Sicher ist nur, dass mir der junge Mann mit dem "Charakterkopf seines Vaters" (hierbei geht es um den markanten Haarwuchs) auf anhieb sympathisch ist und ich jetzt schon anfange mich zu fragen, ob ich nicht auch wie er bis zum Montag hier ausharren möchte. Thomas empfiehlt für das allgemeine Wohlbefinden nämlich 2-3 Regenerationstage zwischen den einzelnen Etappen. Zugegeben, für meine letzte Etappe habe ich mal gerade zwei Tage benötigt, da stellt sich schon die Gewissensfrage, ob solch lange Inaktivität angebracht ist. Andererseits - ich habe noch üppig viel Zeit zum Vorankommen, und schließlich gehören diese spontanen herzlichen Bekanntschaften neben den dem eigentlichen Radfahren in bizarrer Landschaft zu den schönsten Erlebnissen einer solchen Reise.

Der Abend klingt aus wie er schöner kaum ausklingen kann. Es wird weiterhin viel erzählt und gelacht! Beispielsweise wird der Auftritt einer Ortlieb-Faltschüssel zum gesellschaftlichen Ereignis. Es ist schon erstaunlich, wer alles zu nützlichen und weniger nützlichen Camping-Accessoires etwas zu sagen hat. Meinungsbildung ist schon ein herrlicher Prozess! Zu guter Letzt stellen unsere deutschen Gesprächspartner eine Flasche Rum auf den Tisch, auf dass sich jeder bedienen möge, dem es nach einem Schluck Feuerwasser in seinem Tee verlange. Ein Angebot, dass man kaum auszuschlagen vermag.

Der Abend ist noch lange nicht zu Ende.

 

 

Samstag, der 18.07.98

(Ein Tag in Akureyri)

 

Ich verbringe eine unruhige Nacht, wie das auf einem Zeltplatz, der von mehreren Straßen eingefasst wird, auch kaum verwunderlich ist. Immerhin haben wir Wochenende, und junge Isländer haben mehr vor als nur vor der Glotze abzuhängen.

Der Morgen bringt gutes Wetter. Der Himmel ist wolkenlos, und auch das Thermometer traut ich im prallen Sonnenlicht auf fast schon unverschämte 16 Grad zu klettern. Als ich meine Nase aus dem Zelteingang strecke sehe ich, dass Thomas sich von dem regen Treiben auf dem Platz schon hat anstecken lassen, denn er schraubt gedankenversunken an seinem Rad herum. Meine Güte, und das vorm Frühstück!

Beim Besuch der sanitären Anlagen stelle ich erfreut fest, dass meine Schuhe über Nacht an der Heizung komplett getrocknet sind. Toll, dann können sie ja jetzt wieder so richtig nass werden!

Doch Thomas weiß da Abhilfe. Er stülpt sich nämlich immer Plastiktüten über die Schuhe, um sie vor Regen und Spritzwasser auf dem Rad zu schützen. Sieht zwar lächerlich aus, ist aber effektiv. Irgendwie blöd, dass ich nicht selbst auf diesen Gedanken gekommen bin, da ich doch für alles, was dämlich aussieht, sofort zu haben bin.

Während des gemeinsamen Frühstücks macht mich Thomas auf sein Kompressionsweißbrot aufmerksam. Ehrlich gesagt, bei rein optischer Betrachtung wirkt es genauso zerknautscht wie meines und lässt mein Herz kaum schneller Schlagen.

"Mensch, das ist von Bónus! Das ist das Backpacker-Kultbrot!" Ich schaue mir die schwarzen Schriftzüge auf gelbem Hintergrund nebst rosa Schweinchen auf der Verpackung genauer an - und es passiert immer noch nichts. Daraufhin sieht sich Thomas veranlasst, eine Lobeshymne über die Bónus-Supermarktkette zu eröffnen. Bónus mit seiner reichhaltigen Auswahl; Bónus, mit dem vertrauten Aldi-Charme; und vor allem: Bónus, mit den im Vergleich zu anderen Lebensmittelläden auf Island unglaublich günstigen Preisen. Und tatsächlich, ein Verkaufspreis von 99 ISK für 770 Gramm Weißbrot befindet sich doch tatsächlich unter heutigem Golden-Toast-Niveau. Ich stimme zu, da ist Euphorie berechtigt.

Um nicht den ganzen Vormittag über untätig zu sein, machen wir uns bald auf in die Stadt. Mit "Stadt" meine ich den Teil Butterdampfer auf ReedeAkureyris, der sich in Fjordnähe abspielt. Man muss also zunächst wieder am Schwimmbad vorbei nach unten laufen, und schon ist man mittendrin, im Zentrum sozusagen. Zunächst werfen wir einen Blick auf und schließlich auch in die relativ schmucklose Kirche, welche sich auf der gegenüberliegenden Seite des Beginns der Fußgängerzone befindet. Besser anzuschauen sind da schon die Ausflugsschiffe, die sich wie am gestrigen Tag vor Anker liegend im Fjord befinden.

Wenig später finden wir uns in der Tourist Information wieder, um uns die Wetteraussichten für die kommenden Tage anzuschauen. Nun, wechselhaft. Und kühler soll es wieder werden.

Bei diesen bescheidenen Aussichten sollte man besser das gute Wetter nutzen, solange es noch anhält. Wir trotten also zur Fußgängerzone zurück und setzen und vor das erstbeste Café in der Flaniermeile und bestellen Tee und Kuchen. So muss Urlaub sein!

Angeschlossen an das Café ist ein typischer Touri-Nepp-Laden. Thomas benötigt anscheinend noch eine Musik-CD für zukünftige Dia-Präsentationen. Diesen Kauf habe ich seit 1996 schon hinter mir, daher kann ich verhaltene Empfehlungen oder Warnungen aussprechen. Wieder einmal wird mir deutlich, wie arm Island an traditioneller Volksmusik ist, denn auf zehn verschiedenen Folk-CD's finden sich immer die selben Musiktitel wieder, die bestenfalls anders arrangiert worden sind. Ob dieser Auswahl fällt Thomas die Entscheidung sichtlich schwer und nimmt sich weitere Bedenkzeit aus. Wir schlendern also weiter, den Thomas verfolgt ein viel elementareres Ziel als Reiseandenken zu erwerben: er sucht einen Bónus.

Und wo findet man den? Am Hafen, glaubt Thomas. Wir gehen also zum Hafen. Dort gibt es allerdings nur ein paar Kaianlagen mit dazugehörigen Gebäuden und Fischerbooten unterschiedlichster Größe. Wir gehen also weiter am Wasser entlang und biegen schließlich unverrichteter Dinge in ein Wohnviertel ein, dessen Durchquerung uns schließlich wieder zur Fußgängerzone bringen soll. Thomas glaubt immer noch, diesen Bónus zu finden, denn Akureyri ist ja schließlich der zweitgrößte Ballungsraum der Insel. Aber die Suche bleibt letztendlich erfolglos. Gelohnt hat sie sich für mich trotzdem, denn neben dem eigentlichen Hafen fand ich das anschließende Wohnviertel mit seinen Einzelhäusern und relativ großen Vorgärten ganz ansprechend. Besonders

die vergleichsweise hohen Laub- und Nadelbäume haben mich doch überrascht.

Schließlich befinden wir uns wieder an der Fußgängerzone, nur dieses Mal am anderen Ende. Hier kann Thomas schnell ein Bankgeschäft tätigen, der sich mit mehr Geld in der Tasche sichtlich wohler fühlt. So finanziell erstarkt erstürmen wir die nächste Eisdiele, um dem herrlichen Sonnenschein die Krone aufzusetzen. Nach der Inspektion einer ausliegenden Tageszeitung stelle ich Thomas dann auch noch die einzig bedeutende Frage: Wer ist eigentlich Fußball-Weltmeister geworden? Natürlich, die Gastgeber im eigenen Land. Thomas hat das Endspiel vor ein paar Tagen in einer Jugendherberge verfolgen dürfen. Und mit dieser Information wäre auch diese sportkulturelle Bildungslücke meinerseits endlich geschlossen.

Wenig später befinden wir uns wieder näher der Altstadt in irgendeiner Ausstellung, schauen uns alte Dias über Akureyri an und bestellen schließlich Heiße Waffeln mit Sahne und eine Trinkschokolade. So ganz nebenbei versucht man uns auch noch einen Plastik-Wikingerhelm zu verkaufen, aber wir nehmen dann doch nur den Info-Zettel, den wir ungesehen wieder wegwerfen.

Um noch nicht zum Zeltplatz zurückgehen zu müssen, wandern wir wieder Richtung Touristen Information und an ihr vorbei. Wir befinden uns nun quasi in der Nähe des Ortseingangs in der Nähe des Dammes, auf dem die Ringstraße das Ende des Fjordes quert. Um alles mal mitgemacht zu haben, betreten wir ein Gartencenter.

Wenn ich ein auf Island in einem Geschäft gewesen bin, dem ich das Prädikat "mitteleuropäisch" verleihen möchte, so ist es dieses. Gartentische, Gartenzubehör, Gartenwerkzeuge, Kleinbram, Heimwerkerabteilung und - natürlich - Gartendekoratives mit den wohl unvermeidlichen Zwergen. Glücklicherweise ist dies das einzige Mal, dass ich diese kleinkulturelle Errungenschaft hier antreffen muss, dafür gibt es sie hier im Center aber in Hülle und Fülle sowie allen erdenklichen Varianten. Es wirkt fast schon wie ein Gartenzwergreservat!

Nachdem wir uns genug darüber entsetzt haben, treten Thomas und ich schließlich den Heimweg an. Immerhin will ich noch Wäsche waschen und mir weiterhin kluge Gedanken darüber machen, ob ich bis Montag hier bleiben soll. Es gibt dafür noch ein weiteres Argument, denn man kann in der Stadtbibliothek einen kostenlosen Internetzugang nutzen, was Thomas am Tag zuvor nämlich schon getan hat. Stolz erzählt er mir von seiner Hotmail-Adresse, die es ihm erlaubt, von jedem Internetzugang der Welt e-Mails zu versenden und zu empfangen. Toll, so etwas will ich auch haben, zumal ich damit dann auch meine Uni-Muenster-Mails lesen kann.

{Anm. d. Red. aus der Zukunft des 21. Jhs.:

Webgestütze e-Mail-Adressen sind ja heutzutage ein alter Hut und grade für Weltenbummler unverzichtbar geworden. Wer allerdings auf Domain-gebundene Mails nicht verzichten will, der/dem empfehle ich www.mail2web.com. Hier kann man so ziemlich jede Mail-Adresse der Welt abrufen, so man nur das Passwort kennt. Bisweilen wird auch noch die Angabe des POP-Servers verlangt, wenn dieser aus der Mail-Adesse nicht abgeleitet werden kann.}

Aber wieder zurück zum Tagesgeschehen. Es ist schön, wenn man Zeit hat, seine Wäsche zu waschen und zu trocken, aber auch ärgerlich, wenn die Trommel so klein ist, dass kaum alles hinein passt. Während des Wartevorgangs lümmeln Thomas und ich uns wieder im Koch- und Sitzunterstand herum und lernen Eva, eine alleinreisende Schweizerin, kennen. 

Als ich dann meine fertig getrocknete Wäsche zum Zelt zurücktrage - ein kleiner Schock! Ein Loch in der Plane des Zeiteingangs! Hilfe, was geht denn hier ab?!

Anfänglicher Bestürztheit folgt schnell eine eingehendere Schadensermittlung. So dramatisch sieht die Beschädigung doch nicht aus, immerhin kann man nicht mal richtig hindurchgucken. Aber eine Schwächung der strukturellen Integrität - um diesen Vergleich zu bemühen - stellt sie allemal dar. Und wie zum Kuckuck konnte das geschehen? Das Schluss liegt nahe, dass ich selbst Täter und Opfer dieser feigen Sachbeschädigung bin. Vermutlich hat sich beim letzten Verlassen des Zeltes ein Schnürhaken meiner nur notdürftig verschlossenen Wanderschuhe in die Zelzplane verhakt und diese Beschädigung verursacht. Nun ist guter Rat teuer, soll ich das Zeltflickzeug bemühen? Ich entscheide mich schließlich für eine gewagte Hybridlösung. Neben dem Nahtabdichter verwende ich beidseitig ein rund geschnittenes Stück des roten Gewebeklebebands, das ich auf den Färöer-Inseln erstanden habe. Immerhin habe ich mit diesem Material bei Satteltaschenreparaturen unzählige Erfolge gefeiert. Und siehe da, auch hier enttäuscht mich Tesa nicht! Ab heute ist mein grünes Zelt um einen roten Punkt reicher. Ich freue mich auf viele weitere Jahre und Reisen mit dieser Individuallösung. Thomas hingegen kommt nach erster Tatortbegehung aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus.

Der sich anschließende Abend wird ähnlich gemütlich wie der erste. Diesmal verbringen ihn Eva, Thomas und ich zu dritt, da sich unsere Auto-Pärchen im Laufe des Tages verabschiedet haben. Aber auch so wird's lustig - auch ohne Alkohol.

 

 

Sonntag, der 19.07.98

(Ein weiterer Tag in Akureyri)

 

  Der heutige Tag ist kurz behandelt und steht in seiner Anfangsphase ganz im Zeichen von "The Clash". Should I stay or should I go now? I'll stay! Eigentlich eine wenig weise Entscheidung, denn das Wetter ist nach wie vor schön, kaum Wolken am Himmel bei angenehmen Außentemperaturen.

Thomas war es natürlich schon viel länger klar als mir, dass ich bleiben würde, daraus macht er auch gar kein Geheimnis. Dabei versprüht er auch gerne etwas Schadenfreude ob meiner Gewissensentscheidung, aber so richtig unglücklich sieht er auch nicht aus. So verbringen wir den Vormittag zum Großteil unter der Überdachung, vorm Zelt oder im nahen Supermarkt. Gegen 11 Uhr verabschieden sich die beiden Schweizer Eva und Markus in Richtung Busbahnhof. Eva lässt mir eine halbgefüllte Rolle Pringles-Chips da. Nachdem also klar ist, dass ich heute nicht mehr aufbrechen werde, geht das fröhliche Gammeln auf dem Zeltplatz weiter und verlagert sich am frühen Nachmittag schließlich ins Schwimmbad. Auch bei schönem Wetter bringt Faulenzen in heißen Pötten Entspannung, allerdings fehlt ein wenig das Gefühl, es sich verdient zu haben.

Etwas Action gibt es dann aber doch noch am Nachmittag, nämlich meine lange Suche nach einer Telefonzelle. Ich will ja nur mal kurz nach Hause telefonieren, aber hier am Campingplatz oder im gesamten oberen Teil der Stadt lässt sich kein öffentliches Telefon finden. So bleibt mir nichts anderes übrig, als mich aufs Rad zu schwingen und mich nach unten rollen zu lassen, denn in der Fußgängerzone steht auf jeden Fall so ein Ding.

Das Telefonat nach Hause - finanziert über die tolle T-Card der Deutschen Telekom - dauert etwa zehn Minuten. Und was fällt meiner Frau Mutter ein? Nach kurzer Erkundigung nach meinem Wohlbefinden bedrängt sie mich, mir doch endlich Gedanken über den Euro-Führerschein zu machen! Denn: alles wird teurer und ist dann auch noch weniger Wert als vorher. Das zweite Top-Argument: wenn ich erst mal nach dem Studium Arbeit suche, brauche ich in meiner Branche ohne Führerschein erst gar keine Bewerbung abzuschicken. Wie immer hat sie auch schon einiges Informationsmaterial zu dieser "Euro-Umstellung" zusammengesammelt und für mich ausgeschnitten.

So ist sie halt, meine Mutter. Es fehlt eigentlich nur noch, dass sie meine Bewerbungen schreiben wird, wenn es endlich so weit ist. Und ganz nebenbei angemerkt, sie hat ja recht. Das mit dem Führerschein ist eine wichtige Sache, die diskutiert werden sollte, aber doch bitte nicht bei einem quasi Interkontinentaltelefonat aus dem Urlaub! Aber das ist nun mal ihre Art, Fürsorge für einen ihrer Söhne zu zeigen.

  Wieder oben steht für Thomas und mich ein weiterer Gang in den Supermarkt an, um verschiedenes Gebäck für den Nachmittag zu testen. Leider gibt es nicht wie bei uns standardmäßig Bäckereinen oder Verkaufsnischen in Lebensmittelläden sondern nur verpackte Backwaren, die aber in aller Regel recht frisch zubereitet sind und häufig mit Zuckerguss, Schokoladenüberzug oder Zimteinlage zu bestechen wissen. Zu diesem kleinen Gelage vor unseren Zelten reichen wir dann auch noch  Tee. So schön lässt sich's leben!

Allerdings wird dieser lange Moment des Glücks jäh durch die Entdeckung unterbrochen, dass der Behälter mit dem Sprühwachs in meinem Packsack ausgelaufen ist. Na, viel war ja eh nicht mehr drin und es regnet derzeit auch gar nicht. Dennoch verteile ich den kläglichen Rest auf Jacke wie Hose.

Das Abendessen fällt noch einmal recht üppig aus. Diesmal sitzen nur Thomas und ich zusammen, und er macht sich einen Spaß daraus, drei blutjungen Schweizerinnen (schon wieder!) bei ihren postpubertären Einschätzungen ihrer bewegenden Erlebnisse zuzuhören, sie mir leise zu übersetzen, wenn ich den Sinn mal wieder nicht erfassen konnte und sich ansonsten keine Blöße zu geben, selbst ein Eidgenosse zu sein. Auch ihm wird der alpenländische Auflauf langsam etwas unheimlich - zumindest an diesem Abend.

So, und das war's schon für heute.

 

 

Montag, der 20.07.98

(von Akureyri nach Varmahlið [100 km])

 

  Der Tag für mich beginnt spät, dafür aber mit einem üppigen Frühstück. Es ist kühl, deutlich unter 10°C und auf den Bergen im Westen der Stadt ist über Nacht frisch gefallener Neuschnee zu erkennen. Keine tollen Voraussetzungen um weiterzufahren. Auch mein Lieblingsschweizer Thomas macht nicht den entschlossensten Eindruck es heute zu versuchen, aber noch einen Tag zu bleiben wäre schon peinlich. Wir packen also langsam unser ganzes Zeug zusammen und fahren danach noch einmal gemeinsam zur Bibliothek. Der Internetzugang ist zwar gerade frei, aber dafür lässt sich keine Verbindung zum Netz aufbauen. Sei´s drum. Thomas versengt sein Haupt statt dessen in ein Buch mit isländischen Rezepten, während ich mir den SPIEGEL der letzten Woche vornehme. Kurz nach halb eins bekommt Thomas dann doch die Hummeln und will aufbrechen. Wir tauschen noch E-Mail-Adressen aus, wobei Thomas deutlich darauf hinweist, wie praktisch Hotmail-Adressen sind und wegen ihrer universellen Erreichbarkeit von allen Backpackern der Welt favorisiert werden. Anschließend wirft er sich in seine Daunenweste, die ihn zu einem roten Michelin-Männchen machen würde, zöge er nicht noch seine Regenjacke darüber. Um ein Uhr mittags finde ich dann auch keine Rechtfertigung mehr, mich den widrigen Wetterverhältnissen der Außenwelt zu stellen. Schnell noch im nächsten Laden ein paar meiner geliebten Zimtschnecken gekauft und los geht es, auf der Ringstraße Richtung Nordwesten - raus aus der Stadt. Feuchter Gegenwind empfängt mich hier, während ich etwas wehmütig auf Akureyri mit seinen vielen Mehrfamilienhäusern und dem Hafenviertel zurückschaue. Aber bald gilt es, den Blick nach vorn zu richten.

  Nach zehn Kilometern biegt die Straße nach Südwesten ab und von nun an geht es über 40 km die Öxnadalsheiði hinauf. Eine dieser elektronischen Wetteranzeigetafeln informiert Vorbeireisende darüber, dass auf zur Öxnadalsheiði der Passhöhe bei 550 m 13°C bei Windstärke fünf aus östlicher Richtung zu erwarten ist. Das Wettergott scheint es doch gut mit mir zu meinen! Hatte ich eine beschwerliche Auffahrt erwartet, so wurde ich zum Glück eines besseren belehrt. Zwar konstant aber in den meisten Teilen nur ganz Sachte steigt die Straße hinauf und begleitet dabei das Flussbett der Öxnadalsá, die ohne großes Gefälle in einem breiten Tal leicht geschwungen gegen meine Fahrrichtung hinab in den Eyja-Fjord fließt. Der Rückenwind tut sein übriges, so dass ich zügig vorankomme. Alle fünf Minuten hinterlasse ich ausgespukte Pflaumenkerne am Wegesrand, die ich zuvor samt Pflaume aus einer großen Plastikschale auf meinem Gepäckberg genommen habe. So machen Steigungen richtig Spaß!

Etwa auf  halber Höhe mache ich an einem Gedenkstein eine kurze Rast. Ist er einem isländischem unbekannter Künstler Künstler gewidmet, der aus der Region stammt? Ich weiß es nicht.

 Nach weniger als drei Stunden seit meinem Aufbruch verlässt mich der Fluss schließlich. Während sein flaches Kiesbett nunmehr aus einem Tal von Südosten kommt, gibt es für den Radfahrer doch noch etwas zu tun, denn die Straße schwängt leicht nach Westen um und führt einen kurzen Pass zwischen zwei Höhenzügen hindurch. Aber auch das ist nicht sonderlich beschwerlich, da der stetigSteigung im Blicke OsAbschied vom Flusstwind mir treu bleibt. Etwa auf halber Höhe dieses letzten Anstieges hat man einen schönen letzten Blick auf das Flussbett der Öxnadalsá (oder ist es einer ihrer Zuflüsse?). Auf jeden Fall ist es ein schöner Anblick. Als ich die Passhöhe zwischen zwei engen Berggipfeln schließlich erreicht habe, halte ich erwartungsvoll nach der in der Karte eingetragenen Schutzhütte Ausschau, doch nichts ist zu sehen. Ich bin doch solch ein Fan von Schutzhütten! Ein wenig enttäuscht beginne ich meine Abfahrt, um kurze Zeit später beglück die Bremshebel zu ziehen, denn rechts, etwas abseits der Straße, steht die schöne rote Wellblechschutzhütte. Einer alten Tradition folgend folge ich der Schotterauffahrt, nehme mir ein paar Kekse mit und betrete die Hütte. Drinnen ist es für isländische Shelters vergleichsweise gemütlich, immerhin ist es sauber. Ich hinterlasse in paar sinnhafte Zeilen im ausliegenden Gästebuch und rühme mich unverblümt damit, als Radfahrer den Anstieg von Akureyri mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 17 km/h gemeistert zu haben. Zugegeben, die Rolle des Windes kommt dabei ein wenig zu kurz...

 Die nächsten 20 km werden eine der gediegensten Abfahrten meines Lebens, wenn auch durch das sStraßenwellenanfte Gefälle nur wenig spektakulär. Das engere Tal, dem ich abwärts folge, ist das Norðurárdalur, und auch hier werde ich die ganze Zeit wieder von einem Fluss begleitet, der zu dieser Jahreszeit bedeutend schmaler ist als sein ausladendes Schotterbett. Die Tatsache, dass es zwischendurch immer mal wieder kurz bergauf geht, verlängert nur das Vergnügen der gediegenen Abfahrt.

Nach 22 km zweigt erstmals wieder eine Nebenstraße nach Süden von der Ringstraße ab. Seit ein paar Kilometern muss auch wieder richtig geradelt werden, da die Strecke wieder ebenerdig verläuft. Die Straße vollführt eine langgezogene Rechtsdrehung, und von Minute zu Minute breitet sich ein immer größer werdendes flaches, grünes Flusstal vor mir aus. Auf den ersten Blick ist man verwundert, so intensive Landnutzung auf Island zu sehen! Zwar wird nur wenig Gemüse oder gar Getreide angebaut - im wesentlichen herrscht Grünlandnutzung vor - aber die Höfe erreichen eine für Island doch recht stattliche Größe und haben ähnliche Ausmaße wie solche in Mittelschweden.

Ansonsten ist die Umgebung doch recht reizlos. Hinzu kommt, dass ich mich neuerdings mit einem aus nördlicher Richtung wehendem Gegenwind herumärgern muss. Etwa Viertel nach sieben passiere ich die Kirche von Miklibær, einem recht stattlichen aber von außen schmucklosen Gotteshaus, das ähnlich überdimensioniert wirkt wie die Höfe der Umgebung. Ich bin froh, nach fünf weiteren Kilometern der Ringstraße nach Westen abbiegend folgen zu können und überquere wenig später das breite Flussbett des Heraðvötn auf einer langgezogenen Brücke. Von hier aus ist Varmahlíð schon deutlich zu erkennen. Am Fuße der Ortschaft geht es leicht bergauf, es ist wie der Anstieg einer natürlichen Terrassenkante, wenn man eine Flussaue verlässt. Wahrscheinlich handelt es sich auch um eine.

 Es ist 20 Uhr, als ich den Campingplatz im westlichen Teil des Ortes erreiche. Auch hier gibt es ein Gefälle, aber die einzelnen Stellplätze sind ebenerdig glattplaniert worden. Es herrscht hier nur wenig Betrieb, ein paar Autos mit Zelten daneben stehen herum sowie ein Bulli mit Vorzelt. Ich bin wohl der einzige Radfahrer hier. Auch die sanitären Anlagen sind im Vergleich zu Akureyri bescheiden, auch wenn mich das nicht weiter stört. Immerhin kostet die Übernachtung im Zelt nur 350 Kronen, das sind 100-150 weniger als normal.

Vor dem Schlafengehen werfe ich noch mal einen prüfenden Blick zum Himmel. Morgen soll es ja ernsthaft ins Hochland gehen. Aber das nass-kühle Wetter der vergangenen Tage scheine ich hinter mir gelassen zu haben. Der Himmel ist zwar zum Großteil bewölkt, aber die glatten, hellen Wolken sehen nicht nach Regen aus. Das stimmt doch hoffnungsfroh für kommende Taten!

 

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