Ein isländisches Tagebuch
(Island-Fahrradtour vom 03.07.- 25.08.1998)

 
 

6. Teil: Von Varmahlið durch das Kjölur-Hochland zum Geysir

 Von Varmahlið ins Hochland (Kjölur-Route)

Vom Blöndulon nach Hveravellir

Ein Sommertag in Hveravellir

Von Hveravellir zum Geysir

 

Dienstag, der 21.07.98

(von Varmahlið ins Hochland (Kjölur-Route) [80 km])

 

 Der Tag beginnt mit Arbeit. Na ja, ich weiß nicht, ob das Wechseln von zwei Fahrrad-Mänteln tatsächlich den Begriff „Arbeit“ verdient, aber im Vergleich zu anderen Radlern bin ich zwar gerne im Sattel, konnte mich aber noch nie für Tüfteleien oder gar Reparaturen am eigenen Drahtesel begeistern. Entweder fehlt es mir an Geschicklichkeit oder an Geduld (oder vielleicht auch an beidem). Meine absoluten Lieblinge in dieser Kategorie sind übrigens „Licht reparieren“ oder „Bremsen einstellen“!

In diesem Fall ist das Austauschen der Bereifung aber absolute Pflicht, da ich an diesem Tag die Ringstraße verlassen werde, um mich dem Hochland mit ihren gerölligen und sandigen Pistenverhältnissen zuzuwenden. In Münster habe extra dafür günstige 48-Mäntel für Tourenräder „mit ordentlich Profil drauf“ gekauft, die bisher brav am großen Packsack festgelascht gewesen sind und geduldig auf ihren Einsatz warteten.

Ach ja, und was ich ja auch gar nicht ab kann, ist Reifen aufpumpen – aber das nur am Rande.

  Damit war die Arbeit aber noch nicht getan, denn zunächst fahre ich in den nahen Ort zurück, um noch einmal anständig Proviant einzukaufen. 1800 ISK habe ich dabei verbraten (ungefähr 45,- DM), und wer schon mal für diese Summe einen gewöhnlichen Lebensmitteleinkauf getätigt hat weiß, was für einen Stauraum solche Vorräte für gewöhnlich einzunehmen pflegen! Um ehrlich zu sein: Ich habe anschließend mehr Zeit vor dem Supermarkt verbracht als zuvor drinnen beim Einkaufen.

Dann geht es aber endlich los. Ich traue mich kaum es zu schätzen, aber mit den nötigen Wasservorräten mag ich etwa 50 kg Gepäck an meinem Rad hängen haben, zuzüglich meiner ca. 75 kg Lebendgewicht wohl eine stattliche Belastung für das arme Fahrrad-Manufaktur-Trekkingrad. Und für mich natürlich auch!

Zunächst fahre ich 24 km weiter die Ringstraße Richtung Westen entlang, wobei ich meinen Campingplatz am Ortsende von Varmahlið noch einmal passierte. Die ersten 15 km dieser Strecke stellen sich als recht In der Heideanstrengend heraus, da es kontinuierlich leicht bis mäßig bergan geht. Einziger Trost: Schönes Wetter bei mäßigem Nordost-Wind. Ein absoluter Luxus, da ich ja bisher von schönem Wetter nicht allzu sehr verwöhnt worden bin.

Am Ende des Anstiegs erreiche ich die ca. 400 m hoch gelegene Hochebene Stóra-Vatnsskarð, in der ich einen schönen Panorama-Blick genießen kann. NocSchöne Abfahrth schöner allerdings ist schließlich der Blick ins Tal nach Bólstaðarhlíð! Saftige Wiesen in einem schmalen Flusstal, eingerahmt von stattlichen Bergen. Und was ich mir über eine weite Strecke allmählich an Höhe mühsam erkämpft habe, findet nun in einer rasantem 10%-Abfahrt mit engen Kurven seine glückliche Fortsetzung.

Ganz in der NähSchafpferche der Hofstätte befindet sich südlich der Straße einer dieser typischen ringförmigen Schafspferche, in denen die Bauern im September/Oktober ihre gemeinsam von den Hochflächen zusammengetriebenen Schafe treiben, um dann nach der Methode „mein Schaf – dein Schaf“ unter volksfestähnlichen Bedingungen die Tiere anhand ihrer Farbmarkierungen in die einzelnen Segmente des Pferches aufzuteilen. Ein dankbares Fotomotiv, jetzt leider ohne Schafe.

Wenig später erreiche ich nach zügiger Fahrt schließlich den Abzweig der Straße 731, die etwas späAuf ins Hochland!ter in die Hochlandroute F35 münden wird. Bevor ich mich aber von der Ringstraße verabschiede um meinen Weg nach Süden ins Landesinnere fortzusetzen, genieße ich in der warmen Nachmittagssonne noch für eine Weile diesen Moment und setze mich an den munteren Fluss Blanda, um meinen ersten „Snuður“ des Tages zu essen – jenes herrliche Hefeschnecken-Gebäck mit köstlicher Schokoladen-Zimt-Glasur, denen ich in keinem Supermarkt widerstehen kann!

  Mit gehobener Stimmung stürze (bzw. trete) ich mich schließlich sehenden Auges in mein erstes wirkliches Hochland-Letzter Blick zurückAbenteuer! Noch einmal ein kurzer Blick zurück auf Ringstraße und Fluss, dann geht es auf der gut unterhaltenen Lehmstraße - auf der noch so gar kein Hochland-Gefühl aufkommen mag - weiter in Richtung Süden. Nur allmählich steigt die Straße an, und auf den nächsten Kilometern passiere ich in regelmäßigen Abständen Gehöfte und radle an eingezäuntem Weideland vorbei. Die Hochlandpiste F35 beginnt nach 14 km am Hof Eyvindarstaðir mit einer Überraschung. Statt schlechterer Straßenverhältnisse wahrtet hier diWasserkraftwerk "Blöndustöð"e isländische Straßenbaukunst mit echtem Teer auf! Der Grund dafür wird recht bald deutlich, denn wenig später fahre ich westlich am neuen Wasserkraftwerk „Blöndustöð“ vorbei. Etwa 30 km weiter südlich von hier ist der Fluss Blanda zum künstlichen See „Blöndulon“ aufgestaut worden, wodurch das (auf Island nicht unumstrittene) 150 MW-Projekt realisiert werden konnte.

Direkt hinter dem Kraftwerk endet dann auch endgültig der trügerische Schein vom reifenschmeichelnden Bodenbelag, und der holprige Weg hinaus in die Hochebene beginnt. Obwohl - eigentlich bin ich schon fast oben, denn dDie Weite der Prärieie Straße hinaus zum Kraftwerk hat mich fast unbemerkt hinaus ins Hochland geführt.

Weiterhin bleiben die Pistenverhältnisse recht angenehm. Links und rechts der Straße blickt man auf weites, uneingezäuntes Weideland (ein Rad-Reisender, den Peter und ich zwei Jahre zuvor kennen gelernt hatten, beschrieb uns diesen Anblick als „Ritt durch die Prärie“). Gleichzeitig sind im Süden schon in weiter Ferne die ersten Gletscher Zentral-Islands zu erkennen. Die kiesige Piste steigt weiterhin sanft an. Und still ist es hier, zum ersten Mal, seit ich auf Island bin, ist in der letzten Stunde kein Fahrzeug an mit vorbei gefahren.

Menschliches Leben gibt es hier aber doch, denn wenig später erkenne ich vor mit  - noch als kleinen sich langsam nähernden Punkt) einen Radfahrer. Als wir uns begegnen, kommt es natürlich zu einem Stopp und zum obligatorischen Gespräch. Mein Sportsfreund (er ist Belgier) berichtet mir von recht durchwachsenen Pistenverhältnissen, mit denen ich noch zu rechnen hätte, und rühmt den Belag, auf dem wir uns gerade befinden. Dazu führt er aus, dass er gerne so etwas wie einen „Wasserwagen“ dabei gehabt hätte, denn zwischendurch hätte er wohl Probleme mit dem H2O-Nachschub gehabt. Anerkennend nimmt er meine Flüssigkeitsvorräte (noch 4,5l Wasser und 1l frische Milch) zur Kenntnis.

Eine halbe Stunde später mache ich an einer schönen Stelle einen kurzen Keks-Halt.Karge Aussichten

  Bald wird die Straße zusehends schlechter. Inzwischen (es ist längst Abend geworden) erreiche ich einen Aussichtspunkt, der etwa 100m oberhalb der Straße verläuft und einen weiten Blick über die karge Hochebene freigibt.

Weiter unten entlang der Piste beginne ich allmählich nach einem Nachtlager Ausschau zu halten, aber bisher bietet sich meinen forschenden Blicken wenig Erbauliches. Meine Ansprüche liegen klar auf der Hand:

 

  1. windgeschützt

  2. nicht direkt neben der Straße

  3. nicht im direkten Blickfeld von Häusern

  4. fließendes Wasser zum Waschen und Trinken

  5. vollklimatisierte Räume mit Geschirrspüler, Kabelfernsehen und Endreinigung inklusive

Schade, abgesehen von Punkt 3 scheint weit und breit kein geeigneter Platz in Sicht. Statt dessen durchfahre ich eine verlassene Baustelle, entlang des Weges stehen einsam einige Maschinen herum, die wohl zur Pflege des Wellblech-Feelings von Hochlandpisten dienen. Kurze Zeit später überholt mich ein VW-Käfer mit französischem Kennzeichen, hält in einiger Entfernung, fährt wieder an, stoppt wieder. Auch so kann man wohl einsame Landschaft genießen.

Als das Fahrzeug endlich außer Sicht- und Hörweite ist, buckle ich eine kurze Abfahrt hinunter, die in einer weiten Ebene mündet. Hier scheint auch die Baustelle zu enden. Diesen Schluss lässt zumindest die massive Ansammlung von Straßenbaugeräten zu. Leider bessert sich der Zustand der Piste anschließend nur unwesendlich. Linker Hand nach Osten erstecken sich die südlichen Ausläufer des Blöndulon-Stausees, zur anderen Seite gibt es nur schütteres kurzes Gras und Geröll. Langsam wird es wirklich Zeit für ein Nachtlager, denn es ist inzwischen fast neun Uhr abends. Die Suche nach Frischwasser habe ich inzwischen auch aufgegeben, da nur gelegentlich kleine rostrote Rinnsale straßenbegleitend auftauschen und schnell wieder andernorts versickern. Da es auch keinen Sinn macht, in dieser Einöde einfach immer weiter zu fahren, bleibe ich stehen und prüfe die Windrichtung. Dieser hat über Tag leicht gedreht. Kam er morgens noch aus NO so hat er jetzt auf NW gedreht. Da ich was Wind angeht immer sehr vorsichtig bin, wähle ich für meine Lagerstätte die StraßenseitEinsame Lagerstätte an der Pistee, die dem Lüftchen abgewandt ist, denn die Piste ist etwas „aufgeschottert“ - will meinen, sie verläuft etwas oberhalb des Umlandes und kann so bei einem plötzlich einsetzenden stärkeren Wind vielleicht einen bescheidenen Schutz bieten.

Da mit heftigem Verkehrsaufkommen nicht mehr zu rechnen ist (der VW von vorhin war der letzte Wagen des Tages), entferne ich mich nur wenige Meter von der Straße. Eigentlich ein nettes Plätzchen, denn mein östlicher Zeltausgang gibt einen schönen Blick auf den ruhig in einiger Entfernung daliegenden See frei. Ich koche mir ein bescheidenes Tütensuppen-Mahl und lege mich schließlich um 22 Uhr zur verdienten Nachruhe hin.

  Habe ich bis jetzt angenommen, das wäre es gewesen mit dem Tag, so muss ich eine Viertelstunde vor Mitternacht feststellen, dass ich mich geirrt habe! Irgendein Geräusch hat mich geweckt. Verkehr im Hochland um diese Zeit? Da ich ja nun ein wenig wie auf dem Präsentierteller an der Straße lagere, werde ich natürlich neugierig und schaue hinaus. Zunächst fällt mein Blick auf den See – atemberaubend schön! Im Mittsommer-Spätabendlicht steigen Nebelschwaden über der Wasserfläche auf und verlieren sich in der rötlich schimmernden Abendluft. Auf der Straße Richtung Norden entdecke ich dann die Quelle der Geräusche. Zwei Radfahrer sind zu dieser später Stunde noch unterwegs und holperten langsam aber stetig den Hügeln im Norden zu und der in viel weiterer Ferne dahinter liegenden Ringstraße. Um diese Uhrzeit! Kopfschüttelnd lasse ich meinen blick noch einmal über das sich vor mir ausgebreitete Nebelmeer schweifen und ziehe mich dann endgültig zum Schlafen in meinen warmen Schlafsack zurück.

 

 

Mittwoch, der 22.07.98

(vom Blöndulon nach Hveravellir [36 km])

 

  In dieser Nacht werde ich noch ein einziges Mal wach. Es ist fünf Uhr morgens, fast taghell aber total neblig und windstill. Daher klebt auch mächtig viel Kondenswasser an der Innenseite des Außenzeltes. Besser, gleich wieder für die nächsten paar Stunden weiterzuschlafen. Es ist kurz vor zehn, als ich gefrühstückt und meine 77  Sachen bBuckelpisteeisammen habe um aufzubrechen. Kaum bin ich wieder auf der Piste, kommt auch schon das erste Auto aus südlicher Richtung daher. Das Wetter ist heiter, manchmal fast sonnig, aber es weht inzwischen ein kräftiger Ost-Wind, der zwar das feuchte Zelt schnell getrocknet hat, mich aber beim Fahren als strammer Seitenwind annervt. Dazu kommt dann noch dieser sympathisch, holprige Charme der Waschbrettpiste.

Während ich durch eine flache Mulde fahre, beginnt etwas hinten am Fahrrad zu klappern. So was macht einen immer nervös, besonders in so einer fahrradfeindlichen Umgebung. Ich bin noch nicht lang abgestiegen und habe das geringe Übel gerade beseitig, da fährt holpernd eines der wenigen Autos an mir vorbei und hält. Ob ich Probleme an meinem Rad hätte und Hilfe bräuchte, fragt mich der Fahrer auf englisch! Nein, es sei alles in Ordnung, bedanke ich mich bei ihm und der Wagen rüttelt weiter. Zurück bleibt das schöne Gefühl in mir, dass – sollte wirklich mal etwas passieren - ich mir keine ernsthafte Sorge um die Hilfsbereitschaft meiner motorisierten Freunde zu machen brauche (natürlich nur, sofern überhaupt welche da wären).

  Nach etwa 12 km Fahrt (ich bin schon fast 2 Stunden unterwegs) erreiche ich die in der Karte verzeichnete Schutzhütte – ein fast gastlich anmutender orangefarbener Klecks in der weiten Geröllebene. MeinSchutzhütte im Nichtser alten Gewohnheit folgend werfe ich einen Blick hinein und bin dankbar für eine halbe Stunde Windschutz. Trotz des guten Wetters ist es doch recht frisch hier draußen!

Wieder esse ich ein paar Kekse und blättere unterdessen im Gästebuch und suche nach Spuren aus der Vergangenheit. Bekannte von mir sind 1996 auch einmal diese Route gefahren, und die kleine Chronik in meinen Händen reicht auch so weit zurück. Aber leider kann ich keinen Eintrag von ihnen finden, dafür aber recht viele andere spaßige und auch weniger fröhliche bis abschreckende Beiträge von Radfahrern aus aller Herren Länder. Ich scheine doch wirklich Glück mit dem Wetter zu haben!

Ein wenig später kommt mir auf der losen Hochlandstraße ein deutsches Radler-Pärchen entgegen. Sie berichten mir, dass der Streckenabschnitt der letzten 8 km bis zum Abzweig nach Hveravellir eine Unverschämtheit an Verkehrsachse sein soll! Dagegen könne man den Belag, auf dem wir uns jetzt gerade befänden, guten Gewissens lauthals preisen. Das sind ja schöne Aussichten! Aber immerhin soll die Furt, die in meinem Radreiseführer noch als solche beschrieben wird, inzwischen überbrückt sein, so dass man sich auf dieser Hochlandstrecke bis zu seinem südlichen Ende keine nassen Füße mehr holen soll.

Mich beeindrucken ihre außerordentlich stabil wirkenden Low-Rider. Nicht ohne Besitzerstolz erklärt mir der Typ, dass er sie selbst geschweißt hätte. 1,5 kg Stahlrohr mit zusätzlicher Gepäckablagefläche genau wie hinten. Sehr ordentlich! Ich erfahre, dass auch sie schon schlechte Erfahrungen mit gar nicht so günstigen Marken-Modellen auf Island gemacht haben und so zu dem Entschluss gekommen sind, nur eigene Handqualität kann Sicherheit schaffen.

Für mich gibt es demnach 2 Modelle, die ich ab jetzt empfehlen kann: den Tubus Duo (den ich fahre) oder Selbstbeschweißt...

  Allmählich kommen die ersten Gletscher im Südwesten gut in Sichtweite. Es gibt keine störenden Höhenzüge mehr, die die Sicht auf die Eismassen des Langjökull versperren. Und auch südöstlich von mir kann man die Eiskappe des Hofsjökull schon deutlich erkennen. Es ist herrlich, endlich wieder Gletscher zu sehen, auch wenn ich auf dieser RFrisch überbrückte Furteise wohl nicht so nah an einen herankommen werde wie auf der vorherigen Tour.

Nach etwa einer halben Stunde erreiche ich die Brücke, von der die beiden gesprochen haben. Eigentlich ist es ja schade, dass ich auch hier wieder einmal die Gelegenheit verpasse, meine 10-DM-ganzfußeinschließenden Badelatschen von Karstadt einzuweihen. Schon 1996 habe ich sie vergeblich mit mir rumgefahren...

Wenig später beginnt dann das Grauen! Masochistisch veranlagte Biker mögen den Steckenabschnitt, wie er jetzt vor mir liegt, vielleicht auf eine Art genießen können, die mir vollkommen fremd ist. Ich aber kann nur sagen – die nächsten Kilometer haben es in sich!

Man muss sich die geröll-brockige Piste etwa so vorstellen, als ob ein paar Fahrzeuge eine Vertiefung in das lockere Hochlandgestein gefurcht haben. Anderweitige Pflege scheint ihr lange nicht mehr zuteil geworden zu sein.

Ich hopple also los, mit tapferen 8 km/h, ständig meine Hände um den LSchweinewelt...enker krampfend, um die vielen Stöße, die sich vom Vorderreifen einmal durch das ganze Rad mit Gepäck und Fahrer bis nach ganz hinten durchziehen, irgendwie abfedern zu können. Für diese Belastung sind weder mein Rad, noch die ihm aufgebürdete Gepäcklast und erst recht nicht der Fahrer geschaffen!

Zugegeben – wenn alles erst vorbei ist, spricht man natürlich von einer total wichtigen Erfahrung, die man da gemacht hat, aber im entscheidenden Moment (wenn man nämlich genau drin steckt, in dieser Erfahrung) wünscht man sich nichts sehnlicher, als im Zeitalter des Teleportierens zur Welt gekommen zu sein.

Aber auch diese Tortour findet wie die meisten im Leben irgendwann einmal ein Ende, in meinem Fall kurz vor der Abbiegung in das Thermalgebiet von Hveravellir, meinem heutigen Etappenziel. Viel vorgenommen hatte ich mir ja, immerhAbzweig nach Hveravellirin 34 km habe ich bis hierhin in fünf Stunden zurückgelegt!

Auch die letzten 2 km gestalten sich etwas schwierig, doch schließlich erreiche ich das Ende der Stichstraße. Hveravellir ist nicht viel mehr als ein kleines Thermalgebiet, in dessen unmittelbarer Nähe sich ein einfacher Camping- und Rastplatz befindet.

Man befindet sich hier etwa 650 m über dem Meeresspiegel. Schon von Alters her boten solche „Oasen“ verwegenen Hochland-Durchquerern einen günstigen Ort zu Rasten, denn die kieselsäurehaltigen heißen Quellen bilden einen warmen Bach, der heute direkt an den Stellplätzen des Campingplatzes vorbeifließt. Neben diesem gibt es zwei grün gestrichene Gebäude aus Holz. Eines dient als Anmeldung und Touristeninformation, das zweite (etwas abgelegenere) gehört dem isländischen Verkehrsclub und steht auch zum Übernachten offen.

Als ich ankomme, stehen schon ein knappes Dutzend einzelner Zelte auf der kleinen Wiese. Auf dem PZeltplatz am warmen Flussarkplatz stehen die unterschiedlichsten Fahrzeuge herum. Vom normalen Pkw über den praktischen Pick-Up bis zum ehemaligen Armeefahrzeug ist alles vertreten. Dazu gesellen ich noch mehrere Reisbusse. Obwohl es schon fortgeschrittener Nachmittag ist, kommen immer noch neue Fahrzeuge aller Größen an oder verlassen den Platz. Klar, als motorisierter Reisender ist man in wenigen Stunden raus aus der Geröllwüste und kann spät abends noch in ein flauschiges Hotelbett fallen.

Da mir diese Option nicht offen steht, muss mal wieder das treue Zelt her. Der Aufbau gestaltet sich aber äußerst schwierig, da ein kräftiger Wind weht, der seit meinem Aufenthalt an der Schutzhütte noch zugelegt hat. Mein Zelt mag viele Vorzüge haben, aber Aufbauen im Sturm gehört nicht zu seinen Stärken! Da ich noch nie gezwungen war, die Kuppel in so einer Situation alleine aufzubauen, stelle ich mich noch ungeschickter an, als es die Situation eigentlich erfordert. Immer wieder flattert mir die dämliche Plane davon, während ich die Gestände in die außen liegenden Führungen zwängen will. Dabei mache ich den Fehler, das Zelt nicht zuallererst mit zwei Heringen im Boden zu verankern. Hinterher ist man immer schlauer. Endlich bin ich aber doch Herr der Lage und kann mich einrichten. Anschließend denke ich auch mal ans Bezahlen und schaue natürlich erst in der falschen Hütte vorbei, bevor ich mit in der Rezeption einfinde. Eine junge Frau – bestimmt nicht älter als 20 Jahre – kümmert sich hier um die kleinen Belange der Touristen.

 Wenig später statte ich dem „Hot Pool“ meinen ersten Besuch ab. Dieses heiße Becken befindet sich direkt neben der Wanderhütte, an dessen Wand man sich umkleiden und abtrocknen kann. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um eine natürliche warme Quelle (denn das Wasser des Baches ist viel zu heiß), als dass man sich in im aufhalten könnte. Statt dessen verfügt der Pool über zwei Zuläufe, einem heißen und einem kalten. Heißes Wasser wird kontinuierlich nachgeführt, während die sich die Badenden miteinander verständigen müssen, wann und für wie lange der Kaltwasserschlauch in das gut 5 m im Durchmesser befindliche Rund gehalten wird. Um diesen Umstand Sorge zu tragen, weißt ein gut sichtbares Schild in mehren Sprachen und einer unmissverständlichen Abbildung darauf hin, dass man am Morgen niemals ohne die Wassertemperatur eingehend getestet zu haben als erste Person ins Becken steigen darf, wenn man sich nicht ernsthaft verbrühen will.

In meinem Fall ist die Sitzung im Schefelbad aber recht angenehm, abgesehen von der Jugendreisegruppe bestehend aus Deutschen und Franzosen, mit denen ich mir den engen Platz teile. Hinzu kommen noch ein paar einzelne Erwachsene. Als besonders abgebrüht und hart gesotten stellt sich ein kräftiger, glatzköpfiger älterer Mann heraus, der kaum aus der Nähe des heißen Wasserzulaufes wegzubewegen ist. Na ja, immerhin hat der dort den meisten Platz...

Später am Zelt erlebe ich eine echte Überraschung. Beim Zeltaufbau ist es mir gar nicht bewusst geworden, aber der ganze Untergrund hier ist warm! Sozusagen eine natürliche Bodenheizung, die hier auf dem Gelände eingebaut ist – fantastisch!

Ich komme ich mit zwei echten isländischen Radreisenden ins Gespräch – ein absolutes Novum für mich. Ihnen ist ihre exotische Stellung im eigenen Land wohl bewusst. Richtig lange touren haben sie mit dem Rad noch nicht unternommen, eher verlängerte Wochenendtouren von Reykjavík in die Umgebung oder wie jetzt durch das Hochland gen Norden. Um aber nicht den ganzen Weg zurückfahren zu müssen, haben sie in Blönduós schon einen Flieger reserviert, der sie heil wieder in die Hauptstadt bringen wird. Ich erzähle ihnen von meinem Erlebnis mit den beiden Radfahrern aus der letzten Nacht in der Nähe des Stausees. Und was soll ich sagen, die beiden wissen, von wem ich rede. Ihrer Auskunft nach handelte es sich dabei um ein dänisches Pärchen, das unbedingt noch den Bus am nächsten Morgen in Varmahlið erwischen musste, um rechtzeitig den Flieger in die Heimat zu bekommen. Das erklärt natürlich einiges.

  Für jene, die ihre Mahlzeiten in Gesellschaft verbringen möchten oder einfach keine Lust haben direkt vorm Zelt zu kochen, gibt es an der Anmeldung einen kleinen nicht überdachten Vorbau mit Stühlen und Bänken. Dorthin begebe ich mich für mein klassisches Tütensuppen-mit-Reis-Festessen. Mit mir am Tisch sitzt ein deutsches Pärchen. Da sie mir bekannt vorkommen, spreche ich sie an. Und richtig, wir sind uns schon vor einigen Tagen in Akureyri auf dem Campingplatz über den Weg gelaufen, da sie ganz in Thomas´ und meiner Nähe ihr „Walross“-Zelt aufgebaut hatten. Gesprochen haben wir damals allerdings nicht miteinander. Jetzt lerne ich aber z.B. von ihnen, dass es eine interessante Alternative zu Reis mit Tütensuppe gibt – CousCous. Diese hartweizenähnliche Getreide ist mir bisher völlig unbekannt gewesen, aber die beiden schwören drauf! Darüber hinaus unterhalten wir uns über altbewehrte Themen. Brennstoffverbrauch bei unterschiedlichen Kochertypen, Zelte im Wind und das beschwerliche Befahren von Hochlandpisten im Bus oder auf dem Fahrrad.

  Die Waschgelegenheit ist übrigens recht spartanisch eingerichtet. Wie auf vielen anderen isländischen Zeltplätzen auch besteht sie aus einer kleinen Hütte, in der es ein paar enge und dunkle Toiletten gibt. An den beiden Längsseiten sind außen jeweils zwei überdachte Waschbecken angebracht, und das war es dann schon mit Luxus. Es ist aber auch nicht viel schlechter als ein kalter Gebirgsbach am Abend.

Als ich mich zum Schlafen ins Zelt zurückziehe, fällt mir noch auf, dass der Campingplatz noch späten Zuwachs bekommen hat. Etwas abseits der Einzelzelte steht auf einmal ein Rudel orangefarbener North-Face-Zelte einer Reisegruppe und ganz in ihrer Nähe ein rotes Staika (also der gleiche – recht seltene - Zelttyp wie meines, wobei die Farbe Rot bei Hilleberg die ungewöhnlichere Farbe ist, der verkauft wird).

Genüsslich gähnend und sich dabei noch einmal streckend ziehe ich mich zu guter Letzt in mein behaglich erwärmtes Zelt zurück und verbringe diesmal eine ungestörte Nacht.

 

 

Donnerstag, der 23.07.98

(Ein Sommertag in Hveravellir [0 km])

 

  Dieser Tag beginnt mit einer dicken Überraschung: Neuschnee! Dicke Flocken fallen vom Himmel und klatschen von einem kräftigen Wind getrieben gegen die Zeltplane. Muss man alles mal erlebt haben, denke ich mir und schaue im warmen Schlafsack liegend in die winterlich anmutende Landschaft und die von Schnee bedecktNeuschnee - Blick aus dem Schlafsacken Nachbarzelte hinaus. Allerdings Zelte im Schneeist es nicht wirklich kmehr Zelte im Schneealt, mein Thermometer zeigt knappe 10°C an, und da der Boden auch noch geothermal erwärmt wird, bleibt von der gefallenen weißen Pracht schnell nichts mehr liegen. Dennoch kommt immer wieder Nachschub von oben herunter! An ein Frühstück draußen ist daher nicht zu denken, statt dessen gönne ich mir mein Müsli mit Trockenmilch im Zelt und verlasse das Zelt nur kurz für ein paar Schnappschüsse und einer rudimentären Morgentoilette.

Da neben den schauerähnlichen Schneefällen ein starker Nordostwind weht, fühle ich mich nicht verpflichtet heute weiterzufahren und verbringe den Vormittag im Zelt mit Lesen, dem kontinuierlichen Griff zur Schokoladentafel und dem gelegentlichem Rauchen einer Pfeife.

  Meine vorabendlichen Gesprächspartner mit dem Walross-Zelt nehmen um 13 Uhr den Bus in Richtung Süden. Zu der Zeit steht für mich schon lange fest, dass mich hier und heute keiner mehr weg bekommt. Ganz im Gegensatz zu den beiden isländischen Rad-Recken, die ja einen Flieger gebucht haben, und denen dieser Wetterumschwung auch nicht so viel auszumachen scheint (zumindest ließen sie es sich vor ihrer Abfahrt am Vormittag nicht anmerken).

Allmählich geht der Schnee in sporadischen Regen über, so dass mir meine gemütliche Zeltidylle erhalten bleibt. Als es gegen 16 Uhr mal kurz trocken ist gehe ich zur Rezeption und bezahle bei dem Mädel für eine weitere Nacht. Sie ist hocherstaunt! „Here?“ fragt sie. Ja, ich sei mit dem Fahrrad unterwegs, antworte ich ihr. Mit ernsthafter Miene nimmt sie meine Begründung bedauernd zur Kenntnis und stellt mir eine Quittung aus. Ich erfrage bei ihr auch noch kurz den Buspreis für die südliche Richtung und vergesse ihn dann sofort wieder. Ist besser so.

Im leichten Nieselregen begebe ich mich schließlich auf Erkundungsgang. Es gibt hieIns nahe Thermalgebietr ja noch viel zu sHeißer Schwefeldampfehen, denn das eigentliche Thermalgebiet mit seinen heißen Bodenquellen, Schwefel-Fumarolen und bizarren Kalkablagerungen habe ich mir gestern ja noch gar nicht angeschaut. Ein schmaler Holzsteg führt hinter der Wanderhütte etwa hundert Meter den Bachlauf entlang und endet irgendwo im Schwefel- und Wasserdampf. Um einen herum blubbert, brodelt und zischt es leise vor sich hin. Eine bizarre Umgebung, wenn auch nur auf recht kleinem Gebiet. Da sind die Schlammtöpfe und Fumarolen östlich des Mývatns doch beeindruckender, dafür aber auch touristisch überlaufener.

  Viel gibt es über diesen Tag nicht mehr zu berichten. Eigentlich endet er mit mir im heißen Pool, als sich die meisten ReNaturnaher Hot Potisegruppen endlich verschwunden sind, die auf der Hochland-Tagesdurchreise sind und sich ein bis zwei Stunden Hveravellir gönnen. So hat sich das Becken endlich deutlich geleert. Während ich im wohlig-warm-schwefeligen Wasser liege, hoffe ich inständig, morgen nicht wieder von so einem Wettereinbruch erwischt zu werden. Zwar war es für einen Tag ein echtes Ereignis, einen weiteren Tag möchte ich hier aber nur ungern verbringen.

Vor dem Schlafengehen gibt es aber noch einmal eine lustige Unterhaltung und etwas fürs Ego. Eine spät eingetroffene Gruppe Italiener versucht im immer noch spürbaren Wind – wenn auch nicht so stark wie gestern Abend – ihre uniformen Zelte aufzurichten. Welch ein Spaß, Leuten dabei zuzuschauen, die es zu mehreren mindestens genauso schlecht beherrschen wie ich allein! Wirklich dumm ist nur, dass ihre italienische Mentalität sie dazu nötigt, sich noch den ganzen weiteren Abend lauthals von Zelt zu Zelt miteinander zu unterhalten...

Mama mia!

 

 

Freitag, der 24.07.03

(von Hveravellir zum Geysir [105 km])

 

  An diesem Morgen habe ich mehr Glück mit dem Reisewetter. Der Himmel ist zwar verhangen, aber die Wolken fliegen nicht allzu tief. Dazu ist der Wind meist schwach und weht aus Nordost bis Ost (also habe ich im ungünstigeren Fall leichten Seitenwind).

Für diesen Tag habe ich mir recht viel vorgenommen, denn mein Ziel ist es, das Hochland heute komplett zu verlassen und den Zeltplatz am Geysir zu erreichen. Der gestrige „Wintereinbruch“ ist da für mich Motivation genug!

Um 10:30 Uhr bin ich startklar. Das ist wirklich nicht berauschend früh, wenn man bedenkt was ich mir vorgenommen habe, und wie gut ich vorgestern vorangekommen bin. Aber irgendwie bekomme ich es nie früher in. Etwa eine halbe Stunde zuvor sehe ich einen anderen Radfahrer sein Zelt abbauen und schließlich abfahren. Er ist gestern fast zeitgleich mit den Italienern eingetroffen und hatte sich einen Lagerplatz weitab des südländischen Trubels gesucht (wer kann es ihm verdenken?).

Als ich nach knapp 3 km wieder auf dem Kjörlur bin, ist zwar von dem Radler weit und breit nichts zu sehen, aber dafür zeichnen sich frische Radreifenspuren deutlich  in Richtung nach Süden ab. Mein Kollege nahm also den gleichen Weg wie ich.

Vor mir breiteBlick in eine Steinwüstet sich eine große, öde Steinwüste aus, die es zu durchqueren gilt. Einzige Fixpunkte in der Ferne sind die Höhenzüge und Gletscher des Hofsjökull im Osten und des Langjökull im Westen sowie weiterer Erhebungen im Süden, die bei meiner langsamen Fahrt kaum näher rücken.

Nach einigen beschwerlicheren Kilometern bergan passiere ich gegen Mittag links der Piste zwei Französinnen, die auf einer kleinen Anhöhe sitzen. Sie rufen mir kurz etwas (Aufmunterndes?) in ihrer Landessprache zu. Vermutlich wollen sie mir Mut machen für meine weitere Fahrt, denn laut Radreiseführer ist dies die höchste Erhebung der gesamten Kjörlur-Route mit 672 m.

  Trotz der gerölligen Fahrbahn komme ich jetzt erstaunlich gut voran. Auch die Sache mit dem „nasRinnsaalse Füße holen“ beim Furten bleibt bisher trockene Theorie. Ein kleiner Fluss, den ich nach gut 20 km zu überqueren habe, stellt sich als noch kleineres Rinnsaal heraus, das leicht zu durchfahren ist. Nur schade, dass von den Gletschern bisher so wenig zu erkennen ist, da sie unter der immer noch geschlossenen Wolkendecke verborgen sind.

Nach 30 km komme ich dann an den Abzweig zum Skigebiet nach Kerlingarfjöll, wo es auch im Sommer heiße Quellen und ewiges Eis geben soll. Allerdings reizt mich die Aussicht aus zwei sichere Furten und beschwerlichem Anstieg überhaupt nicht zu einem Abstecher südlich des Hofsjökull.

Die weitere Fahrt verläuft für meine bescheidenen Hochlandkenntnisse nahezu unbeschwert in einer weiten, welligen HGletscher Langjökullochebene, die rechts und links von den jetzt näher kommenden Gletschern eingerahmt wird. Während einer ausgedehnteren Pause, in der ich mich mit einigen Keksen stärke, wird mir bewusst, wie absolut still es in dieser menschenleeren Umgebung ist, denn schon lange hat mich kein Fahrzeug mehr passiert, und der Wind vom Vormittag ist auch gänzlich eingeschlafen. Nur die frischen Reifenspuren meines unbekannten Vorradlers deuten darauf hin, das vor nicht allzu langer Zeit hier jemand genau wie ich durchgekommen ist.

Wenig später geht es dann aber los mit dem zweirädrigen Gegenverkehr! Vermutlich liegt es daran, dass ich nun fast die Hälfte der Strecke hinter mich gebracht habe und mir jetzt die Radfahrer begegnen, die zur gleichen Zeit wie ich (oder etwas früher) aus dem Süden ins Hochland aufgebrochen sind. Als erstes unterhalte ich mich kurz mit einem deutschen Pärchen. Vor etwa einer halben Stunde sind sie an meinem Frontmann vorbeigefahren, ohne aber mit ihm zu sprechen. Schön, er ist also auch nicht schneller als ich. Die Frau wünscht mir für die restliche Weiterfahrt noch viel Kraft, da ich noch einen beschwerlichen Anstiegt zu meistern habe, bevor ich das Hochland verlassen würde. Sie beide sind der traurigen Ansicht, dass ich es kaum schaffen würde, noch vor Mitternacht am Gullfoss anzukommen, wünschen mir aber viel Glück. Na das sind ja tolle AusGletschersee Hvitárvatnsichten.

Ich fahre also zügig (ca. 12 km/h) weiter und sehe bald den Gletschersee Hvítárvatn vor mir in der Ferne schimmern. Er liegt auf 421 m Höhe am Fuße des Gletschers Langjökull, in den dieser mit einer Gletscherzunge hineinkalbt, so dass nicht selten einige Eisberge im See zu erkennen sind, die dort langsam abschmelzen.

Am See angelangt treffe ich auf einen holländischen Einzelradler, der neues über die Identität meines Phantom-Radlers zu berichten weiß. Der ist nämlich auch Niederländer. Nicht dass diese Information ungeheuer wichtig für mich wäre, aber wenn man den ganzen Tag hinter so einem Typen hinterher fährt und ihn doch nie zu Gesicht bekommt, macht man sich halt so seine Gedanken. Insgeheim belustigt mich der Gedanke, dass er von meiner wilden Verfolgungsjagd ja überhaupt nichts wissen dürfte...

 Wiederum wenig später – der See liegt jetzt rechts hinter mir – begegne ich meinem Hauptakt des Tages! Es ist ein Hamburger Jung´, allein in der Wildnis ohne Biwak oder Zelt! Die nächste halbe Stunde verbringe ich damit, mir seine wirre Geschichte anzuhören, wie er in einem bequemen hamburgischen Reisebüro mit einer sympathischen aber völlig unwissenden Angestellten seine Island-Radtour als eine Art Hütten-Hopping geplant hat. Als Grundlage diente ihnen eine Michelin-Autokarte von Island und ein Verzeichnis der Wanderhütten des isländischen Verkehrsklubs. Meine Herren, da haben die beiden also gesessen und sein Fahrrad-Abenteuer anhand einer groben Straßenkarte geplant. 100 km pro Tag? Für ihn kein Problem! Zelt mitnehmen? Quatsch, viel zu schwer, es gibt doch genug Wanderhütten entlang aller Routen, die man buchen kann. Also wacker ins Hochland und hinein ins Verderben! Denn mit solchen Straßenverhältnissen hatte er nicht gerechnet! Zwar würde er es heute noch locker schaffen, eine gebuchte Unterkunft einer nahen Hütte am Gletschersee zu erreichen, aber dafür sei er heute auch seeehr früh aufgestanden. Darüber hinaus ist ihm wohl bis jetzt die Bedeutung des Wortes Jeep-Track nicht richtig klar gewesen. Im heiteren Hamburg und nach der Vorgabe planend „überall wo Wege sind und Autos fahren, kommt man auch mit dem Rad gut voran“, sieht seine geplante Abenteurer-Zukunft vor, die beiden Nord-Süd-Pisten einmal oberhalb des Hofsjükull auf den Sprengisandur zu queren und eine Menge Spaß dabei zu haben.

Ich glaube, ihm dämmerte schon vor meinen deutlichen Ausführungen dazu, dass dieser Plan so nicht mehr in die Tat umzusetzen sei. Zwar stimmt wohl die Annahme, dass ein Radler mit stabilem Mountain-Bike überall fahren (oder schieben) kann, wo ein Geländewagen auch vorankommt – nur, das dauert! Und ohne Zelt bei einem Wetterumschwung, wie ich ihn gestern erlebt hatte? Na dann gute Nacht, Marie!

Nachdem wir noch einmal herzlich über so viel Naivität gelacht haben, rate ich ihm, möglichst rasch in den Norden von Island vorzustoßen. Da es mit die Jugendherbergsdichte wie überall auf der Insel allerdings schlecht bestellt ist, lege ich ihm die zahlreichen Schafsackunterkünfte ans Herz, zu denen es meines Wissens auch ein Verzeichnis in den Tourist Informations geben müsste.

Was für ein Typ, was für ein Schicksal!

  Allmählich wird es aber Zeit, wieder an mein eigenes Vorankommen zu denken. Es ist früher Abend, als ich die Brücke über den Fluss Hvíta erreiche, der den Abfluss aus dem Gletschersee Hvítárvatn darstellt. Kurz zuvor überholt mich ein moderner Jeep mit Anhänger, auf dessen weißer Plastikhaube die Worte „ADD ICE“ stehen – ein alter Bekannter vom Kjörlur-Zeltplatz. Der Fahrer macht dort einen Stopp an der Brücke und winkt mir zu. Vielleicht will er mir Mut machen, denn nun geht es für uns alle (mit Motor oder ohne) sichtbar bergan.

Die kommenden 9 km den Pass hinauf entpuppen sich zwar als langwierig (ich brauche ca. 1 ½ Stunden) aber mit den gebührenden Pausen als durchaus machbar, da die Straßenverhältnisse besser sind als ich zu hoffen gewagt habe. Endlich oben auf 610 m Höhe angekommen mache ich einen längeren Halt an einem Parkplatz, auf dem jetzt am Abend nichts mehr los ist. Über Tag hält hier aber bestimmt so jeder Überlandbus, damit seine Insassen den reizvollen Blick ins Umland genießen können.

Direkt im Osten erhebt sich unmittelbar der Bláfell mit 1204 Metern, an dessen westlichen Hang dieser Parkplatz gebaut wurde. Gegenüber schimmert fahl die Eiskappe des Langjökull, und besonders nach Süden hat man einen freien Blick über die weite, leere Landschaft. Aus dem Hochland bin ich also noch lange nicht raus!

Vergeblich versuche ich die Gischtfahne des Wasserfalls Gullfoss zu erkennen, der das Ende der Hochlandetappe markiert. Aber nicht verzagen, wieder auf das Rad gestiegen und weiter gefahren!

Schrieb ich „fahren“? Für die nächsten  6 km geht es bergab, aber wie! Die Piste ist an der Südwestflanke des Bláfell wesentlich steiler als auf der anderen Seite, der Bodenbelag ist lockerer und die Kurven sind enger! Von „Fahren“ daher leider keine Spur – vielmehr ist konsequentes Bremsen angesagt! Um ehrlich zu sein, ich habe noch nie in meinem Leben so viel gebremst wie aus dieser Abfahrt, da das Fahren im zweistelligen km/h-Bereich unweigerlich übel ausgehen könnte. Lockere ich den starren Griff um die Bremshebel etwas, macht das Rad mit all seinem Gewicht gleich einen mächtigen Satz nach vorne und muss sofort wieder durch waghalsige Schlenkermanöver auf unebener Fahrbahn unter Kontrolle gebracht werden.

Als ich endlich unten angekommen bin, greife ich erst mal tief in die vorderen Satteltaschen und suche nach Schokolade! Ich habe noch einige Chateau-Barren vom Aldi dabei, und jetzt muss eine ganze Mammut-Tafel Trauben-Nuss dran glauben. So gestärkt kann ich beruhigter weiterfahren, dann und wann immer noch mit den Fingern Pumpbewegungen ausführend, da sie immer noch ganz taub durch die vorangegangene Belastung bei der Abfahrt sind.

  Mit der Zeit wird die Landschaft doch grüner, da immer wieder kleine Wasserläufe die Ebene durchfließen. In feuchten Senken schimmert Wollgras. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass es inzwischen 20 Uhr durch ist.

12 km vor deWollgras am Abendm Gullfoss kreuzt die nach wie vor stark waschbrettartige Piste den Gletscherfluss Sandá. Direkt rechts hinter der Brücke entdecke ich wieder den Jeep mit dem „ADD ICE“-Anhänger. Mehrere Zelte sind errichtet worden und 4 oder 5 Personen richten sich auf ein Abendessen am Fluss ein. Auf der gegenüberliegenden (linken) Seite befindet sich ein langgestrecktes Gebäude, dass aber leer zu stehen scheint. Der Holländer, der mir kurz vor dem Gletschersee begegnet ist, hat mir von dieser Schlafhütte erzählt (er selbst hat dort die vergangene Nacht verbracht). Neugierig fahre ich die kurze Zufahrt entlang und schaue mir das Gelände und das Gebäude an. Draußen in Flussnähe wächst üppiges grünes Gras, in dem es sich bestimmt gut zelten ließe. Die Hütte selbst besteht nur aus einem einzigen langgestreckten Raum, an dessen Längsseiten jeweils etwa 10 Feldbetten aufgestellt sind. In der Mitte steht eine ebenso lange Tischreihe mit einfachen Holzstühlen an den Seiten. Ein Schild gibt darüber Auskunft, dass man hier gerne für 350,- ISK übernachten dürfe – ein wohlfeiles Angebot. Ich bin hin- und hergerissen. Hier bleiben und in der Hütte schlafen? Zu groß für eine Person, da fühle ich mich nicht richtig wohl. Draußen Zelten? Und ein Bad im Fluss nehmen?

Zum Schuss siegt aber der Gedanke an mein ursprüngliches Vorhaben, das Hochland heute noch zu verlassen, obwohl es ja nur noch 12 km sind. Ich buckle also weiter das Waschbrett entlang - in den später werdenden Abend hinein.

Kurz nach 21 Uhr sehe ich dann zum ersten Mal die aufgewirbelte Gischt des Gullfoss. Jetzt weiß ich: es ist bald geschafft. Die Landschaft wird immer grüner, die Heide ist sogar schon entlang der Piste eingezäunt. An der Qualität der Fahrbahn ändert das freilich wenig. Erst kurz vor der Touristen-Information am Gullfoss hört die F35 mit all ihrem Gebuckel unvermittelt auf und geht in eine wunderbar glatte Asphaltstraße über! Ich überlege kurz, ob ich dem Wasserfall, der um 90° versetzt über zwei Stufen durch eine Schlucht in die Tiefe stürzt, anschauen soll, entscheide mich aber dagegen, da ich ihn 1996 schon mit Peter besichtigt habe. Damals war das Licht auch nicht schlechter gewesen und heute möchte ich nur noch schnell zur Ruhe kommen. Unter anderen Umständen hätte ich dem Gullfoss bestimmt meine Aufwartung gemacht, denn er zählt schon zu den besonderen Sehenswürdigkeiten, die Island zu bieten hat (dies merkt man insbesondere tagsüber, wenn sich die Touristenmassen hier stauen).

Links aus einer Seitenstraße zum Wasserfall hin kommt ein Radfahrer mit kurzen brauen Haaren und Fünf-Tage-Bart auf mich zu. Ich ahne schon, um wen es sich handelt – und richtig, es ist mein Vor-Fahrer, dessen Spuren ich den ganzen Tag lang gefolgt bin. Er erkennt mich wieder, da er mich auf unserem letzten  Zeltplatz schon bemerkt hat und schließt folgerichtig daraus, dass ich ihm die ganze Zeit hinterher gefahren sein muss. Was für ein Pech, wir hätten ja auch ebenso gut zusammen fahren können.

Ernst (ein sonderbarer Name für einen Niederländer) und ich gehen erst mal auf englisch unseren einzeln und irgendwie doch gemeinsam erlebten Tag durch. Personen, mit denen wir beide gesprochen haben (besonders der abenteuerlustige Hanseate), die Straßenverhältnisse und ähnliches Zeugs. Etwas später kommen wir dann auf die nächstgelegene Schlafgelegenheit zu sprechen, zumindest dorthin könne man ja zusammen radeln.

  Ach, wie schön es sich doch auf geteerter Fahrbahn fährt – noch dazu leicht bergab. Da Ernst keine große Lust zeigt, bis zum 6 km entfernten Geysir-Zeltplatz durchzufahren, halten wir bald bei einem Camping-Schild an einer kleinen Stichstraße. Allerdings fehlt uns beiden das Symbol für „Dusche“, so dass wir dann doch weiterrollen, vorbei an grünen Schafweiden im Abendlicht. In nicht allzu großer Entfernung sieht man talwärts inmitten eines thermalen Dampfgestöbers in regelmäßigen Abständen Strokkur, das „Butterfass“, eruptieren (der eigentliche Geysir, der allen anderen geothermalen Springfontänen auf der Welt seinen Namen gab, springt seit geraumer Zeit nicht mehr). Daneben befinden sich entlang der Straße noch ein paar Gebäude, mehr gibt es dort nicht zu sehen.

Es ist halb elf, als wir endlich unser Ziel erreichen. Den Geysir lassen wir rechts liegen und kehren sofort auf dem Zeltplatz ein. Morgen haben wir noch genug Zeit, um uns Strokkur und seine reizvolle Umgebung anzuschauen. Da der Campingplatz sich aber in unmittelbarer Umgebung befindet, hört man aber auch hier alle 5-8 Minuten, wie die erhitzten unterirdischen Wassermassen des Geysirs explosionsartig nach an die Oberfläche gedrückt werden.

„Zischhhhhh“

Ernst erkundigt sich in der Cafeteria auf der anderen Straßenseite, wie die Bezahlung für Übernachtungen hier abläuft – und vor allem, wo die Duschen sind! Er kommt mit der Botschaft zurück, dass morgen früh jemand zum Kassieren käme und wir dann mit unserer Quittung kostenlos das Schwimmbad am Hotel neben der Cafeteria benutzen dürften. Na, das ist doch ein Angebot, über dessen Vorfreude es sich noch gut scherzen lässt.

Während Ernst noch seinen Kocher aufbaut, entscheide ich mich für den schnellen Brotabend. Da ich morgen hoffentlich zum Einkaufen kommen werde, kann ich ohne schlechtes Gewissen alles Reste an Brot, Käse und Wurst vertilgen, die ich noch in meinen Vorräten finden kann. So gesättigt gehe ich mich am Waschhäuschen noch einmal ausgiebig waschen, um den Schweiß und Staub des Tages nicht mit in den Schlafsack nehmen zu müssen.

 

Und wisst Ihr, was mir dann auffällt, als ich zurück zum Zelt gehe und den Himmel betrachte? Es wird dunkler! Es gibt jetzt – Ende Juli - wieder einen Vorboten einer richtigen Nacht.

 

 

 

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Sorry, aber hier enden meine Aufzeichnungen zur Zeit!
Sie werden unregelmäßig von mir aktualisiert - wie ich gerade Zeit dazu habe.

 

 

Letzte Änderung: 18.12.2003