Von Beate Hunger
Frankfurt am Main, 25. Mai 1998, Ankündigung der Mieterhöhung nach Abschluß der Modernisierungsmaßnahmen in der ehemaligen Hügel-Housing
Gewußt haben wir es freilich schon bei Einzug; das mit der Mieterhöhung. Aber daß die ABG das in dieser sehr gespannten Situation so gnadenlos durchziehen würde, das hätten wir nicht gedacht.
Wir wohnen seit November 1995 in einer ehemaligen Housing Area. Als wir hier einziehen wollten, bzw. uns um eine dieser Wohnungen bewarben, haben die meisten unserer Freunde uns gewarnt: "Paßt nur auf; wer weiß, wer da hinzieht", oder: "Die vom "Dichterviertel" haben schon mobil gemacht", oder "Da ziehen doch nur Assis ein!" Allen Schmährufen zum Trotz, sozusagen jetzt erst recht, haben wir es gewagt. All unser Erspartes, Zuschüsse von den Schwiegereltern und der Bank, eigentlich unsere ganze Existenz haben wir in diese Wohnung gesteckt. Jeder, der diese Wohnungen vor der Renovierung durch die Mieter kannte, weiß, wovon ich schreibe, denn sie waren zum Teil in einem sehr schlechten Zustand. Decken fielen herunter (zimmerweise), das Parkett war ziemlich zerschlissen, Schränke zwar vorhanden, aber sehr renovierungsbedürftig, und die Wände erst mit einigen Kilo Putz tapezierfähig...
Wir haben das alles in Kauf genommen, haben unsere Kraft, Zeit und unser Geld in diese Wohnungen gesteckt, haben einen Anwohnerverein gegründet um auch die soziale Infrastruktur zu verbessern, und wer durch unsere Strasse geht, der sieht, daß dies auch gelungen ist.
Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel, aber die meisten Bewohner identifizieren sich mit ihrer "Housing". Sie bepflanzen Vordächer und -gärten, mähen Rasen, pflegen Nachbarschaft und kehren die Straße vor "ihren" Häusern.
Und dann der Schock!
In unseren Wohnungen sollen Gifte schlummern! Erst war ich sehr ungläubig und habe gedacht: "Na, wenn da `was dran ist, dann wird die ABG (also Herr Junker) uns schon helfen, und das Stadtgesundheitsamt hat sich auch schon eingeschaltet." ALLES WIRD GUT!
Das war im Oktober 1997. Ich fing an, mich besser zu informieren, und musste zu meinem Erschrecken feststellen, wie uninformiert, desinteressiert, gar ablehnend sich die Verantwortlichen verhielten.
Hysterisch? Panikmacherin? Nein , so etwas war ich nicht und auch kein anderer. Aber daß diese Gifte, die in unseren Wohnungen nachweisbar sind, uns Angst machen, das steht uns zu, und das demokratische Grundrecht, sich Informationen, von allen (!) Seiten einzuholen, um sich eine Meinung zu bilden, das steht uns auch zu. Weiterhin haben wir unsere Informationen auch an all die anderen Betroffenen weitergegeben, denn auch diese wollten sich unabhängig, vor allem aber schnell und umfassend eine Meinung bilden.
So, und jetzt ist über ein halbes Jahr vergangen, ich würde sogar sagen, verschwendet worden, denn meine Kinder, mein Mann und ich leben immer noch in einer Wohnung mit 1720 mg/kg PAK, mit DDT und PCB, und all unsere Anstrengungen, hier eine umfassende Entfernung der Gifte zu erreichen sind bis jetzt fruchtlos geblieben. Es sieht sogar so aus, als wolle man uns nicht helfen, als wäre man froh, wenn wir auszögen.
Und jetzt wieder ein Rundschreiben, wir sollen Geduld haben, und es geht weiter mit dem Messen; Messen, Messen. Dann sind es bald 3 Jahre, in denen wir als Familie in dieser Situation leben. Man erfindet eigens ein neues Wort für "unsere" Messmethode. STAUBKEHREN, ja wirklich! Staubsaugen gibt es und staubwischen,aber staubkehren?? Jede(r) Hausfrau (oder -mann) greift sich an den Kopf. Der Staub wird in die Luft gewirbelt oder in die vielleicht vorhandenen Ritzen gekehrt, übrig bleibt dann ein kleiner Rest (Sand, Erde, Dreck...). Der wird analysiert, und schon ist die Gesundheitsgefahr für die meisten Familien aus der Welt gefegt. Der PAK-haltige Feinstaub wird nicht berücksichtigt. Und was war noch gleich mit den Pestiziden oder dem PCB? Das interessiert nicht, denn die Einbauten gehören ja angeblich den Mietern (Hi, Hi): Seht doch zu, wie Ihr den Dreck da raus bekommt.
So langsam werde ich müde. Müde des Kampfes, denn bis heute erkennt man noch nicht einmal an, daß wir einen Mangel in unserer Wohnung haben. Auch unser lauter Protest mit bis jetzt dreimonatiger 100%-iger Mietkürzung fruchtet nicht.
Unserer Bitte, uns mit den Kindern vorübergehend in eine Ersatzwohnung umzusetzen, wird nicht entsprochen, obwohl es eine Vereinbarung zwischen der Holding und dem Wohnungsamt diesbezüglich gibt. Aber wir haben ja keinen Mangel!, deshalb...
Und jetzt die Mieterhöhung (150 DM). Da zahlen wir nun für sogenannten sozialen Wohnraum 1250 DM Miete und 250 DM Wärme (zuzüglich noch Strom). Und das für eine mit Giftstoffen belastete Wohnung.
All mein soziales Engagement, daß dieses multikulturelle Wohnexperiment in "unserer" Housing nicht baden geht, all unsere Bemühungen, den Vorurteilen entgegenzuwirken, gehen den Bach `runter. Meine Nachbarn, meine Freunde ziehen weg. Viele suchen neue Wohnungen; alle engagierten Mitbewohner räumen das Feld.
Und was kommt dann?
Die, die bis dato doch nicht an Auszug gedacht haben, werden auch weggehen, weil ihre Freunde wegziehen. Soziale Strukturen brechen ein, freifinanzierter Wohnraum wird leerstehen, denn wer möchte schon in verseuchten Wohnungen leben, in denen unter dem Linoleum das PAK schlummert. Zurück bleiben Menschen, die aufgrund finanzieller Probleme nicht wegziehen können, Nachbarn, die durch sprachliche Hürden die Situation oder die Brisanz des Themas noch nicht erfaßt haben, und Familien, die den Feind, den sie nicht sehen können, auch nicht fürchten.
Wenn nicht bald damit angefangen wird, diese Wohnbereiche umfassend zu sanieren (Parkett + Eßtrich + Einbauten raus), dann schafft sich die Stadt Frankfurt ihre Ghettos, vor denen sie eigentlich immer gewarnt hat, selbst.
Wir wollen hier wohnen bleiben, wir wollen keinen Zank oder Rechtsstreit mit unserem Vermieter, wir wollen unsere Nachbarn behalten. Ich liebe es, hier zu wohnen. Aber die Gesundheit meiner Familie geht vor, und wenn der Stadt Frankfurt etwas an ihren Bürgern liegt, dann handelt sie endlich im Sinne der Menschen und nicht nach dem Motto der finanziellen Schadensbegrenzung.
Die Stadt Fürth (Bayern) hörte, sah und handelte. Dort wird umfassend saniert. Und hier in Frankfurt streiten wir immer noch. Fürther Menschen sind nicht gefährdeter als Frankfurter. Und wie schon unser Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer in einer Broschüre über die Gefährlichkeit des Rauchens (Rauchfrei") schreibt: Unsere Freiheit ist immer auch die Freiheit Andersdenkender. Sich aus dieser Erkenntnis heraus für gesunde Lebensverhältnisse zu engagieren, setzt Verantwortungsbewußtsein und Einfühlungsvermögen voraus" (aus dem Geleitwort). "Eine Unschädlichkeitsgrenze für die Konzentration krebserzeugender Stoffe kann nicht angegeben werden." (Seite 16).
Also laßt uns, die Stadt und die Behörden verantwortungsbewußt miteinander und füreinander handeln!
Schützt die Leben unserer Kinder!
Mit freundlichen Grüssen
Beate Hunger
Beate Hunger
Ricarda-Huch-Straße 7
60431 Frankfurt am Main
Telefon 069/ 51 47 97
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