8. September 1998
"Eigentum verpflichtet zum Schutz der Mieter und deren Kinder"
IG-BAU-Chef bietet Moderation für schadstofffreies Wohnen an
Frankfurt/Main - Der Bundesvorsitzende der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), Klaus Wiesehügel, hat sich am Dienstag bereit erklärt, im Konflikt zwischen Mietern und Besitzern der mit Giftstoffen verseuchten ehemaligen US-Housings in Frankfurt zu vermitteln: "Die Betroffenen brauchen eine schnelle und rückstandslose Sanierung ihrer Wohnungen", sagte Wiesehügel. Die unter dem öffentlichen Druck der Betroffenen-Initiative B.I.S.S. bereits zugestandenen Sofortmaßnahmen der ABG Frankfurt Holding seien unzureichend und verharmlosten das Problem. Auch dürfe die Bundesregierung als ehemalige Eigentümerin nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Der IG-BAU-Chef wörtlich: "Eigentum verpflichtet zum Schutz der Mieter und deren Kinder."
Die IG BAU legte zusammen mit der Betroffeneninitiative Schadstoffe (B.I.S.S.) eine Dokumentation zum "US-Housing-Syndrom" vor. Als Vorsitzender der Umwelt- und Baugewerkschaft sei er von den Betroffenen auf die Situation in den Frankfurter Wohnungen aufmerksam gemacht worden, sagte Wiesehügel bei der Vorstellung dieser Broschüre. "Das Problem ist allerdings nur die Spitze eines Eisberges", erläuterte Wiesehügel: "Die Verantwortlichen agieren bisher mit der Sensibilität des diensthabenden Brückenoffiziers der Titanic", kritisierte Wiesehügel die Vorsitzende des Aufsichtsrats der ABG, Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth.
Neben den "offen zutage liegenden" Schadstoffbelastungen in den ehemaligen US-Housings gebe es in Deutschland einen "dringenden Sanierungsbedarf für mindestens 10 Millionen Wohnungen", die älter als 50 Jahre sind. Der Instandsetzungsbedarf des deutschen Wohnungsbestandes beträgt laut Bauschadensbericht der Bundesregierung aus 1996 rund 160 Milliarden Mark, davon entfallen mehr als 70 Prozent oder 117 Milliarden auf die neuen Bundesländer. Eine Milliarde Investitionssumme bewirke die Beschäftigung von rund 13.000 Arbeitern für ein Jahr.
Jede "öffentliche Mark", so Wiesehügel, ziehe weitere private Investitionen in den Städtebau nach sich. "Mit einem ökologischen Zukunftsinvestitionsprogramm von nur zwei Milliarden pro Jahr wäre allen geholfen", erklärte der IG-BAU-Vorsitzende. Die gesundheitlichen Interessen der Mieter und der Bau-Arbeitnehmer würden geschützt, die Binnenwirtschaft angekurbelt.