Krebserregendes Gift in DachstühlenGutachter fürchtet: PCB in Berlin «tonnenweise» als Brandschutz verwendetVon Rainer Stache Bislang unerkannt lauert unter Berliner Dächern ein Umweltgift, das die bisher schon bekannten Lindan und DDT locker in den Schatten stellt. Fast zufällig fand ein Berliner Hausbesitzer bei der Sanierung seines Dachstuhls die krebserregenden, organzersetzenden und erbgutverändernden Polychlorierten Biphenyle (PCB), die bei Erwärmung unter Hinzunahme eines Sauerstoffatoms das Seweso-Gift Dioxin bilden. Nach Recherchen des beauftragten Gutachters steht zu befürchten, daß die Substanz in den letzten Kriegswochen «tonnenweise» als Brandschutz in Berliner Dachstühlen aufgetragen wurde. Mit Schutzanzügen bewehrte Facharbeiter mußten den Dachstuhl im Pankower Rettigweg 6 komplett demontieren, der dann als Sondermüll entsorgt wurde. «Als bei den Standard-Analysen die 100fache Menge des Zulässigen an Lindan und DDT gefunden wurde, habe ich eine umfassende Spezialuntersuchung in Auftrag gegeben», schildert Hausbesitzer Claus Bachmann den Hergang. Danach wurde das hochgiftige PCB, das hauptsächlich in der Elektroindustrie als Weichmacher und Entflammschutz eingesetzt wurde, in großen Mengen in Berliner Häusern zweckentfremdet. Bei 50 Milligramm pro Kilogramm Holzoberfläche beginnt die «nennenswerte Luftbelastung» - 6000 Milligramm waren es noch mehr als 50 Jahre nach dem Auftragen im Rettigweg. Das Tückische an der Chemikalie ist, daß sie bei keiner Routineuntersuchung gefunden wird. Sowohl beim Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (LAGetSi) als auch bei der Umwelt- und Gesundheitsverwaltung des Senats reagiert man hilflos auf den Vorgang, verweist auf die Zuständigkeit des Bausenators. Aber auch hier winkt der Leiter der Abteilung Bauaufsicht, Jens Fenselau, zunächst ungläubig ab. Es gebe keinerlei Erkenntnisse über PCB-Verwendungen als Brandschutzmittel. Mit dem konkreten Fall konfrontiert, zuckt er bedauernd die Schultern: «Wie sollen wir die betroffenen Häuser finden, wo wir doch nur bei konkretem Verdacht tätig werden können?» So tickt die Umweltbombe weiter, und keiner fühlt sich zuständig. Verwiesen wird auf die Verantwortlichkeit des Hausbesitzers. Doch für Hausbesitzer Bachmann ist das nicht genug. Er vermutet ein kollektives Ignorieren der Sachlage seitens der Behörden aus Angst vor unabsehbaren finanziellen Folgen. Das Problem müsse grundsätzlich angegangen werden. So müsse künftig bei jedem Umbauvorhaben eine umfängliche chemische Analyse staatlich gefordert und auch gefördert werden. Bei seiner Haussanierung sei zwar ökologisch korrekt eine Regenwassersammeltonne, nicht aber die Entsorgung des vergifteten Dachstuhls gefördert worden. Für Regeluntersuchungen gibt es jedoch nach Ansicht des PCB-Experten Professor Frank Reichert nur bei öffentlichen Gebäuden eine gesetzliche Grundlage. Er weiß immerhin von einer Senatsstudie über PCB in Bauwerken, doch die ist in den Ämtern vergessen und verschollen, seit in Schulen und Kindertagesstätten bis 1996 das letzte PCB unschädlich gemacht wurde. Traurige Berühmtheit erlangte das Mittel in den 60er Jahren, als in Südostasien Hunderttausende schwer erkrankten, weil Reisschälmaschinen damit behandelt worden waren. Das führte in Deutschland zum Verbot im Jahre 1983. Die Recherchen der Berliner Morgenpost haben immerhin die Bauverwaltung und das Institut für Umweltanalytik der Gesundheitsverwaltung hellhörig gemacht. Letzteres will künftig Stichproben in Erwägung ziehen, beide hoffen auf Hinweise aus der Bevölkerung. Eine entsprechende Analyse ist für Hausbesitzer- und Bewohner schon für wenige hundert Mark zu haben. Gutachter Gerfried Felsch, der das PCB in Pankow aufspürte, fand auch die Nachweise für die tonnenweise Zweckentfremdung am Kriegsende. «Das Mittel wurde sicher nicht flächendeckend, aber hausweise über das ganze Stadtgebiet verstreut angewendet.» Das Gift verharre dann nicht auf den Oberflächen, sondern breite sich über den Staub weiter aus. Aber Felsch, der eine Rechtsvorschrift zur Beseitigung aller Schadstoffe bei Altbauten fordert, sieht nicht nur die Bewohner der betroffenen Häuser gefährdet. «Weil Untersuchungen nicht vorgeschrieben sind, wandert das Gift meist ungehindert auf normale Bauschuttdeponien.» Die PCB-Richtlinie verlangt dagegen die Verbrennung als Sonderabfall oder eine Untertagedeponie. ©Berliner Morgenpost 19.8.1998
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