Sanierung der Kalb-Siedlung: Mehr Druck auf Bonn

An einem Strang

„Runder Tisch“ mit Bewohnern, WBG und Politikern
fand statt


FÜRTH – Bewohner der Kalb-Siedlung sowie Vertreter der
städtischen Wohnungsbaugesellschaft (WBG) und der Politik
wollen gemeinsam Druck auf den Bund in Sachen Sanierung
machen. Dieses Ergebnis brachte ein „runder Tisch“ zum
Thema, der am Freitag im ökumenischen Zentrum des
früheren US-Viertels stattfand.

Der erneute Vorstoß soll Aufschluß darüber geben, ob das
Bonner Finanzministerium seinen bereits zugesagten
50-Prozent-Zuschuß zur Beseitigung von Giftstoffen in den
1234 Wohnungen des Stadtteils noch einmal aufstockt.
Hoffnung darauf hatten Fürther SPD-Politiker geweckt, die
eine 90prozentige Finanzierung der aufwendigen Sanierung in
Aussicht gestellt hatten, sollte die Regierungsverantwortung
wechseln. Nachdem dies Realität geworden ist, werden die
Mandatsträger beim Wort genommen – allen voran die
Bundestagsabgeordnete Marlene Rupprecht, die sich
besonders für die Bewohner eingesetzt hatte.

Wie Rupprecht am Freitag mitteilte, besteht offenbar
tatsächlich Aussicht auf mehr Geld aus der Staatskasse.
Allerdings könne sie nur drei Wochen nach der
Regierungsbildung nichts Konkretes vermelden. Es seien
zwar „Zahlen im Gespräch“, doch sei es „zu früh, darüber
etwas zu sagen“. Sie hoffe, noch vor Weihnachten Näheres
zu erfahren. Rupprecht beharrt auf ihrem Standpunkt, daß
der Bund in der Pflicht ist, zumal von ihm selbst vermietete
oder direkt an Privatleute verkaufte Wohnungen voll saniert
worden seien.

„Canossa-Gang“

Die Parlamentarierin forderte die WBG auf, flankierend
Druck auf Bonn zu machen. Der Aufsichtsratsvorsitzende
Ferdinand Metz und Geschäftsführer Karl-Heinz Conrad
erklärten sich denn auch bereit, einen weiteren
„Canossa-Gang“ (Metz) nach Bonn anzutreten, um mehr
Geld herauszuholen.

Conrad hält es allerdings für unrealistisch, daß der Bund
neben dem Austausch der PAK-belasteten Parkettböden in
absehbarer Zeit weitere Zusagen zur Entfernung von ebenfalls
erhöhten Pestizid-Konzentrationen in Schränken und
Wandfarbe macht. Er verwies auf die Problematik, daß es für
Pestizide – ebenso wie einst für PAK – keine gesetzlichen
Grenzwerte gebe.

Conrad sieht die WBG zudem unter Zeitdruck: Wolle man,
wie angekündigt, Mitte März 1999 mit der Parkett-Sanierung
in 732 bereits bezogenen Wohnungen beginnen, müsse
spätestens bis Weihnachten auch Gewißheit hinsichtlich der
Pestizide herrschen. Sei das nicht der Fall, und davon gehen
Conrad und Lokalpolitiker aller Couleur unisono aus, gebe es
nur eine weitere Möglichkeit: In der Hoffnung, daß der Bund
demnächst auch eine Pestizid-Beseitigung übernimmt, müsse
man die PAK-Sanierung erneut verschieben. Conrad zweifelt
aber daran, daß die Mehrheit der Bewohner dafür
Verständnis hätte.

Langzeitrisiko vermeiden

Umstritten bleibt indes, wie gefährlich die Pestizide für die
Gesundheit sind. Während die WBG darauf beharrt, daß die
Gifte durch über die Altanstriche geklebte Tapeten
„gekapselt“ sind, sehen Betroffene und von ihnen beauftragte
Gutachter das anders. Definitive Auskunft konnte auch ein
seit kurzem in der Siedlung praktizierender Arzt nicht geben.
Er rate jedoch jedem, erhöhte Belastungen vollständig zu
entfernen, um sich keinem Langzeitrisiko auszusetzen.

Karl-Heinz Conrad regte einen Kompromiß an: Zunächst
sollen die Bewohner die Anstriche auf eigene Kosten
beseitigen lassen; zahle der Bund doch noch, könne man
festschreiben, daß sie das Geld zurückbekommen. Eine
derartige Vereinbarung will er im WBG-Aufsichtsrat zur
Diskussion stellen. Hart bleiben will die WBG dagegen
hinsichtlich anderer Sanierungsbedingungen: So sollen die
Käufer per Unterschrift auf eine Gewährleistung für die
Altbausubstanz und auf künftige gerichtliche Klagen
verzichten.

Sowohl Wohnungseigentümer als auch der
SPD-Landtagsabgeordnete Thomas Jung sehen darin eine
unzulässige Knebelung. Schließlich, so der gelernte Jurist
Jung, hätten die Betroffenen keine anderen Mittel, ihre
Interessen durchzusetzen, als Geld einzubehalten und notfalls
vor den Kadi zu gehen. Eine Bewohnerin sprach gar von der
„Beschneidung demokratischer Rechte“. Conrad zeigte sich
davon unbeeindruckt und definierte den Standpunkt der
WBG mit den Worten: „Wer zahlt, bestimmt auch die
Bedingungen.“ WOLFGANG HÄNDEL

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