Mindener Tageblatt 24.9.1998

Giftgefahr für rund 13 700 Wohnungen


Interessengemeinschaft PAK - nein danke! bringt Bundestagsabgeordnete und Bundesvermögensamt auf das Podium

Von Martina Graff

Minden (mgr). Die Verseuchung einzelner Briten-Häuser aus dem ehemaligen Bestand der Bundesvermögensverwaltung bildet möglicherweise nur die Spitze des Eisberges. Bundestagsabgeordneter Lothar Ibrügger machte am Dienstag abend bei einer Posiumsdiskussion der Interessengemeinschaft PAK - nein danke! in der St. Thomas-Kirche darauf aufmerksam, es sei nicht auszuschließen, daß insgesamt rund 13 700 Wohnungen und Häuser in Minden, die zwischen 1949 und 1968 von der öffentlichen Hand errichtet wurden, sowie hunderte Privathäuser, die im gleichen Zeitraum gebaut wurden, mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) vergiftet sein könnten.

Das war eigentlich die einzig neue Information, die den rund 200 Briten-Haus-Bewohnern überbracht wurde, die am Dienstag der Einladung des Interessengemeinschaftsinitiators Ulrich Neumann zur Podiumsdiskussion mit den heimischen Bundestagsabgeordneten Lothar Ibrügger (SPD), Steffen Kampeter (CDU) und Günther Nolting (FDP) sowie dem Vorsteher des Bundesvermögensamtes Bielefeld, Peter Stolp-Göttges, folgten. Vor den vollbesetzten Reihen der St. Thomas-Kirche stand das Gespann unter der Moderation von MT-Lokalchef Hans-Jürgen Amtage so gut es ging Rede und Antwort auf die besorgten und teils verärgerten Fragen der Hausbewohner.

Im Juni 1997 habe man auf Bundesebene erstmalig davon Kenntnis bekommen, daß in bundeseigenen US-Liegenschaften in Erding (Bayern) überhöhte Grenzwerte polycyclischer aromatischer Kohlenwasserstoffe (PAK), allen voran das stark krebserregende, gut nachweisbare Benzo(a)pyren, festgestellt worden sei, informierte Steffen Kampeter. Enthalten ist es in dem verwandten Parkett- und Bitumenkleber, der laut der vier Podiumsteilnehmer zur Bauzeit der Häuser in den 50er und 60er Jahren allerorts hierzulande standardmäßig benutzt worden sei, ohne Wissen um den Giftgehalt der Chemikalie. Als betroffen angesehen werden könnten daher auch die insgesamt rund 13 700 Haushalte, die in in jenem Zeitraum entstandenen Häusern wohnen würden, so Lothar Ibrügger.

Ein Teil der Diskussion rankte sich um das von der Bundesfinanzverwaltung festgelegte Kauf-Stichtagsdatum 1. Juni 1997. Ohne Gefahrenkenntnis keine Verantwortungsübernahme und auch gar keine Verpflichtung hierzu, konstatierte Stolp-Göttges. Der im Vertrag enthaltene Gewährleistungsausschluß, den viele der Betroffenen jetzt am liebsten nicht mehr anerkennen wollten, ihn gar als sitten- oder rechtswidrig bezeichneten, was er aber aus juristischer Sicht nicht sei, so die Podiumsteilnehmer, verpflichte den Bund zu keinerlei Handeln.

Daß er aber doch in bestimmtem Maße dazu bereit sei, sei als sehr kulantes und entgegenkommendes Verhalten zu werten, daß die Menschen nicht allein lasse mit ihrer Problematik, sagte der Vermögensamtsvorsteher.

Ibrügger, der sich an die oberste Finanzbehörde gewandt hatte, konnte die aktuelle Antwort des Staatssekretärs Dr. Manfred Overhaus vom Bundesministerium der Finanzen vom 22. September schriftlich vorlegen. Es wurde in dem Schreiben nur bekräftigt, was schon vorher verlautet worden war: Von Seiten des Bundes Übernahme der erforderlichen Sanierungskosten (wozu auch durch Sondermüllentsorgung entstehende Kosten gerechnet werden) betreffs der nach dem 1. Juni gekauften Häuser zu 100 Prozent. Bei den davor erworbenen Gebäuden Beteiligung zu 50 Prozent, maximal 200 Mark pro Quadratmeter.

Ein Zuhörer wies darauf hin, daß die 50 Prozent-Regelung , die rund 80 bis 90 Prozent der Geschädigten betreffe, für sicher etwa die Hälfte der Käufer untragbar sei, da der finanzielle Rahmen durch den Hauserwerb restlos erschöpft sei. In solchen Härtefällen empfahl Stolp-Göttges: Sollte die Sanierung erforderlich sein, kommen Sie zu uns. Wir werden Wege finden.

Auf die Frage, warum während der langen Zeit, in der die Gebäude leer standen, keine Kontrollmaßnahmen getroffen worden seien, antwortete Stolp-Göttges, daß schließlich keinerlei Verdachtsmomente vorgelegen hätten.

Lothar Ibrügger betonte, daß die Messungen so schnell wie möglich durchgeführt werden müßten. Kampeter will sich schnellstmöglich um die gesundheitserhaltenden Aspekte kümmern, um zu klären, was jeweils dringend zu tun sei. Ebenfalls will er für ein vereinfachtes Antragsverfahren, der bis Ende 1999 stellbaren Anträge eintreten.