| Nürnberger Zeitung 4.12.1998
Wohngifte lauern auch im
Parkett deutscher Häuser
Von Dietmar Wittmann
FÜRTH (NZ). Nicht nur in den ehemaligen Housing-Areas
der US-Streitkräfte wurden Parkett-Kleber verwendet, die
krebserregende, polyzyklische aromatische
Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten. Auch eine Vielzahl
deutscher Wohnungen aus den 50er und 60er Jahren sind mit
den gefährlichen Stoffen belastet, warnte jetzt der
Berufsverband Deutscher Baubiologen (VDB).
In deutschen Häusern seien zu dieser Zeit ebenfalls
PAK-haltige Parkettklebstoffe, wie sie zum Beispiel in der
Fürther Kalb-Siedlung verwendet wurden, oder ähnlich
belastete Fußbodenkleber für PVC-Böden eingesetzt
worden. Das Umweltbundesamt hat sich nach Angaben des
Laufer VDB-Vorstandsvorsitzenden Uwe Münzenberg
angesichts dieser Erkenntnisse bereits an den Verband
gewandt und um Untersuchungsergebnisse gebeten.
Münzenberg: Man ist im Augenblick in absoluter
Alarmbereitschaft.
Bisher kaum bekannt
Auf das Problem, das nach Einschätzung des Fürther
Baubiologen Jörg Thumulla bisher nur in eingeschränkten
Fachkreisen bekannt gewesen sei, war der Verband bei der
Untersuchung einiger Wohnungen in Fürth, Erlangen und
Nürnberg gestoßen. Die höchsten PAK-Werte fanden sich in
der Nürnberger Pastorius-Siedlung, einer ehemaligen
US-Housing-Area. Thumulla: Wir haben sehr hohe Werte
gemessen. In einer Wohnung wurde der Grenzwert um den
Faktor fünf überschritten.
Als heißes Eisen, an dem wahnsinnig viel Geld hängt, stuft
Münzenberg das Auffinden des Wohngiftes PAK in
deutschen Wohnungen ein. Der Grad der
Gesundheitsgefährdung vor allem durch die
Steinkohleteerkleber sei der gleiche wie bei den
US-Wohnsiedlungen. Dieser Kleber kann nach Angaben des
Verbandes extrem hohe PAK-Konzentrationen enthalten.
Die gefährlichen Stoffe können laut VDB durch Fugen und
Risse in der Parkettversiegelung oder im Fußbodenaufbau
ausgasen und werden dann über Raumluft und Hausstaub von
den Bewohnern aufgenommen.
Einige Verbindungen aus der Gruppe der PAK würden heute
eindeutig als krebserzeugend eingestuft. Aus diesem Grund,
warnen die Baubiologen, sei auch bei niedrigen
Konzentrationen, die keine akuten Symptome wie Haut- und
Schleimhautreizungen, Erkrankungen der Atemwege,
Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Nasen bluten hervorrufen,
eine dauerhafte Belastung als problematisch anzusehen.
Neuesten allerdings noch unbestätigten Informationen
zufolge sollen PAK auf Menschen zudem ähnlich wie
Hormone wirken. Weil PAK in der Lunge nur langsam
abgebaut werden, könnten nach diesen Erkenntnissen
Verbindungen entstehen, die Fehlsteuerungen der Zellen in
Gang setzen.
Die Baubiologen halten besonders Kleinkinder für gefährdet,
weil sie beim Spielen auf dem Boden hohe
PAK-Konzentrationen über den Hausstaub aufnehmen
könnten. Neueste wissenschaftliche Untersuchungen des
Erlanger Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
scheinen dies zu bestätigen, wenn auch die Ansichten über
das Gefährdungspotential auseinandergehen.
In einer großangelegten Testserie des Erlanger
Gesundheitsamts wurden 172 Kinder in Herzogenaurach und
Erlangen untersucht, die teils in ehemaligen Housing-Areas
leben, teils außerhalb dieser Gebiete. Während sich in
Herzogenaurach keine Unterschiede zwischen den
Vergleichsgruppen ergaben, wurden in Erlangen bei den 19
Kindern aus Housing-Areas im Vergleich zu den anderen 74
Kindern eindeutige PAK-Belastungen festgestellt. Prof.
Jürgen Angerer bestätigte gegenüber der NZ: Wir haben
vermehrt Ausscheidungen von PAK im Urin dieser Kinder
gefunden.
Der Erlanger Toxikologe schränkte jedoch ein, daß die
bestätigte erhöhte Aufnahme von PAK lediglich statistisch
signifikant sei. Sein Institut wird die Tests jetzt an 100
Kindern in Frankfurt/Main fortsetzen, wo die Amerikaner
große Housing Areas hatten. Nach heutigem Wissensstand
glaubt Angerer aber, Entwarnung geben zu können: Das
Krebsrisiko, das in solchen Wohnungen besteht, ist
vernachlässigbar gering.
Einfache Lösung
Nur wenn die Parkettböden schadhaft sind, sieht der
Toxikologe Bedarf für expositionsmindernde Maßnahmen.
Prof. Angerer: Bei krebserzeugenden Substanzen muß man
minimieren. Dies könne aber, wie im Fall Erlangen, durch
einfaches Versiegeln der Böden mit Laminat geschehen. Eine
vollständige Entfernung der Parkettböden hält er aus
ökonomischen Gründen sowie unter arbeits- und
umweltmedizinischen Aspekten für nicht vertretbar. Nach
dem Abschleifen muß man die ganze Wohnung
dekontaminieren. Das ist eine Gefahr, die vorher nicht
existiert hat, erläutert Angerer.
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