Radio in Afrika


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Autor: Helgo Ollmann
im August 1999

Kurzwellenempfang

Radioempfang in Afrika war bisher fast ausschließlich über die Kurzwelle möglich. UKW-Empfang, der eine bessere Klangqualität gewährleistet ist dort aufgrund der großen Entfernungen zwischen Hörern und Sendern nicht realisierbar: Ein UKW-Sender hat eine Reichweite von etwa 70 km, während auf der Kurzwelle praktisch weltweite Verbindungen möglich sind.

Kurbelradios

Aber nicht nur die großen Entfernungen zwischen den Radiosendern und den potentiellen Hörern stellen ein Problem dar. Für viele Menschen in Afrika bleiben trotz eines technisch möglichen Radioempfangs Sendungen ungehört. Bewohner in Slums und in abgelegenen Landstrichen sind von der Stromversorgung ausgeschlossen und Batterien zum Betrieb eines Kofferradios sind unerschwinglich. Zur Lösung dieses Problems wurde ein Radio entwickelt, welches mittels einer Kurbel Akkus lädt. Somit ist es möglich, ohne Batterien oder Netzanschluß das Radioprogramm zu verfolgen. Hergestellt werden diese "Kurbelradios" in Südafrika von der "BayGen Power Group", die zu einem großen Teil behinderte Menschen beschäftigt.

Satellitenprojekt WorldSpace

Nicht die "Kurbelradios" wurden von der internationalen Presse als "das revolutionärste Projekt in der Geschichte des Hörfunks nach der Erfindung des Fernsehens" gefeiert, sondern das Satellitenprojekt "WorldSpace". Was ist "WorldSpace" und wer oder was steckt dahinter?

Gegründet wurde "WorldSpace" von dem in Äthiopien geborenen US-Bürger Noha Samara. Ziel des "WorldSpace"-Projektes ist es, Satelliten zur Übertragung von Radiosendungen über Afrika, Asien und Lateinamerika zu stationieren. Mit speziellen Empfängern kann dann das digitalisierte Programm in guter Hörfunkqualität, die dem UKW-Empfang ähnlich ist, gehört werden. Der Satellit "AfriStar" zur Versorgung des Afrikanischen Kontinents wurde bereits im Oktober 98 in seine geostationäre Umlaufbahn gebracht. Die Satelliten "AsiaStar" zur Versorgung Asiens und "AmeriStar" für Lateinamerika sollen Mitte 99 fertiggestellt sein.

Das erforderliche Investitionsvolumen wird auf 1 Milliarde US-$ geschätzt. Bereits über 850 Millionen Dollar soll Noha Samara von streng geheimgehaltenen(!) Investoren erhalten haben.

AfriStar

Erste Feldversuche im Januar 99 mit dem "AfriStar" haben ergeben, dass der Satellit einsatzbereit ist. Wer soll die Programme liefern, welche über die bis zu 432 Kanäle des Satelliten ausgestrahlt werden können?

Während in der FAZ vom 28.11.95 noch berichtet wurde, dass "WorldSpace" keine eigenen Programme produzieren wolle, werden jetzt in Washington Studios gebaut, von denen "WorldSpace" mehrere selbst produzierte Vollprogramme über die eigenen Satelliten verbreiten will: Europäische klassische Musik, Pop, Jazz und Blues sowie ein Kinderprogramm, "World Entertainment" und ein Nachrichten-Vollprogramm.

Die "Voice of America" hat bereits ebenso wie "Radio Nederland" und der Wirtschaftsdienst "Bloomberg" Übertragungskapazitäten fest gebucht. Sobald die Finanzierung des Satelliten gewährleistet sei, sollen 10 Prozent der Kanäle für Fortbildungs-, Nachrichten-, Aufklärungs- und Erziehungsprogramme reserviert werden. Die WHO und die UNESCO sollen Kanäle kostenlos erhalten.

Wer sind die möglichen Hörer des "AfriStar"? "WorldSpace" war ursprünglich angetreten, "dem einseitigen Informationsfluss vom Norden in den Süden entgegen zu wirken und die Informationsarmut der Menschen in der südlichen Hemisphäre zu bekämpfen". Selbst wenn es gelingen sollte, neben den westlichen Sendern aus den USA und Europa eine große Anzahl von afrikanischen Stationen über "AfriStar" zu verbreiten, wird die Menge der potentiellen Hörer zunächst verschwindend gering sein. Die erforderlichen Empfangsgeräte, mit deren Vermarktung Mitte diesen Jahres begonnen werden soll, werden ca. 150 US-$ kosten. Dies entspricht etwa Dreiviertel des Jahreseinkommens eines afrikanischen Arbeiters. Selbst wenn es realisierbar wäre, wie von "WorldSpace" geplant und von Fachleuten bezweifelt, die Anschaffungskosten auf 30 Dollar zu reduzieren, müßte ein afrikanischer Arbeiter noch über zwei Monatsgehälter für den Satellitenempfänger zahlen.

Dennoch erscheint das Geschäft mit den digitalen Rundfunksatelliten gigantisch: "WorldSpace" wird mit seinen drei Satelliten eine technische Reichweite von über 4,8 Milliarden Zuhörern, bzw. 80% der Erdoberfläche haben. Dabei will sich das Privatunternehmen nicht nur auf die Verbreitung eigener Programme und die Vermietung von Satellitenkanälen beschränken, sondern auch die Vermarktung von Werbung und den Verkauf von Empfängern übernehmen. Hergestellt werden diese digitalen Satellitenempfänger nicht wie das "Kurbelradio" in Afrika selbst, sondern dies übernehmen Multis wie Hitachi, Panasonic, Sanyo und JVC.

Monopolist WorldSpace

Das "revolutionäre" an diesem Projekt scheint weder die bessere Tonqualität im Vergleich zur Kurzwelle oder die Möglichkeit aufgrund der digitalen Technik auch Bilder zu übertragen, sondern die absolute Monopolstellung des Privatunternehmens "WorldSpace", sowie dessen Kontrolle über die ausgestrahlten Programme zu sein. Und das bei der gigantischen technischen Reichweite von über 4,8 Milliarden Hörern. Vor diesem Hintergrund betrachtet, erscheint es mehr als bedenklich, dass nach wie vor der Öffentlichkeit nicht bekannt ist, wer sich an der Finanzierung des "WorldSpace"-Projektes beteiligt und es kaum zusammenhängende Aussagen über mögliche Programmanbieter und Programmpolitik der Firmenleitung gibt.

Zensur aus der WorldSpace-Zentrale?

Aufgrund der digitalen Übertragungstechnik ist es nicht nur möglich "Payradio-Programme" zu verbreiten, sondern es können bestimmte Programme für genau definierbare Empfänger ferngesteuert gesperrt oder frei geschaltet werden. Dies bedeutet, dass Bürger eines afrikanischen Landes vom Empfang bestimmter Sender oder Sendungen ausgeschlossen werden können. Dies kann theoretisch soweit gehen, dass bestimmte Einzelpersonen ferngesteuert aus den "WorldSpace"-Zentralen für Programme frei geschaltet, oder gesperrt werden. Dies eröffnet ungeahnte Möglichkeiten der Zensur, die beim Kurzwellenrundfunk undenkbar sind, denn die Kurzwellen breiten sich ungeachtet der Landesgrenzen aus und sind mit einfachsten Kofferradios zu empfangen. Dies nutzen die zahlreichen "Untergrundsender" Afrikas, deren Anzahl höher ist, als die der offiziellen afrikanischen Auslandssender, aus. Politische Oppositionsgruppen betreiben entweder eigene kleine Kurzwellensender, oder sie mieten Sendekapazitäten bestehender Sender an. Somit dient das Medium Radio in Ländern mit einem hohen Anteil an Analphabeten den Oppositionsgruppen der Verbreitung von Standpunkten und Informationen.

Ob der digitalisierte Satellitenrundfunk in der Hand (unbekannter) Privatinvestoren eine demokratische Medienlandschaft garantieren kann, muss ebenso bezweifelt werden, wie die Durchsetzung des von "WorldSpace" selbst gesteckten Zieles "dem einseitigen Informationsfluss vom Norden in den Süden entgegen zu wirken". Im Gegenteil ist zu befürchten, dass die Medienlandschaft Afrikas, Asiens und Lateinamerikas in Zukunft in der Hand weniger (westlicher) Konzerne liegt.

Helgo Ollmann

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