Angriff auf die Informationsfreiheit

Hochfrequente Datenkommunikation auf Telefon- und Stromleitungen


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Autor: Helgo Ollmann
im August 1999

Die Anzahl der Internetnutzer und die Möglichkeiten des "Netzes der Netze" wachsen exponentiell. Diente das Internet vor wenigen Jahren vorrangig dem Austausch wissenschaftlicher Informationen und der Recherche, so stehen heute eindeutig kommerzielle Interessen im Vordergrund. Vor allem diese verlangen schnellere Datenübertragungen, die nach dem Ende des Postmonopols auch auf zusätzlichen Datenleitungen erfolgen sollen. Dies alles hat vor allem "kostengünstig" zu erfolgen.

Als "kostengünstige" Lösung wird ein "Highspeed-Datenübertragungsverfahren" (in Fachkreisen aDSL, xDSL und PLC genannt) auf Telefonleitungen und im Stromnetz favorisiert. Grundlage dieser Technologie ist es, dass hochfrequente Signale über das Telefon- und Stromnetz geschickt werden. Diese Technologie erlaubt schnelle Datenübertragung für Internetnutzer, sowie maximale Ausnutzung vorhandener Leitungen für private Telefonanbieter.

Wesentliches Problem dieses "Highspeed-Datenübertragungsverfahrens" ist, dass die Frequenzen, die über das Strom- und Telefonnetz geschickt werden, im Bereich des Mittel- und Kurzwellenrundfunks liegen.

 

Ende des internationalen Rundfunkempfangs

Sollte dieses "Highspeed-Datenübertragungsverfahren" realisiert werden bedeutet dies, dass der Empfang des Mittelwellen- und Kurzwellenrundfunks in der Nähe von Häusern und Leitungen nicht mehr möglich ist. Da Telefon- und Stromleitungen nicht abgeschirmt sind, wirken diese als Störsender in diesen Rundfunkbereichen. Erste Feldversuche der Firma NOR.WEB ergaben, dass auch Straßenlaternen als Störstrahler arbeiten.

Somit werden durch dieses Übertragungsverfahren alle Bürger beeinträchtigt, die ihre Informationen mittels Rundfunk über Mittel- und Kurzwellen beziehen möchten.

Wenn auch der Mittel- und Kurzwellenempfang heute in Europa (im Gegensatz zu Afrika und Asien) eine eher untergeordnete Funktion hat, ermöglicht er es Informationen aus aller Welt zu bekommen - unabhängig von Netz- und Satellitenbetreibern oder Providern.

Alles was ins Kabel eingespeist wird, oder über Satelliten übertragen wird, unterliegt den Entscheidungen von Politikern, Landesmedienanstalten und Betreibern dieser Anlagen. Diese entscheiden letztendlich, was die Bürger sehen und hören können - und was nicht.

Mittel- und vor allem die Kurzwellen sind davon unabhängig. Mit relativ einfachen Mitteln ist es jedem möglich, Rundfunksender aus aller Welt zu empfangen. Diese senden zum größten Teil nicht nur in ihrer Heimatsprache, sondern auch in anderen Sprachen, u.a. auch Deutsch und Englisch.

Wie wichtig diese Sender seien können, zeigt vor allem das Beispiel der BBC im Dritten Reich. Über Kurzwelle konnten sich Deutsche im Reich unabhängig vom gleichgeschalteten Propagandarundfunk der Nazis informieren. Mit der Einführung des "Highspeed-Datenübertragungsverfahrens" würde eine Realität geschaffen, in der es unmöglich wäre internationale Rundfunksender unabhängig vom Kabelnetz oder Satelliten zu empfangen. Dies steht in einem eindeutigen Widerspruch zum Artikel 5 des Grundgesetzes, der eine ungehinderte Informationsbeschaffung garantiert.

Es würde auf kaltem Wege eingeführt, was im Kalten Krieg in den Ländern des Warschauer Vertrags üblich war: Dort waren in vielen Großstätten Störsender installiert, die den Empfang westlicher Sender unmöglich machten.

 

Alternativen

Die Technologie des "Highspeed-Datenübertragungsverfahrens" ist keinesfalls besonders zukunftsweisend. Der einzige Vorteil liegt eindeutig in der kostengünstigen Umsetzungsmöglichkeit. Vor allem private Rundfunksender und Kabelbetreiber fordern die Abschaffung jeglicher Bestimmungen, die die Störstrahlungen von Kabelanlagen regulieren, sowohl im Breitbandkabel-; Strom- und Telefonnetz. Sie betonen, dass bereits 25 Milliarden Mark in Kabelnetze investiert worden sein und auf diesem Marktsegment seien jährliche Umsätze von fünf Milliarden Mark im Jahr zu erzielen. Betrachtet man allerdings das ständig wachsende Bedürfniss nach immer schnelleren Datenübertragungsraten und immer größeren Bandbreiten, werden die in diesem Verfahren liegenden Ressourcen schnell aufgebraucht sein. Hier wird deutlich, dass eine Einführung des "Highspeed-Datenübertragungsverfahrens" nur für kurze Zeit den ständig wachsenden Ansprüchen nach Datenkanälen gerecht werden kann. Danach müßten andere Technologien genutzt werden: Glasfaserkabel sowie Datenübertragung über UHF- und SHF-Funkstrecken. Selbstverständlich sind das keine neuen Techniken, sie sind allerdings teurer. Dennoch werden sie über kurz oder lang flächendeckend eingeführt werden (müssen). Damit sollte unverzüglich begonnen werden, denn der Preis, den die Allgemeinheit für die "kostengünstige" Lösung zu zahlen hätte, nämlich Aufgabe eines wesentlichen Teils der Informationsfreiheit, ist eindeutig zu hoch.
Helgo Ollmann

Über diesen Artikel wurde in der Newsgroup de.alt.hoerfunk diskutiert.
Diese Diskussion kann u.a. über dejanews gelesen werden:
Deja.com: Diskussion jetzt lesen
Weiterhin wurde dieses Thema im Januar 2000 auch bei Heise diskutiert.
Heise: Diskussion jetzt lesen

Weitere Informationen zu diesem Thema:
So hören sich die Störungen an. (Für Rundfunkhörer sind besonders die Beispiele für AM und FM interssant.) RealAudio-File laden RealAudio-File direkt hören
Mitschnitt eines Rundspruchs der Funkamateure im Feb.99: RealAudio-File laden RealAudio-File direkt hören
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