Mein geliebter Bruder Dulnac !

 

Viele Ereignisse haben sich zugetragen, seit wir uns das letzte Mal sahen. Du erinnerst Dich vielleicht,daß ich Dinas Taran im Nixenmond diesen Jahres verließ, um die Hintermänner jener Sklavenhändlerorganisation zu finden, die uns damals überfallen und von unseren Gefährten getrennt hatte. Schon auf der Reise geschahen ungewöhnliche Dinge. So traf ich zum Beispiel den "Stürmenden Dachs", einen dunkelhäutigen Krieger von beinahe meiner Statur aus dem fernen Ikengabecken vom Kontinent Lamaran. Er pflegte mich mit "weisser Häuptling" zu grüßen, konnte hervorragend kämpfen und war ein ganz passabler Gefährte auf meiner Reise. Eigenartig erschien mir allerdings seine Angewohnheit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit geröstetes Fledermaushirn zu essen.Mir schmeckte es jedenfalls überhaupt nicht. Auf unserer Reise durch Alba erlebten wir gar seltsame Ereignisse in einem alten Turm, in dem es spukte (und nicht nur das). Aber davon will ich jetzt nicht erzählen. In Chryseia trennten wir uns dann vorerst wieder, aber meine Suche, welche ich in Argyra begann, blieb vorerst erfolglos. Statt dessen traf ich den Seefahrer Sandobar wieder, welcher mich um eine kleine Gefälligkeit bat. Ich sollte einen gewissen Herrn Ming, den Handelspartner von Sandobar in KanThaiPan, in sein fernes Land begleiten, damit dort von der weissen Schlangengilde Sandobars Vertrag unterzeichnet werden konnte. Dabei sollte ich mit Leib und Leben Herrn Ming schützen. Eine Reise in dieses ferne Land, von dem ich bis dahin nur gerüchteweise gehört hatte, weckte meine Neugier, und ich willigte ein. Sandobar stellte mir noch einige Gefährten zur Seite, auf die ich ebenfalls aufpassen sollte. Darunter fand sich überraschend Aneren, du erinnerst Dich, die begnadete Heilerin mit dem vom Feuer entstellten Gesicht, mit der Du zusammen durch Eschar bis Ankh-Nehet gereist warst. Ich freute mich, sie wiederzusehen, und noch mehr darüber, auf so einer langen, gefahrvollen Reise jemand um mich zu haben, der sich bestens in der Heilkunde auskennt. Was sich dann auch als wirklich wertvoll herausstellen sollte.

Der Schlangenmond neigte sich zum Ende, als die Shasim, unser Schiff unter Führung von Kapitän Rodrego, und Calvaro mit seiner Kayananda in See stachen. Der Wind war gut, so daß wir schnell vorankamen und bald Orsamanca in den Küstenstaaten erreicht hatten. Hier versuchten nachts einige Diebe, dem Kapitän sein "Rotaro"(Kursbuch) zu stehlen, was wir natürlich bemerkten und Alarm schlugen. Die Diebe entkamen zwar mit dem Boot, wurden aber von mir dann am Ufer erwartet und ihrer gerechten Strafe zugeführt. Die 5 Leichen warfen wir in das Meer, den schwerverletzten Überlebenden nahmen wir einfach mit auf hohe See, weil wir noch ein paar Fragen an ihn hatten. Leider überstand er das Kielholen nicht. Unsere weitere Reise führte uns über Sadje die Sagara-Straße hinunter bis an die Küste von Rawindra, wo wir Perlen suchten (ich hätte auch gerne mit einem Schwarm dieser merkwürdigen Fischen mit dreieckigen Rückenflossen und jeder Menge Zähne gekämpft, aber sie waren leider schon verschwunden, bis ich meine Axt geholt hatte). Einige Tage später gingen wir an Land, um Frischwasser zu holen, und trafen dabei einige Eingeborene. Genauer gesagt trafen sie uns, und zwar mit winzigen Pfeilen, die jeden von uns in Sekundenschnelle zur Bewegungslosigkeit erstarren ließen. Eine reizende Begegnung, die ich nicht so bald vergessen werde. Ebensowenig wie die große, schwarzgelb gestreifte Katze, die auftauchte, nachdem die Eingeborenen genug mit unseren Sachen gespielt hatten und verschwunden waren. Sie schnupperte höchst begierig an meiner Wade herum, schien sich aber mit den schweren Beinschienen, die ich in Argyra erstanden hatte, als Vorspeise gar nicht anfreunden zu können.

Aber ich schweife ab. Unsere weitere Reise brachte uns auf dem Drachenmeer noch einen Sturm, der fünf Tage so heftig wütete, daß wir danach alle völlig entkräftet und entnervt waren, und völlig in den Seilen hingen (wie sie hier auf dem Schiff so sagen).Einige Tage später sichteten wir drei große Piratenschiffe am Horizont, welche uns offensichtlich entern wollten. Zum Glück verfügte die Shasim über ein hervorragendes Katapult, womit ich zwei der Schiffe gen Meeresgrund schickte, daß dritte drehte dann ab. Du erinnerst Dich vielleicht , wie oft unser Vater mir immer wieder den Umgang mit dem schweren Katapult gezeigt hatte. Jetzt hatte sich diese Mühe nach der Belagerung von Dinas Taran schon zum zweiten Male ausgezahlt, denn den Angriff dieser drei Schiffe hätten wir trotz meiner Anwesenheit alle nicht überlebt. Kurz vor der Küste von KanThaiPan gerieten wir dann noch in einen Taifun, eine seltsame Variante eines Sturmes, der unser Schiff beinahe versenkte, uns zumindest aber ohne Mast und mit starkem Wassereinbruch ins Hafenbecken von KuenKung treiben ließ. Aber wenigstens hatten wir nun endlich KanThaiPan erreicht.

Ich höre gerade, daß die "Shasim" und die "Kayananda" bald den Hafen verlassen werden. Ich hoffe, daß Aneren wieder die Zeit finden wird, meine und unsere Erlebnisse zu Papier zu bringen, wenn die beiden Schiffe im Herbst hierher zurückkehren.

 

Geschrieben und gesiegelt am 4.Tag des Drachenmondes im Jahre 2405 n. Lnd.in Kuen Kung, KanThaiPan

 

Dein Bruder JoBaSa