[spieler8]

2 Schneeflocken schwebten majestätisch vom Himmel herab, um sich auf den Straßen von Corinnis zu schmutzigem Schneematsch zu verwandeln. In der Abenddämmerung stapfte ich mit meinen beiden weißhäutigen Leidensgenossen (einen Aufenthalt in solch' unreiner Umgebung kann ich nur als Leid bezeichnen) Sulvahir und Ciuinn zum einem Gasthaus namens 'königliche Hoheit', wo sich Sulvahir mit einem Manne namens Corwyn verabredet hatte. Was ich bei der ganzen Geschichte eigent- lich sollte, wußte ich auch nicht so recht, aber ich dachte mir, daß es besser sei, ein Auge auf Sulvahir zu haben, falls er wieder einen seiner von allen Geistern verlassenen Zauber ausprobieren sollte. Durch das Schneetreiben schien warmes Licht aus den Fenstern der Tavernen, und die Fetzen alter traditioneller Weisen (so sagte zumindest Sulvahir) drangen an unsere Ohren. Wir er- reichten das Gasthaus, wo sich die Plätze mit immer mehr Menschen anfüllten. Schließlich sollte hier ja heute ein ganz besonderer Tanz geboten werden, nämlich mit der stadtbekannten Tänzerin Silwen und einem Bären. Es wurde auch ein ganz besonderer Tanz, allerdings in einem anderen Sinne, als sich die Meisten das vorgestellt hatten. Mitten im Tanz riß sich nämlich das bedauernswerterweise angeleinte Geschöpf los, richtete sich mit einem lauten Brüllen auf die Hinterpfoten auf und stapfte mitten in die Menschenmenge hinein, die nun in helle Panik ausbrach. Ich realisierte am Rande, daß es genau auf uns zukam, war aber viel zu fasziniert von der Kraft und Urgewalt dieses Tieres inmitten dieses stinkenden Sumpfes sogenannter zivilisierter Menschen, um irgendetwas tun zu können. Sulvahir pustete derweil dem Bären eines seiner mysteriösen Pulver entgegen, welches diesen aber überhaupt nicht beeindruckte (ich hätte ihm gleich sagen können, daß man solchen Naturgewalten nicht mit billigen Gauklertricks beikommen kann). Einmal holte der Bär mit seinen gewaltigen Tatzen aus und schmetterte den etwas hilflos wirkenden Magier quer durch den Raum, wo dieser zu Trixoms' Füßen liegenblieb, welcher gerade die Stube betreten hatte. Wieder holte dieses urgewaltige Wesen mit beiden Tatzen aus und schwang sie nach mir; da ich mir vollkommen darüber im Klaren war, daß ich dieser Gewalt auf physischer Ebene nicht gemessen war, wich ich nur schnell aus, nahm Blickkontakt auf und befahl ihm, mich in Ruhe zu lassen. Tatsächlich ließ er sich nun auf seine Vorderpfoten nieder und begann, sich an einem umgestürzten Eintopf gütlich zu tun.

Bald darauf fanden sich mehrere Männer mit schweren Aexten ein, die in greulicher Weise dieses stolze Tier niedermetzelten. Trixom war inzwischen die Treppe nach oben hinaufgelaufen, wobei er laut nach einem Arzt rief (hatte er etwa meine Anwesenheit vergessen?). Weiterhin hatte sich bei Sulvahir nun ein Wesen eingefunden, welches ich nur noch mit größtmöglichem Wohlwollen als menschlich einstufte. Zumindest liessen mich die grünlichschimmernde Haut, der extrem feingliedrige Körperbau und Augen von der unergründlichen Tiefe des Meeres an dieser Rassenzugehörigkeit arg zweifeln. Dieses Wesen legte nun Sulvahir, der inzwischen notdürftig von Ciuinn verbunden worden war, die Hände auf Brust und Stirn, worauf dieser begann, ein leichtes Stöhnen von sich zu geben - er lebte also. Ich verließ derweil aus Protest über dem Mord an einem solch' würdevollen Tier das Haus, um mir einen Platz fernab von diesen Menschen, die die Kräfte der Natur weder achten noch verstehen wollen, zu suchen.

Leider waren die Stadttore schon geschlossen, so daß ich kehrt- machen mußte. Wie ich später erfuhr, war inzwischen im Gasthaus der vermeintliche Corwyn auf 'sein' Zimmer gebracht worden, wo er von 'seiner' Freundin sowie diesem grünlichen Wesen versorgt wurde. Weil ich nicht mehr in diese Hölle des Verbrechens zurückkehren wollte, nachtete ich unter freiem Himmel, sicher behütet vom Geist meines alten Lehrers. In dieser Nacht glaubte ich, wieder seine Stimme hören zu können, die mir in der abgrundtiefen Verzweiflung, die mich zwischen all diesen Ungläubigen befiel, tröstend und liebe- voll zur Seite stand wie ein führendes Licht in tiefer Dunkelheit. Schließlich, als schon der Morgen dämmerte, fand ich wieder die Kraft, mich zu meinen Gefährten zu begeben, zu dem Zimmer, wo Sulvahir und Trixom genächtigt hatten. Nach kurzem Frühstück beratschlagten wir über unser weiteres Vorgehen, wobei Lyrania (so hieß das schlanke grünliche Wesen) sich uns anschloß (wenn sie das nicht noch bereuen wird!). Wir kamen überein, das Zimmer nach dem Ring der Bären zu durchsuchen, fanden aber nur einen Zettel mit einem Namen. Also mußte Corwyn den Ring noch haben! Wir brachen kurzerhand auf und stapften durch den Schneematsch auf den Straßen von Corinnis zum Tempel der allumfassenden Schlange, diejenige unter den großen Geistern (welche hier 'Götter' genannt werden), deren Lehren mir noch am ehesten sinnvoll erscheinen. Dort angekommen, empfingen uns Ciuinn und die weise Mutter, welche uns zu dem immer noch ohnmächtigen Corwyn führten. Wir fanden den Bärenring tatsächlich an seiner Hand und beschlossen, daß es durchaus legitim und den Geistern genehm sei (letzteres beschloß nur ich), den Ring an uns zu nehmen. Silwen, welche uns begleitet hatte, war unterdessen über der Wahrheit bezüglich Corwyn zusammen- gebrochen, womit sie hier aber eigentlich ganz gut aufgehoben war. Aber was nun weiter? Da erinnerte sich Lyranija daran, daß am morgigen Tage ein Treffen der 7 Bären bei einer sogenannten Bärenkralle stattfinden sollte - so hieß doch ein Wirtshaus, wo wir schon öfter vorbeigekommen waren! Außerdem solle einer der Sieben ein Verräter sein. Dies hatte sie wohl letzte Nacht 'zufällig' mit- gehört. Nun fand ich es auch an der Zeit, von meiner Seite aus etwas Klarheit zu schaffen, und erklärte kurz und treffend, was ich 'gesehen' hatte. Den verständnislosen Gesichtsausdrücken der Anderen nach zu urteilen hatten meine Worte scheinbar nicht ihren geplanten Weg gefunden, aber sollte ich noch deutlicher werden? Nein, sie würden schon verstehen, wenn die Zeit dafür reif sei, dachte ich so bei mir. Bei weiteren Ueberlegungen in der 'königlichen Hoheit' erfuhren wir von der Wirtin, daß der Name auf dem gefundenen Zettel der Vorname eines recht berüchtigten Alchimisten in der Gegend sei. Inzwischen dämmerte es schon, und wir beschlossen, nach den kräfte- raubenden Geschehnissen in der letzten Nacht einmal früh zu Bett zu gehen.

Am nächsten Morgen brachen wir früh zum Alchimisten auf, weil wir vermuteten, daß Corwyn dort irgendetwas gesucht haben mußte, was mit unseren Problemen in Zusammenhang stand. Auf dem Weg dahin be- gegnete uns eine Frau, von der Sulvahir felsenfest behauptete, sie am 'Tanzabend' in der 'königlichen Hoheit' schon einmal gesehen zu haben; sie habe ihn, kurz bevor er ohnmächtig geworden war mit einem prüfenden Blick bedacht und sei dann verschwunden. Sollte es sich etwa bei dem Bärentanz um mehr gehandelt haben als um einen zufälligen Ausreisser? Wenn ja, dann sollten die Menschen, die auf so unverantwortliche Weise das Leben eines solch herrlichen Tieres riskieren, gnadenlos zur Rechenschaft gezogen werden. Mich jedenfalls erinnerte diese Frau irgendwie an Quhaeta, die Hexe aus Llansilin, die eigentlich aus dem sogenannten Volk der Huacha- hatschis stammte. Wir versuchten die Frau zur Rede zu stellen, aber auf unerklärliche Weise wurde sie immer schneller und war schließlich verschwunden. Uns blieb vorerst nichts anderes übrig, als den Alchimisten aufzusuchen. Dieser schien bei unserem Ein- treffen gerade damit beschäftigt zu sein, Suppe zu kochen, jeden- falls sah es zuerst so aus. Kurz darauf geschah etwas seltsames: eine grünliche, Blasen werfende Masse (für Suppe roch sie entschieden zu streng) sprengte den Topf, an dem der Meister gerade stand und breitete sich quer durch den Raum aus. Der Alchimist floh entsetzt auf einen Schemel und rief laut:'Nehmt das Pulver, nehmt das Pulver!' Meine Freunde waren inzwischen in heftiger Auseinander- setzung mit dieser aggressiven Masse, so das ich nach dem nächst- besten Pulver griff und es auf die Blubbermasse warf. Nichts passierte. 'Nein, nicht dieses; das Rote!', rief er Alchimist ver- zweifelt, aber auch der Wurf des roten Pulvers zeigte lediglich den Effekt, daß das Schleimwesen weiterhin fröhlich vor sich hin und auf andere zu blubberte. 'Das Buch, das große Buch in dem Lederein- band! Lest darin!' kreischte der Alchimist wieder, dem die grünliche Masse schon bis an die Knöchel reichte. Da ich solchen Unfug gar nicht erst gelernt habe, ergriff ich einfach das erstaunlich schwere Buch und warf es auf die unfreundliche Suppe. Es gab ein schmatzen- des Aufplatschen, und das Wesen zog sich in seinen Topf zurück. Also sind Bücher doch zu mehr nütze als zum Feueranzünden, überlegte ich und begann, mir den Schleim aus der Kleidung zu wischen.

'Ja, äh, vielen Dank.' Der Alchimist war unterdessen erleichtert auf seinem Schemel zusammengesunken. 'Was wolltet ihr eigentlich von mir?' Wir erzählten, daß wir eine Erklärung über die Wirkungs- weise des Ringes haben wollten, aber der Preis, welchen er nannte, war uns entschieden zu hoch dafür. 'Aber euren Stein habe ich nun erforscht.' Verdutzt guckten wir uns an: Bei allen Geistern, von welchem Stein sprach er denn nun? Er schien unsere verwunderten Blicke nicht bemerkt zu haben, denn er begann nun, uns die Wirkung eines Steins zu erklären, der scheinbar Corwyn gehörte. 'Mit diesem Stein können die Gedanken desjenigen, welcher ihm am Nächsten ist, an alle Personen im Umkreis von 50 Metern übermittelt werden, sofern sie davon wissen und sich darauf konzentrieren. Wir besorgten uns daraufhin bei Corwen das nötige Geld, um den Alchimisten zu bezahlen, nahmen den Stein und verabschiedeten uns. Bei einem ersten Experiment an einem daherstreunenden Straßenhund fanden wir heraus, daß sich die Wirkung auf Wesen menschlicher Intelligenz zu beschränken scheint. Trotzdem: nicht auszudenken was passieren könnte, wenn dieses Objekt in falsche Hände gelangen sollte! So ein grober Unfug kann ja nur Magiern eingefallen sein! Naja, wir müssen das Beste daraus machen. So oder so ähnlich dachte ich zu diesem Zeitpunkt. Sulvahir, der beim Alchimisten keinen Lotosblütenstaub hatte erwerben können, trennte sich nun von uns, um sein Glück einmal in der hiesigen Magiergilde zu versuchen. Wir ließen uns erneut in einem dieser verräucherten 'Gasthäuser' (welch' unpassender Name!) nieder und überlegten, wie wir mit Hilfe des Steines nun den Verräter des Bärenbundes entlarven könnten...

erzählt von Amonedthorr, dem Schamanen

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