Reisebericht des Schamanen Amonedthorr:


Endlich erreichten wir Vargheim, die nächste Station auf unserer langen Reise durch dieses frostige Land. Begrüßt wurden wir schon von weitem von einigen sich aus den Schorn-

steinen der hier typischen Langhäuser heraus- windenden Rauchgeister, welche leise kichernd gen Himmel entschwanden. Und bald schon saßen wir gemütlich zusammen mit einigen der Dorfbewohner an einer der langen Tafeln mit einem Horn „Götterfunken“

einem Getränke aus dieser Gegend mit umwerfender Wirkung, wie sich bald heraus- stellen sollte. Tuilja brachte bald das Gespräch auf Wargars' Hof. „Ja, es gibt Ruinen, einige Wegstunden von hier“ meinte der augenscheinlich Tischälteste, „aber da müßt ihr L iv fragen“. Im gleichen Moment gab es einen heftigen Aufschlag auf der Tischplatte. Trixom war nach dem Genuß seines Götterfunkens mit dem Kopf auf den Tisch geknallt. „Euer Freund verträgt wohl nicht so viel“, meinte der Alte recht ungerührt und goß sich seinen zweiten Götterfunken ein. Trixom machte keine weiteren Anstalten, wieder zurück ins Reich der Besinnungsvollen zu kommen. Tuilja erkundigte sich unterdessen, wo dieser Liv denn zu finden sei, und war direkt nach der Antwort schon mit den Worten“ Ich bin gleich wieder da- wenn er nicht so gut aussieht“ verschwunden.

„Aqudl'dhp“ meinte ich „ist bei euch in den letzten Wochen schon mal so ein merkwürdiger Fremder aufgeschlagen?“„Hm, das passiert hier schon mal, daß welche von unseren Gästen merkwürdig aufschlagen“ brummte der Alte mit einem Seitenblick auf Trixom.“Wir wissen noch nicht so genau, woran das eigentlich liegt.“ „Entschuldigt meine schlechte Sprache, ich meinte aufge- taucht“ gab ich rasch zurück.“So eine hagere, große Gestalt mit grauem Bart und finsterem Gesichte.“ „Nein, haben wir hier nicht gesehen“ gab der Alte zurück. Also schien Thalion noch hinter uns zu sein. „Stimmt diese alte Legende von König Wargar eigentlich“ wollte ich dann wissen. „Ja, Wargar war ein großer König unseres Volkes, der eines Tages wider ein Barbarenvolk im hohen Norden zog.“ „Im Norden gibt es noch Barbaren?“ fragte ich ungläubig nach. „Sicher“, meinte der Alte, „wir sind hier doch im Süden, hier ist es ja eher warm, wißt ihr, durch die Meeresströmung.“

Ein gemeinsames Bibbern von Sulvahir und mir war unsere einzige Antwort. „Hier kommen auch solche Helden wie Beowulf her - von dem habt ihr doch sicher schon einmal gehört, oder?“ Auf unser zustimmendes Nicken hin fuhr er fort. „Dann erzähle ich euch wohl die Sage:

Haakon hieß ein Mann, Eskjalson, und er lebte am Habichtsfjord zu der Zeit, als Siga Geirolfson Jarl am Nebelfjord war. Ein mutiger Mann war Haakon, und von allen wohlgelitten. Er errang großen Ruhm und reiche Schätze auf seinen Vikingfahrten gegen die Bre tonier, doch traf ihn auf einer dieser Reisen ein hartes Schicksal. Björn aus Dahle zog mit ihm in diesem Jahr, ein Berserker und Mann Odins (so wird Asvagr hier genannt). Sie landeten auf einer Insel und plünderten einen Tempel. Björn war im Blutrausch, u nd als alle Bretonier getötet waren, fiel er auch über Haakons Männer her und tötete Svei, den Steuermann. Dies gefiel Haakon übel, und er erschlug Björn dafür. „Das war nicht umsonst getan“ sprach Björn, und dann starb er. Haakon begrub ihn, wo er ihn ers chlagen hatte, und zog mit den Schätzen des Tempels nach Hause. Im Winter nach dieser Fahrt saß Haakon auf seinem Hof am Habichtsfjord und ließ es sich gutgehen. Nach seiner Heimkehr im Spätsommer hatte er um die Schwester seines Freundes Agli Hunds- gesic ht, Gudrid, gefreit und sie zum Weibe genommen. Kurz vor dem Julfest ging er in den Wald, um nach einem großen Baumstamm zu sehen, den er im Frühjahr gefällt hatte, damit er ihn in diesem Winter als Julklotz verwenden konnte. Als er zu der Stelle kam, wo d er Stamm lag, sah er einen Mann im dunklen Umhang und Schlapphut auf dem Stamme sitzen, einen Wanderstab neben sich. „Ho, Alter,“ sprach Haakon, denn er war gastfreundlich zu allen, „was sitzt du hier im Schnee? Komm mit zu meinem Hof. Da haben wir ein gut es Feuer, in dem wir Hammelköpfe rösten, und ein Faß Julbier haben wir auch schon aufgeschlagen, um zu sehen, ob es gelungen ist.“ Der Mann blickte auf. Unter dem Hut war das Gesicht kaum zu erkennen, doch sah Haakon, daß er einäugig war. „Wohl tust du, Ha akon Eskjalson daran, mich auf deinen Hof einzuladen, denn du hast noch eine Schuld mir gegenüber. Doch wirst du sie nicht mit Bier oder Hammelköpfen begleichen, sondern mit einer anderen Art von Fleisch und Knochen.“ „Was soll diese Rede“ sprach Haakon, „ ich kenne dich nicht, und habe dich noch nie gesehen. Ich bot dir Gastfreundschaft, wie es der Brauch gebietet. Und du hast dreiste Worte für mich, auf meinem Grund und Boden? Dir werde ich Sitten lehren!“ Erzürnt zog Haakon sein Schwert und ging auf den F remden zu. Dieser hob seinen Stab und Stieß Haakon wider die Brust. Das war ein harter Stoß. Haakon verlor sein Schwert und sank auf die Knie, wehrlos. Der Verhüllte wandte sich ab und ging, nach einigen Schritten drehte er sich nochmal um und sprach ein l etztes Wort:

„Du wirst es wissen, wenn ich meine Schuld eintreibe; der Bär gehört mir.“ Aber das soll für heute abend auch reichen, meinte der Alte.

Die meisten Waelinger waren inzwischen auf den Tischen und Bänken eingenickt, und auch wir legten uns nun zur Ruhe. Vorher ging ich aber noch kurz zum Haus von Liv herüber, um nach Tuilja zu gucken. Aber dort war schon alles ruhig und dunkel, so daß ich wi eder umkehrte. In dieser Nacht tobte der Sturm noch unerbittlicher, und es schien noch kälter.

Am folgenden Morgen ging es uns allen überraschend gut, keiner klagte über weitere Nachwirkungen des „Götterfunkens“ (obwohl ich das Gefühl nicht loswurde, das Trixom sich mannhaft weigerte, von seinen Kopfschmerzen zu erzählen. Der Aufschlag von gestern w ar ihm wohl doch etwas peinlich). Tuilja kam pünktlich zum Frühstück zurück und wurde von uns stürmisch begrüßt. „Wo warst du denn so lange? Amo hat sich schon Sorgen gemacht“ fragte Sulvahir (Dieser Verräter!). „Wirklich?“ wollte Tuilja daraufhin mit eine m schelmischen Seitenblick von mir wissen. „Naja, äh...“ stotterte ich, und merkte, wie mir das Blut ins Gesicht schoß, „ich wollte nur wissen, wo du geblieben bist! „Hrmpf! Dieser Magier!“, schoß es mir durch den Kopf „er kann doch sonst immer seine Klapp e halten, warum reißt er sie gerade jetzt auf ?“ „Hast du denn etwas heraus- gefunden über Wargars' Hof und Thronsitz?“ fragte ich schnell nach, bevor die Anderen noch weitere Bemerkungen machen konnten.“Ja natürlich, was denkst du denn?“ gab Tuilja selbst bewußt zurück. „Wir müssen zu Olva, dem Schafhirten- Der weiß mehr! Und über Wargar habe ich auch noch etwas herausgefunden. Liv erzählte, daß sein Reich wohl bis zu den eisigen Einöden im hohen Norden reichte; dort hausen wohl nur noch die Götter, hieß es , aber dann erhielt er Kunde von jenem unmenschlichem Barbarenvolk, welches dort noch ein Reich haben solle. Es wurde das Königreich des Schwarzen Nordlichts genannt. Sein darauffolgender erster Kriegszug dorthin wurde von einem Lichte ge- leitet, was im h ohen Norden schien. Alles andere ist uns schon bekannt. Aber laßt uns jetzt zu diesem Olva aufbrechen.“

Tuilja führte uns zu einem Langhaus auf einem Hügel. Sie begrüßte einen Mann, der gerade die Schafe mit Heu fütterte, und fragte nach dem Weg zu Wargars Hof. Dieser entließ uns nach kurzer Beschreibung mit den bedeutungs- schwangeren Worten: „Das Schicksal ist mächtiger als die Rache.“ Was er uns damit wohl sagen wollte?

Indessen hatte sich Sulvahir abgesetzt, und kam nun mit einem Rentierschlitten zurück!

„Darf ich vorstellen“, meinte er galant, „das sind Carin, Lima, Corra und Ferri - alles Ren- tiere!“ Wir waren alle hell erstaunt. „Ich dachte, die sind nur zum Essen da“ konnte Tuilja noch von sich geben, als wir in den Schlitten gestiegen waren, und scho n ging die Fahrt los. Offensichtlich verstand unser sonst eher Feuerbälle lenkende Magus prächtig mit dem Gefährt umzugehen. „Also, der überrascht mich ja immer wieder“ raunte Tuilja mir zu. „Diesmal positiv“ gab ich leise zurück. Trixom blickte den Magier skeptisch an und fragte schließlich: „Und wann kommt jetzt die Explosion?“ Aber alles Getuschel und skeptische Gehabe unsererseits konnte Sulvahir nicht aus der Ruhe bringen, und wir machten gute Fahrt über verschneite Hügel und Täler, bis wir wegen der S onnenseite einer Hügelreihe, wo der Schnee dahingeschmolzen war, wieder einmal in eine Sackgasse gerieten und mühsam wenden mußten. Plötzlich erstarrte Tuilja, gerade als sie ihren Blick auf eine nahegelegene Hügelkuppe gerichtet hatte und murmelte: „Verda mmt! Wölfe!“ Tatsächlich waren dort oben ein großes Rudel dieser prächtigen Tiere zu sehen, welches nun langsam in unsere Richtung den Hügel herunterkam. Panisch beendete Sulvahir das Wendemanöver und trieb mit lautem Rufen die Rentiere an, welche den Schl itten auch schnell auf Geschwindigkeit brachten. Aber die Wölfe kamen immer näher, so daß ich anfing, mir Gedanken zu machen, wie ich ihnen am Besten klarmachen sollte, sich doch bitte um ein anderes Mittagsmahl zu bemühen. Indessen hatte Trixom plötzlich seinen Bogen in der Hand und schoß - daneben. So ein Unfug, dachte ich bei mir, jetzt wird es höchste Zeit zu handeln, bevor sich hier noch irgendjemand verletzt. Die ersten beiden Tiere hatten inzwischen unseren Schlitten erreicht, wo Tuilja und Trixom v erzweifelt versuchten, sie am Mitfahren zu hindern. Das schien mir in Ordnung, für soviele Gäste war unser Gefährt nun nicht gerade ausgelegt. Nach kurzer Konzentration auf das Leittier sprach ich laut das Wort der Macht: „Borb!“ Und das Rudel fiel zurück. Das war also erledigt. Indessen hatte Sulvahir für einen kurzen Moment die Kontrolle über den Schlitten verloren, der in wilder Fahrt über den Schnee preschte, und eines der Rentiere hatte sich die Flanke an einem tiefhängenden Ast derb aufgerissen. „Wir müssen anhalten!“ brüllte Sulvahir gegen den Fahrtwind. „Doch nicht jetzt, die Wölfe sind noch zu nahe!“ brüllte Tuilja zurück. „Die tun uns nix, die wollten doch nur mal schnuppern“, beschwichtigte ich unsere Gauklerin. „Wohl an Trixom`s Schwert“ gab sie unwirsch zurück. Sie schien mir nicht so recht glauben zu wollen. Jedenfalls hielten wir nun an, und die Wölfe blieben ein Stück hinter uns stehen. Na also! Ich stieg aus und untersuchte das verletzte Ren. Ihm war nichts lebensbedrohliches passiert, aber ziehen konnte es in diesem Zustand nicht mehr. Also versorgte ich es notdürftig, und Sulvahir ließ es nun neben dem Schlitten hertraben. Nach einer weiteren Stunde Fahrt sahen wir vor uns auch schon die Ruinen dunkel aus dem Schnee ragen. Wir hatten Wargar s`Hof erreicht.

Nicht allzu lange sollte unsere Untersuchung hier dauern. Weder bei dem eingestürzten und verschütteten Bergfried, wo Trixom am ehesten einen Weg nach unten vermutete fanden wir etwas, noch am Altar, welchen wir noch nicht einmal zu viert verschieben konn ten. Erschöpft und frustriert ließ ich mich in den Schnee sinken und haderte mit dem Schicksal, den Geistern, Wargar, und wer mir sonst noch alles in den Sinn kam. Als dann Tuilja noch anfing, mir wegen meiner Idee, hierherzukommen, Vorwürfe zu machen, war unsere Stimmung auf einem totalen Nullpunkt angekommen, und ich wünschte insgeheim, damals doch auf Pfrtl`pmpf geblieben zu sein.

Schließlich kehrten wir nach Vargheim zurück, wo wir unser weiteres Vorgehen beratschlagten.

Am nächsten Morgen, man rechnete den 3. Tag des Luchsmondes, brachen wir auf, nachdem wir unseren bisherigen Führer Freyundh, einen ehemaligen Rentierzüchter aus Waeland verabschiedet hatten. Wir waren nun entschlossen, weiter dem Signal des Götterfunkens zu folgen, mußten uns dabei aber wieder unseren Füßen anvertrauen, da uns der Besitzer des Rentierschlittens selbigen nicht mehr leihen wollte (wen wundert`s). Wir verbrachten einige sehr kalte Tage und Nächte, in denen Tuilja einmal beinahe die Finger ab froren. Eines Abends wurden wir sogar von einem hungrigen Troll angegriffen, den wir aber mit ebensoviel List und Tücke wie mit Feuer und Magie vertreiben konnten.

In der Nacht vom 6. auf den 7. Luchsmond stellte ich fest, daß das Signalleuchten des Funkens deutlich stärker geworden war, ebenso in der übernächsten Nacht. Das konnte nur bedeuten, daß Thalion mit dem hereinbrechenden Frühling über´s Meer gekommen war, und nun unsere Verfolgung aufnahm. Wir überdachten die Möglichkeit, ihm eine Falle zu stellen und verwarfen sie wieder, schien es uns doch ein zu gewagtes Unterfangen. Also bestand nun unsere einzige Chance darin, den Frosthexer noch vor Thalion zu erreich en, was nicht leicht zu werden versprach, war doch anzunehmen, daß unser alter Feind über schnellere Reisemöglichkeiten als wir verfügen würde.

Aber wir hatten schon schwierigeren Situationen die Stirn geboten, und so beschlossen wir, diese Chance zu nutzen.

Vor Einbruch der nächsten eiskalten Nacht erreichten wir nun eine kleine Siedlung, wo wir gastfreundlich aufgenommen wurden. Als Gastgeschenk erzählten wir auch hier von unseren Erlebnissen, wie es Brauch in dieser Gegend war, und warnten hier ebenfalls ei ndringlich vor Thalion. Am Mittag des darauffolgenden Tages passierten wir endlich die Grenze eines Waldes. Hier fühlte ich mich gleich wohler, und auch der kleine Hinterhalt, den uns einige offenbar neidische Bewohner des letzten Örtchens legten, konnte n ichts daran ändern. Sulvahir und ich machten uns eine Freude daraus, sie mit unseren Zaubern in die Irre zu führen, und Trixom, Zogar und Tuilja taten ihr übriges dazu, daß sich diese Gestalten bald von dannen trollten und froh sein, konnten, daß wir Ihnen nichts zuleide getan hatten. Sie hätten die Geschichten besser ernst genommen, die Trixom und Tuilja über unsere Reise in ihrem Dorf erzählt hatten.

Am nächsten Tag kamen wir dann in Nya Askivik an, einem großen Dorf am Ausläufer eines Fjords. Hier trugen die Menschen farben- frohe Kleidung und waren wohl auch im Schnitt größer als die Waelinger, denen wir bisher begegnet waren. Bald hatten wir in Erfa hrung gebracht, daß dieser Ort einen wichtigen Handelsplatz für Waelands Westküste darstellte und zudem für seine Pferdezucht berühmt war. Hier erfuhren wir auch, daß Njord am Rande des Fenn wohnen solle.

Nachdem wir uns wieder mit Nahrung für die nächsten Tage versorgt hatten, faßten wir den Beschluß, die vor uns liegende Steppe per Gewaltmarsch zu durchqueren, um Thalion noch ein Schnippchen zu schlagen. Denn dort konnte man sich zu Fuß am Schnellsten bew egen, und hier sahen wir unseren Vorteil gegenüber dem alten Magier - wir waren jünger, kräftiger und ausdauernder als er. Also nahmen wir uns einen Führer, welcher uns bis zu einer Siedlung am Rande des Fenn führen sollte. Dort erhofften wir uns weitere A uskünfte über Njord.

Früh brachen wir am nächsten Morgen auf, und trotz vorübergehender Zeichen von Schwäche bei Trixom und auch Sulvahir und einer kurzen Begegnung mit einem Wolfsrudel, den ich gleich wieder wegschickte, sahen wir am 7. Tag unseres Marsches einige Gehöfte in einem kleinem Tal an einem Fjord vor uns - wir hatten es geschafft! Mehr als vierhundert Meilen in gut 6 Tagen zurückzulegen war auch für Tuilja und mich kein Kinderspiel gewesen, und Sulvahir wirkte total ausgepumpt, von Trixom ganz zu schweigen. Nur Zoga r wirkte beinahe noch so frisch wie am ersten Tage, und wenn nicht die dunklen Schatten um seine Augen noch eine Nuance ausgeprägter als sonst gewesen wären, hätte ich gar angenommen, mein alter Freund hätte sich überhaupt nicht angestrengt. Andererseits w ußte ich ja von vergangenen Strapazen um die Unverwüstbarkeit des Zwergen, so daß es mich hier auch nicht weiter wunderte.

Im Ort hatte man uns mitgeteilt, daß Njord hier für die Überfälle seiner Koboldhorden berüchtigt sei, aber das es eine halbe Tagesreise von hier einen Händler namens Thormund gäbe, der sogar mit ihm Handel treibe. Nach kurzer Rast machten wir uns also, Tri xom`s mißmutige Miene ignorierend, erneut auf den Weg, nachdem wir unseren Führer entlohnt hatten.

Es war schon spät am Abend, als wir Thormunds Gehöft erreichten. Wir wurden herzlich empfangen und in ein großes Langhaus geführt, wo uns Thormund persönlich begrüßte. Sulvahir gab zur Begrüßung eine Runde „Götterfunken“ aus. Später erfuhren wir, daß Thorm und tatsächlich nicht nur mit Njord, sondern der ganzen Welt Handel trieb. Über Wargar brachten wir in Erfahrung, daß sein Grab irgendwo hier im Fenn liegen solle, wie wir es auch schon vermutet hatten. Sulvahir, der einem jungen Waelinger das „Messertanze n“ beigebracht hatte, einem Spiel, daß er seinerzeit in Corinnis lernte, hatte herausbekommen, daß sich auch Njord für Wargars Grab interessieren würde. Außerdem vermute man im Fenn den Eingang zur Unterwelt. Ob uns das vielleicht weiterhelfen würde?

Tuilja war unterdessen mit einem Mann verschwunden, der sich bei uns als der Fjörgrinnpriester Rothgar vorgestellt hatte. (Fjörgrinn gilt als hiesiger Gott des lebensspendenden Wassers und der Fruchtbarkeit.)

Am späten Abend kaufte ich Thormunds` Leuten noch bestimmte Rauschkräuter ab, und konnte mich in dieser Nacht endlich wieder auf eine atck`l begeben und seit langer, langer Zeit dem widmen, was die Geister mir zu sagen hatten:

Kälte. Ein wärmendes Licht, eine Hand, die eine Fackel hält. Beides glänzt bronzen und weist uns den Weg. In diesem Licht erstrahlt ein grüner Götterfunke auf einem Sockel, ich komme nicht an ihn heran. Ich sehe zwei Gestalten, eine elfenartige, blasse Fra u und einen jungen Waelinger. Den grünen Funken in einem Helm eingelassen, der getragen wird von einem alten, bärtigen Krieger, welcher zu schlafen scheint. Die Frau redet auf den jungen Mann ein und nennt seinen Namen, ich VERSTEHE DIESEN NICHT. Der Mann greift den Helm und nimmt ihn mit, was ich nicht kann. Wenn mir doch nur der Name einfallen würde!

Kälte. Ein Eisblock, woraus eine gefährliche, hagere Gestalt auf uns zukommt. Wir wollen fliehen, über uns ist eine fremdartige, heiße Sonne. Wir fallen in die Sonne und sind entronnen.

Weit entfernt leuchtet mein Götterfunke zusammen mit den zwei anderen Funken in einer Linie. Der blaue Funke ist sehr klein und sitzt an Thalions Ring.

Der nächste Morgen sollte den Aufbruch zu Njord mit sich bringen. Wir hatten in Erfahrung bringen können, daß der gute Mann ca. 80 Meilen von hier entfernt im Fenn wohnte. Soviel zum Thema „Rande des Fenn“.

Unsere Wegbeschreibung hörte sich einfach an. Wir sollten eine Felsformation hier in der Nähe, die einer Hand ähnelte, links liegenlassen, das ebene Fenn durchqueren und dem Flußlauf folgen bis zu einem Felsen, der die Form eines Wolfsschädels besitzt. Dor t solle Njord zu finden sein.

Ich versuchte Tuilja noch auszureden, ihr Pferd mitzunehmen, aber sie ließ sich nicht davon abbringen. Stattdessen faselte sie den ganzen Morgen schon von diesem Fjörgrinn. Er sei ganz nahe und täte über uns wachen. Außerdem „würden wir ihm begegnen. Heut e oder morgen. Ich beschloß, lieber selber über mich und die Anderen zu wachen, schien mir dies doch der erprobte Weg zu sein.

Wir waren gerade einen halben Tag marschiert, als Tuilja plötzlich stehenblieb, und mit starrem Blick und seltsam veränderter Stimme zu sprechen begann:

„Setzt dem Kampf für die Finsternis ein Ende. Bringt das fehlende Ruder an seinen angestammten Platz. Geht auf dem Kriegspfad.“

„Na was ist denn, was steht ihr hier so rum wie Eisstatuen; wir müssen weiter.“ Tuilja guckte uns auffordernd an. „Tuilja, was hast du da gerade gesagt?“ fragte Sulvahir vorsichtig nach. „Ja, das wir weitermüssen, herrje!“ Tuilja war offensichtlich kurzze itig zu einem Medium

geworden, ohne etwas davon zu merken. Vielleicht war doch etwas mehr dran an ihrer Geschichte mit Fjörgrinn?

Wir wanderten weiter. Die erste Nacht wurde eiskalt, und Tuilja wären fast die Ohren abgefroren. Am zweiten Tag setzte ein widerlicher Eisregen ein, der fast den ganzen Tag anhielt. Als ob das nicht schon gereicht hätte, kamen durch den Regen sechs gut 2 M eter große, schmale, blauweisse Gestalten auf uns zugestapft. „Fenntrolle“, brüllte Zogar, „wir brauchen Feuer.“Schnell entzündete ich eine Fackel, aber sie wollten nur mit uns handeln, auch wenn sie davon ihre eigenen Vorstellungen hatten. Nachdem sie de n größten Teil unserer Nahrungsmittelvorräte mitgenommen hatten und uns dafür ein paar schäbige Felle liegenliessen, waren sie wieder verschwunden. So fix geht das hier mit dem Handel, und dazu völlig unkompliziert. Die zweite Nacht wurde noch kälter, und Tuilja und ich erlitten leichte Erfrierungen an Händen und Füßen. Am dritten Tag wurde das Gelände immer schwieriger, und wir kamen nur mühsam vorwärts. Wir überlegten schon ernsthaft, ob wir nicht wieder umkehren sollten, um dann mit warmen und ausgeruhte n Gliedmaßen und ausreichend Ausrüstung und Nahrung einen zweiten Versuch zu starten. Aber Thalion saß uns im Nacken, und das ließ uns keine Wahl. Am nächsten Tag kam ein schwerer Sturm auf. Zuerst versuchten wir noch weiterzuwandern, aber als Sulvahir plö tzlich durch eine Böe von den Beinen gefegt wurde und beinahe übel abgestürzt wäre, zogen wir uns für den Rest des Tages unter einen eisigen Überhang zurück. Diese Nacht erlitt auch Sulvahir Erfrierungen, und ich spürte meine Zehen schon nicht mehr. Aber d ann sahen wir am Mittag des fünften Tages den Wolfsschädel vor uns liegen. Wir hatten es wieder einmal geschafft!