Friedensfahrt-Sporttour 2003: Olomouc - Frankfurt/Oder

Friedensfahrt-Sporttour 2003: Olomouc - Frankfurt/Oder

Erlebt und aufgeschrieben von Zwinki (zwinki2 @ gmx . de)

@(#) Jun 28 2004, 17:53:29

Übersicht

Einleitung
Anfahrt (8.5.): Dresden - Sternberk
1.Etappe (9.5.): Rund um Olomouc 78km
2.Etappe (10.5.): Sternberk - Opava 120km
3.Etappe (11.5.): Vrbno - polnische Grenze 82km (Kneiferetappe)
4.Etappe (12.5.): Woliborz - Walbrzych 126km
5.Etappe (13.5.): Jawor - Zielona Gora 202km
6.Etappe (14.5.): Zielona Gora - Frankfurt/Oder 92km
Nachbetrachtung


Einleitung

Wie schon 2001 und 2002 nahm ich auch dieses Jahr an der Friedensfahrt-Sporttour teil, d.h. wir fuhren die ersten sechs Originaletappen der 56. Friedensfahrt mit Zeitvorsprung vor dem Feld ab, teils verkürzt. Diesmal waren es etwas weniger Teilnehmer, nur reichlich 20 Fahrer. Manche Stammgäste (z.B. der alte Haudegen Rolf) mögen wegen diverser Pannen in den letzten Jahren abgesprungen sein. Dieses Jahr waren es weniger Pannen, zumindest weniger selbstverschuldete. Aber manche hatten angesichts der Wirtschaftskrise sicherlich andere Sorgen. Man merkte es auch bei der Fahrt selbst: Dieses Jahr gab es keine Hubschrauber, offenbar eine Geldfrage.

Schade für die, die nicht mit waren: Es waren dieses Jahr besonders schön, es hatte sich wirklich gelohnt.

Anfahrt (8.5.): Dresden - Sternberk

Unser tschechischer "Stammbus" wurde diesmal mit dem bewährten Fahrer Jindrich gleich für die ganze Zeit gemietet, und mit seinem (neuen) Fahrradanhänger war er für uns eine große Hilfe. Nur Tria-Peter musste zusehen, wie er nach der Spätschicht von Braunschweig nach Leipzig zum Start kam (mit "Peter" meine ich im folgenden ihn, nicht den Organisator Peter Scheunemann). Ich hatte es einfacher: Mit dem bisher leichtesten Rucksack (man lernt dazu) ca. 8km per Rennrad durch Dresden zum Treffpunkt und warten auf den Bus. Keine Reifenpanne des Busses diesmal, problemlose Fahrt, wie immer Heiterkeit bei der "Nuttenmeile" zwischen der Grenze in Zinnwald und Dubi sowie die üblichen kleinen Sticheleien ("Siggi musste seinen Koffer selbst packen - der arme Junge; Siggi, hast Du diesmal auch die Rennschuhe drin?").

Die Busfahrt war lang und heiß, etwa 10 Stunden bei 30 Grad draußen; wir fuhren per Autobahn über Prag nach Brno (Brünn) und hoch nach Olomouc. Dort wurden gerade beachtliche Straßenanlagen außerhalb des Ortes erbaut, allgemeines Erstaunen. Auch diverse Gewerbebauten und neue Hochhäuser zeugten von sehr reger wirtschaftlicher Tätigkeit. 16km nördlich von Olomouc lag Sternberk, und wir fanden rasch unser Sporthotel. Westlichen Ansprüchen genügte es sicher nicht, zum Beispiel getraute ich mir nicht, am Fenster so heftig zu ziehen, dass es auch auf ging - eine Angestellte machte es uns dann vor ... Aber es war soweit alles erträglich. Vor allem war das Essen Spitze und sehr reichlich. Das ist viel wichtiger und in weit teureren Unterkünften im "Westen" keineswegs so selbstverständlich. Mit ca. 5 Euro pro Nacht ergab sich ein erstklassiges Preis-/Leistungsverhältnis.

Tria-Peter, Edgar aus Berlin und ich wohnten zusammen in Zimmer 14. Da wir ziemlich oft zusammen fuhren, hieß es von nun an "Zimmer 14 vollständig angetreten". Edgar war 64 Jahre alt, fuhr erst seit drei Jahren Rennrad, war aber stärker als Peter mit seinen irren 20000km pro Jahr - "viel hilft viel" gilt im Rennradsport bekanntlich genauso wenig wie in der Medizin. Edgar war ein Phänomen. Ich glaube, außer im Sprint (ich bin 14 Jahre jünger) könnte er mich in allen Disziplinen versägen. Er war noch in der Lernphase, wie er selbst sagte, aber auch dankbar für alle Tips.

Edgar hatte eigentlich den gleichen Helm wie ich (Met Ipogriffo), aber mit einem Patent: Er hatte eine sehr schmale Leiterplatte mit Leuchtdioden hinten eingeklebt, nebst Schaltung und einer Stromversorgung im Helm. Der Schalter war von der Seite aus zu bedienen. So hatte er ein Blinklicht nach hinten immer bei sich. Erstaunlicherweise soll das auch im Regen funktionieren.

1.Etappe (9.5.): Rund um Olomouc

78km, 27.7 km/h, 450 Hm

In Erinnerung an die so genannte "Flachetappe" letztes Jahr mit Bergen von 13% und satten Höhenmetern glaubten wir dem angegebenen Profil dieses Jahr lieber nicht. Es wurde aber recht gemütlich. Zunächst ging es per Bus nach Olomouc zum Start, unter anderem an einem vergitterten Gebäude vorbei, dessen Mauer mit reichlich Stacheldraht bewehrt war. "Aha, der Knast," meinte einer. Ich witzelte herum: "Bestimmt das Finanzamt." Die Stacheldraht-Mauer nahm kein Ende, und dann wurde ein Schild sichtbar: "Lokale Finanzbehörde" ...

Olomouc war die Überraschung. Ein äußerst sehenswertes Zentrum, von dem wir vielleicht ein Viertel zu Gesicht bekamen. Nicht nur die riesige Pestsäule und die vielen restaurierten historischen Häuser rund um die Marktplätze machten Eindruck, ebenso zahlreiche originelle Brunnen, die wohl auch als Wahrzeichen herhalten. Hoffnungslos, alles Wichtige abzufahren.

Die Etappe selbst war sonnig, warm und auf den ersten 55km ganz flach. Es fuhr sich angenehm bei schöner Fernsicht; ich glaubte im Altvatergebirge - dort sollte uns in zwei Tagen eine schwere Etappe erwarten - Schneeflecken zu sehen. Kein Wunder in diesen Breitengraden bei bis zu 1500m Höhe. Richtig konnten wir das Gebirge aber nie sehen, es orgelten dort ständig Wolken herum. Wie in den letzten Jahren waren drei jüngere Sportler dabei (ich glaube, Triathleten), die in einer anderen Leistungsklasse fuhren. Als einer von ihnen und ich führten und die "verordneten" 28-30 km/h brav einhielten, kamen laufend Protestrufe von hinten, wir seien zu schnell. So war es bei allen Nicht-Leipzigern. Als dann die Leipziger führten, stieg das Tempo merklich ...

Dann ging es auf eine Extrarunde zu einer Bergwertung zweiter Kategorie. Die Profis mussten sie viermal fahren, wir nur ein- oder zweimal. Der Berg war nicht steil - 5-6% - doch das ist eine Frage des Tempos. Und das war ziemlich hoch. Wie immer jagten die drei jüngeren Triathleten vorneweg, Edgar und Peter jagten sich gegenseitig. Ich war "eigentlich" noch etwas angekratzt, vermutlich Spätfolgen stressiger Arbeit, und konnte nicht auf 100% gehen. Dazu war es mir auch zu warm. Aber als 6. oder 7. oben anzukommen, ist für einen 80kg-Brocken wie mich noch gut, denn ich schätze mich am Berg als nicht so schnell ein. Andere, die mich in den letzten Jahren am Berg versägten (Dieter und Ernst zum Beispiel), kamen erstaunlicherweise später an.

Die folgende wellige Strecke war schön, nur wegen des Tempos (man jagt sich eben doch) bekam ich nicht so viel davon mit. Anschließend zurück zum Start der Runde, und in der Nähe der Oderquelle (so erzählte man uns) ein reichhaltiges Buffet bei ca. 30 Grad im Schatten. Für eine zweite Runde, die manche fuhren, war es mir zu heiß, und ich fühlte mich auch nicht so toll.

Wir schauten uns noch die erste Runde der Profis an und fuhren anschließend die heiße Straße bis zum Ziel. Hondo gewann den Sprint auf Kopfsteinpflaster deutlich vor den anderen.

Abends ein großer Schreck: Ich hatte für Peter Ansichtskarten im Rucksack verstaut, und die waren einfach weg - meine aber noch da. Eine ordentliche Erklärung steht aus. Offenbar gilt das Gesetz von der Erhaltung der Materie nicht in meinem Rucksack. Weil Ansichtskarten für ihn ein Lebensinhalt sind, war er verzweifelt. Das Organisator-Ehepaar Scheunemann rettete Peters Abend mit eigenen, auf Vorrat gekauften Karten.

2.Etappe (10.5.): Sternberk - Opava

120km, 26.4 km/h, 1500 Hm

Aus der Verletzung der Naturgesetze zog Peter die Konsequenz und fuhr ab sofort auch mit Rucksack. Das regte einige Leipziger auf. Nicht so ernst gemeint, aber ein guter Anlass zu Sticheleien. Eigentlich wollten wir den "dicken Karl", der gestern keinesfalls neben mir fahren wollte, weil ich einen Rucksack hatte, in die Mitte nehmen und uns fotografieren lassen. Es kam leider nicht dazu.

Um es vorweg zu nehmen: Das war wohl die schönste Etappe bei einer Friedensfahrt bisher und eigentlich auch dieses Jahr. Es war eine herrliche Landschaft bei optimalem Wetter. Wellen, Berge, Felder, Wälder, Fernblicke, Sonne, Wolken - man muss es erlebt haben. Die Landschaft heißt "Nizki Jesenik", Niederes Jesenik-Gebirge, im Unterschied zum "Hruby Jesenik" (Altvatergebirge).

Die Profis starteten so etwa 15km entfernt in Unicov und fuhren von dort nach Sternberk. Das Stückchen waren wir ohnehin schon am Vortrag gefahren, schenkten es uns also. So ging es einmal ohne vorherigen Bustransfer ab Hotel los, gleich in einen langen Berg hinein. Der war nicht steil, immer so 5%, aber 10 oder 12km lang und von reichlich 200 auf 600m ansteigend. Ich fuhr mein Tempo, und alles war wie immer: Ab km 5 legten die drei Triathleten los (da versuche ich gar nicht erst, dran zu bleiben), danach jagten sich Edgar und Peter gegenseitig (sollen sie jagen), danach ich mit meinem eigenen Tempo. Nur die Leipziger blieben diesmal weiter hinten. Nanu?

Am Buffet vor Odry nach etwa 70km kamen wir auch in dieser Reihenfolge an. Vorher konnte ich jedoch ein langes, flaches, herrliches Tal kilometerlang hinabsausen, meist mit 45 km/h, und das allein ... Ich kam trotzdem noch zu genügend vielen Blicken auf die steilen, bewaldeten Hänge. Auch eine Eisenbahn fährt dort entlang: Meine Empfehlung selbst für Nicht-Sportler.

Zwei Bergwertungen der zweiten Kategorie hatten wir zu fahren und noch einen durchaus ebenbürtigen Berg. Diesmal konnte ich an die Grenze gehen, wenigstens beim zweiten Berg. Peter war nicht an "gewohnter Stelle", aber Edgar folgte den drei Triathleten und war für mich "eigentlich" nicht mehr einzuholen. Ich staunte aber, dass ich langsam nach vorn fuhr, bis schließlich nur noch diese vier Leute vor mir waren. Edgar konnte mich mit Ausdauer am Berg gewiss in die Pfanne hauen. Also legte ich in einer kleinen Senke mit Maximaltempo von hinten los und brachte schnell einige Dutzend Meter zwischen uns beide. Obwohl ich auf der langen Schräge weiter oben natürlich einbrach, kam er nicht mehr heran. Aha, so macht man das mit ihm.

Der dritte Berg wand sich in engen Serpentinen, teils an einer Felswand, nach oben. Das war toll. Er war aber auch nicht steiler als 7% an einigen Stellen. Wie immer zeigten alle Schilder 12%, weil diese in Tschechien bekanntlich in Brauereien produziert werden und 12% Stammwürze üblich sind ;-)

Die Etappe war von Anfang bis Ende schön. Ich erinnere mich noch an eine ganz schmale Allee - ein Begleitfahrzeug der Friedensfahrt kam mit Ach und Krach an uns vorbei -, die wie ein grüner Tunnel wirkte.

Vor Opava zeigte sich links unter wenigen Wolken das Altvatergebirge, wo wir morgen hin mussten - mit ziemlichen Schneefeldern.

Eigentlich sollte mal ein Zielsprint in Opava stattfinden, doch ein Linienbus durchkreuzte alle Pläne. Wir waren etwas zu früh. So blieb Zeit für einen kleinen Stadtrundgang. Mit Olomouc konnte die Stadt zwar nicht mithalten, aber Sehenswertes (auch an Neubauten) gab es allemal.

Wieder siegte Hondo im Sprint, und wir fuhren per Bus auf kürzestem Wege zurück ins Hotel nach Sternberk. Mann, sind wir weit gefahren ...

Morgen mache ich mich winterfest. Wer weiß, was uns erwartet. Paul erzählte noch eine nette Geschichte: Er wurde bei einer Radtour von plötzlichen, ergiebigen Schneefällen überrascht und musste so schnell wie möglich heim. Binnen kurzem war der Schnee so hoch, dass schon die Pedale eintauchten. Wie auf rohen Eiern balancierte er und versuchte eifrig, nur geradeaus zu fahren. Am nächsten Tag erzählte ihm ein Bekannter an der Strecke, er hätte eine eigenartige Spur gesehen, die er sich nicht erklären könne: Eine tiefe, schnurgerade, dünne Linie im Schnee und rechts und links davon in regelmäßigen Abständen Kuhlen ...

3.Etappe (11.5.): Vrbno - polnische Grenze 82km (Kneiferetappe)

82.3km, 24.8 km/h, ca. 1100 Hm

Auf das Altvatergebirge freute ich mich besonders, es soll sehr schön sein. Soll - denn wir sahen kaum etwas. Die Originaletappe mit 190km Länge und 7 Bergwertungen war aus Zeitgründen nicht drin, wir stiegen statt in Krnov erst in Bruntal ein. Das heißt, wir wollten. Es gab offenbar Bedenken wegen der Zeit, und immer wieder einsetzender Regen machte auch nicht gerade Mut. Unser Chef Scheunemann hatte sowieso schon geplant, bis Vrbno zu fahren. Aber dort, nach dem nächsten schweren Guss, fuhren sie noch weiter. An einem der folgenden Tage meinte einer: "Wollen wir Rad fahren oder eine Bustour machen?" An diesem Tag waren leider (oder zum Glück) zu viele "faul". Jedenfalls stiegen wir irgendwo am Berg ein, sehr ungünstig - ein bisschen flach einrollen wäre schöner gewesen. So blieb vom ersten Berg nicht viel übrig. Es nebelte, es nieselte, es war mistig. Auch an diesem Tag hatte ich mich während der Abfahrten von fast allen überholen lassen. Schon bei der zweiten Etappe lag ich nach allen Abfahrten hinten. Mir war bei den teilweise hoppeligen, sich blitzartig ändernden Straßen nicht nach irgendeinem Risiko zu Mute. An den folgenden Bergen oder in der Ebene kriegte ich sie ja doch wieder ein. Ich weiß noch, dass bei mir einmal 60 km/h als Maximalgeschwindigkeit auf dem Tacho standen und bei Edgar 76.

Nun ging es hoch zum Cervenohorske Sedlo (Rotbergpass?) auf 1000m mit angeblich 14% Steigung, eine Bergwertung erster Kategorie. Von 14% konnte keine Rede sein, es zog sich ganz gleichmäßig hoch, maximal 7%, typisch 5% über ca. 10km. Diesmal fuhr auch der Berliner Lutz vor, ich blieb bei meinem Tempo und hoffte auf wenige schöne Blicke. Doch wir fuhren in dicken Nebel hinein. Die Gegend war trotzdem schön, nur die Schneeflecken bemerkte ich nicht.

Erst bei der Abfahrt kamen wir unter die Wolken, doch unterhalb von uns waren auch noch welche vom Regen vorher. Das sah toll aus. Nur war das Wetter eben typisch für die Gebirgszüge in dieser Gegend (die Schneekoppe im westlicher gelegenen Riesengebirge, 1600m, hat keinen Bewuchs, nur nackte Felsblöcke, und etwa 30 Schönwettertage im Jahr). Edgar fuhr hinter mir her; er suchte sich jemanden, der sich in der fremden Gegend orientieren konnte. Mit über 40 km/h, teilweise über 50 Sachen, jagten wir eine leicht abfallende Straße entlang. Seit langer Zeit leistete mein 11er Ritzel hinten einmal wieder gute Dienste (das große Blatt vorn hat aber nur 46 Zähne).

Buffet, vollfressen bis Anschlag. Die anderen kamen erst, als Edgar und mir schon kalt wurde. Peter war schon lange vor uns da gewesen und soll nur zwei Riegel mitgenommen haben. Sonderlich warm angezogen war er nicht, er fuhr auch viel zu oft in kurzen Sachen. Wir hätten Schnee haben können!

Edgar und ich zogen zu zweit los. Es ging nochmals ziemlich in die Berge. Ich wurde mir selbst unsicher wegen der Orientierung und nutzte sogar einmal einen Kompass. Aber wir fuhren letztendlich doch richtig. Die Gegend war sehr schön, das Wetter leider das blanke Gegenteil. Vor der polnischen Grenze gab es für die Profis zwei kurze, sehr bergige Runden zu fahren, die wir auslassen sollten. Nächster Treffpunkt für alle war die Grenze. Kein Problem, dort kann man immer irgendwo warm sitzen.

Vor Kraliky an der Grenze wurde der Regen so stark, dass man kaum noch gucken konnte. Eklig, einfach eklig. Dann die Grenze - und alles zu, wirklich alles außer einem Stehbuffet. Das hätten wir nicht ausgehalten. Also über die Grenze (der Personalausweis reichte zum Glück, obwohl manchmal ein Pass verlangt wird: viele hatten keinen Pass mit). Gleich dahinter eine polnische Gaststätte. Die sah sehr gut aus, und auch die Toiletten, die ich dringend brauchte, wirkten eine Klasse besser als in Tschechien. Wir kamen nicht dazu, wenigstens einen warmen Tee zu trinken. Ich rief zuerst Siggi per Handy an, wo wir stecken. Kaum hatte ich den Ort durchgesagt, stieg der Akku aus. Nochmal angewärmt, dann eine SMS an Peter Scheunemann geschickt. Doch der wusste nicht, wie man so etwas liest, wie sich später herausstellte. Ich fuhr nochmals hoch zur Grenze - keiner da. Mann, war das kalt und eklig. Als ich von der Toilette hochkam, wollte ich Edgar zur Grenze schicken - da stand Peter Scheunemann schon da, weil er von Siggi wusste, wo wir sind. Das alles zeigt, dass man wirklich Vorsorge für Eventualitäten treffen sollte, die man nicht voraussehen kann. Edgar hatte ab da immer sein Handy mit.

Peter war eine der Profirunden gefahren, sehr schwer und mit schlechter Straße. Überhaupt gab es viele schlechte und sehr einsame Straßen auf der Route, weil das Sperren von Hauptverkehrsadern teuer und aufwändig ist. Wir erfuhren aber von den Profis selbst, dass sie noch ganz andere Dinge gewohnt sind. Nur Hobbyfahrer stellen hohe Ansprüche :-)

Peter hatte aber Glück, die anderen noch getroffen zu haben. Ein Handy hatte er vermutlich nicht mit ...

Es wären noch 60km bis Polana Zdroj gewesen - wir brachen ab. Genaugenommen schade, doch manchmal ist es auch nicht schlecht, ein Weichei zu sein. Der Zielsprint fiel aus.

Das neue Quartier lag aus Kostengründen nochmals in Tschechien. Wirklich aus Kostengründen (und man brauchte nicht so viel Angst um die Autos zu haben). Ruprechtice - wer kennt das? Es ist ein Dorf an einer Sackgasse bei Broumov, hinter den berühmten Adrspacher Felsen, kurz vor der polnischen Grenze. Wir gondelten fast zwei Stunden lang auf für diese Ecke typischen Straßen herum: Eine Kurve nach der anderen, ständige Wellen, schwierige Orientierung. Und dazu noch Baustellen. Die Orte oft sehr ärmlich. Am verfallensten wirkte Nachod, bekannt duch ein großes Kloster.

Der erste Eindruck von Ruprechtice harmonierte mit seiner zentralen Lage im Weltgeschehen: Waren die Häuser noch bewohnt, oder schon Ruinen? Ein verfallenes Haus neben dem anderen. Kein Mensch kommt hier her. Was wird das für ein geniales Quartier werden? Man erzählte sich von diversen Etappenfahrten (wie Berlin-Neapel, an der ich teilnahm), z.B. nach Moskau, wo man einmal unter einem undichten Stadiondach im Regen schlief und einmal am Strand ...

Der Bus hielt an. Waaas, hier? Das sollte eine Schule sein? Wenigstens brauchten wir hier weder um Bus noch Auto noch Räder zu fürchten. Wer sollte hier etwas stehlen?

Die Schule war innen doch besser als außen, holzgetäfelt, mit einfachsten Mitteln ganz gut eingerichtet. Umweltgeschädigte Kinder aus dem böhmischen Kohlebecken (wo auch genügen Chemieindustrie zu Hause ist) dürfen hier für eine oder mehrere Wochen gute Luft atmen. Die war hier wirklich.

Nun ja, 10 Mann in einem Saal (auch Schnarcher), vier ulkige Duschen, die man besser nicht alle gleichzeitig benutzte, das Essen deutlich dürftiger als im Sporthotel (wo es rundum erste Güte war). Aber man bemühte sich. Vorher gingen Peter und ich noch zur einzigen Gaststätte, oder sagen wir besser Bierstube, des Ortes. Da kenne ich in Tschechien ja auch so einiges. Man muss erst einmal den Mut haben, sie zu betreten, innen wird es dann meist deutlich besser. Diese Bierstube jedoch sah schon von außen leidlich aus, und von innen sehr leidlich. Ein großes Bier für umgerechnet 50 Cent, eine nette Wirtin, alles OK. Und einen sehr lieben Hund lernten wir kennen. Leider konnten wir ihm nur eine Salzstange anbieten. Macht man nicht, er wollte dann auch nicht mehr.

Ich redete wie jeden Abend noch ein wenig mit unserem Busfahrer. Dieses Jahr klappte die Verständigung besser. Er verstand auch etwas Polnisch (ich spreche polnisch gut, tschechisch wenig). Eine Bekannte von ihm wohnt in Teplice und arbeitet dort als Hilfskraft in einem Kurbad. Dafür bekommt sie etwa 5000 Kronen im Monat - also ca. 170 Euro. Auf der anderen Seite muss sie irgendwo wohnen, und der Anteil der Eigentumswohnungen ist sehr hoch. Also musste sie einen Kredit aufnehmen ohne Chance, ihn zurückzahlen zu können. Von solchen typischen Problemen hörte ich ständig. Das Leben in Tschechien ist für viele unheimlich hart. Der Busfahrer arbeitet auch als Einzelunternehmer, ein Diebstahl seines Busses in Polen wäre für ihn das Ende. Eine Auslandsversicherung war offenbar zu teuer für ihn. Mann, freute ich mich, dass wir jedes Jahr für ihn gesammelt hatten (und diesmal noch mehr).

Ein Pole erschien, der die folgenden Quartiere organisierte. Seine Aussagen machten mir Hoffnung - Absteigen waren nicht mehr zu erwarten.

4.Etappe (12.5.): Woliborz - Walbrzych

126km, 24.3 km/h, 2000 Hm

Das wurde die Königsetappe für uns. Die Profis fuhren Zickzack und Runden, die wir aus Zeitgründen (und auch von der Kraft her, es waren ja viele ältere Fahrer dabei) nicht so nehmen konnten. Peter Scheunemann bastelte daraus eine ganz ansehnliche Route für uns zusammen.

Doch vorher hieß es erst einmal über die Grenze kommen. Man sollte Stellen meiden, wo Zöllner an Langeweile leiden. Otovice-Tlumaczow ist aber so einer. Ein junger Lackaffe in weißem Hemd und Schlips "erfand" (vielleicht war es wirklich so) eine Gebühr für tschechische Autobusse, die erst zu berappen war. Große Diskussionen, niemand hatte bisher Zloty. Immer mehr offensichtlich unterbeschäftigte Leute kamen aus dem winzigen Container. Wir sollten doch schon aus DDR-Zeiten wissen: Nutze niemals Grenzübergänge, wo die Beamten unterbeschäftigt sind.

Irgendwo in einem Haus wurden Zloty getauscht, irgendwoher kam das Geld. Der erste Eindruck vom Land war trotzdem deprimierend. Ich war praktisch seit der Wende nicht mehr richtig in Polen gewesen und sehr gespannt. Polen war mir eigentlich eine zweite Heimat, ich hatte dort in den 70er Jahren mehr Freunde als zu Hause. Was wir an der Grenze erlebten, waren bald weißrussische Verhältnisse.

Wie üblich bei Scheunemann-Touren ging es trotzdem weiter. Ein Glück, dass wir so zeitig aufgebrochen waren und diese Stunde noch als Reserve hatten.

Der erste Ort war Nowa Ruda. Die deutsche Übersetzung "Neues Erz" besagt schon, wie es dort aussah. Diese Ecke Schlesiens ist eine ausgesprochen arme in Polen. Alles sehr grau und ziemlich trist. Nicht so verfallen wie Ruprechtice und Nachod, doch eben auch ohne Highlights. Na gut, Wunder hatte ich keine erwartet.

Wir packten die Räder aus und fuhren auf hoppliger Straße los. Die erste Bergwertung nahmen wir in der "verkehrten" Richtung, sie wurde dadurch sehr leicht. Aber die Landschaft war schön, das war ja toll! Bei der Abfahrt hieß es aufpassen, denn die Straße war ziemlich mies - ausgebessert wird vor allem bei der Abfahrt, aber für die Profis, und wir fuhren wie gesagt falsch herum.

Vier Mann, auch ich, fuhren dann bei sonnigem Wetter und herrlicher Sicht zu weit. Inzwischen weiß ich, dass wir alle hätten vorher links abbiegen müssen. Dass hatte niemand richtig gemacht. Scheunemann stand an einem anderen Abzweig, aber so, dass wir vier ihn gerade nicht sahen. Das kostete uns einige Zeit (am Ende 15 Minuten) und eine geschwinde Fahrt den anderen hinterher, denn mittlerweile hatte man uns per Auto abgefangen (da wir etwas über 40 km/h fuhren, erst recht spät). So ging es hopplig (keine Originalstrecke) durch vergessene Dörfer den anderen hinterher. Die Orte waren wirklich nicht das Wahre, doch die Landschaft entschädigte. Die Höhenzüge links waren das Eulengebirge (Sowe Gory), über die wir gleich wieder hoch mussten.

Der nächste Pass - wieder eine Bergwertung der ersten (höchsten) Kategorie - war zwar 10km lang, aber nur gleichmäßig 5% steil. Ich fuhr seelenruhig mein Tempo und genoss die Landschaft und den herrlichen, tiefen Wald. Eigentlich war die Straße schlecht, aber ich kann die Route (Pieszyce-Jugow) trotzdem jedem empfehlen. So eine tolle, einsame Waldstraße hat etwas für sich. Irgendwo fotografierte Peter Scheunemann. Ich sagte zu ihm: "So könnte es noch Kilometer weitergehen." - "Geht es aber leider nicht." Noch an die 2km waren mir vergönnt, dann tauchten mit weißer Farbe auf die Straße gemalte Namen auf und zwischendrin immer wieder ein Dreizack. Nanu, hier ist doch nicht etwa - ? Doch, er war da: Der von der Tour de France allen bestens bekannte "Teufel" Diddi Senft mit seinem riesigen Rad, vielleicht 3x6m groß, das sogar schon einmal gefahren sein soll - allerdings unbemannt bergab, nicht ganz beabsichtigt. Diddi ist genau so, wie er im Fernsehen auftritt: Einfach ein verrückter, radsportbegeisterter Fan aus Berlin. Wir schossen ein paar Starfotos - Aufnahmen mit dem Teufel machen sich immer gut. Diddi trug übrigens ein offzielles "Organisateur"-Schild der Friedensfahrt.

Die Abfahrt war anfangs wieder so, dass ich mich seelenruhig überholen ließ: Eine sehr ruppige Straße. Aber schön, die Fernblicke waren ja irre! Lutz machte das einzig Richtige: Ein paar Aufnahmen (ich hatte meinen Fotoapparat nicht mit). Hoffentlich sind sie geworden. Solche schönen Berge hätte ich nicht erwartet. Wer kennt schon das Eulengebirge?

In Nowa Ruda hätte es fast noch einen Massensturz gegeben. Auf einer sehr engen, abfallenden Straße lief rechts das Superweib mit absolutem Fahrgestell und hüftlangen, offenen, blonden Haaren, die zudem von vorn noch so gut aussah wie von hinten. Keiner schaute mehr auf die schlechte Straße. Was soll das erst weiter nördlich werden, wo solche Erscheinungen häufiger sind?

Nach dem Buffet ging es in die Steinberge (Gory kamienne). Die drei Triathleten nach einiger Zeit wie üblich vorn, dann ich - wo blieben Peter und Edgar? Peter war am Pass vorher bestimmt wieder hochgejagt wie ein Wilder. Aber ich kannte ihn in besserer Form. Trainiere weniger und vernünftiger, dann wirst Du stärker!

Bergwertungen der zweiten Kategorie erschienen mir schon manchmal härter als die der ersten. So war es auch diesmal. Es ging wirklich verdammt lange hoch. Edgar kam irgendwann an, er fuhr einfach stark. Zu meinem Erstaunen fuhr er aber nicht gleich weg. Ich glaube, er ging zu häufig in den Wiegetritt. Dabei muss der Kreislauf mehr arbeiten, und jedesmal danach hätte ich ihn überholen können. Machte ich natürlich nicht, das hätte wenig gefruchtet :-)

Wenn einer stärker ist als man selbst, muss man ihn überlisten. Letzte Kurve vor der Bergprämie, noch 300m, Edgar schaltete hoch. Ich konnte deutlich leiser schalten, und plötzlich sprintete ich los. Das Gleiche wie vor zwei Tagen: Einbruch vor dem Zielstrich, doch Edgar kam nicht mehr heran. Edgar sagte: "Ick kann doch mit meenen 64 Lenzen nich mehr 300 Meter sprinten, wa." Hatte ich ja genauso wenig gekonnt ;-)

In der Abfahrt war er erst einmal weg, aber wir warteten immer wieder aufeinander, schon wegen der Orientierung. Die Tour führte eine sehr lange Abfahrt auf breiter Straße hinab (die 381 nach Osten). Als es wieder hochging, hatte ich Edgar gerade so eingeholt. Wir blieben zusammen. Er meinte: "Jetzt fahren wir moderat". Gut gesagt, wenn es wieder steiler wird, man muss trotzdem die Pedalen drücken und ziehen. Zu steil wurde es nicht, aber interessant: Diese Dörfer sahen aus, als würde niemals jemand hin kommen. Und trotzdem las ich "Zimmer frei" (auf Polnisch). In einem Dorf wankten uns zwei Gestalten entgegen, nicht sonderlich alt, aber vollkommen zugelötet. Sie mussten sich gegenseitig stützen, der eine schielte schon. Reif für die wildesten Filme über Russland.

An einer langen Serpentine sah ich unten Dieter und Ernst kommen, doch sie holten uns nicht ein. Edgar durfte standesgemäß als erster mit Vorsprung über die Linie der Bergwertung, dann ging es - endlich! - bergab. Unten kurz Halt bei einem Betreuerauto, Tria-Peter kam nach. Zu dritt fuhren wir nun sehr flott - oft mit knapp 40km/h - in einem schönen Tal hinab. Vorn schon die Einmündung auf die Hauptstraße nach Walbrzych. Das war's wohl für diese Friedensfahrt mit den Bergen. Zum ersten Mal nicht das dritte Kettenblatt gebraucht. Doch ... der berühmte rosa Pfeil mit der blauen Friedenstaube zeigte auf einen schmalen Weg hinter einem Sonnenschirm. Ruckartig knickte die Straße ab, allerdings nach oben. Und wie! Ich schaffte es gerade noch rechtzeitig, auf das dritte Blatt zu schalten, dann wurde es noch steiler. Schon zeigte die Libelle 17% an (die anderen behaupteten mehr, aber diese Meinung teile ich nicht), auf schlechtem Untergrund (Löcher, Splitt, Steine, Risse im Asphalt). Es waren auch mal "nur" 12 oder 15%, aber es blieb genügend Spaß für den Fahrer übrig. Und der Berg war richtig lang. Edgar und Peter zogen fort, anschließend überholten mich die drei Triathleten. Oben waren mir die Beine ganz schön weich, schneller ging es nicht. Aber ... diese Blicke auf die Berge, wo kommen denn hier solche spitzen Kegel her? Das ist ja eine traumhafte Ecke! Insgesamt kam die Etappe "gefährlich nahe" an die bisher schönste von vorgestern heran.

Übrigens war das keine offizielle Bergwertung. Auch gab es keinerlei Schilder mit Prozentangaben. Nach meiner Erfahrung haben echte Berge sowieso keine Steigungsangaben, denn sonst wäre man ja vorgewarnt. Aber die Ecke ist toll, einfach toll. Der Ort hieß Jugowice - der obere Teil, nicht der unten im Tal ist gemeint ...

10km vor dem Ziel Warten auf den Rest. Die Gespräche drehten sich ausschließlich um Steigungsprozente (man übertraf sich in Schätzungen), Übersetzungen, Straßenqualität und Pulsfrequenzen. Nur die beiden unzertrennlichen Brüder Beyer behaupteten eisern, es wären maximal 11% gewesen, ihr Tacho wiese das so aus, und schwer wäre es auch nicht gewesen. Bis sich herausstellte, dass sie unten im Tal gefahren waren. Da wunderte ich mich aber, wo dann noch die 11% hergekommen sein sollen.

Wieder wurde nichts mit dem Zielsprint, 5m vorher war Schluß: Die Werbung und die Linie wurden gerade aufgeklebt. Im Schritttempo ging es dann darüber. Mal was Neues.

Bei der "richtigen" Friedensfahrt riss das Feld völlig auseinander. Wesemann und Sosenka kamen mit fast 10 Minuten Vorsprung ins Ziel. Wesemann ließ den "Halbpolen" Sosenka, der für das polnische Team CCC fährt, ohne jeden Sprint die Etappe gewinnen und hatte dafür die Gesamtwertung erst einmal sicher. Eine große Geste, beide reichten sich nach der Ziellinie die Hand, und die Polen waren außer sich vor Freude. Die letzten trafen nach über einer halben Stunde ein.

Ich kam mit einem anscheinend jüngeren, schüchtern wirkenden Polen ins Gespräch, der ein Trekkingrad fuhr und bei dieser Hitze lange Hosen trug. Der Grund: Er hatte im Bergwerk ein Bein verloren. Danach stürzte er sich regelrecht auf den Sport und begann mit Marathonlauf sowie sehr erfolgreich Basketballspiel (das erfuhr ich aus einem Artikel, den er mir gab). Als erster Behinderter umfuhr er ganz Polen mit dem Rad - 3200km in 40 Tagen. Das wurde in den Medien ziemlich gefeiert. Sein nächstes Ziel wird eine Europafahrt sein: 8200km in 80 Tagen. Ich versprach zu versuchen, die Medien für ihn zu interessieren. Übrigens hieß er Henryk Fortonski und war 46 Jahre alt.

Es ging mit dem Bus noch 50km nördlich bis Legnica. Ziemlich gehässige Bemerkungen über Polen waren im Bus zu hören, fast schon die Grenze zum Rassismus. Auch Legnica sah nicht so toll aus, obwohl man mit offenen Augen doch den Unterschied zu Tschechien bemerken musste: Überall Reklame, überall Gewerbe - sehr klein, vieles behelfsmäßig, aber eine bemerkenswerte Aktivität. Dazwischen auch recht teure Neubauten, Wohnhäuser wie Gewerbebauten. Und obwohl der erste Eindruck oft trist war, fehlten die hoffnungslos verfallenen Bruchbuden, wie sie in Tschechien immer noch häufig sind. Peter hatte das natürlich alles genau so gesehen - er kannte Osteuropa schon gut und wusste schon immer das Positive zu erkennen.

Ich gab mir keine Mühe, auf die Ankündigungen des Polen gestern hinzuweisen. Unser Quartier würde schon gut werden. Und es wurde gut. Die Straße war zwar schwer zu finden (ein freundlicher Taxifahrer und ich als Dolmetscher halfen schließlich), aber die kleinen Minihotels sahen schon von außen exzellent aus. Die Zimmer waren top, und das Essen noch "topper". Die jungen Besitzer oder Pächter scheuten keine Mühe, uns zufrieden zu stellen. Kurz vorher erst hatte das polnische Radsport-Profiteam Mroz dort geschlafen, und so wussten sie genau, was Radsportler brauchen. Hm, das übertraf auch das Sporthotel Sternberk um einiges. Man war rundum zufrieden und handelte die Pension sofort als Geheimtipp.

Peter Scheunemann bot an, dass bis zu drei Mann am Folgetag einmal eine vollständige Etappe fahren können - 200km flach. Er würde sie früh zeitig zum Startort fahren. Ich war sofort dabei, und Edgar, hurra, auch. Klar, 64 Jahre ist doch kein Alter. Tria-Peter sagte nur: "Keinen Kilometer mehr extra." Dreischichtbetrieb, Bauarbeiten und 100km am Tag sind einfach zu viel. Ich machte mir Sorgen. Na gut, er war schon 56 ...

Mit dem Hotelbesitzer plauderte ich abends noch ein wenig und fragte hinterhältig, wie sich die Polen denn jetzt als Supermacht fühlen - immerhin wurden sie von den USA als Besatzungsmacht für den Irak "eingeteilt". Die Reaktion war typisch für einen Polen: Breites Grinsen, und dann "jaja, die Politiker, lass' sie nur machen ..." Sie hatten früher zwischen den Großmächten gestanden und sich dabei nicht schlecht gefühlt, auch heute nehmen sie halt von jedem ein bisschen mit :-) Aber ich selbst hatte schon vor knapp 30 Jahren nur eine Meinung kennengelernt: Die da oben sollen ihre Politik machen, wir machen unseres. Und dabei haben doch bekanntlich zwei Polen drei Meinungen!

5.Etappe (13.5.): Jawor - Zielona Gora

202km, 28.9 km/h, ca. 1000 Hm

5.15 Uhr aufstehen ist für die meisten Menschen etwas Schlimmes, für Programmierer, Autoren und sonstige Nachteulen wie mich der blanke Graus. Abgemacht war: Bei strömendem Regen fällt die Vorstellung aus, wir fahren dann mit den anderen die "Normaltour" mit.

Aber es war Prachtwetter, und alles klappte reibungslos. Wieder hatten sich die Wirtsleute rührend um uns bemüht, Peter Scheunemann stand extra zeitig auf und fuhr uns die ca. 20km zurück nach Jawor zum Original-Startplatz der Etappe. Ziemlich pünktlich 6.45 zogen wir los. Markierungen gab es um diese Zeit noch keine, auch waren nirgendwo irgendwelche Aufbauten für den Start zu sehen. Mit etwas Fragen und dem siebenten Sinn fanden wir die richtige Ausfallstraße, eine schöne Allee. Leider war der Asphalt so wellig, dass wir gleich zu Anfang relativ flott fahren mussten. Ich hätte mich gern etwas lockerer eingerollt. Wie angekündigt war es total flach, nur hinten schauten ein paar bewaldete Berge heraus.

Und auf die ging es hoch, wo sonst. Zu meiner größten Überraschung reichlich 5km lang, mal mit 5-7%, mal flacher, aber immer hoch. An den ausgebesserten Schlaglöchern und den geschmückten Orten sowie der Reaktion einiger früher "Zuschauer" merkten wir, dass wir noch auf der richtigen Route waren. Oben eine schöne Hochebene im Morgenlicht, Fernblicke, Wälder, Ruhe - schon das hatte doch das zeitige Aufstehen gelohnt. Die Straße von Jawor nach Jelenia Gora, auf die wir dann kamen, war jedoch nochmals eine Steigerung. Kurvenreich, in ständigem leichten Auf und Ab schlängelte sie sich durch herrliche Mischwälder. Die ganze Gegend wirkte unberührt, nur wenige Orte säumten die Straße. Und die Straße war total glatt, wie neugemacht, eine Erholung nach dem Rütteln vorher. Allerdings war es natürlich nicht flach, wie anscheinend immer bei Friedensfahrt-Flachetappen - zum Beispiel ging es in ein Tal mit ausgewiesenen 11% längere Zeit bergab.

Edgar schwärmte. Er stammte aus Schlesien, wurde aber mit 6 Jahren nach Berlin übergesiedelt. In seiner Erinnerung sowie von den Erzählungen her hatte er sich Schlesien genauso vorgestellt, wie er es nun erlebte. Er stieß sich nicht an den alten Häusern, sondern fand das Land einfach schön. Verfallene Häuser lassen sich renovieren, zerstörte Landschaften nur sehr schwer oder gar nicht.

Wir wussten, dass wir nach Zlotoryja mussten, bogen also dann rechts nach Swierzawa ab. Auch das Kaczawa-Tal war ein Genuss. Erstaunlich hohe Hänge rechts und links. Edgar fühlte sich an manche Stellen im Bayrischen Wald erinnert. Dann wurde es wieder weiter. Der einzige Wermutstropfen war ein sehr harter Schlag in unseren Gabeln: Wir hatten die Qualität der Bahnübergänge etwas überschätzt. Also nicht nur in Tschechien langsam darüberfahren (oder wenigstens das Rad kräftig hochreißen)!

Nach 45km waren wir in Zlotoryja, was wahrscheinlich so viel wie "Goldgräberei" heißt. Über der Straße hing jedenfalls ein großes Transparent, das zur ersten polnischen Goldwäschemeisterschaft einlud, und es gab auch ein Goldmuseum. Das Zentrum war ansehnlich, doch wir mussten vor allem herausfinden, wohin die Route führen sollte. Schwupp, war der Schnitt um 1 km/h gesunken. Soviel dazu, wie relativ Schnittangaben sind. In diesem Ort sollten die anderen starten. Uns fehlten 15km. Wer weiß, wo die Profis noch herumgeführt wurden: Das war für uns nicht herauszubekommen. Aber was soll's, unsere Vorsuppe war der mit Abstand schönste Teil des Tages.

Nach wenigen Wellen wurde es nun doch flacher. Trotz ziemlichen Kantenwindes fuhren wir in der Regel mit 34-37 km/h. Edgar hatte sowieso keine Probleme, und ich selbst staunte, dass es so gut lief. Wegen der Orientierung fuhr ich auf den ersten 160km nur vorn. Das passte mir, denn ich vergleiche Zahlenangaben am liebsten von Alleinfahrten, sie sind "fairer".

In Sprotawa erwischten wir überraschend unser Buffet. Wir hatten uns schon auf Selbstversorgung eingestellt und 10km vorher mal eine Pause gemacht. So aß ich wenig, was sich rächen sollte. Die folgenden 16km nach Zagan wurden die schwersten, das war mir klar - nur Gegenwind, der inzwischen ziemlich kräftig geworden war. Das schöne Wetter war inzwischen aufgebraucht, es zogen wie bereits an den anderen Tagen gegen Mittag dunklere Wolken auf. Aber die Schauer waren kurz und harmlos, wir hielten deswegen nicht an.

Nach 160km brauchte ich eine Pause. Edgar sagte: "Von jetzt ab ist jeder Kilometer für mich Neuland." - "Wieso?" - "Ich bin noch nie zuvor eine längere Strecke gefahren." Aber es bestand kein Zweifel daran, dass ihm die 200km nichts ausmachen würden, und so war es auch. Mir schon eher. Manchmal hatte Edgar doch etwas Windschatten abbekommen, und vor allem war er stärker. Auf den folgenden 10km klinkte ich mich bei ihm ein. War es der angebliche Rückenwind, oder doch ein leichter Windschatten? Es ging wieder flott wie am Vormittag vorwärts.

Eigentlich hatte ich Angst, in Polen zu fahren, denn die Polen selbst warnten mich vor ihren Autofahrern. Aber wer zuvor in der Slowakei war - verglichen meinen Bratislava-Bericht -, hat das Fürchten verlernt. Es ging eigentlich, gerade Pkw-Fahrer waren oft recht höflich. Nicht alle, klar. Manche konnten wohl auch nicht richtig fahren. Doch das soll es gerüchteweise sogar im Autoland BRD geben. Nur die großen Laster waren ein Problem. Bei der großen Gruppe nach uns mussten sie warten, doch Edgar und ich wurden eher mal überholt. Wenn so ein Koloss mit 60t und vielleicht 80 Sachen angebraust kommt und dann bei einem entgegenkommenden Laster einschwenken muss, wird es eng. Da sind sauberes Fahren und gute Nerven gefragt. Auf selbstgewählten Touren würden ich allerdings auch keine Haupttrassen fahren. Das ist der Nachteil bei der Friedensfahrt: Man befindet sich dort eben nicht nur auf wilden Seitengassen, sondern ebenso auf "undiskutablen" Straßen, die man sonst tunlichst meidet.

Die Tour zog sich, die Ortschaften waren alle nicht so berauschend gewesen, und flache Landschaften werden doch mit der Zeit monoton, wenigstens für Bergkranke wie mich. Mir fiel ein, dass "Zielona Gora", unser Zielort, auf deutsch "Grünberg" heißt. Und richtig, es begannen diverse Wellen. Bei Tempo 30 nach 170km taten die schon weh. Irgendwo fuhr Edgar am Berg davon und bemerkte nicht, dass ich abreißen ließ (das war eher mangelnde Erfahrung, kein böser Wille). Wir trafen uns im Ziel und fuhren die Runde der Profis wenigstens einmal ab (die Profis mussten sie dreimal absolvieren). Das Wetter war sehr gewittrig, Sonne und Güsse wechselten sich ab. Der Verkehr war schlimm, doch ich war das schon gewohnt. Edgar nicht. Er hatte Angst. Das war nicht verkehrt. Angst haben ist allemal besser, als leichtsinnig zu sein.

Bei einem Antritt trat ich plötzlich durch. Schreck - geht der Freilauf kaputt? Nein, das Hinterrad drehte auf nassem, weißen Asphalt durch. Der war dort besonders glatt. Edgar war offenbar gerutscht oder ihm das Gleiche passiert. Jedenfalls meinte er sofort: "Nach dieser Runde ist Schluss, hier bringst Du mich keinen Kilometer weiter."

Aber ich musste. Als Anfänger hatte ich auch mal bei 190km aufgehört, jetzt könnte ich damit nicht mehr ruhig schlafen. Also fuhr ich noch 7km in Richtung Zagor. Logo war es bergig, viele Pfützen und Rinnsale auf den Straßen, wilder Verkehr - allein und eben geradeaus fahren kann schließlich jeder. Dann kehrt, ein kleiner Verhauer, und mit 202km war ich im Ziel und "Marathon-Vorruheständler": Das war meine 60. Tour mit mehr als 200km. Aber ich war kurz vor dem Hungerast und musste mir ganz schnell noch zwei hochappetitliche Müsliriegel zwischen die Zähne schieben. Slowakische Riegel hätte ich dabei so gern gehabt, vor allem die mit Capuccino-Geschmack :-(

Die anderen kamen ungefähr eine Stunde nach uns und hielten uns lange Strecken (160km. Soso. Aha.) sowie hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten unter die Nase: 31, sogar 32 km/h. Aber das war natürlich ein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen. Bei diesem Wind darf man zwischen Allein- und Gruppenfahrt (zumindest in einer so großen Gruppe) wahrscheinlich 5 km/h Differenz ansetzen. Edgar und ich hatten kaum Windschatten, zumindest ich nur auf max. 10 km. Und dann sind wir nicht nur länger gefahren, sondern ganz schön wellig bis bergig. Und wir hatten massig "Schnittversauer" dabei - das Suchen des Weges vor dem Start, die Holperstraßen zu Beginn, das Durchfragen (die ersten rosa Pfeile kamen ca. 30km vor dem Ziel), den heftigen Stadtverkehr. Wir waren hoch zufrieden. Den Zahlen nach war es meine schnellste 200er unter vergleichbaren Bedingungen. Bei den anderen muss es allerhand Streit gegeben haben: Wenn Nicht-Leipziger führten, war es immer zu schnell, ansonsten war eine höhere Geschwindigkeit OK; Scheunemann muss mal mit 40 vorangefahren sein, dass nur die jungen Triathleten und Peter hinterher kamen, was dann zu ziemlichen Brüllereien führte ... Edgar und mir war das egal, Tria-Peter lachte wie üblich darüber (das Beste in dieser Situation).

Als ich vom Rutschen auf dem weißen Asphalt erzählte, meine der gemütliche Lothar mit dem gemütlichen Bäuchlein und den ungemütlichen Muskelpaketen auf den Beinen: "Wie alt bist Du? 50? Als ich noch so jung war, da sind beim Antreten auf Pflasterstrecken die Steine durch die Luft geflogen, so eine Kraft hatte ich ..." Überhaupt gab es diesmal besonders viele Witzeleien.

Bis zur Ankunft der Profis blieb allerhand Zeit, und so konnten wir uns in aller Ruhe noch das Zentrum mit den Fußgängerzonen ansehen. Dort bestand die Stadt nicht mehr aus monotonen Plattenbauten, sondern hatte Gesicht. Etwas mehr Farbe durfe ruhig sein, es war noch lange nicht so "perfekt" wie beispielsweise in Olomouc, aber es war leidlich nett. Unter fünf Bäckern wählten wir den mit dem größten Angebot aus und waren total überrascht von der Qualität der Backwaren. Die waren wirklich Spitze, so gut hatte ich sie von früher her nicht in Erinnerung. Mohnrollen mit Mandelstückchen und Früchten, selbst normale Pfannkuchen (auch Berliner genannt) waren sehr gut, wo die mir doch außerhalb Dresdens nur selten schmecken (und auch in Dresden muss man den Bäcker kennen).

Nach Ankunft der Profis suchte sich unser Busfahrer seinen Weg durch die Stadt. Das gebuchte Minihotel sah genauso gut aus wie in Legnica, man sah durch die Fenster eines Saales schon die gedeckte Tafel. Hmmmm. Aber es gab irgendwelche Probleme und lange Diskussionen. Und natürlich schwarzen Humor unsererseits. Letztendlich sollten wir wohl woanders schlafen, oder gab es ein Missverständnis? Ich weiß es nicht, jedenfalls war das Essen für uns, und das anscheinend schnell noch organisierte Schlafhotel angeblich nur 8km entfernt. Wenn das 8km waren, erreiche ich höchstens 12km/h Schnitt. Doch das Hotel war gut.

Nach dem Duschen ging es mit dem Bus wieder zum Esshotel. Die Tafel war derart reichlich gedeckt, dass wir nicht alles schafften. Was das bedeutet, kann sich ein Außenstehender kaum vorstellen. Und das Essen war erste Sahne. Ich war wirklich total ausgepowert und aß 2.5 vorzügliche Portionen Spaghetti Bolognese sowie Schnitzel mit Kartoffeln und noch mehr. Dabei hatte ich schon drei Stück Gebäck am Nachmittag verschlungen ... Aber ganz offenbar war das notwendig und richtig so. Ich habe alles gut vertragen, im Unterschied zu Peter, dem es in der Nacht schlecht ging. Ich machte mir Sorgen um seine Gesundheit. Sein Stress würde mich garantiert krank machen. Zumindest würde ich dann fünfmal weniger Rad fahren.

Wir lobten unseren Busfahrer in der "Abschlussbesprechung" besonders. Er hatte wirklich ein paar tolle Leistungen vollbracht - sehr komplizierte Rangierereien mit Anhänger (in Legnica fuhr er z.B. rückwärts mit ihm auf eine sehr schmale Brücke ohne Geländer); er fuhr anstrengende Straßen (wie die zwei Stunden nach Ruprechtice), ohne dass es irgendwo knapp wurde trotz riskanter Überholmanöver des Gegenverkehrs, und auch der Spezial-Anhänger war eine geniale Erfindung. Er freute sich.

Tja. McMurphy lauert überall, besonders auf der Friedensfahrt. Auf den so genannten 8km zum Schlafhotel plötzlich Bummelfahrt. Totalpanne. Wir wir danach erfuhren, war die Wasserpumpe ausgefallen, die Achse hatte sich verdreht und Kugellager zerstört. Osteuropa-Technik? Nein, ein MAN-Motor, vor 1.5 Jahren generalüberholt und mit neuer Pumpe. Die alte, funktionierende lagerte in Prag. Weit, weit weg. MAN-Motoren gibt es in Polen kaum, die Chancen auf eine schnelle Reparatur waren fast Null.

Der Fahrer bastelte erst einmal, und ein größerer Teil von uns machte sich auf den Fußweg. Zum Glück war es warm und trocken. Nachtmärsche sind was Feines. Diese Ansicht teilen leider nicht alle ...

Dann holte uns der Bus wieder ein. Mit Standlicht in schnellem Schritttempo, bergab im Leerlauf, kamen wir weiter. Und schon wieder McMurphy: Vor uns auf der Straße eine Prozession. Straße zu, keine Umgehung. Viele alte Leute. Eine Hildesheimer Betreuerin meinte: "Die laufen ja langsamer als die Schafe gestern!" Die Schäfchen machten dann doch Platz, und wir kamen langsam vorbei.

Es war also wieder "richtige" Friedensfahrt: Man hatte sich ausgepowert und stand vor Problemen, die sehr viel Improvisation fordern. Aber auch dieses mal wurde man damit fertig.

6.Etappe (14.5.): Zielona Gora - Frankfurt/Oder

92km, 28 km/h, kaum Höhenmeter

Die oben erwähnte Improvisation sah so aus: Siggi hatte per Handy seine Frau geordert, ein Kleintaxi mit Anhänger von Leipzig nach Zielona Gora zu fahren. Damit war der Gepäcktransport gesichert. Unser Fahrer hatte den Bus so umgebaut, dass er bereits mit fünffacher Schrittgeschwindigkeit in der Ebene fahren konnte. Damit brachte er uns nach dem Frühstück im Schlafhotel zum Hänger mit den Rädern, der noch im Hof des Esshotels stand. Mit den Rädern fuhren wir zum Originalstart und von dort bis Frankfurt, wo inzwischen schon das Gepäck-Taxi wartete. Unser Busfahrer zuckelte mittlerweile langsam bis zur Grenze und ließ in Deutschland sein Gefährt reparieren, was dort problemlos ging. Statt der großen Runde in Deutschland war nur noch eine kleine von 20km geplant. Damit war wieder fast alles in Butter. Und am Abend vorher sah es noch so aus, als ginge gar nichts mehr ...

Zuvor machten wir jedoch noch eine Sammlung und übergaben unserem Fahrer die "Kollekte", so wie jedes Jahr. Das hing nicht mit der Panne zusammen, er hatte es auch so nötig. Fünf Euro pro Nase gaben wir sehr gern, er hatte schon so viel leiden müssen (vor allem in Vorjahr).

Bei kühler Witterung - 10 Grad und Wind - und dicken Wolken zogen wir los. Eine ganze Reihe von Fahrern fuhr in kurzen Hosen. Das ist bei einem Wettkampf (vielleicht noch mit einbalsamierten Beinen) etwas anders, aber 27km/h in der Gruppe sind sehr gemütlich. Auch Tria-Peter fuhr wie immer besonders kurz. Ich weiß - zum Glück nicht aus eigener Erfahrung - dass so irgendwann einmal die Kniee aussteigen.

Am "echten" Start in Krosno schien mal die Sonne, gerade richtig für ein Gruppenfoto mit den zwei Direktoren der Friedensfahrt, Dolezel und Strenger. Man kannte sich natürlich bestens ...

Später regnete es, die meisten zogen Regenjacken an. Edgar und ich kannten das Spiel von gestern - nur ein kurzer Schauer, und wir waren auch warm genug angezogen. So fuhren wir unerlaubterweise vorn (es war Gruppendisziplin befohlen :-), unerlaubt schnell. Aber die Luft reichte noch zur interessanten Unterhaltung, und ein Blick für die schöne Allee blieb ebenso noch übrig.

30km vor Frankfurt das Buffet. Man erzählte die neuesten Nachrichten: Zwei Mannschaftswagen waren in Zielona Gora gestohlen worden sowie noch ein Wagen vom MDR mit der kompletten Technik. Nach der Fahrt erfuhr ich noch, dass sogar bei Diddi Sentfs Wagen die Scheiben eingeschlagen und die Karosserie beschädigt wurden. Das ist die böse Kehrseite von Polen - die Kriminalität ist nach der Wende regelrecht explodiert, sogar Zugfahrten sind schon zu gefährlich geworden. Deswegen hatte ich auch noch keine Bekannten wieder gesucht: Ich wusste einfach nicht, wie ich sicher hinkommen sollte.

Nach dem Buffet zuckelten wir locker weiter. Nur als wenig später eine Pflasterstrecke kam und Siggi vorn nur noch 20-25km/h fuhr, meckerte ich: Dann rüttelt es am meisten, man muss schneller sein. Edgar als Urberliner war beherzter und fragte unseren Nebenhäuptling Siggi gleich: "Hast Du was dagegen, wenn wir voraus fahren?" - "Fahrt nur zu!" (... ihr wollt ja sowieso nur rasen ... :-)

Wow, endlich mal Tempo. Ich merkte die Vortage, Edgar nicht. In 14 Jahren, in seinem Alter, werde ich auch so trainiert sein. Jedenfalls fuhren wir mit 30 Sachen endlich lockerer über die lange Pflasterstrecke und danach deutlich schneller. 5 Minuten Vorsprung auf 25km bis zur Grenze.

Ich tat gut daran, die 20km-Runde nicht mitzufahren, denn mein Hauptabenteuer stand noch bevor. Weil der Bus ausfiel, konnte ich nicht bequem bis Dresden mitfahren, sondern musste mein Wohl und Wehe der Deutschen Bahn anvertrauen. Gegen deren Überraschungen kommen auch die wildesten Scheunemann-Abenteuer nicht an.

Die erste Überraschung war, dass die vorsichtshalber aus dem Internet besorgten Verbindungen wegen Schienenersatzverkehrs für Radfahrer entfallen. Ich hätte 3 Stunden in Frankfurt warten dürfen, oder aber binnen drei Minuten in den ersten Zug springen müssen. Ich entschied mich für Variante 2. Der Haken daran: Das war eine Verbindung mit viermal Umsteigen zu jeweils 10 Minuten oder weniger. Wegen der Umsteigezeiten hieße das: Maximal 5 Minuten Verspätung. Haha. Außerdem stand noch etwas von "Ersatzzug" dabei. Was das gewesen wäre, war nicht herauszubekommen.

Einigermaßen mathematisch Gebildete werden bestätigen: Wenn die Hälfte der Züge weniger als 5 Minuten Verspätung hat, beträgt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die gesamte Verbindung klappt, etwa 6%. Ich bitte um Beifall für meinen Optimismus.

Immerhin, der Zug war fast pünktlich in Berlin. Aber der nächste von der Ostsee hatte bereits eine ordentliche, sind ständig erhöhende Verspätung. So war mir eine Stunde Aufenthalt im Weltstadtbahnhof Senftenberg beschieden. Die Schaffnerin war außerordentlich nett und hatte mir nebst Verbindung sogar den Bahnsteig aufgeschrieben. Ich hatte eine Stunde Zeit, um das richtige der vier Gleise herauszusuchen. Das Leben in der großen Bahnhofshalle hätte sich auf den Fahrkartenautomaten beschränkt, wenn einer da gewesen wäre. War aber nicht, wie ich von einer Mitfahrerin erfuhr. Nix mit Imbiss, auch auf dem Vorplatz mit Busbahnhof nicht. Dabei wurde in Senftenberg schon viel hergerichtet. Nur die Bahn war noch nicht so weit ...

Jedenfalls war ich einschließlich kurzer Radtour mit Gepäck nach nur 6.5 Stunden zu Hause. Das war locker 1 Stunde schneller, als ich ohne Gepäck und ausgeruht mit dem Fahrrad gebraucht hätte. Sage keiner, Bahnfahren lohne nicht.

Nachbetrachtung

Für die Wasserpumpen-Panne konnte keiner der Organisatoren inklusive Fahrer etwas. "Typisch" für Friedensfahrt-Abenteuer war eher das glorreiche Quartier im Welthandelszentrum Ruprechtice. Und in Zukunft werden nur stärker frequentierte Grenzübergänge genutzt! Aber sonst war es vor allem landschaftlich eine ganz herrliche Tour.

Zum Vergleich: Vom 1. bis 4. Mai fand eine analoge Veranstaltung in Deutschland statt, auf den vier deutschen Etappen. Die war pro Etappe knapp doppelt so teuer. Mindestens nochmals der gleiche Betrag muss an Sponsorengeldern hinzugekommen sein, sonst hätte man nicht die Polizeieskorte, die Organisation und die teuren Hotels bezahlen können. Prominente fuhren mit (wobei wir ja auch genügend davon hatten, z.B. unseren Erich als WM-Dritten bei den Senioren, mit seinen 75 Jahren, sowie ehemalige Vizeweltmeister) - jedenfalls soll alles perfekt gewesen sein, wie unser "Rucksackhasser-Karl" berichtete. Und es wurde ganz streng in der Gruppe gefahren.

Wem es Spaß macht, der soll dort teilnehmen. Wir haben auf jeden Fall mehr erlebt, viel mehr, auch wenn es nicht so bequem war - Abenteuer sind nie bequem, aber näher an dem, was die Profis durchmachen müssen. Wir haben ganz neue Ecken kennengelernt und sind fremden Ländern und Leuten nahe gekommen. So ganz nebenbei versucht man sich am Berg zu versägen, sprintet um Prämien ohne Prämiengeld, powert sich auf mindestens einer Etappe bis zum Anschlag aus und - das ist das Besondere an unseren Touren - erlebt täglich die echte Friedensfahrt live mit. Dazu gehört auch der Kontakt mit Profis und Betreuern, denn unsere Leipziger Veteranen kennen natürlich Tod und Teufel persönlich.

Also - so lange wie die Scheunemann-Touren einigermaßen laufen, mache ich lieber dort mit. Und nicht zuletzt ist Osteuropa zwar abschreckend für Verwöhnte und Verzärtelte, aber sehr interessant. Das Tempo, in dem sich dort alles verändert, ist unglaublich. Deutschland erscheint einem vergleichsweise als Stillstand auf sehr hohem Niveau. Weil das Kapital der Zukunft weniger im Besitz von Immobilien und Fabriken als auf Gebieten wie Bildung, Qualifikation, Flexibilität und Information in jeder Hinsicht liegt, halte ich Überraschungen für möglich ... In den letzten drei Wochen, dank Slowakei, Tschechien und Polen, habe ich mehr als zuvor begriffen, dass man den Blick nach Osten nicht vergessen sollte, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Zurück zur Homepage