Korsika, GR20 1994

Durchs wilde Korsika

Anfang 1994 fragte mein Kletterkumpel Ekki: "Ich muß dieses Jahr schon bis Ende Mai Urlaub nehmen. Was hältst Du vom GR20?" Der GR20 ist die Durchquerung Korsikas in Nord-Süd-Richtung und soll sehr reiz- und anspruchsvoll sein. Ich schreibe bewußt "Durchquerung" und nicht "Wanderung", "Bergpfad", "Expedition" oder Ähnliches - es ist eben der GR20. Jedenfalls sagte ich sofort zu.

Bergfreundin Siggi, hart im Nehmen und auch höhenerfahren, war da anderer Meinung. "Wandern kann ich noch mit 50." Wird sich zeigen, Siggi. Jedenfalls blieben drei Willige übrig: Ekki, Susi und ich.

Wir wußten bis dahin, daß der GR20 etwa 170km lang ist, 10000 Höhenmeter fordert und leichte Kraxeleien bietet. Landschaftlich soll es ein Weg der Superlative sein. Man übernachtet in unbewirtschafteten Hütten als Selbstversorger, kann aber einige Lebensmittel nachkaufen. Als benötigte Zeit für den gesamten Weg werden mindestens 2, besser 3 Wochen angegeben. Für uns blieben nur 2 Wochen. Na, wir sind keine Weichwürste, alpengestählt und im Gegensatz zum heutigen Trend schwere Rucksäcke gewohnt.

Die Gretchenfrage war eine andere: Wieviel Schnee liegt im Mai noch, dort unten im sonnigen Süden? Der höchste Berg Korsikas ist immerhin 2700m hoch, der GR20 steigt bis auf mehr als 2200m an. Wir erfuhren, daß bis Ende Juni Pickel und Steigeisen hilfreich sind. Also sollte man sie Mitte Mai wohl erst recht mitnehmen. Und kalt kann es werden. Wintersachen sind gefragt. Und sehr heiß kann es sein. Badehose einpacken! Außerdem sind die Hirtensiedlungen (Bergerien) um diese Zeit noch unbewohnt. Also heißt es wohl oder übel, Lebensmittel für 14 Tage einzupacken, inklusive Kochzeug. Die in der Literatur empfohlenen 10-15 kg Rucksackgewicht sind für Sommer-Weicheier gedacht. Unsere Rucksäcke waren nach sorgfältiger Planung reichlich 20kg "leicht", davon 7kg Lebensmittel. Und wir haben alles gebraucht, wirklich alles!

Ein extrem billiger Charterflug (440.-DM hin und zurück) drückte unsere Zeitvorgabe auf 12 Tage. Das war hart, aber mit Glück noch zu schaffen. Am 14.Mai landeten wir in Bastia, das übrigens ein paar sehr schöne Ecken hat. Susi "beherrschte" vielleicht 50 Wörter Französisch, Ekki und ich je 0. Daß es sich mit den Englischkenntnissen der Franzosen ähnlich verhält, bestätigte sich sehr schnell. Trotzdem fanden wir noch ein Hotel, nachdem wir 70.-DM für das Taxi los wurden - es waren 20km bis in die Stadt, Busse verkehrten abends nicht mehr.

Die Zugfahrt nach Calvi am nächsten Tag präsentierte Korsika fast so, wie sich Otto Normalsteiger die Insel vorstellt: Heiß, sonnig, staubig, Dörfer wie Festungen. Doch nur fast: Kurz zeigten sich in der Ferne vollkommen schneebedeckte Berge mit großen Wolkenfahnen. Das kann ja heiter werden. 12.00 fuhren wir noch am Sonnenstrand entlang, 15.00 waren wir schon in 600m Höhe und quälten uns durch sehr ekliges Gestrüpp, das pausenlos bremste und die Kleidung zerreissen wollte. Von der Sonne war nichts mehr zu sehen, ab 1000m steckte alles im Nebel. Die erste Panne ließ nicht lange auf sich warten: Irgendwo hatte sich der rot-weiß markierte Weg gegabelt, aber beide Abzweigungen trugen die gleiche Markierung. Wir merkten Stunden zu spät, daß wir einer alten Markierung folgten, denn es ging wieder bergab. Das Ganze endete mit einem furiosen Spurt talabwärts in der Dämmerung, der Querung eines überraschend tiefen Flusses und als Krönung mit einer Nacht im Biwaksack auf einem Zeltplatz im Wald, für die wir auch noch 30 Franken berappten, wahrscheinlich für den einsetzenden Nieselregen. Der unermüdliche Ekki konnte sich von uns aus die Nudeln in die Ohren stecken - Susi und ich waren auch so schon satt. 750 Höhenmeter verschenkt!

Am nächsten Tag stiegen wir bei schönem Wetter 1000 Meter hoch zu der Hütte, in der wir eigentlich schlafen wollten. Gleich anschließend absolvierten wir noch die zweite Tagesetappe, "nur" 800 Höhenmeter. Es wurde zunehmend kraxliger. Bei 2000m begann es zu regnen und gehbehindernd zu stürmen. Von der ersten Scharte aus zeigte sich in den Wolken ein ferne, sehr schroffe und verschneite Bergkette, die bei diesem Wetter furchterregend aussah. Wenn wir da hindurchmüssen, meine Fresse ... wir mußten, übermorgen. Doch zunächst dachten wir, nach der Scharte würde es hinuntergehen zur nächsten Hütte. Aber vor diesen Erfolg hatte der Erfinder des GR20 noch etwa 5 weitere Scharten mit den dazugehörigen Ab- und Anstiegen gestellt. Zwischendurch hatten Susi und ich wegen eines Moments Unachtsamkeit Ekki "verloren" (er bog hinter uns auf den richtigen Weg ab) und daher ziemlichen Streß in dieser total einsamen Bergwelt bekommen. Auch erste Schneefelder waren bereits zu queren. Weg und Landschaft hatten durchaus alpine Qualität, ja, die markierten Wege in den Alpen sind sogar deutlich bequemer. Kurz vor dem Ziel mußte wieder ein Bach gequert werden. Diesmal war echtes Klettern auf nassen Blöcken angesagt (Übertritt/Sprung eingeschlossen) - natürlich mit Rucksack. Nach 12 Stunden kamen wir ziemlich fertig in der Hütte an und trafen erstmals Menschen - drei Engländer, zwei Holländer. Wir hatten schon viel vom GR20 begriffen.

Der dritte Tag bot schönes Wetter, Kletterei bis II (stellenweise), wenige Versicherungen, Altschneefelder bis etwa 40 Grad Steilheit, traumhaft schöne und wilde Täler und Landschaften sowie Blicke auf hohe, teils verschneite Berge. Ausnahmsweise waren nur 2 Scharten vor dem Abstieg zu queren. Auch wenn man manchmal im berieselten Fels klettern mußte, blieb das Gestein doch herrlich fester Granit. Bei aller Schinderei machte es Spaß. Diese Berge sind einfach irre! Die Kontraste könnten nicht größer sein: Während Ekki und Susi sich ein Schneefeld hochpickeln, blinken in der Ferne die Segelboote am Strand von Calvi.

Daß am 4.Tag die schwerste Etappe auf uns wartete, wußten wir schon. Es ging bei unangenehmer Kälte, wolkenverhangenen Bergen und starkem Wind über lange, mäßig steile Schneefelder hoch zum "Col du perdu" (ca. 2200m). Der Name sagt alles. Schnee mit Windkrangeln, steile und glatte Granitwände, hunderte Meter hoch, unzählige Türme und spitze Nadeln überall: Es ist eine unglaublich beeindruckende Szenerie, bei der man sich eher in die Westalpen versetzt fühlt als in das Prospekt-Korsika. Der Abstieg in den Kessel "Circe de solitude" (durch den nur dieser Weg führt) war steil, bot aber recht angenehme Kletterei bis etwa II über Platten sowie einige Ketten, Schnee- und Geröllfelder. Und dann rutschte mir das Herz in die Hosen: Drüben kämpften sich gerade unsere Kameraden mit Pickeln und Seilen ganz langsam sehr steile Schneefelder hoch. Das war kein Firn, das war weicher, für mich unberechenbarer Altschnee. Ich habe selten soviel Angst gehabt wie bei diesem Aufstieg, und ich war damit nicht allein. Im Sommer gibt es dort Leitern und Ketten. Davon war nichts zu sehen. Wir hatten nur ein 30m-Halbseil für Notfälle mit. Teils kletterten wir mit Steigeisen. Sie hielten auf dem festen Granit sehr gut. Oben regnete es, die Sicht sank unter 20m. Das Seil verschwand zusammen mit Ekki im Nichts. Doch wir hatten ja die Spuren der Vorgänger. Die paar hundert Höhenmeter Abstieg im Regen über große Reibungsplatten waren dann nur noch "Spaß". Es war ein Abenteuer, aber diesmal wirklich gefährlich. In der Hütte "opferte" ich meine schwerste, fettige Konserve. Um den versauten Topf zu reinigen, trieb der findige Ekki eine Flasche Geschirrspülmittel auf und rieb ihn damit ein.

Es war aber Speiseöl.

Leichter, doch nie leicht ging es die folgenden Tage weiter. 8 bis 12 Stunden Marsch mit vollem Gepäck wurden normal, Schnee gab es jeden Tag, auch einfache Klettereien, vor allem aber eine Fülle von Eindrücken, die wir nie erwartet hätten. Märchenhafte Wälder mit riesigen Bäumen oder aber mit verkrüppelten, flechtenbehangenen Buchen, die wie Weiden aussahen. Dort müssen Hänsel und Gretel entlang gegangen sein. Tiere gab es zuhauf: Eidechsen (über 50 an einem Tag), Vögel, sogar zwei Mufflons habe ich wahrscheinlich gesehen. Der ständige Wechsel zwischen Hochgebirge und unberührter grüner Natur sorgte dafür, daß es nie eintönig wurde. Ganz abgesehen von den typischen GR20-Einlagen wie Flußüberquerungen (Skistöcke mitnehmen!), Stolperpfaden, Hängebrücken, umgestürzten Bäumen usw. Eine besonders schwierige Etappe über dem Capitello-See gingen wir früh zeitig an, als der Schnee noch hart war. Trotzdem hielten die Frontalzacken der Steigeisen nicht mehr im steilen Schnee, man mußte in die Stufen treten. Von den Kletterqualitäten und vom Erlebnis her war die Etappe ohne weiteres mit hohen 3000-ern gleichzusetzen. Die Umgebung war aber wilder als die Ostalpen, jedenfalls im Mai.

Wir schafften die Nordhälfte des GR20 in 8 Tagen. Noch auf der 8. Etappe mußten wir zweimal hoch hinauf (inklusive Klettern mit Steigeisen), zuletzt am Mont d'Oro (2400m) vorbei. Auf riesigen Reibungsbuckeln ging es dann 1100m in ein romantisches Tal hinab, das von sehr großen Graten und Wänden mit Wasserfällen gesäumt wurde. Der Mont d'Oro ist eigentlich ein riesiges Klettergebiet aus allerbestem Granit. Der Rother-Kletterführer von 1987 weist aber nur den Normalanstieg (II) aus. Hier gibt es noch viel zu tun. Das Gestein ist hakenunfreundlich, doch es sind Sanduhren und Schlingenmöglichkeiten vorhanden. Typisch für die Hochregionen sollen 25 Seillängen sein. Was meinen die Sachsen dazu?

Die Stadt Vizzafona bestand aus unserer Perspektive aus einem kleinen Bahnhof mit winzigem Laden sowie etwa 3 bewohnten Häusern. Wir fanden in einer Holzhütte mit Etagenbetten ("Hotel") Unterschlupf und bekamen eines der schmackhaftesten Menüs meines Lebens vorgesetzt. Es war derart reichlich, daß wir satt wurden. Mit unserer Wirtin - einem Original wie aus dem Film - konnten wir uns einigermaßen verständigen. Susi erinnerte sich mittlerweile an ihr Schulfranzösisch, und Ekki und ich beherrschten bereits "bon" und "merci". Unsere Gefährten hatten inzwischen aufgegeben oder die zweite schwere Etappe übersprungen. Dafür hatten wir andere "Wanderer" kennengelernt.

Für die Südhälfte standen uns nur noch 4 Tage zur Verfügung, d.h. wir mußten Etappen zusammenlegen. Es ging wie angekündigt ohne Schnee ab, obwohl auf den gezackten Bergkämmen noch genug davon lag. Trotzdem gab es die üblichen Einlagen, große Strecken und viele Höhenmeter. Einmal bewegten wir uns tatsächlich mit 6 km/h vorwärts - gewöhnlich sind es zwischen 0.5 und 3 km/h. Manchmal verlief die Route sogar auf richtigen normalen Waldwegen. Dort sind die Fotos aus den Führern gemacht, die den GR20 einen Wanderweg nennen. In die Hütte am Col di Verde, die von den Franzosen sowieso schon Col di Merde genannt wird, waren Schweine eingedrungen. Der Besitzer hatte gerade alles mit einem Schlauch abgespritzt. Außer Holzbrettern stand dort noch ein zum Ofen umfunktioniertes Ölfaß. Susi: "Das ist die Landung in der Schweinebucht." Wir schliefen wie die Murmeltiere.

Manchmal erinnerte der Weg an West- und Hohe Tatra. Doch eine Stunde später taucht man überraschend im Nebel in tiefen Urwald ein und läuft unter hohen Wänden entlang. Das erinnert eher an den Großen Zschand, nur ist der Korsika-Urwald viel uriger, sind die Wände viel höher und die Hitze viel heißer. Die Vielfalt der Eindrücke riß bis zum letzten Tag nicht ab. Dieser führte uns zunächst bis zum Bavella-Paß. Dorthin kann man mit dem Auto fahren und braucht nicht erst Stunden auf GR20-Pfaden zu laufen, um ordentliche Berge überhaupt zu sehen. Daher wird DORT geklettert und nicht am Mont d'Oro. Die Strecke zur Paliri-Hütte erinnerte etwas an Adrspach wegen der eigenartigen Formen der Granitberge und des steilen, bewaldeten Geländes. Allein der auffällige Zuckerhut in der Nähe der Hütte wäre in der Sächsischen Schweiz sofort der Gipfel Nr.1.

Die letzten Stunden wurden noch einmal sehr hart und heiß. Es ging gut markiert durch ein riesiges Waldbrandgebiet. Umgestürzte Bäume mit grobem Geröll dazwischen, alles bereits wieder überwuchert, ein Talkessel nach dem anderen, seltsame Felsen, kein Zeichen menschlichen Lebens. Der Weg war ziemlich schlecht und nahm einfach kein Ende. Die Filme waren längst alle belichtet, doch vielleicht kann man solche Eindrücke auch gar nicht fotografieren. Von der 50. und nun wirklich letzten Scharte aus plötzlich Häuser im Tal - Conca, unser Zielort. Das Läuten der Kirchenglocken wirkte ganz seltsam auf uns. Nach 12 1/2 Stunden waren wir endlich da, fanden sehr freundliche Aufnahme sowie extrem schmackhaftes Essen. Satt wurden wir nicht mehr, ohne Pansen keine Chance. Die Hunde waren übrigens auch alle sehr lieb. Offenbar gefiel ihnen der Mischduft aus Vanille, Käserei und Affenstall, der aus unseren Schuhen quoll.

Wir hatten es gerade so geschafft. Allein möchte ich diese Tour nicht unternehmen. Oft genug hingen wir voneinander ab. Und wir hatten Glück gehabt. Z.B. trug ich auf den Nordetappen dicke Baumwollsocken zu 3.-DM, die wunderbar durchhielten. Die Hochleistungssocken zu 35.-DM an den letzten beiden Tagen ruinierten dagegen die Füße ganz schnell. Hätte ich es umgekehrt gemacht ... So kamen wir recht gesund an. Ein "Schatten seiner selbst" (wie im "Alpin" zu lesen) war niemand von uns dreien. Aber 6kg leichter war ich schon geworden.

Es war mein anspruchsvollstes, aber auch schönstes alpines Unternehmen bisher (zwei Monate später erschienen mir Wetterstein und Karwendel zu leicht). Auf jeden Fall sieht mich diese bezaubernde Insel mit ihren freundlichen und lebenslustigen Menschen wieder.

Reinhard Wobst (Zwinki)
(zwinki2 @ gmx . de)