Eine schmerzliche Erfahrung - 300km bei schwüler Hitze

Eine schmerzliche Erfahrung - 300km bei schwüler Hitze

Erlebt und aufgeschrieben von Zwinki (zwinki2 @ gmx . de)

Im Jahr 2000 fuhr ich zum ersten Mal über 300km am Stück mit dem Rennrad, und es machte mehr Spaß und war leichter als gedacht. Allerdings hatte ich mich auch sehr gut darauf vorbereiten können - an den drei Wochenenden vorher fuhr ich jeweils 230km, bei herrlichstem Wetter, und zahlreiche Marathons von den Vorjahren steckten auch schon in den Beinen.

2000 war einmal, 2001 brachte ein völlig verregnetes Frühjahr. Im Mai konnte ich zwar bei der Friedensfahrt-Ehrenrunde einige Tage hintereinander sehr intensiv fahren, doch bei der Ausdauer mußte ich eher vom Eingemachten zehren: Gerade mal drei 200er wurden dieses Jahr bisher, in großen Abständen; die längste Tour über 250km lief allerdings ganz gut.

Soviel Vorrede muß sein: Ich glaubte also inzwischen, 300km seien gut zu schaffen. Wie risikoreich solch eine überlange Strecke im Alleingang ist, mußte ich diesmal ziemlich schmerzlich erfahren.

Pokerspiel

Wer 300 km fahren will, braucht außer Ausdauer, guten Nerven und richtiger Verpflegungstaktik vor allem einen langen Tag. Die beiden überlangen Touren letztes Jahr dauerten etwa 14.5 Stunden brutto, und da noch etwas Zeitreserve sein muß, ist gegen Ende Juli Schluß für derartige Vorhaben, wenn man nicht nachts fahren will - und das will ich definitiv nicht. Konkret bedeutet das: Ein Warten auf optimale Bedingungen ist nicht möglich, auch nach so einem miesen Frühjahr nicht. Und eigentlich möchte ich endlich einmal an Elbe und Moldau bis Prag und zurück fahren. Das werden deutlich über 300km. Die hier beschriebene Tour war als Vorbereitung gedacht.

Für Samstag, den 7.7., war schwülwarmes Wetter angesagt und im Osten erst gegen den späteren Abend Gewitter. Vorsichtshalber steckte ich mir zusätzlich zum Windstopper noch eine dünne lange Hose ein, falls ich im Hagel fahren muß. Starke Abkühlung war nicht zu erwarten.

Das Morgen-Grauen

In den letzten zwei Wochen mußte ich den Wecker radsportbedingt viermal auf eine Zeit von 4.XX Uhr einstellen. Trotzdem werde ich mich nie daran gewöhnen können. 4.30 Aufstehen, 5.10 Start bei bedecktem Himmel und schon über 20 Grad. Es soll hoch zur Luftschiffhalle bei Brand gehen (wo der zukünftige Cargo Lifter gebaut werden wird), danach noch ein Stückchen nördlich und durch den Spreewald zurück. Mit der Verpflegung wird es nicht so kritisch wie in den letzten Jahren, denn meine Fettverbrennung hat offenbar große Sprünge vorwärts gemacht. Mein Wundermittel - Schwarzbrot-Doppelschnitten - habe ich selbstredend einstecken, denn sie bewährten sich bisher auch bei Hitze. Wundermittel allein reichen jedoch nicht, und so finden sich auch Powerbar, Cliffbar und Powergel im Rucksack, die nur bei solchen Extremtouren zum Einsatz kommen.

Die Länge dieser neuen Tour habe ich im voraus mit 300-310km ermittelt. Meine "Berechnungen" stimmen meistens ganz gut; durch kleine Schlenker könnte es etwas länger werden.

Alles läuft normal. Wichtig ist ein langsames Einfahren; 21 Schnitt nach den ersten 10km mit 200Hm. Der Wind scheint leicht aus SO zu blasen, was mir sogar öfters hilft. Tief in Gedanken versunken, fahre ich hinter Kleinnaundorf geradeaus statt rechts. Diese Strecke ist zwar etwas schöner, doch geringfügig länger. Nur Abergläubische werden an ein bösen Omen glauben.

Routinierte Fahrt :-)

Pausen nach 40 und 80 km. Auf 20km Strecke kommt leichter Regen auf, der wenig stört. Ich werde noch nach ihm lechzen - Stunden später. Vorerst bin ich noch etwas müde, der Adrenalinspiegel läßt zu wünschen übrig.

Nach Norden zu wird das Wetter geringfügig besser. Das heißt, vorn zeigt sich etwas hellblauer Himmel. Aber noch bin ich nicht vorn. km 120: Der Enervit-Riegel vom Dolomiti letzter Woche verschwindet in der Futteraufnahmestelle. Unter den jetzigen Umständen empfinde ich ihn als eine Art Schokolade. Das Buswartehäuschen ist allerdings so verdreckt, daß ich die Pause lieber im Stehen absolviere.

Die Strecke ist nicht schlecht. Ab und zu zeigt sich innerhalb von Ortschaften zwar das berüchtigte brandenburgisch-mecklenburgische Feldsteinpflaster (nicht zu vergleichen mit dem guten, alten Kleinkopfpflaster), doch es läßt sich fast immer umgehen: Auf einem Randstreifen, einem Trampelpfad auf der Wiese oder frech auf der linken Straßenseite - es kommt ja sowieso fast kein Auto hier in dieser Ödnis. Und die Abschnitte sind nicht lang. Mehr auf die Nerven gehen solche Strecken wie die 11km vor dem Cargo Lifter. Sie sind so, wie man sich (fälschlicherweise) den Norden immer vorstellt: Endloser Kiefernwald, schnurgerade Straße, nur leichte Wellen, keinerlei Veränderung außer auf dem Tacho. Solche Strecken kommen heute noch öfters. Offenbar habe ich eine Art "kritische Grenze" überschritten und bin sozusagen ins "Berliner Umland" gekommen.

Nach 150km bin ich am Hauptziel der Fahrt: die Luftschiffhalle. Man muß eine extra Sackgasse hinterfahren, die freundlicherweise mit Betonplatten ausgelegt wurde. Aber da diese Piste auch den teuren, schicken Autos zugemutet wird, darf sie einen Rennradler nicht schocken. Ehrlich: Es gibt schlechtere Plattenstraßen, so schlimm ist es nicht.

Den Zugang zur Halle blockt viele hundert Meter vorher ein Wachmann ab (eigentlich stand ich schon in illegalem Gelände). Ohne Eintritt von 15 DM gibt es nicht mehr zu sehen. Na gut, fällt für mich also flach, dazu müßten wir eine Gruppe sein und mehr Zeit haben. Weder bin ich eine Gruppe, noch habe ich Zeit. Die Halle sieht viel schöner aus, als ich erwartete. Ich habe nichts gegen moderne Architektur, solange sie kein Rittersport-Design vom Discounter ist (quadratisch, praktisch, gut). Kaum zu glauben, daß allein die Hallenhöhe 107m betragen soll. Der Dresdner Rathausturm, vermutlich samt Altmarkt und Bebauungen, hätte darin Platz. Und das Luftschiff auf der Wiese dahinter ist gewiß auch größer, als es mir scheint. Schade, schade, daß ich nicht näher heran kann.

Es hilft nichts, ich muß weiter. Ich rufe noch fix den größeren Sohn an, der zu Hause allein schmachtet, und berichte ihm großspurig, daß ich die Hälfte geschafft haben müßte. Ein bißchen komisch kommt mir das ja vor, der nördlichste Punkt ist noch nicht erreicht. Vermutlich ist der Rückweg viel geradliniger als der Hinweg.

Es zieht sich

Die Weiterfahrt ist mäßig schön, oft recht monoton. Das einzige, was sich stetig verbessert, ist der Schnitt. Der langsame Anfang wird "neutralisiert", und außerdem gibt es hier lange, wirklich sehr flache Abschnitte. Irgendwo werfe ich erstmals einen Schatten. Noch begrüße ich das. Es wird aber deutlich wärmer und anscheinend sehr schwül. Der Berg soll 2% haben? Nicht 6%? Kaum zu glauben. Es gibt sogar übelste Rampen von 4% hier sowie derart steile Abfahrten, daß ich ohne jegliches Treten auf 47.5km/h komme ;-) Nichts wie weg hier.

Die Durchfahrt durch Märkisch-Buchholz spottet jeder Beschreibung. Das Pflaster ist so schlecht, daß auch Autos Schritt fahren, und der Fußweg ist teilweise katastrophal. Gegenüber der Gesamtlänge der Tour spielt das keine Rolle, aber es geht auf die Nerven. Sehen wir lieber das Positive. Zum ersten bin ich im Landkreis Dahme-Spreewald (Kennzeichen LDS), hier rast kaum jemand, und fast alle überholen ausgesprochen rücksichtsvoll. Hier macht es Spaß, Rad zu fahren. Zum zweiten bestätigt sich diese Einschätzung des Charakters gleich an einer Einmündung in Märkisch-Buchholz, wo die Karte nicht stimmt: Die Straße geht geradeaus gar nicht weiter. Prompt öffnet sich die Tür eines Lasters, und die Beifahrerin fragt: "Wo wollen Sie denn hin?" Das passiert mir auf einer Radtour wohl zum ersten Mal. Berlin (wo ich mir in 4 Jahren das Fragen erst einmal abgewöhnte) ist eben nicht LDS. Also bitte keine Pauschalurteile gegenüber den Saupreißn, erst nach dem Kreis fragen ;-)

Es wird immer wärmer. Nach so 180km muß ich erstmals länger auf einer Bank im Schatten rasten, ich bin ganz schön matt. Und der nördlichste Punkt der Tour ist immer noch nicht erreicht. Das sieht überhaupt nicht gut aus. Was habe ich falsch gemacht? Vermutlich hatte ich noch eine Schleife eingebaut (um eine der gefährlichen Bundesstraßen zu umgehen) und vergessen, sie hinzuzuzählen. Nur der Schnitt, der steigt immer noch. Momentan steht er schon bei 28. Das ist eigentlich mächtig schnell für so eine lange Strecke. Zu schnell? Aber ich bin gewiß nicht zu intensiv gefahren. Vielleicht hat doch ein wenig Wind geschoben.

Jetzt kommt der Cliff-Bar dran, der ist schön leicht und fruchtig. Daß ich in dieser Hitze kaum Hunger habe, ist wohl normal. Aber immerhin bekomme ich danach noch zwei Schwarzbrotschnitten hinunter, denn diese wirken auch lange Zeit nach.

Der Wendepunkt

Im verlassenen Ort Limsdorf erreiche ich den nördlichsten Punkt der Tour. Hätte ich vorher auch auf die Rückseite der Karte geschaut, dann wäre mir aufgefallen, daß ich schon fast am Scharmützelsee bin - noch nie fuhr ich so weit nördlich von Dresden aus bei einer Radtour. Nein, das kann nicht stimmen mit den 300km. Ich fange an zu rechnen und höre den Rest des Tages nicht mehr auf damit.

Eine drückende, schwüle Hitze lastet über dem Ort. Alles ist totenstill, kein Mensch ist mehr zu sehen. Ich habe zum Glück schon Trinkwasser nachgeholt (immer 2.3 Liter auf einmal), wer weiß, ob ich hier noch Menschen antreffen würde. Übrigens ist der letzte Rest des Trinkwassers (mit Trinkpulver angerührt) schon in der Flasche verdorben, er schmeckte bereits käsig. Das kannte ich bisher nur von Süditalien. Aber ein bißchen wie dort ist es hier schon ;-)

Nun geht es eine Weile nach Südosten, immer gegen den leichten Wind. Der bremst natürlich etwas, aber das wäre nicht so schlimm, wenn er wenigstens kühlen würde. Davon kann keine Rede sein. Beim Anhalten bricht sofort der Schweiß aus allen Poren, und rudelweise stürzen sich die Fliegen und sogar stechende Insekten auf den armen Radfahrer. Beim Anfahren ist es für einen Moment etwas kühler, doch dieser Moment ist viel zu kurz.

Ehrlich, das geht auf die Nerven. Ich bin noch ganz weit im Norden, im Land der drei Meere: Kiefernmeer, Sandmeer, nichts mehr. Stimmt nicht, eine Brücke über einen Kanal und ein Gasthof schaffen Abwechslung. Und es gibt auch noch Eichen und andere Laubbäume. Ohne Wald wäre alles vermutlich eine Größenordnung schlimmer, ich müßte zusehen, zum nächsten Bahnhof zu kommen.

200km sind um, der Schnitt immer noch knapp 28, aber es fährt sich mühsam. Bei den anderen beiden 300ern war ich erheblich frischer nach dieser Distanz. Nicht gut. Ich vertraue auf die zweite Luft, die bisher jedesmal kam - manchmal sehr spät, aber sie kam.

Wasser, Wasser!

Links der Schwielochsee mit vielen Segelbooten. Überhaupt - bei den anderen beiden extralang-Touren machte mich der Geruch nach Essen wahnsinnig, heute sind es die Freibäder mit quietschvergnügten, planschenden Menschen drin. Also, vielleicht ist mir dieses Vergnügen auch gegönnt. Eine Weile geht es nach so einem Bad leichter, wie ich von einer sehr schmerzhaften Etappe der Berlin-Neapel-Fahrt her weiß.

Hm, eine dreckige, aber schattige Bank gibt es wenigstens am Wasser. Der See selbst - naja ... trübes Wasser mit lauter kleinen Fischen, sehr lauwarm und schmierig ... ich schwanke ein paar mal hin und her und spüle mir dann doch nur Gesicht und Arme ab. Mir ist schon alles ziemlich egal. Der See ist angeblich nur 2-3m tief, da brauche ich mich nicht zu wundern.

Ich besorge mir neues Trinkwasser, und der Mann in der Laube bietet mir gleich an, von seinem Kirschbaum zu pflücken. Selbstredend sind das die größten, festesten und süßesten Kirschen, die ich je aß (mit Ausnahme derer, die zu Hause sind :-), aber wenn ich zu viel davon esse, komme ich garantiert nicht heim. Das steht sowieso in den Sternen. Wir plaudern noch kurz - heute gibt es überall ausgesprochen nette Menschen.

Relative Labsal

In Straupitz stimmt die Karte wieder nicht ganz, doch eine freundliche Radfahrerin verrät mir gleich, wo es weitergeht: Die Karte stimmt schon im Prinzip, nur ist das keine Straße, sondern ein asphaltierter, ruhiger Radweg. Na, umso besser.

Es geht in den Spreewald. Der Anfang erinnert mich entfernt mit seiner drückenden Schwüle, wenigen Bäumen und völligen Ebenheit etwas an die Po-Ebene. Dann aber stößt der Weg auf eine richtige (sehr gute) Straße, der Wald wird dichter, und wir kreuzen zahllose Kanäle, so wie man den Spreewald auch von den Bildern her kennt. Es wird eine sehr schöne Fahrt, ohne Frage das angenehmste Teilstück der Tour. Durch das viele Wasser und den vielen Wald ist es hier deutlich kühler als "draußen". Vielleicht bloß 30 Grad :-) Ich kann auch wieder etwas schneller fahren. Zwar wird der Spreewald von manchen wegen seiner Mücken gefürchtet, doch den Radfahrer interessiert das zum Glück kaum.

Vor Vetschau sind die 250km voll. Und ich bin noch so weit im Norden. Ob ich das noch schaffe ... ich spiele in Gedanken alle möglichen Alternativen durch. Doch zunächst heißt es Kilometerstand und Zeit aufzuschreiben und den Tacho zurückzusetzen, denn sonst macht er das nach 10 Stunden reiner Fahrzeit von allein, was mich in eine tiefe Krise stürzen würde.

Quälerei

In Vetschau muß ich offenbar die Hauptstraße verlassen und werde gleich wieder mit Pflaster nach der Reichskriegsverordnung bestraft. Der Fußweg (seit DDR-Zeiten unverändert) ist etwas besser. Nach dem Ort wieder die übliche Monotonie: Immer schön geradeaus in bedrückender, flirrender Hitze. Schnellfahren geht schon, aber der Preis ist hoch. Das Tempo sinkt. Jetzt dreht sich alles nur noch ums Heimkommen.

Abermals Trinkwasser holen, die Leute plaudern wieder recht nett und bieten mir gleich an, mich ein wenig frisch zu machen. Das tut gut. Leitungswasser ist doch definitiv besser als Schwielochseebrühe. Deprimierend allerdings der Blick an das Thermometer im Schatten: 34 Grad. Ja, meinen die Leute, so ist es heute auch, die Luft steht förmlich und drückt.

Außerdem erhalte ich erneut einen tollen Radwegetip. Über den freue ich mich besonders, denn so kann ich im Schatten fahren, während die parallele Straße offenbar mehr Sonne abbekommt.

In der nächsten kleinen Häusergruppe (ein sog. Ort) eine Eisflagge. Klar habe ich viel zu wenig gegessen bisher, fehlender Hunger ist kein Argument. Die Flagge regt zu Nachforschungen an. Aha, um die Ecke ein Gasthof. Kein Mensch drin, aber wenigstens eine Speisekarte draußen. Vielleicht gibt es hier doch Leben. In der Tat, die Tür läßt sich öffnen, und drin sitzt die Wirtin am Tisch. "Ich habe aber kein Softeis, nur Kugeleis!" Wenn sie wüßte, wie gleichgültig mir das ist ... Ich nehme zwei Kugeln in der Doppelwaffel und bezahle ... 1 DM. Daß es heute noch so etwas gibt. Das Eis ist gut. Ich setze mich erst einmal hin, und wir reden über das Woher und Wohin. Die Wirtin wiederholt die Wetterprognosen: Heute abend können schwere Gewitter kommen. Hm, weiß ich, aber an heute abend denke ich noch gar nicht so gern, die psychische Last wird da zu groß.

Wir verabschieden uns, ich schwinge mich auf das Rad und tue so, als würde ich flott und frisch weiterfahren. Irgendwo wieder eine Pause. Die restlichen Schwarzbrotschnitten im Beutel stinken mittlerweile derart, daß ich sie sofort in den Müll werfe. Bei Hitze - ja, aber nicht mehr bei dieser Hitze. Mann, bin ich alle, es geht wirklich schlecht. Heute kommt keine zweite Luft mehr, die ist bei dieser Temperatur längst nach oben gestiegen.

Noch mehr Quälerei

Die Straße nähert sich dem Eurospeedway Lausitz, und vor allem die OSL-Fahrer üben schon fleißig für Formel I. OSL ist eben nicht LDS, ich war schon ganz verwöhnt. 100km/h scheinen hier als Fußgängergeschwindigkeit zu gelten, jeder will zeigen, daß er schneller kann. Zwei Radfahrer, die ich gerade überhole, regen sich mächtig auf, als im gleichen Moment ein uns überholendes OSL-Geschoß seinen Überschallknall erzeugt.

Ich bin in der wohlbekannten Braunkohle gelandet, eine anmutige Gegend. Aber jetzt ist mir sowieso alles ziemlich egal. Es wird dann wieder schöner. Wer 300km fahren will, muß viele Eindrücke verkraften können, auch unangenehme. Autobahnunterführung, Schipka: Spiegelnder Asphalt gegen die Sonne, quälender Dunst. Zu langsam fahren darf ich nicht, denn da wird es einfach zu heiß. Aber über Tempo 30 freue ich mich jetzt schon manchmal. An den wenigen kühlen Stellen dürfen es auch einmal 33 sein. Doch wenn ich bei einer "Abfahrt" auf 30 komme, trete ich nicht mehr mit: Kraft sparen, wo es nur geht, das wird noch eng heute. Ich verfluche mein ganzes Vorhaben, ich habe keine Lust mehr, es ist nur noch Schinderei. Es kommt nicht nur keine zweite Luft mehr, die erste ist schon bald weg!

Erstaunlich, 280km sind schon um, und ich habe trotz der Hitze noch keine akuten Fußprobleme bekommen. Normalerweise quellen die Füße bei Wärme in den Schuhen und verursachen scheußliche Schmerzen. Eine Ursache scheint zu sein, daß ich nur gleichmäßig, nicht zu stark auf das Pedal drücke. Der Druck in Verbindung mit Hitze scheint das Übel zu sein. Wäre es der Druck allein, hätte ich beim Dolomiti vor einer Woche Ärger bekommen müssen - es gab aber keinen.

In Schwarzheide dann doch etwas Fußschmerzen. Aber es geht. Ruhland. Jetzt könnte ich in den Zug steigen. Nach 295km? Niemals!!!

Weiter, nach Hermsdorf. Das ist alles schon wohlvertrautes Terrain, viel Wald. Welliger Asphalt, leicht ansteigend, hier ging es noch nie schnell voran. Ganz besonders heute nicht. Hinten soll eine Baustelle kommen. Egal.

Zwischendrin werden die 300km voll. Keine Freude wie sonst.

Die Baustelle ist wirklich groß, ganz weicher Sand. Ich schiebe gleich. Mein Lieblingshund Tina zeigt sich endlich wieder einmal und erkennt mich sofort. Ein prima Vorwand für eine Pause: Hund streicheln muß einfach sein.

Panik

Traditionelle Pause in der Wartehalle. Ich muß endlich etwas essen. Der Powerbar widert mich an, dabei mag ich die Erdnußbars eigentlich besonders. Mir wird übel, ich fühle mich elend. Das könnte ein kleiner Hungerast sein. Was habe ich denn gegessen bisher, mal rechnen: Eine Packung Wetzel-Kakaooblaten, 2 Bananen, 1 Cliffbar, 1 Powergel, 3 Scheiben Schwarzbrot mit Belag und ... das war's! Mehr ging nicht bei diesem Wetter, von Magenproblemen möchte ich da nicht reden.

Bis nach Hause wären es noch 62km, mit Wellen, aber nicht solchen flachen wie da oben im Norden. Es ist nach 19 Uhr. Ich habe kein Vorderlicht mit (dafür einen Fotoapparat :-) Mir geht es miserabel. Unter diesem Umständen wären 360km oder gar mehr Wahnsinn. Es ist ja immer noch sehr warm, nur wenig besser geworden. Außerdem zieht sich der Himmel allmählich zu. Für Gewitter fehlt mir inzwischen wohl die Härte, erst recht für schwere. Ich rufe meinen Sohn an. "Und wie willst Du jetzt nach Hause kommen?" fragt er. Ja, eigentlich wollte ich nach Königsbrück, ab dort gibt es oft Züge. Das wären noch 27km (ich konnte nicht mehr so klar denken, es waren in Wirklichkeit nur noch 22km, Anm.d.Red.). Ich glaube, das geht nicht mehr. Jemanden mit Auto anbetteln? Geld habe ich wie immer ausreichend mit. Wird schwer. Oder bis Ortrand fahren lassen? Die Jugendlichen hier - nein, die fragste nicht, die sind vermutlich ganz nett, aber wer weiß, wie die fahren.

Oder gar selbst fahren bis Ortrand? Das sind nur noch 10km, sehr flach. Ab dort gibt es Züge. Ob jetzt noch welche fahren?

Viel Zeit zum Denken bleibt nicht mehr. Der erst Kubikzentimeter Powerbar, den ich doch hinunterbekam, wirkt ganz erstaunlich. Ich bekomme einen derartigen Formschub, daß ich mich doch noch auf das Rad schwinge und mit einem Wahnsinnstempo von bis zu 30km/h lospresche. Beim Fahren esse ich immer wieder einen Minihaps. So überlebe ich auch dieses letzte Stück und finde den Bahnhof in Ortrand sogar ohne fremde Hilfe. Heute früh fuhr ich bereits hier durch. Wie anders sah die Welt da noch aus. Jetzt zeigt das Thermometer an der Sparkasse noch 29 Grad - gräßlich.

Fast am Ziel

Unglaublich, 21.13 fährt ein Zug direkt nach Dresden. Habe ich ein Glück. 22.00 wäre ich am Bahnhof in Dresden, noch vor 22.15 zu Hause. Zur Not könnte mich mein Mitfahrer und Hundebesitzer abholen, aber das wäre ein fast unzumutbar Aufwand für ihn. Ich rufe ihn nur so mal an.

313km sind geschafft, auf dem Teilstück seit km 250 habe ich einen Schnitt von 24.5km/h erreicht. Das ist eine Zahl, die ich mir merken sollte. Und sage und schreibe 9 Liter habe ich bisher getrunken unterwegs. Das ist Rekord. Trotzdem zu wenig. Aber mehr war kaum drin.

Der Fahrkartenautomat will passendes Geld haben. Habe ich nicht. Zum Glück, denn er verlangt den teuersten Tarif, im Zug wird es fast ein Drittel billiger ...

Der Zug kommt pünktlich. Das verdient besondere Erwähnung. Der Schaffner ist der letzte nette Mensch, den ich heute kennenlerne. Wir babeln auf der ganzen Heimfahrt. Er bestätigt mir viele sehr negative Eindrücke, die ich seit einem Jahr von der Bahn habe, und erzählt noch weitere interessante, leider ebenso negative Dinge ...

Finale

Der Tag ist noch nicht zu Ende. In der Ferne, dort, wo wir hinfahren, ein ziemlich heftiges Wetterleuchten. Die angekündigten Gewitter sind da. Ich sitze gemütlich im klimatisierten Wagen mit einem netten Menschen; was geht's mich an?

Es geht uns alle an. In Radebeul vor Dresden bricht draußen die Hölle los. Der Zug hält an. Regen fließt so dick die Scheiben herunter, daß man draußen im Dunkel überhaupt nichts mehr sehen kann. Der Hagel prasselt mit lautem Krachen gegen den Wagen, übertönt von der Stimme des Lokführers: "Werte Fahrgäste, bitte öffnen Sie im Interesse Ihrer eigenen Sicherheit NICHT die Fenster! Bitte öffnen Sie NICHT die Fenster!"

Der Schaffner versucht per Handy anzurufen, weil ein Zugfunk nicht funktioniert. Offenbar ein Stromausfall. Eine Durchsage bestätigt das. Hm, fahren ab Radebeul bei diesem Wetter? Straßen wie in Vetschau und Märkisch-Buchholz? Keine rosigen Aussichten.

Uns überholt ein Interregio ... und bleibt auch stehen. Das Wetter wird immer verrückter. Mein Handy geht noch, ich rufe Sohnemann an und warne ihn schon mal vor.

Genug gequält für heute - ab jetzt hat Petrus mit uns ein Nachsehen. Der Strom kommt wieder, der Zug fährt mit DB-kleiner Verspätung in Dresden-Neustadt ein, ich fahre mit Rück- und ohne Vorderlicht auf dem Fußweg das letzte Stück nach Hause - 315km mit insgesamt 26.6 Schnitt, also etwa wie letztes Jahr, nur unter deutlich schwereren Bedingungen. 11:45 Stunden betrug die reine Fahrzeit, 14:45 Stunden brauchte ich insgesamt bis Ortrand. Dabei wollte ich weniger Pausen machen, aber das ist leichter gesagt als getan. Bei neuen, komplizierten Touren geht doch einige Zeit für die Orientierung drauf und heute auch für das Besorgen von Wasser. Einige längere Pausen sind einfach auch notwendig, das merkt man von selbst. 300km sind eben keine 200. Schließlich kann ich mich mit der Extrarunde zum Cargo Lifter herausreden :-)

Nachbetrachtung

Ich aß am Abend noch ein paar Kirschen mit Gedanken an den schwer behangenen Baum am Schwielochsee und mehr aus Vernunft ein paar kleine Würstchen mit Brot. Dann schlief ich zum ersten Mal seit unzähligen Jahren 10.5 Stunden hintereinander (nur unterbrochen durch einen Hirni, der mich früh 7.00 mit dem Telefon munterklingeln wollte, aber im Faxgerät landete :-) und wachte sage und schreibe 1.7kg leichter als am Morgen zuvor auf. Das Laufen ging etwas schwerfällig, doch ansonsten fühlte ich mich nicht so schlecht - kaum Hunger, keine Schmerzen, nur viel Durst und allgemein ein grau-flaues Gefühl.

Hätte ich etwas besser machen können? Bei der Verpflegung war ich zu nachlässig. Ich hatte meinen alten Grundsatz mißachtet, auf solchen Touren gerade anfangs ordentlich zu essen. Hier fehlte mir wohl Marathon-Routine in diesem Jahr. Ich hätte bei dieser Hitze vielleicht eher abbrechen sollen, es war wirklich an der Grenze wie nie zuvor. Vielleicht waren die ersten 200km einen Tic zu schnell. Mit 27.5 Schnitt auf dieser Teilstrecke wäre es u.U. besser gegangen.

Die anderen beiden 300er waren ungleich leichter, trotz 100km Gegenwinds bei der ersten Tour und 260km Dauerniesel bzw. -regen bei der zweiten. Heute zeigte sich wieder einmal der alte Grundsatz: Gegen Kälte kann man sich schützen, gegen Hitze nicht. Jedenfalls nicht ohne Klimaanlage ...

Trotzdem - das war ein echtes Abenteuer. Vor einer Woche erst fuhr ich den Dolomiti, der mir als wunderschöne Krönung des Jahres immer in Erinnerung bleiben wird. Er war den Zahlen nach die schwerste Tour bisher. Trotzdem geht es mir nach dieser Luftschiffhallenrunde-Spreewaldtour ungleich schlechter. An einer Bergwanderung am nächsten Tag oder eine Radtour ist nicht zu denken (wie ursprünglich geplant) - Petrus nimmt mir jegliche Entscheidung zum Glück ab. Wie kann das sein? 4400Hm auf nur 140km sind doch viel schwerer als 300 flache Kilometer?

Beim Dolomiti erhältst Du Verpflegung, brauchst Dich nicht um die Orientierung zu kümmern, es gibt Sanitätsdienst, Du siehst andere ebenso leiden, und im allerschlimmsten Notfall nimmt Dich der Besenwagen mit. Bei meiner Langstreckentour mußte ich mich um alles selbst kümmern und meine Verpflegung mitführen (es verbietet sich wohl von selbst, auf Tankstellen zurückgreifen zu wollen, die Gründe spare ich mir). Die Ungewißheit des ganzen Unternehmens drückt und macht es zum Abenteuer. Auch die Sorge um die Gesundheit muß man selbst tragen. Dolomiti ist wie ein betreuter Wettkampf, bei dem man sich ganz auf seine Leistung konzentrieren kann, die gestrige Tour war wie Bergsteigen: Dort mußt Du Dir vorher überlegen, was Du angehst und was Du lieber sein läßt.

Aber ich möchte beides nicht missen. Vorerst denke ich lieber nicht an den nächsten Samstag ...