Dresden-Prag und fast zurück: 372km

Dresden-Prag und fast zurück: 372km

Erlebt und aufgeschrieben von Zwinki (zwinki2 @ gmx . de)

Warum diese Tour für mich so wichtig ist

Wer schon einmal mit dem Zug von Dresden nach Prag gefahren ist, hat vielleicht bemerkt, wie reizvoll diese Strecke ist - nicht nur wegen der Sächsischen Schweiz (von der nur wenig zu sehen ist). Die ca. 70km zwischen Grenze und Litomerice heißen nicht umsonst "Böhmisches Tor", weil sich die Elbe dort bis zu 400m tief eingegraben hat, sich in scharfen Kurven windend, umgeben von steilen Hängen und vielen Vulkankegeln. Die rechtselbische Straße Nr. 262 zählt zu meinen Lieblingsstrecken.

Vor über zwei Jahren kam mir der Gedanke, ob man nicht längs der Elbe und der Moldau bis Prag fahren könnte - und natürlich zurück. Dabei sollte es früh an der Grenze losgehen, und falls ich abends nach den erwarteten 260km noch heil an der Grenze wieder ankomme, läßt sich die Tour ausdehnen - auf bis zu 320km. Das ist ohne Risiko möglich, denn die S-Bahn fährt im Halbstundentakt gleich nebenan.

Nun sind 300km kein Pappenstiel, auch wenn ich schon viele 200er Touren fuhr. Außerdem hoffte ich auf eine "Staffel": Zwei begleitende Radfahrer könnten die Strecke im Auto zurücklegen, davon immer einer auf dem Rad. 130km sind wahrlich nicht zuviel zugemutet.

Ich trainierte zunächst lange Strecken; 1999 schaffte ich es im Flachland immerhin auf 274km. Im Jahr 2000 wurden sogar zwei Touren über 300km, die verhältnismäßig gut liefen (obwohl die eine fast komplett verregnet war). Nur mit Prag wollte es nicht so recht klappen. Alle potentiellen Mitfahrer waren irgendwie verhindert oder unlustig. Hinzu kamen zwei Probleme:

1. Entlang der Moldau gibt es keine Straße. Vermutlich warten ab Melnik, dem Zusammenfluß von Moldau und Elbe, Berge bis Prag auf den gequälten Radfahrer.

2. Wenn eine Straße in Tschechien entlang eines Flusses verläuft, dann verläßt sie diesen oft genug, damit genügend Berge mit eingebaut werden können. Nicht anders verhält es sich mit der Strecke bis Melnik. 300km mit Bergen? Das wird hart ... Allerdings sieht man dadurch während der Fahrt noch mehr von der Landschaft, was die Attraktivität der Tour stark erhöht.

Dieses Jahr mußte es nun werden. Während der drei vorangegangen Wochenenden stiegen Form und auch Ausdauer ständig - erst der Supercup Seifhennersdorf, dann der Dolomiti als leuchtender Höhepunkt des Jahres, und schließlich 300km bei quälend schwüler Hitze vor einer Woche, die ich so nicht wieder erleben möchte. Nach 7 praktisch sportfreien Tagen fühle ich mich inzwischen wieder ziemlich fit.

Ich hatte meinen Plan geändert und wollte schon von Dresden losfahren. Erstens lockt es doch, vom eigenen Haus bis an die Karlsbrücke in Prag aus eigener Kraft zu gelangen, und zweitens bleibt die Möglichkeit, die bisherige Rekordmarke von 322km zu verbessern.

Die Tücken des frühen Starts

Diesmal klingelt der Wecker schon 4.00 - welch eine Freude - und 4.40 wird die Kurbel zum ersten Mal bewegt. Kein Mensch auf dem Elbradweg, da ist er wirklich sehr schön.

Bis nach Heidenau. Denn nachts treibt sich allerhand Jungvolks auf den Bänken herum, das Flaschen in hohem Bogen in beliebige Richtungen schmeißt. Es gibt einen regelrechten Schlag im Lenker, dann ein lautes Zischen, und nach 5m stehe ich. Es muß ein Riesengerät von Scherbe gewesen sein, das mir den Vorderreifen regelrecht durchstanzte. Zum Glück verlaufen die zwei Schnitte quer zur Laufrichtung, so daß sie sich beim Aufpumpen wieder schließen. Es braucht dann immer einige Zeit, bis sich das Vertrauen ins eigene Rad wieder herstellt ... Vorteil: Ich kann im nahegelegenen Feld für den Wuchs von Riesenmais sorgen - das klappte früh noch nicht so recht. Die Form steigt spürbar. Aber 20 Minuten verliere ich insgesamt dadurch. Sehr schlecht für das Timing, das macht Streß, und dazu gleich noch zu Beginn.

Ansonsten laufen die ersten 52km bis zur Grenze gut, deutlich besser als noch vor einer Woche. Ich hatte mich gestern den ganzen Tag über mich ständig für die Fahrt motiviert :-) Das ist wirklich sehr wichtig, denn 300km wollen vor allem erst einmal im Kopf gefahren sein. Auch das klappte vor einer Woche nämlich nicht so recht. - Es ist nun schon kurz vor 7.00, mächtig spät eigentlich.

Herrliche Fahrt

Kurze Eßpause, Grenzpassage, Geld tauschen und weiter. Zu so früher Stunde ist der Straßenstrich (der ohnehin sehr dünn belegt ist) noch völlig frei. Mich stört das wenig, interessant sind nur die Gesichter, vor allem, wenn man sie sich einmal aus der Nähe betrachtet ...

Es ist eigentlich bedeckt, doch warm, und vor mir zeigt sich stückchenweise blauer Himmel. Das Wetter und speziell die Windrichtung südlich des böhmischen Mittelgebirges folgen eigenen Gesetzen, also mache ich keine Prognosen und freue mich über die Gegenwart. Vor allem das Stück am Elbarm hinter Decin ist ein idyllischer Flecken Erde, mit einigen hohen Felsen, Vulkankegeln, Auenwald und Kulturlandschaft. Eine wundervolle Morgenstimmung, einzelne Berge hängen noch in den Wolken (wie z.B. der Hohe Schneeberg, 723m).

In Litomerice (Leitmeritz) die nächste Pause nach 120km, am Wasserhahn. Bis jetzt lief es doch gut. Litomerice ist eine ca. 1000jährige Stadt mit unzähligen historisch wertvollen und teils originellen Gebäuden, die laufend restauriert werden - es geht erstaunlich schnell voran. Litomerice gefällt mir nach Prag am meisten in Tschechien. Ich mache hier jedesmal Pause am Marktplatz. Allerdings ist vorher der längste Anstieg der Strecke zu bewältigen. Die letzte Rampe auf dem Rückweg kann 10-11% haben. Wie wird es mir dann gehen?

Leider bläst der Wind konstant von vorn. Das ist nicht ungewöhnlich, denn das böhmische Becken "entlüftet" sich durch das Elbtal. Wenn ich Glück habe, gibt's auf dem Rückweg Rückenwind.

Bis Melnik kommen noch einige Anstiege, doch nicht steil. Das Wetter wird langsam immer besser, die Wolken hängen nur in den Bergen. Heute ist herrliche Sicht. Ich sehe erst einmal, wo es hier überall noch Vulkankegel gibt! Ob das dort hinten schon der Jested im Isergebirge ist? Kaum zu glauben, das wäre zu weit weg ... Je weiter südlicher man kommt, desto mehr dominiert der Milleschauer (836m), der die umliegenden Berge um ca. 200m übertrifft. Ein ganz spitzer Kegel, wie aus dem Bilderbuch. Überhaupt, Bilderbuchlandschaft. So malen Kinder Berge.

Melnik - erste Etappe beendet

In Melnik fließen Elbe und Moldau zusammen, eine Art Wallfahrtsort für viele Tschechen. Man merkt es am Touristenbetrieb. Ich tue es mir an, noch steil hoch zur Altstadt zu radeln. Es lohnt sich wirklich! Und südlich von diesem für Raubritter gewiß hochattraktiven Platz erstreckt sich weit, weit flacheres Land. Irgendwo dahinter müßte Prag liegen.

Es ist ganz schön warm geworden. 153km, ich mache eine etwas längere Pause, vor allem um zu trinken. Schön hier. Die Hälfte der Strecke? Das ist ungewiß, denn ich rechne zurückzu ja nur bis zur Grenze.

Der Weiterweg, zunächst Richtung Kralupy, verläuft auf einer stark ausgebauten Schnellstraße (Nr.8). Radfahrern ist sie trotzdem zu empfehlen, denn erstens ist der Verkehr (zumindest am Wochenende) nicht ganz so dicht, und auf einem sauberen (!) und breiten Randstreifen läßt es sich sehr gut fahren. Die Burg Melnik ist noch lange zu sehen und wird allmählich immer kleiner. Dafür wird die Quecksilbersäule immer länger.

Ich verpasse einen Abzweig (ein Blick mehr auf die Karte hätte nicht geschadet), doch das ist gar kein so schlechter Verhauer. So geht es weiter parallel zur Autobahn, der Verkehr hält sich in Grenzen. Das Land ist zwar (wie ich schon von Melnik aus sah) flacher, aber nicht flach. Wellen, Gegenwind und Wärme sorgen dafür, daß es nicht zu leicht wird.

Irgendwann muß Prag sichtbar werden. Doch ich weiß: Hier bin ich in Tschechien, und hier kommt hinter dem nächsten Hügel nicht Prag, sondern der übernächste Hügel. Es zieht sich. Auf dieser Strecke sind gute Nerven gefragt. Die Anstiege überschreiten selten einmel 5-6%, dafür sind sie schön lang und eigentlich nur in den Pedalen zu merken, weniger in der Landschaft. Trotzdem fährt sich so etwas leichter als total plattes Land, in dem es gerade bei Gegenwind keine einzige Ruhepause gibt. Denn hier hat man auch Abfahrten zwischendurch.

Bei km 180 setzt mir die Hitze arg zu. Ich lasse mich im Schatten eines Wartehäuschens nieder und esse ein Powergel. Das müßte bis Prag reichen. Von früher her rechne ich mit 20km pro Powergel.

Weiter. Immer noch eine Welle nach der anderen. Die Gegend ist nicht häßlich, aber auch nicht so attraktiv. Weites Land mit Feldern, die Mittelgebirge sind erst einmal aus dem Gesichtskreis verschwunden.

Das Ziel vor Augen

Nach der 500. Welle Prag. Die Stadt liegt im Kessel und ist vom Umland aus kaum zu sehen. Der Verkehr hier ist wilder und dichter als anderswo - wen wundert's. Dank Stadtplan habe ich keine Probleme mit der Orientierung. Auch die Beschilderung ist gut.

Ich komme auf eine kreuzungsfreie Schnellstraße, die mir schon von früheren Aufenthalten bekannt ist. Beeindruckend großzügig gebaut! Und das noch zu sozialistischen Zeiten. Man müßte die Stadt mit Ostberlin vergleichen, aber das nimmt sich erbärmlich dagegen aus.

Auch Rennradler sind auf dieser Straße gedulded, ja, sie werden offensichtlich sogar als Mensch anerkannt. Ich merke es an der Fahrweise der Autos, die ansonsten hier hart losbolzen. Es geht eine riesige Abfahrt hinunter zur ersten Moldaubrücke; ich habe durchaus noch Muse, das Stadtbild anzusehen. Ist schon ein Super-Nest, dieses Prag. Allein die vielen Türme, die hier herausragen ...

Drei- bis vierspurig zieht die Straße unter Brücken durch, ich muß sehr aufmerksam bleiben. Aber gegenüber Rom ist das die absolute Erholung. Und wieder komme ich an die Moldau, längs derer es weitergeht. Die Straße bietet grandiose Blicke auf die Altstadt, doch die Freude wird leider getrübt durch gräßliches Pflaster, das hier offenbar historischen Wert besitzt. Brrr. Und es kommt noch schlimmer, das weiß ich schon: Zur Karlsbrücke hin wird das Pflaster erst wahrhaft historisch. Aber angesichts der Qualen anderer Rennradler in Belgien sollte ich mich in Prag nicht so zimperlich haben.

Am Ziel - für einen Moment

Karlsbrücke, das Ziel. Sicherlich herrscht um diese Zeit übler Touristenrummel, aber es ist und bleibt eine tolle Ecke. Und das im europäischen Maßstab, wie man den gehörten Sprachen unschwer entnehmen kann (z.B. Amerikanisch ;-). Es ist richtig Hochsommer hier: Blauer Himmel mit ein paar weißen Wolken, sehr warm, die Gartenlokale alle gefüllt. Neidvoll blicke ich auf eine Mineralwasserflasche, die die Bilderverkäuferin neben mir gerade leert. Ich trinke den letzten mickrigen Rest meiner lauwarmen "Kraftbrühe" aus. Überall, wo in irgendeiner Weise das Wort "Quelle" oder "Wasser" geschrieben steht, entsteht vor meinem geistigen Auge das Bild einer kühlen Quelle in schattigem Wald. Also: Es wird höchste Zeit, für Nachschub zu sorgen.

Leider kann ich nicht nur deswegen an diesem schönen Ort nicht länger bleiben. Erst 203km sind geschafft, und schon sind 9 Stunden verstrichen. Ohne Panne und mit bekannter Strecke wären es weniger geworden, aber es ist trotzdem viel Zeit. Der Rückweg wird noch schwer! Ich rufe den großen Sohn an, der allein zu Hause ist: Dort ist es zwar bedeckt, aber es regnet nicht. Hoffnung für den Heimweg.

Tiefpunkt

Der Rückweg beginnt. Mit der Orientierung gibt es wieder keine Schwierigkeiten, dafür mit elendem Pflaster bergauf auf einer Serpentine neben der Burg. Es ist jedoch der beste Weg. Uff, ist das heiß hier. Prag scheint überhaupt sehr warmes Klima zu haben.

Oben auf dem Berg geht gleich die Straße 240 ab. Prima, jetzt kann nichts mehr passieren. Die 240 weiter bis Polepy, und das liegt schon an der Straße zwischen Litomerice und Melnik, auf der ich heute früh fuhr. Der Rückweg wird kürzer als die Hinfahrt. Außerdem spare ich mir die Melniker Berge. Doch wie immer in diesem Land habe ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Zunächst fällt die Straße geradeaus immer bergab, es fährt sich gut. Dann kommt die Moldau - ach ja, das ist doch die Bahnstrecke nach Dresden, kennste ja. Der geneigte Leser möge jetzt kombinieren: Ich bin an der Moldau und komme flott im Tal voran, endlich mit dem ersehnten Rückenwind. Kann das so weitergehen?

Nein, natürlich nicht. Denn wie oben erwähnt, gibt es keine durchgehende Straße an der Moldau, und außerdem käme ich dann wieder in Melnik heraus, wo ich gar nicht hin will. Was folgt daraus? Richtig, es geht steil aus dem Tal heraus! Steil heißt vielleicht bis zu 8%, aber jetzt, nach 210km und bei dieser Hitze und mit leichter Dehydrierung, da ist das schon steil. Alles wirkt verlassen hier, nur Industrie oder deren Hinterlassenschaften. Ich brauche Wasser.

Oben ein kleiner Konsum mit Sonnenschirmen und Schatten und kaltem Trinkwasser sowie Grapefruitsaft von Pfanner. Aaaah. Pause. Die muß sein, es geht jetzt nicht nach Kilometern, sondern nach Befinden. Trinken, trinken, trinken. Und einen Powerbar anreißen. Vanille-Crisp schmeckt jetzt sehr gut. Ich lege den Höhenmesser, dessen Thermometer in der Trikottasche 33 Grad anzeigt, auf den Tisch. Er steigt auf 37 Grad. Nanu? Ach so, der dunkle Tisch lag vorher in der Sonne ...

Zurück in den Backofen, leicht weiter bergan. Wo kommt denn der Gegenwind her? Es müßte jetzt doch mindestens Kantenwind sein? Na gut, in der Prager Ecke weht der Wind anders, das merkte ich schon vorher. Auf der Hinfahrt gab es nur kurz vor Prag Kante, sonst immer leichten Wind von vorn.

Ein Mountainbiker überholt mich, ganz verbissen tretend. Ich werde einen Teufel tun, ihm hinterherzufahren. Der Heimweg ist noch verdammt lang. Nach einer der vielen lang abfallenden Strecken habe ich ihn zwangsläufig fast wieder ein, aber ich überhole ihn am nächsten Berg bewußt nicht, um nicht zu provozieren: Das bräuchte ich jetzt gerade noch.

Kralupy. Durch diese Stadt hätte ich auf der Hinfahrt eigentlich fahren müssen. Es geht schön lang bergab. Nicht schlecht. Naja, jetzt komme ich doch in die einzige tschechische Ebene, die ich kenne, endlich mal 'ne Abfahrt und danach friedliches Rollen. Über all der Freude verpasse ich irgendwo den Abzweig nach Velvary. Straßen sind hier manchmal sehr eigenwillig ausgeschildert - ich bin immer auf der Hauptstraße geblieben und trotzdem von der 240 abgekommen.

So lande ich doch noch wieder auf der 8. Ein Umweg entsteht dadurch nicht. Aber mehr Gegenwind. Erstmals zeigen sich wieder die Berge in der Ferne. Richtige, spitze Berge meine ich, denn die stumpfen, ekelhaften habe ich gerade unter den Rädern. Hatte da nicht jemand gerade von Flachland geschrieben?

Die Sicht ist noch deutlich besser geworden. Immer wieder beeindruckend, dieser Milleschauer. Und "rechts hinten" (im Norden) tummeln sich lauter spitze Trichter. Es geht momentan nicht gut, die Fahrerei erfordert viel Ausdauer, auch nervlich. Aber die Landschaft freut mich trotzdem. Wer hier nur auf den Tacho schielt - geht das überhaupt?

Nach 250km muß ich den Tacho zurücksetzen, "wie immer" bei 300km, denn nach 10 Stunden reiner Fahrzeit beginnt er von allein wieder bei Null. Wer denkt sich so etwas nur aus. Ohnehin schmerzen die Füße recht barbarisch. Hitze und Druck auf den Pedalen gab es heute bisher genug, da bleiben solche Probleme nicht aus. Ich watschele mit schmerzverzerrtem Gesicht in dieser Prärie umher, bis es besser wird. Außer dieser einen für mich sehr wichtigen Kreuzung gibt es hier nichts. Doch: Fernblick. Aber sonst nichts, wie im wilden Westen :-)

Im Aufwind

Nun endlich mal etwas Rückenwind, es geht - wieder auf der 240 - nach Norden und vor allem bergab, ziemlich lange. Natürlich zieht es danach wieder bergauf, wir wissen ja, wo wir sind.

Roudnice. Daß diese kleine Stadt ein so tolles historisches Zentrum besitzt, hat mir auch noch keiner erzählt. Und es ist schon recht gut hergerichtet. Der Marktplatz ist ganz erstaunlich steil für Flachland.

Und wieder die Elbe - obwohl der Himmel inzwischen leicht bedeckt ist, scheint es mir immer noch sehr warm zu sein. Die Elbe bringt für einen Moment kühlere Temperaturen.

Wo kommt denn jetzt schon wieder der verfluchte Gegenwind her? Hat sich der Propeller gedreht, oder was? Ich werde nicht schlau daraus. Die Landschaft ist mittlerweile aber wieder schön geworden, u.a. geht es an Hopfenfeldern vorbei. Was wäre Tschechien ohne Hopfen.

Die Strecke bis Litomerice ist ganz schön lang, noch ca. 20km. Die Füße schmerzen immer wieder, ich muß öfter mit ausgeklickten Schuhplatten fahren. Das ist natürlich überhaupt keine Trittechnik mehr. Aber mit diesen Schmerzen könnte ich gar nicht mehr fahren. Doch auf den garantiert ebenen Strecken geht es noch flott genug voran. Bis Litomerice erreichte ich ab km 250 wohl einen 27er Schnitt, wobei die erste Abfahrt unfairerweise mitzählt.

Wieder Ziel in Sicht

Litomerice, ich trinke am Wasserhahn an der Auffahrt zum Marktplatz, bis nichts mehr herauskommt. Größere Pause, die muß jetzt sein. Eigentlich könnte ich versuchen, meine letzte Schwarzbrot-Doppelschnitte zu essen. Vor einer Woche waren die Schnitten in 34 Grad Hitze ja völlig verdorben und taugten nur noch für die Mülltonne. Heute ist es anders. Ich esse langsam und in kleinen Bissen, und es schmeckt erstaunlich gut. Endlich einmal etwas "Reelles" nach Powerbar, Powerriegel, Banane, ange-ranzigtem Erdnußriegel, Oblate und getrockneten Aprikosen. Mein Körper will jetzt Schwarzbrot, und er saugt es gierig auf.

Noch 67km bis zum Ziel, etwa 270km geschafft. Vor einer Woche ging es mir ungleich schlechter. Ich habe keine Sorge mehr, es zu schaffen. Es ist auch erst etwa 17.30 Uhr. Immerhin - 13 Stunden dauert die Fahrt nun schon, Pausen mitgerechnet.

Wieder einmal über historisches Pflaster (es geht wohl auch anders, aber ich bin mittlerweile zu träge zum Denken) fahre ich bis zur geliebten Straße 262 und dann weiter zum "alles entscheidenden Berg", "kilometerlang mit 11% am Ende" ;-)

Naja, so schlimm ist der Berg doch nicht, alles eine Frage des Tempos. Vor mir eine Kirsche (junge Dame) auf dem Zivilrad mit sehr kleinem Gang. Sie ist so stark lackiert, daß sie nur noch geradeaus gucken kann. Vielleicht hat ihr Mama auch befohlen, keine fremden Männer anzusehen. Oder sie sieht keine fremden Männer an, die sie überholen.

Es ist nichts Ungewöhnliches, knackige Kirschen an steilen Rampen zu versägen ;-) Es ist schließlich bekannt, daß die Leistung auf dem Rad sehr unterschiedlich ist. Aber daß ich mit 280km und doch einigen Bergen in den Beinen so locker vorbeifahren kann und oben - wo es immer noch auf dem mittleren Blatt (entsprechend einer Übersetzung von 39:26) ganz leidlich mit knapp über 10km/h aufwärtsgeht - die besagte Kirsche schiebt, gibt mir zu denken. Nicht etwa, wie ungeheuer stark ich wäre - nein, sondern was das für eine Kirsche ist.

Soweit zur Obsttheorie. Die Anstiege nach Birna vor Usti (um beim Obst zu bleiben :-) sind schon deutlich zahmer, und was dann noch kommt, noch mehr. Es fährt sich alles noch ganz leidlich. Die Schwarzbrotschnitten?? Bestimmt!!

Die 67km bis zur Grenze fahre ich durch, ohne Pause. Nach Decin (mit dem allerletzten, ganz fürchterlichen Berg - garantiert 6% und bestimmt 500m lang) rollt es sogar immer besser, obwohl ich jetzt aufpassen muß, in keinen Hungerast zu schlittern. Noch geht es, ich kenne mittlerweile das Gefühl sehr gut. Ein junges Pärchen ist vor mir mit Trekkingrädern oder MTBs (jedenfalls Gummikühen); sie fahren immer wieder mal schnell und lassen dann ebenso schnell nach. Ich überhole sie. Nach einiger Zeit hinter mir ein typisches Rollgeräusch. Ich drehe mich gar nicht erst um. Bevor der Kerl irgendwelche Späßchen anfängt, nach denen mir nicht zumute ist: Klar Schiff machen. MTBler haben nach meiner Erfahrung ab Tempo 35 Probleme, also probiere ich eine Zeit lang 37 km/h. Und es ward Ruhe. Ach so, das geht noch? Bestimmt Rückenwind und 1% Gefälle ...

Die zwei einzigen besonders netten jungen Damen am Straßenstrich lächeln mir verständnisvoll-mitleidig zu. Mein Aussehen muß doch mehr Mitleid als Hoffnung auf einen Kunden erwecken. Außerdem sind auch Nutten nur Menschen. Die eine sieht für einen Menschen allerdings verheerend aus.

Entscheidung

An der Grenze kaufe ich eine Flasche gut gekühltes Budweiser zur Feier des Tages (meine längste Radtour wird es auf jeden Fall) und einen slowakischen Räucherkäse, die es bei uns nicht gibt. So ein Rucksack hat eben auch seine Vorteile. Dann ab in die EU, einen Cliffbar essen und mindestens noch bis Bad Schandau radeln.

Da fällt mein Blick auf wundersame Marmeladen-Ringkekse. Die Augen petzen es dem Großhirn, und das gibt meinen Händen sofort den Befehl: Draufzeigen, bezahlen! Bevor das Bewußtsein und die für Sportlerernährung zuständige Hirnwindung einschreiten können, halte ich die Packung schon in den Händen.

Also zurück in die EU, Pause. Es ist 20.15 Uhr, 338km sind absolviert, gegenüber fährt im Halbstundentakt die S-Bahn. Aber ein bißchen geht noch. Erst einmal Kekse essen. Hmmm, schmecken die gut. Cliffbar bleibt für später. Der hält sich noch. Ebenso wie das Wetter, das fast optimal ist: Warm, leicht bedeckt, ab und zu Reste von Sonne.

Ich gebe dem Sohnemann bescheid, daß jetzt das Kompott drankommt, und schwinge mich wieder auf das Rad. Au, ich bin wieder in Deutschland. Soeben hat der erste dicht überholt, im Gegenverkehr konnte gerade noch einer beim Überholen einschwenken. Ich nehme alles Schlechte zurück, was ich über die Prager Bolzer und die Autofahrer aus Usti dachte (das sind die einzigen, die oft wild fahren. Bei Usti könnte man ja rassistisch angehaucht von Zigeunern orakeln, aber hinter dem Steuer sitzen nur "Weiße". Vielleicht sind die Fahrlehrer Zigeuner ;-).

Bei dieser Fahrweise und diesem Verkehr sollte ich doch in Bad Schandau in die S-Bahn springen. Danach muß ich nämlich durch relativ dichten Wald auf der B172 bis nach Königstein, bevor der rettende Elbradweg kommt.

Kompott

Bad Schandau. Was soll's. Jetzt kommt gerade lange Zeit kein Auto. 340km geschafft, ich montiere das Licht an das Rad und fahre doch weiter. In der Tat, es ist gerade wenig Verkehr, es geht. Königstein. In den Zug steigen? Wieso? Es fährt sich gerade ganz gut, hell genug ist es auch noch. Ich verschwende keinen Gedanken an diese Alternative.

An der Elbe belastende Mengen kleiner, weißlich-grüner Fliegen, die in Schwärmen wie Sandkörner auf mich prasseln - an Helm, in die Haare, Brille, Gesicht, Arme - gräßlich. Das ist diesen Sommer wirklich furchtbar. Es reicht nicht, den Mund zusammenzupressen, auch in die Nase wollen sie noch. Ich bohre ständig und muß auch noch einige Fliegen aus den Ohren schmeißen.

Ab Rathen ist Licht Pflicht. Hier kommen die letzten Berge des Elbradweges, allerdings in dichtem Wald. Die Berge merke ich kaum, ich kann sie mittlerweile auf dem großen Blatt gut hochfahren (es sind auch bloß harmlose Wellen, um ehrlich zu sein). Aber es gibt hier unbeleuchtete, dunkel gekleidete Radfahrer im Gegenverkehr. Das ist wirklich gefährlich. Ich fahre sehr umsichtig und stelle die Lampe hoch genug ein, damit man mich schon von weitem sieht. Komisch, tagsüber sehe ich hier kaum jemanden und fahre meist allein. Jetzt, im Dunkeln, kommen sie alle aus ihren Löchern gekrochen.

Weiter geht's, bis Pirna. Es ist kurz vor 22 Uhr, fast dunkel, die Vernunft gebietet Einhalt. Die letzten 22km des Radweges bis nach Hause wären von der Kondition kein Problem mehr, doch drei triftige Gründe sprechen dagegen:

Also ab in die S-Bahn, 2km vom Bahnhof nach Hause.

Regeneration in der Theorie

Wie regeniert man sich nun nach so einer Fahrt? Es gibt da mehrere Möglichkeiten.

Regeneration in der Praxis

Soweit die Theorie. Bevor es dazu kommt, ist noch eine S-Bahn-Fahrt zu absolvieren. Das wäre an und für sich kein Problem, würde die S-Bahn nicht dem VEB Deutsche Bahn gehören, der für seine Fahrgäste etwas Feines erfunden hat, um ihnen ein wenig Spaß zu bereiten. Das Wort, das jeder Brust einen wohligen Seufzer entrinnen läßt, wenn es nur fällt, heißt:

SCHIENENERSATZVERKEHR.

Zwar ist die Strecke nur ein Hopser, doch auch aus einem Hopser kann die DB ein vollwertiges Erlebnis zaubern. Man läßt dazu alle Züge des Abends ausfallen, stoppt die S-Bahn grundlos schon in Rathen, lädt dort einen ganzen Zug in einen einzigen Bus um und beobachtet anschließend amüsiert in Pirna, wie Leute, Besoffene und Fahrräder sich mühen, hineinzukommen. Weil auch das zu einfach wäre, stellt man viele Busse bereit, jeden zu einer anderen Zeit, und schaltet bei jedem (vollelektronisch natürlich) die Aufschrift "Schienenersatzverkehr", mit einer Straßenbahn als Symbol daneben. Das ist besonders witzig, weil es dort hinten ja gar keine Straßenbahn gibt.

Also fragt man sich durch. Es geht nur fragen, denn Aushänge finden sich keine (obwohl Pirna der wichtigste Bahnhof der Strecke ist und quasi schon zum Stadtgebiet um Dresden gehört). Ich schiebe mein Fahrrad hinter in den Gang, denn vorn ist alles voll, und erwische sogar einen Platz. Der Bus ist voll mit Besoffenen, die es in Tschechien nicht ganz so weit hinter die Grenze wie ich geschafft haben, Radfahrern, ein paar Krakeelern und vermutlich sogar Normalbürgern, die jedoch nicht weiter auffallen.

Es geht los. Kurven werden mit Schwung genommen, damit jeder begreift, daß er sich festzuhalten hat. Haltestellennamen brüllt ein Besoffener durch den Bus, der "Reiseleiter" spielt. Aber nicht alle Namen. Egal, ich will sowieso bis zum Ende. Mein Sitznachbar schwitzt und zuckt immer so komisch. Er reicht seinen Rucksack über mich zur "Mutti" hinüber. Er wird doch nicht etwa ...? Nein, er muß bloß mal pullern. Beim nächsten Stop Nothalt, er zwängt sich durch die Räder (achten Sie bitte auf meine Gangschaltung ...), erleichtert kommt er zurück.

Ich halte derweil mein Rad mit einem Arm recht krampfhaft, damit das Vorderrad nicht die beigefarbene Hose der Frau gegenüber beschmutzt, die offensichtlich zu den einfacheren, aber nicht mehr werktätigen Schichten unseres Volkes gehört.

In diesem Sinne geht es bis nach Dresden-Reick. So schön, lieber Leser, kann eine Bahnfahrt sein. Und das versteht die Deutsche Bahn unter Regeneration nach 370km.

Nach dem Umsteigen in einen garantiert echten Zug mit vielen Rädern geht es zum Zielbahnhof, und die letzten reichlich 2km auf der B6 gehen mich nichts mehr an. Zu Hause also obiges Regenerationsprogramm 1 durchgezogen und dann noch mit dem Sohn bei einer halben Flasche Budweiser (enthält auch Mineralstoffe) geschwatzt. Den Umständen entsprechend geht es mir recht gut. 1.00 bin ich im Bett.

Nachschlag

8.00 werde ich munter - nein, das ist gegen die Sportwissenschaft, sofort weiterschlafen. 10.10 reißt mich das Telefon brutal aus meinen Träumen. Der jüngere Sohn, nicht ohne Grund Söhnlein Brillant genannt, braucht vom Älteren eine hochwichtige Antwort betreffs Gameboy. Aua, in welchem Schrank ist mein Ersatzkörper. Wo ist der Knopf, mit dem ich mich in Bewegung setze.

Mme. Rothaar wollte mit mir heute ein Stückchen fahren. Sie ist derzeit eine "Schnecke", was sich bitte nur auf die Fahrgeschwindigkeit bezieht. Aber Mme. Rothaar ist wandern, weil sie dachte, ich wäre tot (bin ja auch erst 23.30 heimgekehrt). Hach, ein Glück, es regnet ein wenig.

Der Regen hört aber wieder auf, und ich fahre allein 47km Rekom, damit ich morgen wieder laufen kann. Das geht doch ganz gut. Es gehört sich nach Lehrbuch, dabei auf eine 50-60er Kadenz zu achten, bei niedrigster Pulsfrequenz zu bleiben und nur 90 Minuten zu fahren. Ich trete jedoch, wie ich will - am Berg mit 60, zwischendurch mal mit 110; ich fahre eine Welle mal mit dem großen Blatt und 30km/h hoch, die nächste auf dem mittleren mit 12km/h, wie ich gerade Lust habe. Was soll's? Es hat gut getan. Mein Körper hat sich zurückgemeldet, und hinterher habe ich sogar echten Hunger bekommen.

Ach, die Tour gestern war schön. Nun weiß ich, daß 400km auch gehen, wenn es gut läuft. Nur mein Ziel, das auch im Hellen zu schaffen, ist wirklich schwer zu erreichen. Nächstes Jahr.

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