HIMMELFAHRT 2007 - EINMAL ANDERS -------------------------------- Hi Radfahrer, bitte um Entschuldigung, dass ich diesmal einen Beitrag anhänge, der in einem Forum erscheinen soll, aber der Herr Server geruht gerade wieder einen Fehler zu haben (das hat er öfters - "Frontpage" als Komponente lässt mich wieder mal Windows ahnen). Die Cielabs (www.cielab.org) wollten heute eine 300er Runde fahren: Dresden-Cottbus-Görlitz-Dresden. Da es bei mir mit Tschechien nicht klappte, zog ich mit. Es war sehr denkwürdig, eines der Hinterher-Abenteuer (d.h. solche, die während des Erlebens nicht immer so doll sind, wie sie hinterher erscheinen). Aber die Cielabs sind 'ne fetzige Truppe. 30 Jahre Altersunterschied stören mich da gar nicht. Und so wars: 6 gemeldet 4 am Start 3 wirklich gefahren 1 angekommen Gut, das mit dem "wirklich gefahren" ist unfair, gleich mehr dazu. Also, ich stand vermutlich schon 5:38 am Goldenen Reiter, lugte ständig um die Ecke, um ja keine Gruppe zu verpassen. Alles leer. Langsam macht sich Unruhe breit. Dann kommt standesgemäß Lolek als erster. Na prima, ich überlegte schon Alternativen (wäre es zur Not auch allein gefahren, das wäre hart gewesen - Motivation nicht ausreichend, und 300 fährt man bekanntlich erst mal mit dem Kopf). Robse und Molak stießen hinzu, Molak mächtig dürftig gekleidet. Manche vertragen das ja, aber ich sah keinen Platz für die Zuleitungen zur Wadenheizung bei ihm, von den Knieen ganz zu schweigen. Ich hätte mich auch wärmer anziehen sollen und vor allem Handschuhe mitnehmen sollen. Jeder Fehler bei 300 rächt sich bitter, meine trübe Erfahrung. Meine Kleidung war temperaturmäßig an der Grenze, ich bin da sonst doch so misstrauisch. Robse wurde überzeugt, wenigstens bis Kamenz mitzufahren (er wollte "bloß mal gucken" ... Recht hat er, wer sind denn die Idioten, die bei solchem Wetter früh am Reiter mit großen Plänen herumlungern). Meine Angst war, dass die Jungs zu flott fahren. Zum Glück waren weder Lolek noch Robse in Hochform, sonst wäre es mir ganz schlecht ergangen. So erging es mir nur schlecht. Aber wir sind sehr kollektiv gefahren. Hat wirklich Spaß gemacht! (Merke: Rennradler verstehen unter "Spaß" etwas sehr Merkwürdiges.) Irgendwo vor Kamenz zeigte sich ein Stück trockene Straße, was von Molak jubelnd begrüßt wurde. Wir stimmten in den Chor ein, bis auf Robse, der fuhr hinten. Hinter Kamenz, nach ca. 50km, gab er aus moralischen Gründen auf. Das war vernünftig - wenn es im Kopf nicht stimmt, wird mit 300 nichts. Das Fleisch ist willig, doch der Geist ist schwach. Und: Im Verzicht zeigt sich die wahre Größe. Nun war ich der Kürzeste in der Runde - 22 bzw. 27cm kleiner als meine Mitfahrer. Unglaublich. Wenn ich mit ihnen reden wollte, musste ich aufs Rad steigen, der Schall kam sonst gar nicht bis hoch. Der Wind windelte ganz schön heftig, viel von der Seite, auch mal halb von hinten. Am beeindruckendsten und schönsten war Loleks genialer Tagebau-Radweg, spiegelglatt mit 0Hm, breit und vollkommen frei und vor allem: mit starkem Rückenwind. So stark, dass die Tagebauseen deutliche Schaumkronen trugen. Das konnte ja heiter werden. Loleks Orientierung ist bemerkenswert, ich lernte heute insgesamt eine ganze Reihe neuer Ecken kennen. Es hat sich gelohnt! Der Schnitt - anfangs in Radeberg wohl so um die 22 - schaukelte sich immer höher. In Cottbus an der Tanke war er schon 29 (115km). Die eklige B bis Cottbus hätte man evtl. östlich bis Drebkau umgehen können - 1998 fuhr dort der Supercup Cottbus entlang, aber ich weiß nicht mehr, wie die Straßen waren. In Cottbus Stehpause, dann ging es lange eine eklige B bis Bad Muskau: ohne Alternative, leider. Bei 300 muss man alles mitnehmen. Die Straße an der polnischen Grenze ist zwar gut und einsam, aber doch nicht ganz flach (Sagar heißt sorbisch "Zagor" = hinter dem Berg, meines Wissens). Unsichtbare, lange Steigungen von 1-3% lassen einen über den zähen Fahrstil wundern. Komisch, ca. 1999 bin ich die schon mal gefahren, da war sie auch nicht flach. Heute habe ich aber eine Libelle und weiß, warum. Der Schnitt war auf 30 gestiegen (Rückenwind gab es aber keinen mehr), und die Route führte durch extrem monotonen Kiefernwald (Übungsplatz Nochten, NVA'lern ein Begriff). Ich fing an, mich blau zu fahren, und Lolek hatte auch leichte Probleme. Nur Molak hielt das Tempo nicht, d.h., er fuhr immer wieder zu schnell. Loleks breiter Rücken mit seiner gemäßigten Fahrweise war sehr angenehm. Aber Lolek kann nicht immer führen (gut, ich bin auch mal vorn gewesen :-). Die Pause in Rothenburg war mir sehr willkommen. Ich konnte nichts von dem Snack dort essen, mir war nicht danach, und vielleicht war das auch vernünftig (Lolek? Molak? wie erging es Euch?). Lolek beschloss, in Görlitz in den Zug zu huppen. Vor Görlitz riesige, freie Ebenen ohne Gegend, aber mit autobahnartigen Straßenbauten - äußerst belastend, monoton, sehr mühsam, kein Radfahrerhimmel. Ich wurde langsam. Bei km 211 bog Lolek links zum Bahnhof ab, und Molak fuhr mit ihm mit, weil er noch mehr Kälte erwartete (freie Kniee, kein Windstopper ...). Da hatte er nicht ganz Unrecht. Und ich wäre für ihn zu langsam gewesen. Ich wusste, was kam. Ich hatte mich leicht hellblau gefahren, und bei dem, was da nun kommen sollte, würde sich das bitter rächen. Recht hatte ich. Aber die Gegend wurde mit einem Mal sehr schön. Danke, Lolek, für die schöne Route! Klingenhain, Ebersbach - tolle Ecken, noch relativ windstill, viele friedliche Radfahrer. Bei Königshain schon übler Wind, der lange und nicht steile Berg (bis so 5%) wurde bereits äußerst mühsam. Aber hilfsbereite Jugendliche gibt es dort, die einen gleich fragen, wenn man mal auf die Karte schaut. Dann wurde der Wind immer schlimmer. Vor allem Kotitz/Nechern bis Bautzen war vom Feinsten, wie ich schon erwartete (ich kenne die Ecke, da gibt es keinerlei Deckung). Dafür wurde die Sicht exzellent. Es war eigentlich immer noch schön. Überhaupt: Irgendwie ging es immer weiter, abgesehen vom sicheren Gefühl des nahenden Todes. In Bautzen kaufte ich mir ein Getränk, das zwar schmeckte, aber nicht das Optimum war (nicht nur die Trinkflasche klebte fest im Halter, auch die Magenschleimwände schienen sich zu verkleben). Der richtige Tod trat nun ein. Die B6 war übelst befahren, ich bog in Stiebitz links ab und gurkte über Seitschen (es wäre kürzer gegangen) nach Göda. Den gefährlichen Gegenwindtod durch einen etwas ungefährlicheren ersetzt. Ich geriet in einen viel zu hochfrequenten Fress-Pause-Strampel-Zyklus. Das war kurz vor dem Hungerast. Nach Coblenz und Uhyst ist es überhaupt nicht so eben, wie es auf dem Globus aussieht, auch die Straßen sind keineswegs so gelb wie auf der Karte, sondern mies. Aber eine interessante Route. In Uhyst mal kurzer Tod, dann Auto-Wiederbelebung mittels tschechischen Müsliriegels (unter diesen Bedingungen schmeckt der sogar), weiterschleichen. Irgendwie die Serpentinen nach Burkau hochkommen - auf halber Höhe Knittelvers fotografieren, oben die tolle Aussicht ... man findet immer einen Grund zum Anhalten, auch wenn man gar nicht pinkeln muss. Aber bis Rammenau ging es dann, und bis Radeberg schon gar nicht schlecht. Offenbar war der Wind nur noch normaler Gegenwind. Lange keine 3 mehr vorn auf dem Tacho gesehen! Tja, von den 30 Schnitt in Rothenburg nach 190km blieben 27.0 am Ende übrig bei mir, nach 322km (11:55 netto, 14:38 brutto inkl. goldene Reiterzeit usw.). 1750 Höhenmeter maß ich. Erfahrungsgemäß erinnert man sich an solche Touren später bis ins Detail. Abenteuer sind immer schön. Hinterher. Mir fällt eine meiner Mailsignaturen ein: "Eine normale Beerdigung ist zwar inzwischen teurer als ein normales Rennrad, hat aber einen unschätzbaren Vorteil gegenüber dem Rennrad: Man muss nur einmal sterben." Lolek muss ich besonders danken für Idee, seine Ortskenntnis und die Initiative. Ihm muss ich einen ausgeben, denn das war meine 10. 300er (glaube, in 8 Jahren) - Minijubiläum. Schade wegen seiner Magenprobleme, ich hatte leichte Darmprobleme. Die gingen erst nach über 250km weg - was soll das erst in Zukunft werden, wenn ich immer so lange brauche. Aber auch Robse müssen wir danken. Er hat den wirklich uneigennützigen Hasen gespielt: Lolek zum Doch-Fahren überreden, dann ein Stück mitziehen und sich anschließend sportlich fair verabschieden. Ich habe nur 2.7kg verloren (Wasser). Ob sich meine zähen Ringmuskeln reduziert haben, stellt sich erst in ein paar Tagen heraus. Auf jeden Fall steigt die Form nach so einer Mega-Anstrengung bei mir immer sprungartig. Wenn es Lolek wieder mal nur mittelprächtig geht, fahren wir wieder zusammen :-) (Und mit Molek auf weniger als 200km natürlich auch, und mit den anderen ebenso.) Bilder gibt es erst morgen. Nur ein Problem bleibt: Leute, wir müssen die Ausbeute erhöhen!! Ciao Zwinki P.S.: Ach ja, und noch ein paar Sprüche, die dazu passen (hängen bei mir im Büro, sind teils von mir): 1. Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter. 2. Was uns nicht härter macht, bringt uns nur um. 3. Was uns umbringt, macht uns nicht härter. 4. Wirklich hart ist nur, was uns umbringt. 5. Sportler leben nicht länger, sie sterben aber viel gesünder. 6. Verstand auf Null, Blick auf Unendlich und dann los. 7. Quäl Dich, Du Frau. 8. Lebe jeden Tag so, als wäre es Dein letzter. Eines Tages wirst Du recht behalten.