Ein abartige Rennradtour im Februar

Mein Comeback, Doping, Look, Klingel, Wind, Nutten, Eis und grüne Haare

Eine gemütliche Radtour bei reichlich 0 Grad am 27.2.2000

... Jo, da staunt Ihr, was das alles für einen Sinn geben soll. Ich hoffe, alle haben heute schönes Wetter gehabt und sind brav gefahren; wir werden morgen davon hören. Doch ich glaube, ich muß ein wenig mehr von heute erzählen, weil es so verrückt war.

Also. Wir hatten Supersonne und 12 Grad angekündigt - aber nicht eingetroffene. Naja, man ist ja hart. Die wanderfreudigen Radfahrer vom letzten Wochenende (im Schnee steile Stiegen machen, Ihr wißt schon) sind wieder mal erkältet. Der andere hat vorn die Mutter und hinten den Hund am Hals oder umgekehrt. Wer bleibt: Meine Stamm-Mitfahrerin. Übrigens blond, heute aber mit grünen Haaren. Gestern war nämlich Fasching. Sie war bereits 3.30 Uhr in einen Wohnwagen geschlüpft, der 42km weg von meinem Haus stand. So ergab sich, daß heute doch eine Bergtour werden mußte - OK, schön langsam. Meine Tour 42km länger als ihre. Ich war zwar etwas eher im Bett, doch ich hatte 3 Tage CeBIT hinter mir, und etwas Formzerstörenderes als CeBIT kann man sich gar nicht vorstellen.

Hm, 42km an der Elbe bei 0 bis 5 Grad und eisigem Gegenwind waren nicht so geplant ... Frisch hüpfte Madam Grünhaar aus ihrem Wägele, ab ging's weitere 25km im eisigen Gegenwind bis nach Decin in die Tschechei. Kavallerist wie ich bin, gab ich Ihr natürlich Windschatten. Macht nix, bin ich gewöhnt, derzeit 84kg (jaja, traurig) machen mehr Wirbel als 63.

Es war so kalt, daß nicht einmal die hübschen, jungen, kurzberockten jungen Mädchen zwischen Hrensko und Decin auf der Straße standen. Das will was heißen.

Dann machte ich einen Fehler. Ich gab ihr einen Ferrero-Pocket-Coffee; damit hatte ich mich früh gedopt. Die Wirkung war bei mir regelrecht weggeblasen, während sie nun bei ihr einsetzte. Der folgende Berg, den ich voriges Jahr nur wanderte, war doch leicht alpin - er gipfelte zunächst in 2km mit durchschnittlich (!) 11%. Keine Rampen, aber auch keine Pausen. Langsam zeigte sich Schnee links und rechts, und es zeigte sich auch eine gewiße Lücke zwischen Mme. Grünhaar und mir, wo ich sonst eigentlich schneller bin. Na gut: Erstens 3 Tage CeBIT, zweitens 3 Tage CeBIT, drittens 42km mehr, und viertens war ich schon vor zwei Jahren doppelt so alt wie sie (von heute ganz zu zu schweigen), und sie ist wahrlich kein Kind mehr.

Ja, irgendwie war ich geschafft, aber das ist normal. Die Straße war schneefrei und sehr gut, was will man mehr. Das bißchen kalten Gegenwind auf den nächsten 10km ist man ja gewohnt. So stiegen wir von 400m langsam auf 550m an, und dann kam der mir wohlbekannte Hammer, der Hohe Schneeberg. Erst längere 12%, dann 8% zum Ausruhen, dann über 12% mit 18%iger Abschlußrampe. Wußte ich, alles war mental darauf abgestimmt. Nur ... da war noch wie so'n bißchen Schnee auf der Straße. Zwei Spuren von 30-40cm blieben frei, und das hätte schon gereicht, wären da nicht die Leute gewesen. Viele Leute, dumme Leute und taube Leute. Auch sture. Ich habe zwar eine Klingel (und die brauche ich auch oft), doch bei 12% bergan kann man nicht in die Mitte greifen, und bei 18% bergab ist nur eine Bremse ein wenig knapp, also braucht man beide Hände. Ich gab also von "Bim-Bim" über "Achtung" und "Pozor!" (tschechisch) bis zum aggressiven "Hej, weg da!" (bei zwei hochgeschminkten, total sturen Omis) bergan ständig Laute von mir. Lautgeben verbraucht Sauerstoff. Mir war 26:24 fast zu knapp (und ich hatte auch schon 90km in den Beinen). Mme. Grünhaar kämpfte weiter vorn mit den Folgen lokaler Überbevölkerung.

Auch das überlebten wir, und so näherten wir uns in bewährter Weise dem Aussichtsturm mit Imbißstube (723m). Vorher harrte unser jedoch das nächste Hindernis: Mit geschultertem Rennrad einarmig am Geländer eine vereiste Treppe hochhangeln. Kurz und knackig, aber höchst unkonventionell! Nur gut, daß der oben erwähnte Mutter-Hunde-Hals-Rennfahrer nicht mit war, denn er hat Lookpedalen, und seine Platten brachen vor wenigen Wochen bei vergleichsweise läppischen Aktionen. Bliebe noch zu erwähnen, daß der heiße Tee in der Imbißstube den Plastebecher erweichte, so daß ich mir beim Anheben heiße Brühe über die Hand goß. Hab's überlebt. Auch die Treppe wieder hinunter.

Die Abfahrt wie erwartet - rufend, fauchend, bremsend, balancierend. Nur daß die Handschuh von Mme. Grünhaar inzwischen naß geworden waren und sie vor Kälte kaum noch bremsen konnte. Doch irgendwie hat sie es geschafft, ein Unfall wurde mir nicht bekannt.

Dann der blanke Genuß - glatte tschechische Straße bergab, insgesamt über 20km nur bergab bis Königstein (brrr, das kann kalt werden). Doch vorher hieß es trainieren, in diesem Fall Geschicklichkeit. Denn bis zur Grenze kamen 2km teilasphaltierter Forstweg, der wider Erwarten wie'n bißchen verharscht und vereist war. Zwei Spuren von 10-20cm Breite zeigten uns den Weg, und tatsächlich: Teilweise waren die Spuren sogar durchlaufend. Es ist erstaunlich. Keiner von uns beiden stieg ab. Wie sagt ein Kumpel, der viel härter und schneller fährt als ich: "Das muß ein Rennrad aushalten, der Fahrer sowieso." Die Stellen, wo der Forstweg nicht asphaltiert ist, betrachtete ich im Sommer als kaum befahrbar. Heute änderte ich meine Meinung: Hauptsache, kein Eis drauf. Wie einfach man manchen Menschen doch eine Freude machen kann. Am Samstag früh freute ich mich z.B., in der U-Bahn zur Messe einen Stehplatz mit Haltestange in Reichweite erwischt zu haben. Was will man mehr in dieser Welt!

Nach folgender, sehr flotter Abfahrt (30-50km/h) schien der Kaffee bei Mme. Grünhaar immer noch zu wirken. Eigentlich wollte ich ursprünglich ab Königstein mit dem Zug fahren. Zu meinem freudigen Entsetzen nahm sie aber wie selbstverständlich an, daß wir noch bis Dresden radeln. Na gut, sie hat's ja auch 7km kürzer als ich, da geht das schon. Für mich gilt: Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter, und was uns nicht härter macht, bringt uns nur um. Klaro, daß sich der Gegenwind von heute früh mittlerweile zum Nichtwind gewandelt hatte (oder Fastnichtwind). Aber anscheinend hatte sie bei sich heimlich das Hebelchen unter dem Schildchen "Fettverbrennung" nach unten geklappt. Jedenfalls donnerte sie in der Regel mit 30km/h los, auf Straßen sogar mit 33-35 Sachen. Das ging schon noch bei mir, nur nicht so gut. OK, ich hatte genug vorzubringen: Erstens CeBIT ... siehe oben. Außerdem ist sie Sportstudentin. Und obendrein war sie zwischendurch klinisch tot. Denn sie fährt neuerdings mit Pulsmesser, der irgendwo den Wert 0 anzeigte. Ich habe keinen. Nur meine innere Stimme. Und die säuselte: 0g Kohlenhydrate left, 2000g Wasser missing, 7000g not verwertables Fett ...

Sie ließ mich die verbrauchten Kalorien schätzen (auch das kann ihr Pulsmesser, jedenfalls, wenn er keinen Tod anzeigt). Ich sagte für sie 2200-2400 voraus, ihr Gerät: 2140. Es lebe die Nicht-Meßtechnik. Ich dürfte heute 4000kcal verbraucht haben. Das könnten 500g Fett sein, in der Praxis wohl nur 250. O je, noch 28 solcher Touren ... ich geh' kaputt.

Klaro waren dann ab Pirna diverse Leute auf dem Radweg - taube, sture, langsame, breite, mit Skates, Kind und Kegel (vor allem letztere sind so lästig beim Fahren). Doch wer dieses Jahr die ersten 3 Tage CeBIT überlebt hat (und vor allem den Freitag), der lacht nur darüber. CeBIT zu Fuß ist allemal schlimmer als voller Elbradweg mit dem Rennrad. Trotzdem will sich Mme. Grünhaar nun auch eine Klingel kaufen. Es lohnt sich wirklich!

Am Ende waren wir beide hochzufrieden mit diesem Abenteuertag. Sie hatte reichlich 100km auf dem Tacho, ich läppische 152km. Hat uns härter gemacht und nicht umgebracht. War aber nicht so geplant.

So, das war meine Geschichte. Ich hätte sie auch kürzer fassen können und schreiben: 152km, 21.2 Schnitt - nicht gut gelaufen? Bin stolz drauf! Aber das hätte dann keiner verstanden.

Ciao

Zwinki