Rund um die Schneekoppe

Rund um die Schneekoppe - die landschaftlich vielleicht schönste Radtour

Erlebt und aufgeschrieben von Zwinki (zwinki2 @ gmx . de)

Auch wenn man 200km am Stück fährt, hat man irgendwann einmal den größten Teil der "näheren Umgebung" erkundet. Ich fahre deswegen immer öfter in Tschechien, allein wegen der Landschaft, aber in Nordböhmen kenne ich mittlerweile schon "erschreckend viel". Nur Polen sparte ich bisher aus, weil mich die Polen eindringlich vor ihren Autofahrern warnten.

Alles Lüge! Nachdem wir von Bratislava aus die nicht vorhandenen Sitten slowakischer Autofahrer kennenlernten (vgl. bratislava.html) und eine Woche später bei der Friedensfahrt) die polnischen erlebten, kamen uns letztere ganz lieb vor (außer großen Lastwagen auf Europastraßen, aber diese wählt man schließlich nicht für Touren aus).

Damit erschloss sich Neuland für mich. Und zum zweiten verlängerte ich die Fahrdauer: Ende Mai 2003 unternahmen Tria-Peter und ich erstmals eine Zweitagestour zusammen. Das hatte ich noch nie gemacht, aber bei zwei Tagen braucht man kaum mehr als für einen Tag - im Prinzip Zahnbürste und -creme, etwas Seife sowie eine zweite Radhose. Und etwas mehr Verpflegung. Passt gerade noch in den kleinen Rucksack. Am Tag vorher ordentlich mästen, am ersten Tag drei Schwarzbrotstullen, am zweiten Müsliriegel. Das reichte. Peter hatte eine Lenkertasche und einigen Ärger damit; sein Rucksack war etwas kleiner als meiner. Aber er brauchte Laufschuhe, was ich mir als "SPD-Pedalritter" ersparen konnte.

Mit Zweitagestouren erschlägt man natürlich ganz andere Bereiche. Ein alter Traum ließ sich verwirklichen: Rund um das komplette Riesengebirge. Von Dresden aus wird's zu viel, wir starteten in Görlitz und schenkten uns 100km durch die Berge der Lausitz. Von der Landschaft und den Sehenswürdigkeiten her versprach es die Supertour zu werden. Und sie wurde noch übertroffen!

Erster Tag

Wir fuhren am 30.5.03, einen Tag nach Himmelfahrt, bei strahlender Sonne mit dem Zug nach Görlitz. Nur eineinviertel Stunde Fahrt versprach die Deutsche Bahn für die 100km (wie will sie das schaffen?), und mit einem rätselhaften Tarif sollten wir nur 28.50 Euro für zwei Mann mit zwei Fahrrädern brauchen. Diese Zahl wird am Ende noch wichtig sein!

Kurzum, die Bahn schaffte es, der Tag ging schon mal gut los. Die Stadt hatte sich gewaltig gemausert, ganze Straßenzüge mit historischen Häusern erstrahlten in neuem Glanz. Nur die Einwohner fehlten - ich weiß von etwa 50% Bevölkerungsschwund wegen fehlender Arbeit.

Den Grenzübergang fanden wir (ähnlich wie in Zittau) nicht so schnell, aber dann war die Orientierung weitgehend problemlos. Die Nebenstraße über Tylice nach Sulikow war wie so oft in Polen sehr rauh und wellig, dafür fast verkehrsfrei - und schön. Meistens Alleen, es war richtig Frühling. In einem Ort krabbelten Massen an Maikäfern auf der Straße herum. Leider stellte sich heraus, dass es doch nicht so richtiges Flachland war, eher Wellenland. Und es wurde schon ganz schön warm (30 Grad unten, 20 Grad in 1000m Höhe, wie wir später lasen). Mein Rennradreifen hinterließ Spuren im Asphalt, wie Peter sagte. Und das schon am Vormittag. Die Ortschaften waren trister als die schönen in Tschechien und besser als die schlechten in Tschechien - es gab weniger totale Bruchbuden.

Irgendwann begann ekliger Splitt auf klebrigem Bitumen zu nerven. D.h., nicht nur zu nerven - wir mussten die Steinchen sogar einmal von Hand von den Reifen ziehen. Endlich sahen wir die Ausbesserungseinheit vor uns. Lieber Schlaglöcher als das Festkleben und das gefährliche Klingeln am Unterrohr. - In Wlosien hatten Kinder eine eigentlich geistlose Betonmauer mit Symbolen und Flaggen aus ganz Europa bemalt. Das war interessant und lustig. Bei Deutschland dachten sie z.B. an Lederhosen, Bier und Alpen. Wir machten Fotos.

Der erste "echte" Berg

Die Gebirgszüge in der Ferne kamen langsam näher, die Sicht war recht gut. Vor Swieradow Zdroj, einem bekannten Kurort, kam Czerniawa Zdroj. Das sah nett aus dort, aber wir verloren die Orientierung und fuhren zu weit den Berg hoch. Dunkel besinne ich mich, dass 1989 der Taxifahrer auch mal fragen musste ... Es war wie üblich in Polen kein Problem, Auskunft zu bekommen, doch ich zweifele, ob die junge Dame ihren Tipp auf sich selbst angewandt hätte. Denn das war genau der Weg, den ich eigentlich wegen der vielen Höhenmeter nicht fahren wollte. Die Straße wurde ziemlich steil. Als zum ersten Mal ein rotes "Wadecki" und "TdP" auf der Fahrbahn auftauchte, schwante mir nichts Gutes. Wadecki gewann (gedopt) die Friedensfahrt 2001 überlegen, gerade an einem extrem steilen Berg. Und "TdP" bedeutete wahrscheinlich "Polenrundfahrt". Dann erschien ein gelbes "5km" auf der Fahrbahn, und die Hitze nahm noch weiter zu.

Sehr schnell erreichte die Steigung 15% (oder etwas mehr) und ließ nicht so schnell wieder nach. Dafür kam sie öfters wieder. Ich hatte schon längst auf den kleinsten Gang geschaltet, Peter mühte sich hinter und neben mir dank seiner Zweiblattübersetzung mit lautem Schnaufen. Ich keuchte auch, fuhr aber nicht am Anschlag, denn eigentlich sollte der erste Berg noch kommen. Oben meinte Peter: "Was soll das denn noch werden, ich bin ja jetzt schon platt." Das echte Abenteuer ließ grüßen ...

Sehr steil führte die Straße nun hinunter nach Swieradow Zdroj. Die ersten Ferienunterkünfte linkerhand (tolle, geschnitzte Holzverzierungen und -verkleidungen, schöne Parks ringsum) machten richtig Appetit auf einen Urlaub hier. Nach diesem Hammer von Berg nur zu verlockend. Auch die Hauptstraße wirkte sehr kurortmäßig. Nicht so unnatürlich herausgeputzt wie z.B. in Österreich, sondern einfach angenehm. Man hörte viel Deutsch, offensichtlich Kurgäste.

Während sich Peter die obligatorischen Ansichtskarten besorgte, betrachtete sich ein relativ "ausgefranster" Mann unsere Räder. Bei uns wäre er wohl als Penner oder dessen Vorstufe durchgegangen, aber dann setzte er sich eine Brille auf, die solche Leute üblicherweise nicht tragen und begann eine Fachsimpelei, die sehr nett und anregend wurde (ich kann zum Glück recht gut Polnisch). Als er zum Schluss hörte, dass wir noch bis zum Okraj-Pass wollten, erschraken er und ein Bekannter von ihm: "Was, heute? Dort hoch? Das ist doch viel zu schwer!" Nun ja, ich hatte kurz vor dem Ende der Straße ein ziemliches Gedrängel von Höhenlinien auf der Karte bemerkt ... Er meinte, dort ginge es nur hoch, und unterstrich das mit einer Ehrfurcht erweckenden Handbewegung. Was soll's, wir hatten keine andere Wahl. Der andere Pass weiter westlich war keine Option. So steil wäre es nicht, meinte er dann doch, aber heute entschieden zu warm. Das stimmte.

Zum Riesengebirge

Die folgende Straße in Richtung Szklarska Poreba war genau wie erwartet: Dichter Wald (äußerst wichtig in dieser Hitze), 10km lang gleichmäßig ansteigend, meistens geradeaus, wenig Verkehr, leidlicher Belag. Man fuhr so dahin und genoss die Stellen mit besonders kalter Luft. Außer weiter oben, wo Jungwald nicht vor der Sonne schützte, war es doch schön. Durch den Gegenwind mussten wir zwar manchmal sogar bei ganz leichtem Gefälle treten, wurden dafür aber auch besser gekühlt.

Die "Todeskurve" war leider schon ziemlich zugewachsen, doch man sah trotzdem noch die oberen Teile der Schneekessel (von 1400m aus 250m tief eingeschnitten), und man erkannte an den Nordhängen mit einem kleinen Fernglas (das ich trotz des Platzmangels doch mitführte) noch Schneefelder. Steil ging es nun nach Szklarska Poreba hinab, dem nächsten Touristenzentrum, wo wir 1989 mit der Familie einst Urlaub machten. Es wirkte immer noch interessant und ansehnlich, Urlaub hier würde nach wie vor lohnen. Die neuen, gut hergerichteten Quartiere übertreffen nämlich die in Tschechien doch um einiges, auch wenn der allgemeine Eindruck der Orte auf den ersten Blick nicht so interessant wie in Tschechien ist.

Es ging ein langes, herrliches Tal hinab, rechts ein breiter Bach mit großen Blöcken im Flussbett. Ein Bus bremste uns immer wieder aus, ohne dass wir zu schnell gejagt wären - es blieb ohnehin genügend Zeit für Blicke auf die Umgebung. Dunkel besann ich mich, dort schon 1989 gestaunt zu haben.

Dank ausgezeichneter Beschilderung wurde der folgende, eigentlich komplizierte Teil bis Kowary problemlos. 1972 hatten wir in einer Woche den ganzen Riesengebirgskamm abgewandert (mein erster Kontakt mit einem Hochgebirge), nun legten wir den Abschnitt im flacheren (aber nicht flachen) nördlichen Vorland im Zeitraffertempo per Rennrad zurück. Das machte sich gut, denn das Riesengebirge ist auf dem Kamm sehr flach, bei einem schnelleren Ortswechsel erscheint es interessanter. Vieles sah ich so zum ersten Mal, die Sicht war aber auch wirklich gut. Die Schneekoppe hob sich gegen Ende markant heraus. 1600m ist sie hoch und besteht nach meiner Erinnerung nur aus Felsblöcken. Bei 1100-1200m ist die Baumgrenze, bei 1400m hören auch die Latschenkiefern auf. Das Riesengebirge ist berüchtigt für sein Klima, die Schneekoppe soll nur an 30 Tagen im Jahr nebelfrei sein. Hatten wir ein Glück mit dem Wetter! Nur stießen wir schon wieder auf so eine Straßenausbesserungseinheit mit Klebe-Bitumen und Rollsplitt :-(

Nach diversen Wellen Abfahrt nach Kowary, ein genauer Blick auf die Karte. Das war wieder typisch Polen: Gleich kam eine Frau auf uns zu und fragte: "Na, was habt Ihr denn für ein Problem?" Ihr Tipp zur Weiterfahrt war richtig, obwohl mich Ausschilderung und Richtung anfangs etwas irritierten. Es klärte sich jedoch alles. Sie meinte noch: "Der Okraj-Pass? Ganz einfach, immer nur hoch, hoch, hoch ... viel Spaß noch ..." Hm, das konnte ja heiter werden, schon der zweite "gute" Tipp des Tages zu diesem Thema ...

Auf einer großen Schnellstraße mit befahrbarem Randstreifen fragte ich sicherheitshalber nochmals einen Mann, der alles ausführlich erklärte. Wir waren schon richtig.

Hoch zum Pass

Endlich ging es in den Wald, und man konnte sich wenigstens einbilden, dass es etwas kühler wird. Die Steigung war sehr moderat - kaum über 5-6%. Wir fuhren so um die 15 km/h. Ja nicht überhitzen, mein Getränk ging endgültig zur Neige. Peter hatte nachgekauft, brauchte aber offensichtlich mehr als ich (ich schwitze nicht so stark). Wobei ... 2.3l auf 100km war bei dieser Hitze nicht gerade viel (inklusive Zugfahrt!).

Der Kowary-Pass, ein leichtes Lüftchen. Nun ansteigend weiter hoch (wie hatte doch die nette Frau gesagt: immer hoch, hoch, hoch!). Der Wald wurde noch dichter; wir hatten schon etwa 700m Höhe erreicht, die Hitze war nicht mehr so arg. Zwei Motorradfahrern mit ND-Kennzeichen halfen wir noch; der, der von den beiden redete, sprach so strengen Dialekt, dass wir ihn kaum verstehen konnten. Man sah übrigens doch einige deutsche Kennzeichen, der Tourismus lebt also wieder. In einer Kurve fiel der Wald links plötzlich steil ab, und wir hatten Superblicke auf steile Berge in Schlesien. Dort waren wir kurz vor Mitte Mai zur Friedensfahrt herumgekurvt; die Landschaft hatte mich schon damals sehr beeindruckt.

Mein Höhenmesser war Gold wert, denn dadurch wusste ich, wie hoch wir schon waren. Noch ca. 100 Höhenmeter, es wurde schon eine Idee kühler. Trotzdem kühlten wir im Schatten erst einmal kurz aus, denn wir hatten nichts mehr zu trinken. Und vielleicht kam noch ein dickes Ende (das oben erwähnte Gedrängel der Höhenlinien).

Es kam aber nicht, es blieb ganz moderat mit der Steigung. An einem polnischen Bistro direkt an der Grenze stillten wir erst einmal unseren Durst. Das Schlimmste müsste überstanden sein. 1046m waren wir nun hoch, der Wald hörte erst etwas weiter oben auf. So reichlich 120km hatten wir weg, 150 sollten es werden. Na, vielleicht doch etwas mehr. Der Schnitt war beunruhigend niedrig - ca. 21.5 km/h, schließlich mussten wir noch rechtzeitig Quartier suchen. Aber es ging einfach nicht viel schneller. Hitze, Berge, Straßenqualität, Orientierung und die vielen kleinen Problemchen bei so einer langen und neuen Tour fraßen die Zeit auf - z.B. dauerte das Auspacken der Karten länger als sonst. 20 Grad waren dort oben. Es hätten ebenso 5 Grad, Regen und übler Sturm sein können. Die Schneekoppe war ja nur 6km entfernt.

Grenzer und Zöllner saßen herum, plauderten und winkten uns sofort vorbei, als sie rote Pässe sahen. Ganz anders als bei der Friedensfahrt, wo ein Zöllner eine "Bus-Abgabe" forderte ... Mit uns war sowieso kein Staat zu machen, und Tschechen wie Polen sympathisieren mit Radsportlern, das merkt man immer wieder.

Etwas Hochgebirgs-Feeling

Die folgende Abfahrt war ein Traum. Von 1046m fährt man auf etwa 500m hinab, auf 17km Strecke und erstklassiger Straße. Der so genannte Bach an der Seite sah furchterregend aus, ein Betonbecken von vielleicht 10x5 Meter gefüllt mit Wackersteinen von teilweise beachtlicher Größe (bis zu 2 Metern). Hier sammelte sich das Schmelzwasser (und das von Unwettern). An manchen Stellen war die breite Straße offenbar zur Hälfte weggerissen gewesen. Die Hänge wurden immer höher und steiler, stellenweise wurde es uns zum ersten Mal an diesem Tag kalt.

In Svoboda Schluss mit lustig: Um nicht in großem Bogen die monotone und gefährliche Straße 14 zu fahren, hatte ich mit Bedacht eine Variante über Janske Lazne ausgewählt. Der Berg sah auf der Karte aber viel kürzer aus! Es ging wieder einmal kilometerlang mit 5-7% hoch, von 500m auf 800m. Die Hitze war bereits wieder sehr unangenehm geworden. Sehr viele Autos mit deutschen Kennzeichen standen herum oder überholten uns - hier sollten wir also kein Quartier suchen, die Preise waren "versaut". Schon bei der Abfahrt gab es derart viele Hinweisschilder auf Pensionen und Hotels, dass Peter meinte: "Ist ja wie in Bayern."

Die Gegend war natürlich schön (Südhang des schwarzen Berges, Cerna Hora), nur vom Gebirgskamm selbst konnten wir nichts sehen. Das Vergnügen hatten wir dafür schon ausgiebig auf der Nordseite gehabt. Schließlich eine lange Abfahrt durch Cerny Dul durch bis hinab zur Straße 14, die etwa so befahren und halbwegs öde wie befürchtet war. Auf den Bergkuppen - natürlich war die Straßen nicht eben, war ja in Tschechien - gab es dafür schöne Weitblicke. Wirklich, wir hatten Glück mit dem Wetter.

In Vrchlaby (von der 14 aus gesehen kein besonderere Ort, aber wir waren ja nicht im Zentrum) eine Flussüberquerung. Ich hielt an und fragte Peter: "Fällt Dir an der Brühe etwas auf?" - "Nee." - "Wenn Du 'reinspuckst, ist es in 3 Tagen in Dresden ..." Das war der denkwürdige Moment: Wir überquerten zum ersten Mal bei unserer Tour die Elbe und waren wieder auf der gleichen Seite! Denn mit dem gesamten Riesengebirge hatten wir auch die Elbquelle umrundet.

Jilemnice und die Sumoringer

Jilemnice, abbiegen, hinein in den Ort. Jilemnice war relativ groß, lag aber nicht direkt an einer touristisch wichtigen Zufahrtsstraße zum Riesengebirge. Ich hatte deswegen auf preisgünstige und "individuellere" Pensionen als anderswo in dieser Region gehofft. Nun ja, Pensionen fanden wir keine (eine für Touristen gab es zwar, aber die war uns zwei Nummern zu touristisch und außerdem geschlossen), dafür landeten wir im Hotel für die Sumoringer. Der abschließende Witz des Tages. Es gibt das Hotel wirklich, vgl. www.hotelsumo.cz. Der Besitzer war selbst ein offenbar erfolgreicher Sumokämpfer: Alles hing voller Bilder; auf einem warf er gerade einen unglaublich großen Schwarzen, der bestimmt doppelt so schwer wie er selbst war, nieder - und im Hotel hatte das erste internationale Sumo-Trainingslager stattgefunden. Mit 500 Kronen (16 Euro) pro Nase war es gemessen am Service zwar kein Schnäppchen für Tschechien, aber annehmbar, und wir hatten als einzige Gäste wirklich individuelle Betreuung. Insbesondere das Abendessen - so genannte Bärenpfoten - war vermutlich das reichlichste, das ich in Tschechien bisher aß. War ja auch für Sumoringer. Pommes Frites dazu waren nicht radsportgerecht, aber wir verbrannten in unserem Zustand einfach alles (167km, 2400Hm, nur 22.5km/h Schnitt - das spricht wohl für sich). Und das Essen war nicht nur überreichlich, sondern auch noch fantastisch zubereitet und gewürzt.

Wie allerdings Sumoringer in der normalen Duschkabine Platz finden sollten, war uns unklar. Vielleicht war es nur ein Besucherzimmer. Das Hotel war übrigens zu sozialistischen Zeiten entstanden (das merkte man an der Fenstermechanik), aber sonst sehr ansprechend eingerichtet. Nun ja, in Sachen Luxus-nicht-zum-Pranzen hatte Tschechien der DDR immer schon einiges voraus.

Wir schlenderten noch über den hergerichteten Marktplatz und informierten uns an einem trägen Computer über Stadt und Umgebung (es gab wieder mal mehr zu sehen als erwartet). Dabei erfuhren wir, dass die 150 Jahre alte Turmuhr die fleißigste Europas sein soll - mittags schlägt sie 28 mal, am Tag 1020 mal. Eine Kostprobe bekamen wir gleich zu hören, nämlich 22.30 Uhr: Erst zwei helle Schläge für "halb", dann elf dunklere für die folgende vollen Stunde. Beim Einschlafen rechnete ich mir aus, dass das ja nur 864 Schläge pro Tag ergeben würde. Der Widerspruch klärte sich früh 7.00, als ich schon munter wurde: Zu dieser vollen Stunde schlug siebenmal die dunklere Glocke an und dann gleich siebenmal die ganz tiefe, falls man sich beim Zuhören verzählt haben sollte ...

Zweiter Tag

Wir bekamen leider erst 8.00 unser Frühstück, zu spät. Das Frühstück war überhaupt nicht reichlich. Ich verstehe nichts vom Sumoringen, vielleicht musste das so sein. Peter meinte: "Hätte ich das geahnt, wäre ich früh losgefahren und hätte unterwegs etwas gegessen." Stimmt. Beim nächsten Mal probiere ich das andere Hotel.

Die 15km Abfahrt im gewundenen Tal nach Semily waren ein Traum. Vermutlich war ich die Strecke vor 15 Jahren bereits ein paar Mal mit dem Bus gefahren, doch was sieht man schon von einem Bus aus? Der Blickwinkel beim Radfahren ist mindestens dreimal größer. Glatte Straße, wenig Verkehr, immer bergab, Felswände, steiniger Fluss, blühende Wiesen, dann wieder eng und steil ...

Ab Semily wie erwartet Ende des Auflockerns (wir hatten ja schon 28 Schnitt ab Start), es ging ordentlich lang den Berg hoch, Tschechien-typisch, aber nur normal steil (bis 7%). Dass die Ecke bei Zelezny Brod irre ist, wusste ich noch von Busfahrten her, nur hatte ich vergessen oder nicht gesehen, dass sie so toll ist. Serpentinen, eine riesige Haarnadelkurve im Wald, oben Super-Fernblicke, das war schon was. Zelezny Brod lag eingeklemmt in einem engen Tal. Wir fuhren nicht hinab, sondern bogen ab letzter Serpentine hoch ab nach Koberovy. Nun versprach es steil zu werden. Zunächst eine kleine Abfahrt. Peter meinte: "Ich bleibe wieder zurück wegen der Löcher" (damit er Schlaglöchern ausweichen konnte). Das war aber gar nicht nötig, der Berg begann. Doch während es bei der Isergebirgstour dann geradeaus 10 oder 12% wurden, bogen wir gleich rechts ab nach Vrat. Äußerst genehm, und eine wunderschöne Ecke: Steile Wiesen mit Obstbäumen, Büsche und Wälder, Fernblicke, alles absolut ursprünglich wirkend. Vor 100 Jahren kann es dort auch nicht viel anders gewesen sein. Die Straße weiter nach Prosicka war ganz schmal und fuhr sich super. Links oben zeigten sich die Suche Skaly ("trockene Felsen"), ein sehr beliebtes Klettergebiet, weil es nach Regen im Unterschied zu normalem Sandstein gleich wieder abtrocknet. Wir sahen nur die niedrige Seite, die war aber schon beeindruckend genug.

Auf schlechter Straße hoppelten wir steil hinab nach Mala Skala, über den Fluss Isera und gleich wieder hoch an der Burgruine Vranov vorbei, immer weiter hoch. Die Suche Skaly erhoben sich immer mehr über der Landschaft und wurden ihrer Bezeichnung "tschechische Dolomiten" gerecht. War das schon wieder heiß! Oben hatten wir 40km weg, machten eine Pause im Schatten und sahen die nächste Burgruine, Frydstejn, aus nächster Nähe mit interessanten Steiganlagen. Zeit müsste man haben ...

Eine Rosine nach der anderen

Über eine wellige Hochfläche mit Weitblicken auf die Burgen Trosky und Bezdez (der Bezdez ist ein 600m hoher, steiler Doppelgipfel in einer 200m hohen Ebene) sowie auf den Jested mit seinem markanten, trichterförmigen silbernen Turm darauf fitzten wir uns durch nach "Sychrov". Ich fand den Ort erst nicht auf der Karte, aber vermutlich, weil er zu fett gedruckt war: Das war ein großes, restauriertes Schloss mit einem riesigen Park, in dem gerade ein mittelalterliches Fest stattfand - man merkte es am Autoverkehr und den parkenden Fahrzeugen. Das Schloss war eine Überraschung, ich hatte noch nie davon zuvor gehört. Unbedingt sehenswert. Zeit müsste man haben ...

Ich ergatterte zwei sehr schmackhafte Stückchen Kuchen, nur Peter wollte der junge Verkäufer nicht bedienen. Vielleicht weniger "wollte", sondern eher ein Mangel an Durchblick? An Peters Stelle hätte ich nicht gebockt, denn bei unserer Tour war der Kuchen wichtiger als ein Platz auf dem Podest für moralische Sieger.

Im folgenden Mohylka-Tal hätte man massenhaft Kalenderbilder zum Thema "Frühjahr" schießen können. Leider war die Straße wirklich schlecht, sie erforderte die ganze Aufmerksamkeit. Etwas zügiger musste man bei solch ruppigem Belag schon fahren.

Das nächste Tal nach Cesky Dub wartete mit einer guten Straße auf, dafür begannen diverse Wellen. Cesky Dub müsste man auch mal näher inspizieren ... weiter, weiter, der Tag wird noch sehr lang, und Tschechien schafft man sowieso nie ganz ...

Der Kamm des Jested schickte seine ersten Ausläufer herüber, man spürte es deutlich an der Steigung. Wir kamen dem Berg von Süden ziemlich nah, bis auf etwa 5km, und hatten prächtige Blicke auf den Turm, der grell und silbern in der Sonne blitzte. Vor allem von Westen beeindruckt der Turm: Er ist gewissermaßen der logische Abschluss des spitzen Berges.- Endlich "oben"; in einer langen Abfahrt ging es hinein ins Land der Vulkankegel. In dieser Ecke findet man die steilsten und in größter Dichte, das hatte ich bereits früher einmal von der Fahrt um's Dreiländereck gesehen. Der Ralsko (700m), unser nächster Orientierungspunkt, war bereits zeitig zu sehen. In Hamr ein großer Badesee mit Sandstrand, Vulkankegeln dahinter und einem Riesenbetrieb - ich dachte, das gäbe es in diesem Ausmaß nur in Doksy am Bezdez.

Im Land der Kegel

Ab Straz pod Ralskom wurde es etwas trüber und gewittriger. Eine sehr eigenartige, ringförmige Wolke bildete sich über dem Kegel und verschwand nach kurzer Zeit wieder. Überhaupt sah der Himmel seltsam aus.

Es wurde mal etwas langweiliger, und dann verfuhren wir uns. Ich merkte 7km zu spät, dass wir in Jablonne herausgekommen waren. Also zurück nach Brniste, richtigen Abzweig nehmen - und richtige Berge. Wir fuhren auf einen fetten Vulkankegel genau zu (Ortel, 553m), der Himmel war ziemlich schwarz. Ob wir noch nass werden? Schwül und warm genug war es ja.

In Sloup, wo eine Burganlage in einen Sandsteinfelsen hineingetrieben wurde (wir sahen sie nicht, sondern bogen vorher ab) nahmen wir erst einmal ein Imbiss. Peter aß eine große Semmel mit einem Riesensteak darauf, ich begnügte mich mit einem Müsliriegel. Dafür hatte ich ja schon zwei Stück Kuchen intus :-)

Unmassen von Touristen liefen herum, offenbar auch viele Kinder aus Ferienlagern. Das klärte sich teilweise - bei der Weiterfahrt kamen wir am nächsten großen Badesee vorbei, mit Vulkankegel dahinter.

Der zweite und letzte "echte Berg"

Dank Radwegeschilder fiel die eigentlich schwierige Orientierung in Novy Bor leicht. Wir umfuhren das Zentrum und fanden schnell den Abzweig nach Polevsko. Das würde der letzte für mich unbekannte Abschnitt des Tages werden. Es blieb schwül und dunkel, der Anstieg zum Ort hoch war recht endlos und gar nicht flach. Laut Karte würde es noch steiler werden.

Nun ja, es wurde steil. 13-14% zeigte die Libelle an (es könnten etwas mehr gewesen sein, ich habe lange nicht nachjustiert). Das ging richtig hoch! Die folgende Abfahrt führte in steilen Stufen viel länger hinunter ins Tal nach Kytlice, als ich vermutet hatte. Also: In der anderen Richtung, die ich beinahe schon einmal gefahren wäre, wird es auch nicht bequemer.

Das 10km lange Kamenice-Tal von Kytlice nach Ceska Kamenice zählt sowieso zu meinen Lieblingstälern, Peter gefiel es ebenso. Ich war es aber noch nie abwärts gefahren und hätte nicht vermutet, dass es soviele Höhenmeter hat ...

Ausklang

Den Rest, nunmehr durch die böhmische Schweiz - Janska, Vsemily, Jetrichovice, Vysoka Lipa, Hrensko -, kannten wir beide, diese letzten Berge machten uns nicht mehr platt. Schön wie immer war es natürlich; Peter kannte diesen Leckerbissen bereits von früheren Touren. Leider mussten wir unsere Stammkneipe in Vysoka Lipa rechts liegen lassen, weil es spät geworden war und ein sehr reichliches Festmahl bei uns zu Hause anstand. Ich bekam trotz meiner übergroßen Schuhe doch wieder Fußschmerzen auf den letzten 15km (vielleicht hatte ich am Berg doch zu sehr gedrückt). Das tat übel weh, aber wir hielten nicht mehr an.

Zum ersten Mal seit dem Hochwasser vor 9 Monaten war ich wieder in Hrensko. Diesen Ort hatte es furchtbar erwischt, er war für eine Woche komplett überschwemmt gewesen. Man sah die Spuren noch deutlich, vor allem fehlten die früher überreichlich vorhandenen fliegenden Händler (und die Grenze in Schmilka war sowieso noch zu). Aber erste Gaststätten und das große Hotel Prag hatten bereits wieder geöffnet, ebenso der unverwüstliche Sportladen von Hudy, und die ersten Vietnamesen mit ihren Verkaufsständen waren zum Glück auch wieder da (denn ich brauchte dringend etwas zu trinken). Es pulsierte allerhand Leben, sicherlich auch den vier freien Tagen geschuldet.

Als wir auf der Fähre waren, fing es an zu regnen. Exaktes Timing. Zusammen mit der Heimfahrt vom Bahnhof machte ich glatt 170.00km voll (inklusive Verhauer nach Jablonne n.podj.), nur 1700Hm kamen zusammen, und mit 23.6km/h Schnitt waren wir etwas schneller als am Vortag. Bei einer Wiederholung entfällt die Zeit für die Orientierung, und vielleicht wird es dann auch nicht so warm. Bei etwas weniger guter Sicht muss man auch nicht so wahnsinnig viel fotografieren :-)

Auf der Fähre hatte jemand schon den seitliche Reißverschluss an Peters Rucksack geöffnet, aber noch nichts herausnehmen können. Hm, erzähle mir einer, nur in Polen und Tschechien wird geklaut ...

Da ich die Monatskarte nicht mit hatte, mussten wir zwei mittels leicht rabattierter Streifenkarten per S-Bahn heimfahren. Das verstehe nun einer: 100km mit Express für 28.50 Euro bis Görlitz, und die deutlich billigeren Tarife des Verkehrsverbundes (wenn man richtig rechnet) ergeben für 50km satte 20 Euro. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Mitnahme von Fahrrädern eine Wissenschaft ist, will man dabei nicht zuviel Geld ausgeben :-(

Tja, das war wohl die Supertour schlechthin. Es ist kaum zu zählen, wieviele verschiedene Landschaften wir in den zwei Tagen durchfuhren und in der Ferne sahen, wieviele sehenswerte Orte, Burgen und Schlösser mitnahmen und sonst an Eindrücken sammelten. Sportlich war sie nicht leicht: Knapp 340km und ca. 4000Hm in zwei Tagen. Fast dasselbe bin ich zwar schon einmal hintereinander gefahren, aber auf viel besseren Straßen und mit dem Vollkomfort eines Supercups (an den ich noch ein Kompott anhing). Das ist kein Vergleich.

Ich überlege mir schon heftig, wann und mit wem ich diese Tour wiederhole ...

Genaue Tourenbeschreibung: Tour Nr.61 im Tourenverzeichnis.

Packliste für Zweitagetour:

Kleidung:

o Radsachen o kurzes+langes Trikot o Funktions-Unterhemd o 1 lange Hose (dick o. dünn) o 2 kurze Hosen o 2 Paar Socken (dick, dünn) o T-Shirt o HAD-Kopftuch o Windstopper lang o Brille

Reparatur, Technik:

o Handy o Luftpumpe o Flickzeug, Werkzeug, Schläuche o Kettenöl o Rücklicht o Höhenmesser o evtl. kleines Fernglas

Kosmetik, Medizin:

o Sonnencreme o Penatencreme o Zahnbürste + Creme, Becher=Trinkflasche o Zahnstocher o Nagelzwicke o kl. Handtuch o kl. Flasche mit Duschgel (halbvoll) o kl. Kamm o Taschentücher o Verbandszeug o Medizin: 2 Aspirin, evtl. Anginetten

Essen:

o einige Brausetabletten o Trinkpulver o kl.Löffel (Plastik) o Trinkflasche o Reserveflasche (1.5l) o Brot für 1.Tag o Müsliriegel u.ä. für 2.Tag

Persönliches:

o Paß/Ausweis o Auslandskrankenversicherung o ec-Karte o Geld (auch Devisen) o Krankenkassenkarte+Impfausweis o (Fotoapparat) o Nähzeug minimal (wenn überhaupt) o Karten/Kopien o Schlüssel o Klopapier o Beutel

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