UFVME: 185km bei -7 Grad

Meine kälteste Langstreckentour: 185km bei -7 Grad

"Klirr'n im Bidon die Eiskristalle,
macht dich die Kälte grausam alle."

Reinhard aus Düsseldorf, 23.12.2000 (danke, Reinhard!)

"Könnte der Mensch immer die Größe der vor ihm stehenden Aufgabe
begreifen, würde er sie meist gar nicht erst angehen."

Frei nach Goethe, um 1800 (danke, Goethe!)

Nie ist es schwerer, lange Unternehmen durchzuziehen als zur Wintersonnenwende (oder wenigstens kurz vor Weihnachten), weil da die Tage am kürzesten sind. Und weil man da am trägsten ist. Im Gebirge hatte eine Übeschreitung vor 22 Jahren nicht geklappt - probieren wir's mal mit Radfahren?

Frage: Kann man am 21.12. noch 200km fahren?
Antwort: Im Prinzip ja, auch wenn's heute nur beinahe klappte.

Und das kam so. Es ist ja einfach, solche verrückten Gedanken zu äußern, das kann jeder. Nur wenn dann plötzlich ein paar Mann rufen "ja, toll, wir machen mit" - da wird's auf einmal ernst, es gibt kein Zurück mehr. Eigentlich sollten wir zu viert sein: Ralph, Alex, Nobbi und ich. Doch Nobbi konnte am 21.12. nicht, und so fuhr sich der Rest am 21.12. bei 3 Grad und ziemlichem Wind warm - bis bei Tempo 30 ein Bauarbeiter mit zwei schweren Eimern voller Ziegelsteine Ralph vor das Rad rannte: Nicht nur die Ziegelsteine waren danach im Eimer, sondern auch Ralphs Rad, seine Hand im Verband, mein Hinterrad eierte, meine rechte Wange war blutig, und Alex schrieb Zeugenbriefe an die Versicherung.

Doch mit gelöster Hinterradbremse konnte ich noch fahren. So kam es, daß Ralph mit einer dicken Hand zu Hause hockte und Alex über Weihnachten sowieso in Bayern - doch Nobbi, der mich beim Dreiländergiro so schön abhängte, der konnte dummerweise. Und weil es bei ihm am 21. nicht ging, dann eben am 23. Schöne Weihnachtstour sozusagen. Das Hauptproblem ist natürlich der kurze Tag, weniger die Temperatur, denn zu Weihnachten kommt bekanntlich IMMER milde Luft. Außer 2000.

Habe ich einen Bammel gehabt. Nobbi auch, wir machten uns gewaltig Gedanken um die Ausrüstung. Wir mußten auf jeden Fall bei Frost los. Geplant war die Spargeltour mit Ausbeulung (211km), meine leichteste 200er (wenigstens bei diesen Bedingungen). Dem UVFME stand nichts mehr im Wege: UVFME = Unternehmen Väterchen Frost, Milleniums Edition.

7.13 Uhr, beim allerersten Morgengrauen (und noch das Grauen einer unruhigen Nacht im Nacken) sowie einem schwummrigen Gefühl im Bauch ziehen wir mit Licht los, den ersten und einzigen echten Berg (insgesamt ca. 4km ansteigend) schön langsam beginnend. Nach 10km erst 20er Schnitt, das ist in Ordnung. Aber kalt ist es, meine Fresse. In Dresden waren es -4 Grad um 6.15, doch hier oben muß es deutlich kälter sein.

Bloß nicht keuchen, immer schön flott und schnell kurbeln. Wir haben oft leichten Rückenwind, doch bei Windstille darf man nicht über 30 fahren, es wird einfach zu kalt. Herrliche Stimmung ringsum, durch den Streß noch verstärkt. Ein romantischer Sonnenaufgang.

Ich bin viel dicker als sonst verpackt, es muß ja den ganzen Tag reichen. Nicht nur auf den Knieen Melkfett, auch das Gesicht dick eingerieben und vor allem das Rotbäckchen, die auffällige Schürfwunde vom Donnerstag. Bis jetzt geht es noch, nur werden abwechselnd Füße und Hände kalt. Oder auch gleichzeitig.

Nach 40km erste Pause. Ich weiß genau, daß ich essen sollte, aber ich bekomme nicht viel herunter. Nobbi auch nicht. Meine Fettverbrennung ist deutlich schlechter als seine, hoffentlich schlittere ich nicht in einen Hungerast. Bei Nobbis Versuch, aus der Trinkflasche zu zutschen, die erste Panne: Der Inhalt ist bereits gefroren. Und das nach 40km! Meingott, wie kalt ist denn das hier. Ich habe viel Zucker in meiner Kraftbrühe und daher so eine Art Softeis in der Flasche. Aber ich habe noch die 1.5-Fantaflasche im Rucksack, und die friert nicht ein :-))

Ich habe dicke über dünne Socken an, MTB-Schuhe, Blasenfolie und dicke Neoprenschuhe drüber - es ist trotzdem kkkallllt. Nobbi hat in weiser Voraussicht für mich Wollsocken Größe 50 gekauft. Die passen über die Schuh. Ein Messerchen habe ich immer mit, schon ist das Loch für die SPD-Platte drin. Was soll ich sagen: Ohne diese Socken hätte es die heutige Tour nicht gegeben. Danke, Nobbi. Welche Freude kleine, aber richtige Geschenke manchmal auslösen können.

Bei der Weiterfahrt werden die Füße wärmer. In der inzwischen aufgegangenen, noch trüben Sonne frieren sogar die Finger ab und zu mal *nicht*. Nach 50km ist die "Zone Ortrand" erreicht (Grenze Sachsen-Brandenburg). Ich spreche mit einem besenschwingenden Mann, der über meine rote Backe erschrickt. Waaas, nach Calau wollen Sie noch??? (Daß wir auch wieder zurück wollen nach Dresden, erzähle ich lieber nicht :-). Und er verrät mir die momentane Temperatur: MINUS 7 GRAD. Au Backe, im wahresten Sinne, obwohl sie gar nicht schmerzt.

Nicht denken, weiterfahren. Lauchhammer, endlich mal 'ne rote Ampel. Das Fahren an sich geht erstaunlich gut, nur die Sch-kälte. Der Schnitt steigt immer noch. Dann 20km herrliche Weiterfahrt nach Finsterwalde, mag ich sehr. Die Sonne kommt, der Wind dafür meist von hinten (nur selten von schräg vorn), es geht - nicht so gut, aber es geht. Die Angst vor der Kälte bleibt. Es möchte nichts passieren. Wir haben 5 Möglichkeiten, in den Zug zu springen, aber zu den Bahnhöfen muß man erst einmal kommen.

In Finsterwalde (km 85) ein geöffneter Bahnhof. Die kalte Vorhalle erscheint uns wohlig warm. Erste schöne Pause. Ich spendiere Nobbi etwas flüssiges Getränk. Er steckt sich seine Flasche ins Trikot. Mache ich auch (ihr Inhalt bleibt dadurch halbflüssig). Essen kann ich immer noch nicht viel, mühselig knabbere ich eine Kakaooblate (obwohl die eigentlich so gut schmeckt!) und ein, zwei Riegel.

Ich stecke die gepolsterten Fingerhandschuh in den Rucksack und hole dicke Fausthandschuhe heraus. Ein Wunder geschieht - für den Rest des Tages schwitzen die Finger öfters!! Zwar kann man mit ihnen vielleicht nicht so schnell bremsen wie mit Fingerhandschuhen, doch allemal besser als mit steifgefrorenen Fingern. Übrigens, um die Spar-Spötter wieder mal zu reizen: Die Fausthandschuhe kosteten nur 7DM - inzwischen ist der tschechische Sportladen aber zum Nachtclub geworden :-(

Nun wird es schön. Sepp(c) kennt die Weltstadt Babben ja auch (es gibt wenige Menschen, die wissen, wo sie liegt :-). Ich erkundige mich nach der Temperatur: Volle Mittagshitze, -3 Grad! Kein Wunder, daß nichts friert und wieder die Finger schwitzen. Übrigens - nirgends Eis auf den Straßen, jedenfalls nicht so, daß es gefährlich werden könnte. Nur deswegen machen wir die Tour bei Frost. Sonst gehe ich da lieber Bergwandern.

Bis Calau rollte es doch recht gut. Nur die kleinste Steigung wirft mich aus dem Rennen. Ich muß eisern bei GA bleiben, ins Keuchen kommen geht einfach nicht, da trete ich sofort kürzer. Ich brauche gar keinen Pulsmesser heute (habe sowieso keinen :-), ich merke von ganz allein, was nicht mehr geht. Knapp 110km sind geschafft, der Schnitt ist inzwischen auf satte 26.7 gewachsen. Das wird nicht mehr lange so bleiben, denn auch schwacher Wind von vorn ist bei dieser Temperatur scheußlich. Außerdem verbraucht man wegen der Kälte unsäglich viele Kalorien. Dadurch würde die 200er heute - wenn sie denn wird - schwerer als eine flache 300er.

Die folgenden Kilometer werden schwer. Ich brenne mich doch langsam aus. Und vier Gummis drücken auf den Bauch (kurze und lange Radhose, warme HH-Unterhose, leider mit straffem Gummi, winddichte Regenhose), das tut nicht gut. Manchmal muß ich anhalten und "umschieben". Jeder hat so seine Probleme. Nach 120km die nächste Pause - es geht, aber im Sommer geht es wahrhaft besser ...

Obwohl ich bei km 130 einen Durchhänger habe (Nobbi gibt mir immer öfter Windschatten, während ich eher auf den ersten 100km flott war), freue ich mich über einen Zwischenstand: Endlich bin ich dieses Jahr die Erdachse gefahren, und zwar vom Nordpol zum Südpol - das sind 12713.7km. Die 13000 werden garantiert nicht und sind auch keine besondere Zahl, aber die Erdachse - das ist doch was. Nun sollte noch der Äquatordurchmesser der Erde werden, 12756.5km ... Übrigens, genau gleichzeitig mit dem "Erdachsenziel" wird mein Rad 30000km alt. So ein Zufall - auf 100m genau! Gut gemacht, mein liebes Rad. Fährt und macht keinen Ärger, so soll es sein.

Eigentlich wäre bei km 160 die nächste Pause fällig. Nobbi macht aber den vernünftigen Vorschlag, lieber beim "berühmten" (aus meinen Stories :-) Theo's Bistro einzukehren und sich ordentlich aufzuwärmen, ca. bei km 170 bis 175, 40km vor dem Ziel. Sehr gut.

Bei km 155 breche ich ein. Mit Heißhunger verschlinge ich stehend die besseren Hanutasubstitute. Oh, der Hungerast läßt grüßen, die Symptome sind auch danach. War nicht zu vermeiden - mehr konnte ich nicht essen, wärmer anziehen war nicht drin, und ich bin schön defensiv gefahren (flott mußte es trotzdem sein). OK, wenn ich mich fange - immer noch über 26 Schnitt, wir liegen gut! Und es geht längst schon in Richtung Heimat.

Aber die Heimat ist noch so weit. Leichte Anstiege (2-3%) komme ich bei Wind nur noch mit 20-22km/h hoch. Manchmal geht es, manchmal nicht. Der Zucker aus dem Getränk wirkt in Schüben, nur der hilft noch. Aber das Getränk wird gerade alle. Vorwärts zu Theo.

km 175: Endlich, Theo's Bistro, ich krieche ja schon. VERDAMMT: ZU. Erst ab 18.00 auf. Und es ist 15.30, noch 40km bis nach Hause, jetzt kommen die Berge (heute jedenfalls sind es Berge). Nein, das wäre Wahnsinn. Zwar habe ich einen dicken Batteriesatz für die Lampe mit, aber ich schaffe es nicht. Auch Nobbi will nicht, denn er hat keinen dicken Batteriesatz. Vernünftigste Variante: Weiterfahren bis Königsbrück, auf den lieben Gott und die Deutsche Bundesbahn setzen (ersteres klappt öfter). Obendrein setzt plötzlich Verkehr ein; wilde Raser donnern mit dunklen Heckscheiben und Sportauspüffen mit 100 Sachen durch die Gegend. Jaja, es wird Samstag abend. Nichts wie weg hier.

Am Bahnhof haben wir 182km und noch 25.1 Schnitt, geht doch. Ich friere nicht, mir ist bloß elend :-) - aber nicht so schlimm wie früher manchmal. Inzwischen hat der Frost wieder mächtig angezogen. Die Weiterfahrt wäre wirklich unvernünftig gewesen (d.h., *noch* unvernünftiger als unser Unternehmen UVFME!).

Vorletztes Wunder des Tages: Die DB ist pünktlich, auf die Minute. Vor dem Haus sind es 185km (ich fahre schnell noch 350m, um diese runde Zahl zu errreichen :-). Meine Frau muß ein Zieleinlauffoto schießen. Leider sind dank der Zugfahrt die langen Eiszapfen am Bart abgefallen. Das sah schön aus, anders als beim Wandern. Die Leute guckten immer so ... Rotbäckchen ist ein wenig geplatzt, aber es tut nicht weh, meine Frau macht mich erst darauf aufmerksam.

Und das Hauptwunder: Mein rechtes Bein wurde ja am Donnerstag geprellt. Ich rieb es zweimal mit Sixtus-Sport-Aktiv-Öl ein (das ich sonst zur Regeneration nehme, also kein Startöl), wegen der besseren Durchblutung. Das und/oder die Ruhe half. Radfahren ging, nur konnte ich das Knie nicht ganz krumm machen, da stach es oben im Muskel. Aber schon im Zug konnte ich das Bein wieder richtig krümmen, ich kam in Dresden sogar problemlos die Treppen herunter!

Als Therapie gewiss nicht zu empfehlen, weil einfach zu riskant. Aber erstaunlich, nicht wahr?

Es war ein echtes Abenteuer. Bei echten Abenteuern hat man zumindest *etwas* Angst, die hatte ich heute durchaus. Es durfte nichts passieren. Wer weiß, ob wir die Tour angegangen wären, hätten wir die Temperatur in Ortrand schon früh gewußt. Und man leidet bei echten Abenteuern. Auch das haben wir ausgiebig getan. Und man denkt hinterher immer wieder daran zurück. Das tue ich gerade; ich muß mir die Geschichte sozusagen von der Seele schreiben. Und es macht süchtig. Na, hoffentlich erst nächsten Winter, die Herausforderung steht ja noch ...

Ich hoffe, nicht zu sehr gelangweilt zu haben; im warmen Sessel liest sich so etwas bekanntlich mit angenehmeren Gefühlen als auf dem kalten Fahrradsattel (deswegen lese ich z.B. gern Geschichten von 8000ern :-).

Übrigens, wir sind zusammen 95 Jahre alt, mal 185km macht 17575 Jahreskilometer - oder nicht? ;-)

Wünsche also nochmals gesammelt allen ein Frohes Fest und Guten Rutsch, aber nur auf dem Stuhl ...

Ciao

Zwinki