salsagerd: Der Son (ab ca. 1910) ist die tänzerische und musikalische Grundlage der heutigen Salsa
Un viaje directo al «cora-son» de la Salsa
El Son Cubano
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Aus Salsa Sabrosa Nr. 8 / Nov. 97
Der folgende Text ist eine gekürzte Fassung eines Heftchens von Erich Fischer vom
Salsa-Club Bern.
(hier kopiert mit seiner freunlichen Genehmigung)
Der kubanische Nationaldichter Nicolas Guilien hat geschrieben: «Der Son spiegelt die kubanische Seele wider, er ist musica mulata Mulattenmusik, die Verschmelzung von Afrika und Europa in Kuba.» Fast die gesamte kubanische Kultur bezieht sich auf spanisches und afrikanisches Erbe. Die spanischen Bauern und die von Afrika herangeschifften Sklaven brachten auch ihre Musik mit nach Kuba. Die weisse Bevölkerung besang das Landleben mit sogenannten Guajiras und Puntos. Dabei handelt es sich um mit Gitarre begleitete und in spanisch gesungene Lieder. Zum Punto wird im Gegensatz zur Guajira nicht getanzt. Der Punto stellt eher eine Form musikalischer Poesie dar. Demgegenüber war die Musiktradition der aus Afrika stammenden schwarzen Bevölkerung stark von perkussiven Elementen mit religiösem Charakter geprägt. Lange waren somit Musik und Tanz in Kuba eine Frage der Rassenzugehörigkeit. So war zum Beispiel bei den Afro-Kubanerlnnen die Rumba äusserst populär; auf der anderen Seite bewegte sich die «herrschaftliche» weisse Bevölkerung mit Vorliebe eher dezent zum Danzon, einem Salontanz, der aus der französischen Contredance hervorgegangen war.
In den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts begannen sich im Osten Kubas, dem Oriente, die spanische Gesangstradition, die Saiteninstrumente und die Melodien der Guajira und des Punto mit den synkopierten Rhythmen afrikanischer Trommeln zu verbinden und als Resultat davon entstand der Son. Diese «Verschmelzung» fand allerdings nicht plötzlich, sondern in hindernisreichen Etappen statt. Die weisse aristokratische Oberschicht lehnte den von den einfachen Bauern und Arbeitern gespielten Son entschieden ab. Er wurde als obszön, sittenlos oder als zu ausgelassen betitelt und war deswegen anfangs sogar verboten. Noch l917 meldete eine Zeitung im Osten Kubas: «Die Polizei nahm eine Gruppe von Frauen fest, die auf skandalöse Weise den Son tanzte.» Ein Jahr später war der Vormarsch dieser Musik aber nicht mehr zu bremsen, und die Diskriminierung des Son fand ein Ende. Dieses Kind afrikanischer und spanischer Eltern sollte sich später als die herausragende Kraft in der kubanischen Musik und im Tanz und als das vielleicht einflussreichste Element der populären lateinamerikanischen Tanzmusik schlechthin her- ausstellen. Der Durchbruch des Son war sozusagen die erste kubanische Revolution und erst noch völlig unblutig.
Im Laufe der Jahrzehnte wurde der Son in Kuba, aber auch im Ausland, mit vielen anderen musikalischen Stilformen vermischt. Nicht einziges, aber sicherlich das wichtigste Produkt dieser ständigen Durchmischung ist das, was wir heute als Salsa-Musik bezeichnen. Allerdings kann die Grenze zwi- schen dem klassischen Son Cubano und der heutigen Salsa nicht klar gezogen werden, zumal das in den Sechzigerjahren durch Johnny Pacheco in New York kreierte Wort «Salsa» ja selbst keinen klar definierten Musikstil bezeichnet. So werden nicht selten auch die kolumbianische Cumbia und manchmal sogar der dominikanische Merengue zur Salsa-Familie gezählt.
In seiner ursprünglichen Form ist der Son noch am ehesten im Oriente in Kuba zu hören. Dort ist der traditionelle Son auch heute noch lebendig. Davon zeugen auch die zahlreichen neuformierten Gruppen mit ganz jungen Soneros. Allein in Santiago de Cuba gibt es heute um die 40 Gruppen, die sich dem Son und anderen traditionellen Musik- stilen verschrieben haben.
Es waren ursprünglich Strassenmusiker, die für die Verbreitung des Son gesorgt hatten. Als Begleitung waren deshalb leichte, handliche Instrumente gefragt: Die kubanische Gitarre Tres, die kleinen Bongo-Trommeln, die bei uns auch als Rumbakugeln bekannten Maracas, oder der mit Rillen versehene getrocknete Kürbis Güiro und natürlich die Klang- hölzer Claves. Dazu kamen noch Botija und Marimbula. Kurz: Die verschiedensten Instrumente-Kombinationen wurden ausprobiert und man spielte primär mit dem, was man gerade zur Hand hatte. Die ersten Standard-Son-Besetzungen bestan- den aus einem Trio mit Gesang, Tres und zwei Percussionsinstrumenten (Claves plus Maracas oder Güiro) oder einem Quartett, bei dem noch das Bongo dazukam.
Aufgrund der immer grösser werdenden Tanzsäle erwies sich die Trio- beziehungsweise Quarteto-Form bald einmal als zu dürftig. Spanische Gitarre und Kontrabass kamen hinzu und bildeten neu ein Sextett. Durch die Hinzu- nahme einer Trompete wurde diese musikalische Besetzung gegen Ende der Zwanzigerjahre auf ein Septett erweitert. Ende der Dreissigerjahre wurde für den Son eine neue Phase eingeleitet. Dem Septett wurden zwei weitere Sänger, zwei Trompeten, ein Piano und zwei Congas hinzugefügt: Das erste Conjunto war geboren. Bis zu den modernen Salsa-Orchestern mit weiteren Blasinstrumenten, Timbales, Elektro-Bass etc. war es dann nur noch ein kleiner Schritt.
Der Schlüssel zum Verständnis des Son liegt in der Clave. Es handelt sich dabei um eine über das ganze Mu- sikstück hin gleichbleibende rhythmische Grundfigur. Sämtliche anderen Percussionsinstrumente richten sich nach der Clave, und über diese Grundfigur werden passende Harmonien und Melodien gelegt. Die ältesten Sones gehen auf eine afro-hi- spanische Liedform aus dem 18. Jahrhundert zurück, die man Nengon nennt. Beim Nengon handelt es sich um ein äusserst einfaches Gesangsmodell, das eigentlich aus nichts anderem als einem sich immer wiederholenden Refrain bestand, häufig nur durch eine Gitarre begleitet. Diese sehr rudimentäre, aus den Bergen des Oriente stammende Nengon- Form ging durch stetes Variieren und durch Hinzunahme neuer vor allem afrikanischer Instrumente zu-rst in den Changüi und später auch in den Son über.
Aus diesem traditionellen Son entwickelte sich gegen Ende der Dreissigerjahre der Son Montuno. Der Son Montuno hat einen ersten, eher melodieorientierten Teil. Der zweite Teil hat Platz für Improvisationen und Instrumental-Soli, die mit dem nordamerikanischen Jazz auch in Kuba salonfähig wurden. In diesem zweiten Montuno-Teil begann der Bongo-Spieler sein Instrument mit einer Campana, also einer Glocke, zu vertauschen, was den Rhythmus noch mehr vorwärts trieb. Durch diesen musikalischen Aufbau ist bei kubanischen Sones eine Steigerung in der Intensität gegen das Ende des Stückes hin deutlich spürbar. Das gibt einem als Zuhörerln oder Tänzerln das Gefühl, von der Musik mitgerissen zu werden.
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