Die Geschichte des Merengue

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Quelle: "Hildebrand's Urlaubsführer: Dominikanische Republik", S.150-153, 4. Auflage 1995, K+G Verlag www.hildebrands.de

Es ist möglich, daß sich dem Besucher als erster Eindruck ein ungewohnter Rythmus einprägt, sobald er dominikanischen Boden betritt. Sicher ist aber, daß diese Klänge ihn von nun an auf Schritt und Tritt begleiten. Radiosender spielen die Melodien rund um die Uhr und es werden ihm Menschen begegnen, die sich im Takt der Musik, die ihnen aus tragbaren Kassettenrekordern und Deckenlautsprechern in "colmados"   oder Restaurants entgegenschallt, bewegen. In einer Zeit, die den Stempel euro-amerikanischer Pop-Hits trägt, sind die traditionellen Volksweisen noch tief in der Alltagskultur des Landes verankert. Sogar Modediskos unterbrechen immer wieder ihre elektronischen Eruptionen und zollen dem ungezähmten Eigengewächs akustisch ihre Reverenz. Merengue - die expressivste Form kreativer Eigendarstellung der Dominikaner und Ausdruck nationalen Selbstbewußtseins!                                           ==>

Dies harmonische Bild paßt leider nicht zu der Debatte unter Musikhistorikern, die Herkunft des Merengue betreffend. Die hitzig geführte und gelegentlich in beleidigende Attacken mündende Diskussion erinnert an ähnliche Auseinandersetzungen über die Ursprünge des Spanischen Flamenco. Im Falle des Merengue teilt sich das Heer der Sachverständigen in zwei Lager: Die einen vertreten mit Vehemenz die These einer bodenständigen Entwicklung, die anderen verteitigen ebenso wortgewaltig seine externe Entstehung - doch selbst die Angehörigen einer "Schule" sind nicht in allen Punkten derselben Meinung. Einige unter ihnen schreiben dem Nestor der dominikanischen Musik, Juan Batista Alfonseca, die "Vaterschaft" zu, wieder andere postulieren eine Entstehung als spontanen Ausdruck des Sieges gegen die Haitianer nach der Schlacht von Talanquera, und Dritte pochen auf die Ableitung aus Taino-Traditionen, in die später kolonial-spanische und afrikanische Elemente eingeblendet wurden.

Einer volkstümlichen Erklärung zufolge entstand der Merengue während einer Fiesta, auf der ein hochrangiger Gast mit einem Klumpfuß zu tanzen versuchte. Um den Behinderten nicht zu brüskieren, übernahm die ganze Gesellschaft sein steifbeiniges Schlurfen - der Merengue war geboren! Auch unter denen, die glauben, der Tanz sei "importiert", herrscht Unklarheit darüber, ob er direkt aus Afrika kam oder über den Umweg Cuba. Einige halten es sogar für möglich, daß die berüchtigten Piraten von La Tortuga "ihren Fuß" im Spiel hatten, denn - wie wir alle aus Abenteuerfilmen wissen - Seeräuber trugen oft Holzbeine! Auch der Name "Merengue" bleibt geheimnisvoll: Leitet er sich von der bekannten Süßspeise aus Eischnee und Zucker (*) ab                                                   ==>

oder stammt er aus einer afrikanischen Sprache? Gleich, ob man dem Volksmund oder der wissenschaftlichen Variante zustimmt, eines ist gewiss: Um 1850 war der Merengue in der Gegend von Cibao bereits präsent und gewann unter der Landbevölkerung rasch Anhänger. Nicht so in den Salons der Städte. Hier rümpften die Mitglieder der "feinen" Gesellschaft die Nase über den wilden Bauerntanz, augenscheinlich ein Werk des Teufels, das dazu ausersehen schien, der tumba und anderen geheiligten Folkloregöttern den Gar aus zu machen. Erst während der Trujillo-Ära gelang dem geächteten Tanzvergnügen der Einbruch in breitere gesellschaftliche Schichten.

Der listige Tyrann hatte die Bedeutung des Merengue als Propagandamittel erkannt und nutzte ihn als ideologisches "Frachtschiff" zu den entlegensten Winkeln seines kleinen Reiches. Es heißt, das Trujillo selbst zum besessenen Tänzer wude, der für sich das Privileg in Anspruch nahm, anläßlich seiner kostspieligen Bälle als erster das Tanzbein zu schwingen. Auf "Wunsch" des Diktators nahmen Radiosender den Merengue in ihr Programm auf, die Plattenindustrie zog nach, und zu guter Letzt sahen sich Merengue-Fetivals als "Bestandteil des nationalen Kulturerbes" aufgewertet.
Trujillos Regime endete 1961 unrühmlich, der Merengue jedoch, befreit von politischen Fesseln, fand zu seinen Wurzeln zurück, wurde wieder Stimme des Volkes.

Mehr noch, er integrierte neue Musikformen, erweiterte die Instrumentierung und gelangte schließlich auch auf andere Karibikinseln ( wie Puerto Rico) und in die USA. Wenngleich sich der Grad seiner Ausbreitung noch nicht mit dem des Reggae oder der Salsa messen kann, haben trotzdem einige der modernen Interpreten wie Wilfrido Vargas, Juan Luis Guerra y 4-40, Celia Cruz, Willi Colòn, Ray Barreto oder Eddi Palmieri bereits weltweite Erfolge erzielt. Wilfrido Vargas, z.B., wurde mit seiner Komposition "Animation" 1990 für einen "Grammy-Award" nominiert,der für die Pop-Musik etwa die gleiche Bedeutung hat, wie der "Oscar" für den Film. Eine reine Frauenkombo, Las Chicas del Can (oder La Chicán), befanden sich vor kurzem auf Tournee in Europa
[Anm. Gerd: Mitter der 90er].

Musikkenner unterscheiden mehrere Stilrichtungen, z.B. bolemerengue, jalemerengue, juangomero und pambeche. Der Einfachheit reduziert ein dominikanischer Wissenschaftler diese Spielarten auf zwei Grundtypen, den "traditionellen" und den "städtischen" Merengue. Ersterer ankert im bäuerlichen Milieu und wird von Kombos aus drei bis vier Feierabendmusikanten vorgetragen, die landläufig als perico ripiao (auch die Bedeutung dieses Namens wird kontrovers diskutiert) bekannt sind. Die Texte singt man gewöhnlich in Mundart, meist im Dialekt der Gegend um Cibao. Die Instrumentierung ist traditionell: tambora, eine klein Trommel mit Ziegenfellbespannung, die, eingeklemmt zwischen den Knien, linkshändig geschlagen und rechtshändig unter zuhilfenahme eines Schlägels (bolillo) gespielt wird (afrikanischer Ursprung); güirra, eigentlich eine der Taino-Folklore entlehnte Kalebasse mit Kerbschnitt, über den man ein Hölzchen schrappt, heute ein konischer Zinnzylinder; Accordion, in den 70er Jahren des 19.Jh. aus Deutschland importiert (gegenwärtig lokal durch das Saxophon ersetzt).

Perico-ripiao-Kombos spielen oft am Strand auf, sehr zur Freude der Urlauber, oder musizieren, von Hotels angeworben, zur Abendunterhaltung. "Städtischer" Merengue, der auf dem Schallplattenmarkt und in den Nachtclubs dominiert, ist umfangreicher instrumentiert: Zu den bereits genannten Instrumenten gesellen sich Trompete, Posaune, E-Baß und sogar Synthesizer. Diese Variante hat zahlreiche Anregungen verwandter Musikformen (wie Salsa und Reggae) aufgenommen. Darüber hinaus fällt auf, daß mundartliche Gesangsfärbung unterbleibt, und daß es sich bei den Interpreten um ausgebildete Musiker handelt, die Noten lesen und schreiben können. Traditionell setzt sich ein Merenguestück aus drei Suiten zusammen: dem paseo oder Entree, das der Tanzvorbereitung dient, dem merengue, der das Thema des Werkes entwickelt, und dem jaleo, eine Art Crescendo, das als Höhepunkt meist mehrstimmig vorgetragen wird.

Die Merenguetexte erinnern an die afro-amerikanische Blues-Tradition, besonders an die des ländlichen Südens der USA. Natürlich sind der Themenauswahl keine Grenzen gesetzt, doch besingen die Lieder überwiegend Frauen, enttäuschte Liebe, Trinkgelage, prominente Zeitgenossen und historische Heroen oder kommentieren die Alltagswelt, namentlich Armut und politische Mißstände. Typisch für alle Stücke ist der zündende Refrain, den die Sänger ständig wiederholen. Liebeslieder erschrecken prüde Gemüter mit frivolem Hintersinn, sozialer Protest mischt sich mit sardonischem Humor. Ein neuzeitlicher und sehr populärer Merengue erzählt die Geschichte eines armen Schwarzen, der eine attraktive Blondine kennenlernt. Als sie ihn zu sich nach Hause einlädt, gibt er sich der schönsten Hoffnung hin, findet aber dort ihren Ehemann vor, der den so arg Enttäuschten sogleich für sich arbeiten läßt! Einer der Höhepunkte im bunten Merenguetreiben ist das Festival del Merengue, das jedes Jahr in der dritten Juliwoche stattfindet. Tausende Dominikaner und Urlauber drängeln sich dann auf der Av. George Washington

entlang dem Malecón, der Strandpromenade Sto. Domingos, ausgelassen zu den Rhythmen der Kombos tanzend, die auf provisorischen Plattformen das Publikum anheizen. Für die besten Darbietungen verleiht eine Jury Preise. Anmerkung: Irgendwann während Ihres Aufenthaltes wird man zweifellos auch Sie auffordern, die Tanzfläche zu betreten. Die meisten Hotels beschäftigen mit allen Wassern gewaschene Animateure, die es schaffen, auch die Schüchternsten Zeitgenossen aus der Reserve zu locken.Überwinden Sie Ihre Scheu - Merengue ist nähmlich gar nicht so schwer: Rutschen Sie einfach mit dem linken Fuß zur Seite und ziehen Sie dann den rechten nach. Kein Hüpfen und Verrenken, keine komplizierten Schritte! Die Kunst des Merengue besteht in der Koordination möglichst flüssiger Hüftschwünge, was erfahrungsgemäß besser klappt, wenn ein paar Cuba Libres europäische Zurückhaltung gelöst haben. Sind Sie erst einmal soweit fortgeschritten, können Sie Ihren Stil perfektionieren, indem Sie die phantastischen Wirbel beobachten (und nachzuahmen versuchen), zu denen der einheimisch Experte seine(n) Tanzpartner(in) nötigt. ***

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(*)    Dazu erreichte mich folgende Info von Michael Wiese (Dez. 2002): "Über die besagte "Süßspeise aus Eischnee und Zucker" habe ich neulich gehört, dass sie im schweizer Ort "Meiringen" erfunden wurde, und in der Dom. Rep. gemäß dem Herkunftsort "Merengue" genannt wird. Demnach wäre "Merengue" eine abgewandelte Form des Ortsnamens "Meiringen"."

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