Solingen und die Kultur

- oder die Provinz und ihre Träume
 
 
Die Cobra, ein soziokulturelles Kommunikationszentrum oder nur Wunschdenken? Wir wollen in dieser und den nächsten 2 Ausgaben der tacheles darüber berichten, wie alles anfing, welche Ideen für ein Kommunikationszentrum existierten, welche Hürden bis zur Verwirklichung zu nehmen waren und was von den Vorstellungen heute übriggeblieben ist.

Es war einmal... so beginnen alle Märchen und auch dieses Märchen fängt so an. Es begann in der ”Liederkiste” auf der Cronenberger Straße Mitte der 80er Jahre. Hier trafen sich einst Menschen zum – wie der Name schon sagt – musizieren, Tee oder Bierchen trinken, gemütlichen Zusammensitzen wie in vielen anderen Solinger Kneipen auch. Hier trafen sich allerdings einst auch solche, die es sich in den Kopf gesetzt hatten, den Solingern ein attraktives alternatives Kuturangebot in einem soziokulturellen Kommunikationszentrum zu bieten.

Die Vorgeschichte

Die Idee war nicht neu. Bereits 1977 erarbeitete die Werbeagentur ”von Mannstein”, die heute bundesweit die Wahlkampagnen der CDU entwirft, für das Presse- und Werbeamt der Stadt Solingen erste Vorstellungen zur Realisierung eines Kommunikationszentrums, welches den Arbeitstitel ”Schmiede” hatte. Im Februar 78 trafen sich dann erstmalig öffentlich Kulturschaffende und der Kulturdezernent Dieter Siebenborn als Vorsitzender einer Projektgruppe der Verwaltung für dieses Unternehmen zwecks Gedankenaustausch. Damals wurde von seiten der Stadt betont, daß ein großer Bedarf an einem nach allen Seiten offenen Kommunikationszentrum bestehe, ähnlich z.B. der ”Börse” in Wuppertal. Zur Realisierung dieses Projektes wurde daraufhin auf Betreiben verschiedener Bürger ein ”Förderkreis Kommunikationszentrum” gegründet. Der Zweck war, die Begegnung von Menschen aller Berufsgruppen, aller Altersgruppen und sozialen Schichten zu ermöglichen, Kritikfähigkeit, Initiative und kreative Betätigung anzuregen, soziales Verhalten zu fördern und Selbstbestimmung zu erreichen.

Wie stand die Politik zu dieser Idee?

Im politischen Raum herrschte ungewohnte Einigkeit: alle 3 im Rat vertretenen Parteien (CDU, SPD, FDP) erkannten die Notwendigkeit einer Begegnungsstätte. Einzig die Junge Union – im Grundsatz zwar für ein Kommunikationszentrum – äußerte Bedenken gegen eine Selbstverwaltung aus Angst ”vor linken Kräften”. Dabei führte sie das selbstverwaltete Kommunikationszentrum ”KOMM” in Nürnberg als Schreckgespenst  vor. Die JU hatte Angst, daß durch linke Kräfte ”ältere verschreckt und unpolitische Jugendliche nicht mehr angesprochen” würden. Als Lösung schlug sie hier eine engagierte Mitwirkung von vielen Gruppen. Vereinen und Privatpersonen vor, wobei die Stadt durch finanzielle Zuschüsse ein breites Programm ermöglichen müsse.

Der dezentrale Charakter der Stadt Solingen ohne kulturellen, natürlichen Mittelpunkt erschwerte die Suche nach einem geeigneten Gebäude jedoch sehr. Es wurden in der Folgezeit mehrere Standortvorschläge in den verschiedenen Stadtteilen gemacht, doch keiner führte zu dem gewünschten Ergebnis. Im Dezember 1980 stellte daraufhin eine Gruppe von Vereinsmitgliedern einen Vereinsauflösungsantrag, da sie in den Bestrebungen zur Einrichtung eines Kommunikationszentrums in Solingen keine Zukunftsperspektive mehr sah. Hinzu kam ein Vorfall in der ”Börse”, die bislang als Vorzeigeobjekt fungiert hatte. Dort war im Sommer 1981 die Situation eskaliert, als eine Veranstaltung der ”Autonomen” unter Druck der Parteien nicht genehmigt worden war und es nachfolgend zu einer Besetzung derselben kam. In der Solinger Presse wurde daraufhin die Idee für ein Kulturzentrum kräftig verrissen. Im Dezember 1982 löst sich der Trägerverein Kultur- und Kommunikationszentrum auf.

Der Verein ”Die Provinz lebt! e.V.” wird gegründet

Trotz Auflösung des Vereins gingen die Bestrebungen zur Einrichtung eines Kommunikationszentrums weiter. Neu belebt wurde die Diskussion 1984 mit dem Vorschlag eines neuen Standortes: dem leerstehenden Kino ”Roxy” gegenüber dem Stadttheater. Dies führt uns wieder zum Anfang unserer Geschichte: der Gründung des Vereins ”Die Provinz lebt! e.V.” im Februar 1985 in der Liederkiste.

Die Situation hatte sich in Solingen zu dieser Zeit grundlegend geändert. Zwar hatten viele der neuen Mitglieder bereits bei den früheren Bestrebungen mitgewirkt und entsprechend einschlägige Erfahrung, doch der politische Wind hatte sich gedreht. Die vormals bestehende Einigkeit der 3 Ratsparteien existierte aufgrund der Finanzmisere nicht mehr. Solingen hatte es inzwischen zu einen traurigen Rekord gebracht: 1986 war Solingen die meistverschuldete Kommune unter den 23 kreisfreien Städten in NRW. In den 5 Jahren zwischen 1979 und 1984, in denen der Schuldenberg um satte 41,5% gewachsen war, hatten CDU und FDP in Solingen das Sagen. Damals war viel Geld in die Wirtschaftsförderung und in rentierliche Objekte, wie Kanalbau als Grundlage für weitere Stadtentwicklung und Straßenbau gesteckt worden.

Trotzdem ließ der Verein nicht von seinem Vorhaben ab, den Traum von einem Kommunikationszentrum zu verwirklichen. Zu den ca. 50 Gründungsmitgliedern gehörten Kabarettisten, politische Gruppierungen, kulturfördernde Vereine, Film- u. Theatergruppen und Einzelpersonen. Bei der Gründung wurde ein umfangreiches Arbeitsfeld abgesteckt: Schaffung einer soziokulturellen Begegnungsstätte und eines Kulturbüros zur organisatorischen und materiellen Unterstützung von Kulturschaffenden. Außerdem sollte die stadtteilbezogene Kultur gefördert und reaktiviert werden. Das Roxy-Projekt mußte jedoch begraben werden, weil der Besitzer eine schnelle Entscheidung forderte, die in so kurzer Frist nicht möglich war.

Das ehemalige Stadtwerkegebäude auf der Gasstraße

Bereits kurz nach der Gründung des neuen Vereins ergab sich eine neue Standortmöglichkeit. Die Verwaltung beabsichtigte das auf der Gasstraße befindliche ehemalige Stadtwerkegebäude abzureißen, doch nach Besichtigung dieses Gebäudes durch Vertreter von SPD, Grünen und dem Verein zeigte sich das Gebäude in unerwartet gutem Zustand und für die Nutzung als Kommunikationszentrum geradezu ideal. Mit Volldampf stürzten sich die Aktiven des Vereins in die Arbeit. Zweierlei mußte auf die Beine gestellt werden: 1. ein Nutzungskonzept für das Gebäude auf der Gasstraße und 2. ein vielfältiges kulturelles Angebot, um in der Öffentlichkeit für den Verein und dessen Ziele zu werben.

Das erste größere Kulturspektakel fand bereits 4 Monate nach der Gründung auf dem Beckmann-Brauerei-Gelände an der Schützenstraße statt, an dem mehr als 20 Gruppen, Initiativen und Künstler, von Theater u. Kabarett über Rock, Folk, Kurz- und Experimentalfilmen bis zu Infoständen ein breit gefächertes Programm auf die Beine stellten. Wie so oft in Solingen, blieb der ”Normalbürger”, dem die Arbeit der Gruppen nahegebracht werden sollte, dieser Veranstaltung allerdings weitgehend fern.

Davon nicht abgeschreckt stellten ehrenamtlich arbeitende Mitglieder in der Folgezeit ca. 50 Veranstaltungen pro Jahr auf die Beine plus Angebote in Zusammenarbeit mit VHS und Initiative Rockprojekt, wobei für jeden Geschmack etwas dabei war. Das bevorzugte Ziel war hierbei, ”nicht etablierte” Kultur anzubieten.

Bereits im Juli stellte der Verein sein Nutzungskonzept für das Gebäude Gasstraße vor. Gruppen wie der Verein Solinger Künstler, Filmwerkstatt der VHS, Funzel/Drogenberatung anonym, etliche Rockgruppen, Arbeitslosenwerkstatt der AWO, die ”Falken”, Theater-, Kabarett- u. Pantomimengruppen und etliche Künstler meldeten Bedarf an. So sah das Nutzungskonzept neben einem Veranstaltungssaal, Cafés, einer Filmwerkstatt, Ateliers, Gruppenräume, Fotolabor, Kino, Proberäume, Fahrradwerkstatt, Druckerei, Lager und Galerie auch Gästezimmer, einer Wohnung für ZDLs und eine Hausmeisterwohnung vor. Ein großer Teil der Renovierungsarbeiten sollte durch Eigenleistung erbracht werden. Weiterhin konnte mit 80% Landesmitteln aus dem Topf ”Förderung für Bürgerhäuser” gerechnet werden. Der Verein erarbeitete in der Folge einen detaillierten Kostenplan, doch das Projekt starb 1987 nach schier endloser Diskussion mit den Ratsparteien trotz Vorstellung einer abgespeckten Version an den Folgekosten.

Der Traum war erst einmal ausgeträumt, doch im Märchen wird immer alles gut.... Wie’s weiterging erfahrt ihr in der nächsten Ausgabe der tacheles.

Andrea
 
 

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