Hotel Diegel und Pina Bausch
 

Ab und zu wollen die aus aller Welt angereisten Fans des Tanztheaters von Pina Bausch das Geburtshaus der wohl zur Zeit berühmtesten Solingerin besichtigen. Beim nächsten Mal könnten sie an der Focher Straße Nummer zehn stehen und auf ein großes Loch schauen. Zu Recht könnte dann die Bemerkung ”what a fucking town” fallen. Denn eine Stadt, die nicht in der Lage ist, das  Geburtshaus von Pina Bausch zu bewahren,  hat  nichts besseres verdient.  Da wird es dann auch nichts nützen, wenn gewisse Politiker voller Stolz darauf hinweisen, daß sie statt dessen für eine optimale Autobahnanbindung dieser Stadt gesorgt hätten.

Dem Hotel Diegel droht inzwischen der Abriss. Hätte die an Alzheimer erkrankte Inhaberin nicht schlichtweg vergessen, ihre Nutzungsgenehmigung als Hotel zu verlängern, könnten die dort lebenden ”Stammgäste” immer noch unbehelligt wohnen. Und Herbert Diegel, der Sohn, könnte mit den Mieten die Kosten für die Pflege seiner Mutter weiter bezahlen. Erst als einige aus dem Haus beim Sozialamt Mietbeihilfen beantragten, nahm das Unglück seinen Lauf. Vorhandene Mietverträge wollte die dort zuständige Abteilungsleiterin nicht mehr akzeptieren. Sie verlangte, in solchen Fällen höchst ungewöhnlich, die Einschaltung der Bauaufsicht, um zu klären, ob eine Nutzungsordnung vorliegt. Der Brandschutz wurde tätig, stellte erhebliche Brandschutzmängel und das Fehlen einer Nutzungsordnung fest.

Am 20.12.1999 forderte die Stadt eine Räumung des Hauses bis Heiligabend. Aufgrund von Protesten wurde diese Frist bis zum 29.02.2000 verlängert. Heute wohnt noch immer die Hälfte der BewohnerInnen dort, und die Stadt besteht auf weitere Zwangsmaßnahmen.

Die tacheles berichtete darüber und die Grünen erreichten im Sozialausschuss die Bildung einer speziellen informellen Arbeitsgruppe zu diesem Problem. Arbeiter einer Solinger Firma, spezialisiert auf Brandschutzmaßnahmen, hatten die tacheles gelesen und sich bereit erklärt, unter Verzicht auf Lohnkosten, die notwendigen Brandschutzmaßnahmen im Hotel durchzuführen. Die Materialkosten dazu wurden auf zirka 30.000 DM geschätzt. Der Betreuer der Eigentümerin des Hotels bemühte sich allerdings vergeblich bei den ortsansässigen Banken und den Sozialhilfeträgern ein Darlehen zu bekommen, um die Materialkosten und ein gefordertes Gutachten finanzieren zu können  Er hat inzwischen der Stadt mitgeteilt, daß er das Haus kurzfristig verkaufen müsse, um die Pflegekosten (Stufe 3) für Frau Diegel zu erwirtschaften. Im Rahmen der Verkaufsverhandlungen werde er auch mit Frau Bausch Kontakt aufnehmen, teilte er dem Beigeordneten Rhode mit, der seinerseits überprüfen lässt, ob denkmalrechtlich die Möglichkeit besteht, das Haus als Kulturdenkmal auszuweisen.

Schnelles Handeln jedoch wäre angebracht, denn ein normaler Käufer wird vor allem am Grundstück finanzielles Interesse haben. Das Haus an sich hat für ihn wenig wert, zumal Denkmalschutzauflagen entstehen könnten und der Umbau des ehemaligen Hotels zu einem rentierenden Mietshaus hohe Kosten verursachen würde. Die Städte Solingen und Wuppertal sollten gemeinsam mit dem Pina Bausch-Tanztheater eine Stiftung bilden, um das Haus zu retten. Dass nach einer entsprechenden Brandschutzsanierung die alten Stammgäste dort, wo jahrelang kostenlose Sozialarbeit geleistet wurde, wieder wohnen können, passte zum sozialkritischen Anliegen des Tanztheaters der Pina Bausch. Später könnte man zum Beispiel, nach und nach, die alte Kneipe, wie zu Pina Bauschs Kinder- und Jugendzeit in Solingen, versuchen wieder einzurichten.

Frank Knoche
 
 

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