Ins Gras beißen für den Naturschutz

Heidepflege mit Schafen in Solingen, Hilden und Langenfeld

Am Westrand des Bergischen Landes breiteten sich bis etwa zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts großflächige Heide- und Moorwaldgebiete aus (Bergische Heideterrasse). Die letzten Relikte dieser Heideflächen finden sich heute noch in den drei Naturschutzgebieten Further Moor (Langenfeld), Hildener Heide (Hilden) und Ohligser Heide (Solingen). Die offenen Heidegebiete entstanden hierbei in den vergangenen Jahrhunderten durch Holzeinschlag und anschließende Entnahme des Oberbodens. Diesen Vorgang nannte man Plaggen oder auch Plaggenhieb. Die so gewonnene Bodenstreu aus Humusbestandteilen und holzigen Kräutern benutzte man als Einstreu für Viehställe. Angereichert mit Mist und Dung der Tiere wurde diese Einstreu dann andernorts als Dünger auf Ackerflächen gebracht. Auf den durch das Plaggen freigelegten Heideböden keimten vor allem Heidekräuter wie Besenheide, Glockenheide, der fleischfressende Sonnentau und viele andere Pflanzen. Diese kargen Flächen wurden nun mit Schafherden beweidet und dienten während der Heideblüte im August der Imkerei. Es entstand eine stark genutzte, aber auch überaus vielfältige und dynamische Kulturlandschaft, die vielen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum bot. Für die Ohligser Heide ist sogar das historische Vorkommen von Birkhühnern, einer heute in ganz Nordrhein-Westfalen ausgestorbenen Vogelart, dokumentiert.

Gegen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurde die klassische Form der Heidebewirtschaftung immer seltener. Die Erfindung des Mineraldüngers und verbesserte Ackerbaumethoden erlaubten es zunehmend, auf das Plaggen zu verzichten. Außerdem ließ die Konkurrenz aus Australien und Neuseeland sowie das zunehmende Angebot von Baumwollkleidung die Schafwollpreise drastisch fallen und das Wirtschaften mit Schafherden wurde immer unrentabler. Infolgedessen verbuschten viele Heideflächen und man begann diese Gebiete unter den Gesichtspunkten Forstwirtschaft und Freizeitnutzung zu betrachten. In der Folge wurden viele feuchte Heideflächen künstlich entwässert und anschließend mit exotischen und standortfremden Baumarten wie amerikanischer Roteiche, Lärche oder Hybrid-Pappeln aufgeforstet. Nur wenige der Heideflächen überdauerten diese Zeit.

Die Renaturierung der Heideflächen

Moorschnuckenherde der Bio-Station Zwillbrock

In den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurde zunehmend der Wert der wenigen noch verbliebenen Heidegebiete erkannt und man bemühte sich um deren Schutz. Heideflächen wurden durch den Einsatz vieler ehrenamtlicher Helfer der Solinger Naturschutzverbände und nicht zuletzt auf Drängen von Max Hölting entbuscht und wieder freigestellt. In der Ohligser Heide wurden stellenweise auch die Jahrzehnte zuvor angepflanzten Baumexoten zugunsten neuer Heideflächen wieder entfernt. Aufgrund der extremen Standortverhältnisse waren auch aus forstwirtschaftlicher Sicht hier kaum noch Erträge zu erzielen. Auf den so regenerierten Heideflächen stellte sich bald wieder die heidetypische Fauna und Flora ein, denn die Samen der Heidepflanzen überdauerten die Zeit unter der Streuschicht des Bodens. Grundlage für weitere Renaturierungsmaßnahmen im Naturschutzgebiet Ohligser Heide war dann ein Pflege- und Entwicklungsplan aus den achtziger Jahren. Ende der neunziger Jahre erstellte dann die Biologische Station Mittlere Wupper im Auftrag der Stadt Solingen die Erfolgskontrolle und erste Fortschreibung dieses Pflege- und Entwicklungsplans. Hierbei stellte sich klar heraus, dass die durchgeführten Maßnahmen zum Erhalt und zur Verbreitung seltener Arten und Biotope entscheidend beigetragen haben. Einige Arten wie z.B. der Baumfalke konnten sogar wieder in das Gebiet zurückkehren. Da die offenen Heideflächen nun aber brach lagen, stellten sich schon bald natürlich aufkommende Gehölze auf den Heideflächen ein. Diese wurden durch Einsatz von Arbeitskräften und Geräten wieder entfernt. Der zunehmenden Vergrasung der Heideflächen und der vorzeitigen Überalterung der Heidekrautbestände konnte durch Maschinen hingegen fast überhaupt nicht begegnet werden. Die manuelle Pflege der Heideflächen war also bislang sehr aufwendig und entsprach nicht optimal den naturschutzfachlichen Vorstellungen.

Kreisübergreifende Allianz zur Heidepflege

Man begab sich auf die Suche nach alternativen Lösungsansätzen. Dabei lag es nahe, die Heidegebiete wieder über die historisch bewährte Nutzung, also die Beweidung mit Schafherden zu pflegen. Jedoch war das Naturschutzgebiet Ohligser Heide für sich gesehen zu klein, um es mit einer Schafherde zu beweiden. Da sich aber in den unmittelbar benachbarten Naturschutzgebieten Hildener Heide und Further Moor eine ähnliche Problematik einstellte, ergab sich die Zusammenarbeit des Kreises Mettmann und der dort ansässigen Biologischen Station Urdenbacher Kämpe mit der kreisfreien Stadt Solingen und der Biologischen Station Mittlere Wupper. Durch diese kreisübergreifende Allianz betragen die beweidbaren Heideflächen nun ca. 30 Hektar, was für einen Schäfer durchaus eine rentable Größenordnung darstellt. Aufbauend auf eine von den beiden Biologischen Stationen betreute landespflegerische Diplomarbeit, in der naturschutzfachliche, schafhalterische und finanzielle Grundsatzfragen des beabsichtigten Schafbeweidungsprojektes geklärt werden konnten, kam es anschließend zur konkreten Umsetzung des Projektes. Die kreisübergreifende Zusammenarbeit der jeweiligen Verwaltungen und Biologischen Stationen gestaltete sich hierbei sehr positiv. In diesem Frühjahr wird nun eine über 300-köpfige Hüteschafherde zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder die Heideflächen unserer Region beweiden und pflegen. Die Herde wird dabei jeweils im Zeitraum Mai/Juni und August/September für etwa zwei bis drei Wochen in den jeweiligen Naturschutzgebieten verweilen. Da es sich um eine Hüteschafherde handelt, wird in der restlichen Zeit des Jahres die Herde in andere Gebiete abgezogen. Bewacht und geleitet wird die Herde von einem Schäfer und seinen Hütehunden.

Schaf ist nicht Schaf

Als für die Pflege der regionalen Heidegebiete geeignetste Schafrasse stellte sich die Moorschnucke oder Weiße Hornlose Heidschnucke heraus. Moderne Fleischschafrassen sind hierfür ungeeignet. Die Moorschnucke ist eine alte und mittlerweile selten gewordene Haustierrasse. Sie ist äußerst genügsam und verträgt gut die feuchten Bodenverhältnisse. Die Erfahrungen aus anderen Schafbeweidungsprojekten haben gezeigt, dass insbesondere extensive Landschafrassen wie die Moorschnucke entscheidend zur Heidepflege beitragen. Sie verbeißen überständiges Altgras und somit erlangen typische Heidekräuter gegenüber diesen einen Konkurrenzvorteil. Außerdem verbeißen Schafe die Spitzentriebe der Besenheide und tragen somit zu deren dichteren Wuchs und Verjüngung bei. Durch den sanften, als Trippelwalze bezeichneten Tritt der Schafsklauen können zudem lichtbedürftige Rohbodenkeimer wie Wollgras, Sonnentau, Glockenheide und viele andere Arten sich verbreiten. Damit wird auch die Grundlage für viele offenlandbewohnende Tierarten wie Eidechsen und seltene Heuschrecken geschaffen. Zusätzlich zu den über 300 Moorschnucken werden noch etwa 20 Ziegen die Herde ergänzen, da sie junge Gehölze in den offenen Heideflächen besser zurückdrängen. Die angesprochene Genügsamkeit der Moorschnucke hat jedoch einen Haken. Gegenüber modernen Fleischschafrassen braucht sie etwa doppelt so lange um halb soviel Fleischmasse zu produzieren. Über den Wollverkauf ist heute ohnehin kein Gewinn mehr zu erwirtschaften. Teilweise wird Schafwolle sogar in Müllverbrennungsanlagen entsorgt. Deshalb bekommt der Schäfer über landwirtschaftliche Förderprogramme und EU-Mittel einen finanziellen Ausgleich für seine Arbeit als Landschaftspfleger.

Alles in allem ermöglicht die Beweidung der Heideflächen den langfristigen Erhalt der offenen Heideflächen, fördert deren Artenvielfalt, spart Kosten und ganz nebenbei wird noch schmackhaftes Lammfleisch produziert. Der Besucher der Heidegebiete erhält zudem die Möglichkeit historische Landnutzungsformen und seltene Haustierrassen hautnah zu erleben.

Ralf Badtke

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